Phytotherapie – die Behandlung von Gesundheitsbeschwerden mit Pflanzen ist aktuell (und dabei still und leise) so unter Beschuss, dass sie zunehmend aus der Apotheke und Drogerie zu verschwinden droht. Dabei geht es vor allem um die Tees, nicht um die Arzneimittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen.
Beispiel gefällig? Vor einiger Zeit habe ich schon über die Problematik der Biologischen Tees und Kräuter geschrieben. Hier: Bio ist zu kompliziert. In kurz: Damit Bio drauf stehen kann (auch nur in den Inhaltslisten von Teemischungen), müssen alle Bio-Produkte getrennt von den anderen Produkten gelagert werden, Bio muss vor dem Kunden und nicht im voraus abgefüllt werden, ausser den Analysenzertifikaten müssen für Bio-Produkte die Belege eines zertifizierten Produktions-, Aufbereitungs-, Vermarktungs-, Lagerhaltungs- oder Einfuhrunternehmens vorgewiesen werden. Ergebnis: Wir füllen keine Bio-Tees mehr ab und bestellen keine Bio-Qualität mehr, da wir das wegen der Regelungen nicht mehr so anschreiben dürfen. Wenn nichts anderes als Bio zu bekommen ist, müssen wir das unter nicht-Bio einbuchen und anschreiben. (Mehraufwand)
Die Eingangskontrollen der Teedrogen hat sich verkompliziert. Schuld daran sind vor allem die Pyrrolizindinalkaloide, ein Stoff, der in vielen Pflanzen vorkommt und von denen einige Vertreter leberschädigend und (in hohen Dosen) auch krebserregend sein können. (Info hier beim BAG) Da diese Stoffe gut wasserlöslich sind und in den Tee beim Brühen übergehen, muss nun in der Apotheke (und Drogerie) sichergestellt werden, dass das nicht in gesundheitsschädlichen Mengen passieren kann. Seit 2024 gibt es also festgelegte Höchstgrenzen, beim Wareneingang müssen wir nun nicht nur feststellen, dass das korrekte Produkt gekommen ist, sondern auch toxikologische Berechnungen anstellen, um herauszufinden, dass das in Teemischungen und „bei üblicher Konsumationsmenge“ nicht überschritten wird. (Echt Mühsam!)
Preiserhöhungen gibt es bei den Teedrogen genau wie bei allem anderen. In den letzten Jahren haben sich die Preise mancher Tees und Kräuter massiv erhöht. Das wirkt sich dann auch direkt auf den Verkaufspreis von durch uns abgefüllter oder gemischter Tees aus. Zu dem fällt mir die Orangenblüte ein. Aurantii amari flos – so der lateinische Name- wird als Arzneimittel für beruhigende Tees eingesetzt und riecht viel besser als zum Beispiel Baldrian. Der Name kommt von Gold (lat. aurum) wegen der goldgelben Farbe, aber wenn man den Preis heute anschaut, könnte man meinen, es kommt davon, dass es mit Gold aufgewogen wird. Auch anderes ist vom Preis her gestiegen, so dass wir heute bei Nachbestellungen von kundenspezifischen Teemischungen vor der Herstellung nachfragen, ob der neue Preis noch in Ordnung ist.
Phytopharma wie Tees und Teemischungen sind Arznei- und Heilmittel. Damit das aber in der Apotheke oder Drogerie als solches angeschrieben werden darf, muss es aus Bestandteilen sein, die nach der Pharmakopöe Helvetica oder der Europäischen Pharmakopö gepruft worden sind. Wir beziehen unsere Teedrogen von Firmen, die die Arzneimittel testen und ein Analysenzertifikat mitschicken, dass sie den Vorgaben der Pharmakopoe entsprechen. Nun hat es die Firma, von denen wir die meisten unserer Teedrogen beziehen offenbar versäumt, ihre Zulassung dafür zu verlängern. Bedeutet: sie können die Teedrogen weiterhin liefern, aber nicht mehr anschreiben, dass sie Arzneimittelqualität haben (obwohl sich bei den Tests etc. nichts geändert hat). Theoretisch müssten wir in der Apotheke jetzt also nachweisen, dass die Tees entsprechen. Der Aufwand ist nicht machbar. Praktisch hat das für die Apotheke das zur Folge: Wir dürfen auf Tees und Teemischungen, die wir mit Tees von der Firma gemacht haben / noch machen keine Anpreisungen machen, die auf ein Arzneimittel hindeuten. Zum Beispiel ein Tee mit Thymian, Malve, Süssholz etc. gegen Husten darf nicht mehr „Hustentee“ genannt werden, da „Husten“ eine medizinische Indikation ist. Ich muss das anschreiben mit einem Phantasienamen wie „Atemwohltee“ oder ähnliches. Fazit: Wir bestellen keine Tees mehr von dort. (Und das ist einer der grössten Lieferanten für Tees in der Schweiz).
Ich bin ein grosser Fan von Phytotherapie. Als Apothekerin stehe ich zwar auf der Seite, dass „natürlich“ nicht immer gleich „gesund“ ist … wer das sagt, hat offenbar keine Ahnung von Giftpflanzen, die sind auch natürlich – und sehr ungesund für uns Menschen. Ausserdem bedeutet „pflanzlich“ nicht „ohne Chemie“. Zitat vom Botaniker: „Pflanzen sind die besten Chemiker!“. Mit ein Grund, weshalb wir heute noch einige pflanzliche Wirkstoffe und Medikamente haben (mit nachgewiesener Wirkung) ist, dass die Pflanzen diese Wirkstoffe (die definitionsgemäss Chemikalien sind) produziert haben – zum Beispiel um sich von Fressfeinden zu schützen, Insekten abzuschrecken, schlecht zu schmecken, Einfluss auf Verhalten und Fortpflanzung zu nehmen, etc.
Aber wenn die Anwendung von Tees so „wegreguliert“ wird in der Apotheke, dass es uns enorm schwierig gemacht wird, das den Vorschriften entsprechend zu lagern, den Wareneingang zu machen, das abzufüllen und korrekt anzuschreiben … ja, das wird weniger werden in Zukunft. Sehr Schade.
In der Umgebung gibt es übrigens eine ehemalige Drogerie, die sich auf Tees und Kräuter spezialisiert hat. Das ist heute keine Drogerie mehr … nach dem, was sie geschrieben haben, auch wegen der zunehmenden Vorschriften. In Schweizer Drogerien müssen ebenfalls rund um die Uhr Fachangestellte arbeiten – also Drogisten und Drogistinnen (und Pharmaassistent*innen und Fachfrau/mann Apotheke) – und um das Drogerie zu behalten, braucht es Drogisten HF (mit Weiterbildungstitel). Als nicht-mehr-Drogerie müssen sie sich nicht mehr an alle Vorschriften halten … allerdings gilt auch da, dass sie die Sachen dann nicht mehr als Arzneitees anpreisen oder verkaufen dürfen. Ich finde das schwierig.





