Medikamentenversand in der Schweiz (Jetzt)

Nun – eigentlich ist es klar und hat sich auch mit dem neuen Virus nicht geändert: Das Heilmittelgesetz trägt dem Umstand Rechnung, dass Medikamente halt keine normalen Konsumgüter wie Essen, Kleidung, Elektronik etc. sind, sondern etwas, das direkt Auswirkungen (positive und negative) auf die Gesundheit haben kann. Deshalb ist der Versand von Medikamenten grundsätzlich verboten:

Art. 27 Versandhandel

1 Der Versandhandel mit Arzneimitteln ist grundsätzlich untersagt.

2 Eine Bewilligung wird nur erteilt, wenn:

a.    für das betreffende Arzneimittel eine ärztliche Verschreibung vorliegt;

b.   keine Sicherheitsanforderungen entgegenstehen;

c.   die sachgemässe Beratung sichergestellt ist;

d. eine ausreichende ärztliche Überwachung der Wirkung sichergestellt ist.

Nur wenige Apotheken haben eine Ausnahmebewilligung und verschicken Medikamente – und auch diese dürfen nur Medikamente gegen Rezept verschicken. Ja, auch OTC-Medikamente wie normaler Nasenspray etc. brauchen ein richtiges Rezept! Das ist die Absicherung, dass vor der Einnahme oder Anwendung die Beschwerden professionell abgeklärt wurden und eine persönliche (direkte) Fachberatung stattgefunden hat. Dazu genügt es auch nicht, wenn der Patient einen Onlinefragebogen ausfüllt, auf den dann (vielleicht) ein Arzt rasch einen Blick wirft.

Die Zur Rose ist die grösste Versandapotheke in der Schweiz – und hat das mit dem Online-Fragebogen gemacht – die Praxis wurde 2015 vom Bundesgericht verboten. Ebenso verboten wurde das Zuweisen der Rezepte durch Ärzte an die Zur Rose (für die sie Provision bekommen haben) vor allem, wenn sie nicht in einem Kanton sind, in dem Selbstdispensation (Verkauf der Medikamente durch den Arzt) erlaubt ist. Der Patient hat ausdrücklich ein Recht auf ein Rezept und die freie Wahl, wo er das einlöst.

Der Versandhandel von Medikamenten ist vielleicht noch praktisch bei Patienten, die weit weg wohnen von Arzt und Apotheke, aber : Gerade bei akuten Beschwerden wie Durchfall, Kopfschmerzen, Schnupfen oder Husten ist so ein Versandhandel nicht sinnvoll – in dem Fall braucht es nämlich sofort (oder möglichst gleich) eine Lösung und der Patient kann nicht tagelang auf den Briefträger warten … die im Moment sowieso ziemlich überbelastet sind.

Die aktuelle Situation ist dann auch der Grund, weshalb ich diesen Blogpost schreibe. Momentan ist allgemein „Social Distancing“ angesagt (Abstand halten, Leute!) und gerade die ältere Generation soll dadurch geschützt werden. Die brauchen aber weiterhin ihre Medikamente, sowohl die chronischen als auch für akute Beschwerden – weshalb wir, wie ganz viele Apotheken auch, den Hauslieferdienst massiv aufgestockt haben und aktiv propagieren. Das wird dann direkt gebracht – und möglichst kontaktlos überreicht. Die Patienten kennen wir dazu schon, es sind meist Stammkunden. Abklärungen erfolgen telefonisch, bei Unsicherheit verweisen wir an den Hausarzt, der jetzt auch viel „Telemedizin“ betreibt. Rezepte kommen optimalerweise per Fax (ja, immer noch) oder per email direkt vom Arzt zu uns. Nein, Rezepte ohne Originalunterschrift vom Arzt gelten auch jetzt noch nicht als Rezept, da gab es keine Ausnahmebewilligung.

Auch der Versand von OTC-Medikamenten ohne Rezept ist weiterhin verboten – das gilt für alle, für die Zur Rose Versandapotheke, die Corona sei Dank da Aufwind spürt genau so wie für die Apotheken vor Ort, die das aus Kundenfreundlichkeit vielleicht in Betracht ziehen. TUT DAS NICHT! Ich weiss, ihr bekommt auch Anfragen. Wenn die Person nicht schon Patient bei Euch ist und das Medikament auf Rezept schon hatte (und ihr abklären konntet, dass das noch so gebraucht wird), dann ist eine Lieferung per Post verboten! Ausgenommen sind eben nur Nachlieferungen von chronischen Medikamenten an Stammkunden, die jetzt irgendwo fern einer Apotheke festhängen, ansonsten sollte besser an den Hauslieferdienst einer Apotheke in der Nähe verwiesen werden.

Bild von pharmasuisse

Interview mit Pharmama

Pharmapro, die Seite für Stellensuchende und Informationen für Apotheken in der Schweiz, hat mir im Zuge ihrer Interviews mit Apothekern der Schweiz ein paar Fragen gestellt:

Xavier Gruffat (Pharmapro GmbH) – Ich habe den Eindruck, dass Sie etwas weniger oft bloggen als noch vor ein paar Jahren, aber vielleicht mit längeren und interessanteren Artikeln. Sehe ich das richtig?
Pharmama – Es stimmt, ich blogge nicht mehr so häufig – eigentlich müsste ich den Slogan „zu lesen einmal täglich ändern“? Das hat verschiedene Gründe: manches würde sich wiederholen – und ich bin kein Fan von Repetition. Es gibt immer noch viel bloggenswertes Material, das die Patienten liefern und die Umstände im Gesundheitssystem ändern sich laufend. Das tatsächlich so rasch, dass ich denke, dass viele Patienten das nicht wissen – und selbst bei den Apothekern einige Mühe haben, da aktuell zu bleiben. Das gibt dann gelegentlich grössere Postings mit Themen, die vielleicht nicht alle so spannend finden, wie die Patientenbegegnungen, die aber dennoch wichtig sind. Daneben gibt es für mich persönlich auch andere Prioritäten – unser Junior ist inzwischen in der Sekundarschule. Meine eigene Eltern werden älter. Wenn ich nicht in der Apotheke arbeite, will ich zu Hause mehr Zeit mit der Familie verbringen. Dann bleibt auch weniger Zeit zu bloggen.

Anfang 2020 ist es Zeit für eine kleine Bilanz. Wir sind gerade in ein neues Jahrzehnt eingetreten, was ist Ihnen in den Schweizer Apotheken während der 2010er Jahre besonders aufgefallen, vielleicht im Vergleich zu den 2000er Jahren?
In kurz gesagt sehe ich die Änderungen in den letzten Jahren hier: Generika, Sparmassnahmen des BAG und der Krankenkassen an der Apotheke, Lieferschwierigkeiten und wahnsinnig teure Medikamente. Das Generikum-Thema hat sich einerseits mehr etabliert: jetzt weiss auch die Öffentlichkeit, dass es das gibt und was das ist. Dafür wird aktuell mehr auf die Preise der Medikamente geschaut als auf alles andere. Dabei sind nicht mal mehr die „normalen“ Medikamente die Preistreiber im Gesundheitswesen, das sind die neuen sehr, sehr teuren Medikamente auf dem Markt, die es vor 20 Jahren so nicht gegeben hat. Leider wird das alles in einen Topf geworfen. Dementsprechend scheinen sich alle Sparbemühungen nur auf die Medikamente und die Apotheke zu beziehen – in einem Grade, dass wir jetzt schon merken, dass es sich wegen der Preissenkungen für manche Firma nicht mehr lohnt ihre Medikamente auf den kleinen Schweizer Markt zu liefern. Dazu kommt die Zentralisierung der Wirkstoffherstellung auf wenige Orte in Asien, wo das billiger ist. Das hat sich jetzt schon als problematisch herausgestellt. Werden Qualitätsprobleme festgestellt oder gibt es dort ein Feuer, Erdbeben, Überschwemmung oder der aktuelle Coronavirus-Ausbruch spürt man die Auswirkungen bald weltweit und auch bei uns in der Schweiz.

Und wenn wir die Überlegung der vorhergehenden Frage fortsetzen, was erwarten Sie in diesem Jahrzehnt (2020 bis 2029) für die Schweizer Apotheken?
Es ist ziemlich absehbar wegen oben angetönter Änderungen, dass wir unsere Arbeit vom Preis der Medikamente unabhängig machen müssen. Wir müssen uns ändern – weg vom Medikamentendispenser hin zum wahren Dienstleister im Gesundheitssystem. Wir sind dabei uns zu ändern. Das Problem wird sein, dass unsere Arbeit, die korrekte Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten und Dienstleistungen um die Gesundheit auch so abgegolten wird, dass die Apotheke auch weiter existieren kann.

Ich habe den Eindruck, dass sich der Schweizer Apothekenmarkt im Jahr 2020 stark verändern wird, insbesondere durch den druckvollen Einstieg der Migros in den Apothekensektor (mit den Medbase Apotheken – ehemals Topwell – und den Zur Rose Shop-in-Shop Apotheken und zur Rose Online-Shop der Migros), wie stehen Sie dazu? Was können unabhängige Apotheken unternehmen?
Ich denke auch, dass hier ein Zusammenschluss wichtig ist. Einzelkämpfer werden es sehr schwierig haben in Zukunft. Und wer auch noch „stehengeblieben“ ist, keine Weiterbildungen gemacht hat und die nötigen neuen Qualifikationen (Kompetenzen) nicht erworben hat, wird untergehen. Das dauert vielleicht noch ein paar Jahre, aber das kommt. Die pharmaSuisse hat das erkannt und unterstützt inzwischen auch die Gruppen und Ketten ziemlich aktiv. Wer nicht in eine Kette will, kann sich einer Gruppe anschliessen. Vorteile: Gemeinsam einkaufen, Konditionen aushandeln, gemeinsam Werbung machen, gemeinsam Weiterbildungen besuchen und Hilfe bei der Umsetzung der QMS und anderer Gesetzesvorschriften, die immer komplizierter und aufwändiger werden. Nur so kann man gegen so Molochen wie die Migros oder auch die Galenica bestehen.

In einem Interview, das Sie der Pharmapro 2014 gegeben haben, fragte ich Sie nach dem Interesse oder den positiven Aspekten des Apothekerberufs, Sie sprachen mit mir über seine Vielseitigkeit, teilen Sie diese Sichtweise noch?
Es ist immer noch so. Unser Beruf ist sehr vielfältig. Tatsächlich würde ich behaupten, er wird es noch mehr. Das neue HMG bedeutet nicht nur, dass wir mehr dürfen – wir müssen auch mehr. Mehr Ausbildung und mehr Anwendung desselben. Impfen, Anamnese, Spezialisierung auf ein Thema wie Kinder, Haut, Asthma, Diabetes … Wer auf dem Stand von 2000 bleibt, wird aussterben. Wer 2030 noch Apotheker ist, wird ein bisschen ein Multitalent sein müssen. Ich mag das ja – es bedeutet auch, dass ich andere bisherige Aufgaben aber abgeben muss (oder darf). Die Krankenkassenabrechnungen mache ich schon länger nicht mehr selber.

Im Jahr 2014 erwähnten Sie auch Ihren Wunsch, dass der Apotheker direkt in der Apotheke Impfungen vornehmen könnte. Es scheint, dass dieser Traum Wirklichkeit geworden ist. Glauben Sie immer noch, dass die Impfung etwas Positives war und ist? Ist sie auch kosteneffektiv?
Ja, der Traum ist zum grossen Teil wahr geworden – allerdings noch mit viel Potential zum Ausbau. In meinem Kanton darf ich gegen 4 Krankheiten impfen, aber es gibt immer noch Kantone, in denen das gar nicht erlaubt ist oder nur gegen Rezept. Die Dienstleistung Impfen kommt bei der Bevölkerung gut an – selbst wenn es zur Hauptsache noch selbst bezahlt werden muss vom Patient. Es ist gut für unser Ansehen, zeigt, was wir (noch) können, ist wirksame Gesundheitsvorsorge und eine Hilfe im Gesundheitssystem. Sehr profitabel ist es nicht. Für die Zukunft gäbe es weitere Impfungen, für die es sinnvoll wäre, sie ins Repertoire der Apotheken aufzunehmen. Und eine Einbindung in Notfallszenarien im Falle einer Pandemie.

Manchmal besuche ich als Vertreter von Pharmapro Sàrl medizinische Kongresse (z.B. Quadrimed in Crans-Montana/VS) und diskutiere kurz mit Ärzten. Einige von ihnen sind eher kritisch eingestellt. Sie finden, dass Apotheker nicht „als Ärzte agieren“ sollten, weil sie die Anatomie nicht studiert haben oder in der Physiologie oder Pathologie nicht so weit fortgeschritten sind. Wir können zum Beispiel das Thema der Impfung nehmen. Was meinen Sie dazu?
Ich denke, dass auch unter den Ärzten viele nicht gut informiert sind, wie der Zustand heute ist und wohin die Entwicklung geht. Die alten Apotheker haben wirklich nicht für die neuen Dienstleistungen, die kommen studiert. Aber die jetzigen Pharmazie-Studenten haben diese Ausbildung im Studium integriert (die OSCEE Prüfungen zeigen das) und die Apotheker, die diese Dienstleistungen und Spezialisierungen anwenden wollen, die bilden sich in den Bereichen weiter (oder haben es schon). Bestes Beispiel Impfen. „Unsere“ Ausbildung dazu hat sogar einen Preis gewonnen – und ist besser als das, was die Ärzte während ihrem Studium dazu haben. Abgesehen davon, dass das Impfen  in vielen Praxen (auch dem Tropeninstitut) an die MPA oder „nicht-Medizinisches Personal“ delegiert wird.

Was das Konkurrenzieren der Apotheker mit den Ärzten angeht: haben denn die Ärzte für die Abgabe der Medikamente studiert? Ich rede hier von der Selbstdispensation, aber auch von den Fehlern, die ich täglich bezüglich Dosierung, Anwendung und Medikation selber auf den Rezepten sehe. 

In der Schweiz herrscht in den Medien eine Kontroverse über die hohen Kosten neuer Medikamente, zum Beispiel zur Bekämpfung von Krebs oder seltenen Krankheiten. Aber wenn man die Sache unter die Lupe nimmt, umgehen die meisten dieser sehr kostspieligen neuen Medikamente (eine Behandlung bei Novartis z. B. kostet 2 Millionen US-Dollar) die Apotheken, weil sie direkt in Krankenhäusern oder Kliniken verabreicht werden. Sind Sie mit dieser neuen Vorgehensweise einverstanden?
Das ist ein grosses Problem. In den Köpfen der Leute sind die teuren Medikamentenpreise immer noch mit den Apotheke verknüpft, in denen sie die Medikamente bekommen (haben). Dabei ist das schon lange nicht mehr der Fall. „Apothekenpreise“ bei den Medikamenten, das war früher einmal. Und während manche neue Medikamente super-teuer sind (und entweder via Direktvertrieb der Firma oder Abgabe im Spital an der Apotheke vorbeigehen – oder die Apotheke wegen grossem Aufwand dafür sogar Minusmargen haben) gibt es andere Medikamente, die super-günstig sind … so billig tatsächlich, dass sich für die Pharmafirmen die Herstellung und der Vertrieb kaum mehr lohnt. Und an einem Medikament, das unter 5 Franken kostet und auf Rechnung an die Krankenkasse abgegeben wird, verdient auch die Apotheke nix dran. Die Pauschalen von etwa 7 Franken sind da keine ausreichende Vergütung der gesamt drum herum stattgefundenen Arbeit.

Und abschliessend, welches ist Ihr Anliegen für das Jahr 2020, auch bis 2024 – 2014 war es die Impfung – haben Sie einen neuen Wunsch für die Apotheker in der Schweiz, ein neues Berufsziel, für das Sie „kämpfen“ möchten?
Dass die Bevölkerung und auch unsere Regierung mehr sieht und anerkennt, was die (neuen und alten) Leistungen in der Apotheke sind. Dass wir wegkommen von der Verknüpfung in den Köpfen der Leute von den Medikamentenpreisen und dass unsere Arbeit von der Krankenkasse auch finanziell anerkannt und entlöhnt wird.

  • Danke an Xavier für die herausfordernden Fragen!

Palindrom-Tag

Palindrom: ergibt vorwärts- wie rückwärtsgelesen (den gleichen) Sinn. Heute ist so ein Tag – und der nächste wird laaaange auf sich warten lassen.

Ausserdem ist das Datum heute einmal das selbe, egal ob in der amerikanischen oder unseren Schreibweise.

Unnützes Wissen.

Trending

Trended gerade auf Twitter – losgelöst von Dolly Parton (get you a woman who can do all) unter dem Hastag #hamemeable

Klar – meiner ist langweilig, aber schaut euch mal um.

(Nein, ich bin nicht auf Tinder, aber sonst stimmts).

Tollwut Updates

Wir bekommen in der Apotheke regelmässige Updates von Tropimed über Epidemien oder Krankheitsausbrüche in der Welt, damit wir Reisende in die Gebiete besser beraten können. Das sorgt jeweils für interessanten Lesestoff. Aufgefallen ist mir im Januar-Post den Artikel über Tollwut:

Europäische Region: Importierte Tollwutfälle bei Reisenden:

„Im Jahr 2019 wurden 4 Fälle mit Tollwut bei Reisenden gemeldet, von denen 3 Fälle Anfang Dezember 2019 registriert wurden. Alle Erkrankten sind verstorben: 

Norwegen: 1 Import nach Aufenthalt in Südostasien und Biss durch einen Hund (Meldung 3.5.2019) 

Litauen: 1 Fall in der Daugavpils (Meldung 5.12.2019), Grenze Weissrussland/Litauen. Die Patientin hatte sich vor Symptombeginn in Asien aufgehalten. Der gefundene Virus ist dem in Asien zirkulierenden Rabies-Virus genetisch ähnlich. 

Spanien: 1 Import nach Aufenthalt in Marokko (Meldung 11.12.2019) 

Italien: 1 Fall bei einem immunsupprimierten Patienten mit Hundebiss in Sansibar, Meldung 10.12.2019 (siehe News vom 11.12.2019)

Folgen für Reisende: Die Information über Tollwut und das sofortige (!) Verhalten bei Exposition ist für alle Reisenden wichtig! Eine prä-expositionelle Impfung ist bei Aufenthalt in Tollwut-Endemiegebieten insbesondere empfehlenswert für Reisende mit erhöhtem Individualrisiko wie z. B. Reisen mit Zweirädern, mehrtägige Wanderungen mit/oder Aufenthalt in abgelegenen Gebieten, Langzeitaufenthalte, Arbeiten mit Säugetieren, Höhlenforscher, direkter Kontakt mit Fledermäusen etc.). Kinder (bis 8 Jahre) sollten ebenfalls bevorzugt eine präexpositionelle Tollwutimpfung erhalten, da bei ihnen das Risiko einer Tollwutexposition höher und gefährlicher (häufiger im Kopfbereich) ist und von den Eltern unbemerkt sein kann.

Wichtig: Bei einer verdächtigen Exposition muss die betroffene Stelle sofort mit Wasser und alkalischer Seife 15 Min. gewaschen, desinfiziert und schnellstmöglich eine Tollwut-PEP angeschlossen werden. Ein zunehmendes Problem ist die fehlende Verfügbarkeit von Immunglobulinen und teilweise auch Tollwutimpfstoffen in Tollwut-Endemiegebieten, was eine präexpositionelle Tollwutimpfung auch ohne offensichtliche Risikofaktoren rechtfertigt, wie es auch der Fall in Sansibar zeigte (Angriff durch aggressiven tollwütigen Hund in einem Touristengebiet, keine Immunoglobulingabe im Rahmen einer Tollwut-PEP). Ref.: ECDC 12.11.2019, NathNAC 17.12.2019.

Über den Reisenden aus Sansibar steht noch mehr:

Ein 44-jähriger Reiserückkehrer ist in Italien an Tollwut verstorben. Er war am 8. September 2019 am Kiwengwa Beach im Nordosten von Sansibar von einem Hund in den Arm gebissen worden und hatte unmittelbar vor Ort eine postexpositionelle Tollwut-Prophylaxe (Wundbehandlung und aktiver Immunisierung, jedoch ohne Gabe von Tollwut-Immunglobulinen) erhalten. Einen Monat später wurde er mit Tollwut-Symptomen in Italien hospitalisiert. Der Betroffene hatte aufgrund einer Autoimmunerkrankung eine Therapie mit Kortikosteroiden eingenommen, was angeblich bis Symptombeginn unbeachtet blieb. 

Folgen für Reisende:  Tollwut ist in Sansibar endemisch. Dieser tragische Fall zeigt u. a. verschiedene Probleme auf: 

1. Die fehlende Gabe von Immunglobulinen nach Tollwut-Exposition, möglicherweise aufgrund von fehlender Verfügbarkeit vor Ort, welches ein häufiges Problem in vielen bereisten Ländern darstellt und weshalb viele Experten eine präexpositionelle Tollwutimpfung vor Reise empfehlen. 

2. Die fehlende Anamnese bezüglich eventueller Immunsuppression. 

3. Die Möglichkeit einer unzureichenden Wirksamkeit einer aktiven Immunisierung im Rahmen einer Immunsuppression. Unklar ist, ob bei dem Reisenden eine Antikörperkontrolle nach PEP durchgeführt wurde, die nach der 4. Dosis (Tag 21) empfohlen wird.“

Der Fall erinnert mich zu sehr an meinen eigenen – als ich 2018 in Thailand in einem Touristengebiet (Khao Sok Nationalpark) von einem Hund gebissen wurde hat man bei mir auch nur die aktive Immunisierung gemacht. Ich weiss nicht, ob sie dachten, dass das schon reicht (Biss am Bein, nicht übermässig verdächtiger Hund) oder ob sie einfach keine passive Immunisierung hatten. Dann ist es ein „Wettrennen“ zwischen dem Immunsystem, das durch die Impfung aktiviert wird und Antikörper bildet und dem durch den Biss in den Körper gelangten Virus. Wenn sich das Virus zum Kopf/Hirn hocharbeiten kann und man anfängt Symptome zu zeigen wie bei dem Fall in Sansibar ist es vorbei. Tollwut ist immer noch zu fast 100% tödlich – sieht man auch an den Fällen oben: „Alle Erkrankten sind verstorben“. Bei dem Herrn in Sansibar kam dazu, dass bei ihm das wegen der Autoimmunerkrankung eingenommene Cortison das Immunsystem unterdrückt hat, wodurch bei ihm nicht (genügend / schnell) die Antikörper gebildet wurden. Sehr beunruhigend (für mich) ist auch das mit der „Antikörperkontrolle nach PEP“ – die wurde nämlich auch bei mir (dann wieder in der Schweiz) nicht durchgeführt und nicht mal erwähnt beim Arztbesuch. Ich vermute, dass mein Arzt das (wie ich auch) einfach nicht gewusst hat, dass man das machen sollte? Jedenfalls – ich habs überstanden. Ich bin froh kein Teil der Statistik oben geworden zu sein. Und jetzt, wo der Tollwut-Impfstoff wieder etwas besser lieferbar ist, sollte ich versuchen meine beiden Männer impfen zu lassen. Vorbeugen ist nämlich immer besser.

Shut the fridge! Wieviel kostet das?

Es wird Jahresende – in der Apotheke (und beim Arzt auch) haben wir unglaublich viel zu tun. Ich nenne es das „Franchisen-Phänomen“. Viele Leute haben die Franchise – den Teil der Gesundheitskosten, den sie selber bezahlen müssen – erreicht und nützen das jetzt noch aus um sich einen leichten Vorrat an ihren Dauermedikamenten anzulegen. Dass das nicht viel bringt (nächstes Jahr erreichen die ihre Franchise ziemlich sicher auch, einfach so etwas später), sehen sie nicht. Ich bekomme oft zu hören, dass sie das jetzt ausnützen, sie zahlen ja monatlich so viel Krankenkassenprämie … und unser Gesundheitssystem ist so teuer und …

Ich denke immer noch, dass viele das „Prinzip“ so einer (obligatorischen) Krankenkasse nicht wirklich verstanden haben. Viele sehen auch nicht, was die denn alles zahlen …. und bis auf einzelne neue, wirklich teure Medikamente und Therapien, ist das Gesundheitssystem in der Schweiz nicht sehr teuer. Die sollten mal schauen, wie das in Ländern ohne obligatorische Krankenkasse und (fast) ohne Einfluss der Politik auf die Preise von Medikamenten und Leistungen aussieht. In den USA zum Beispiel.

Im Film oben konfrontieren sie Englische Passanten mit den Preisen, die man in den USA zahlt: wieviel um im Spital ein Baby zu bekommen? Wieviel für den Transport mit dem Krankenauto? Wieviel für einen Asthma-Inhaler? Wieviel für einen Epi-Pen (Adrenalin bei allergischen Notfällen)?, für Insulin? …

Wisst ihr, was ihr in der Schweiz dafür zahlt? Was die Krankenkasse davon übernimmt?

Macht mich doch immer wieder Dankbar, dass ich hier leben (und arbeiten) darf.