Nein, Doch!

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Der Moment, wenn ich mir in der Apotheke wie im Kindergarten vorkomme.

Mann: „Ein Vivanza.“ *

Pharmama: „Dafür brauchen Sie ein Rezept.“

Mann: „Nein.“

Pharmama: „Doch.“

Mann: „Nein!“

Pharmama: „Äh – Doch.“

Was soll das?

*Das ist ein Potenzmittel aus derselben Gruppe wie das besser bekannte Viagra. Dass das rezeptpflichtig ist, dürfte inzwischen Allgemeinwissen sein.

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Wie die Zeit vergeht …

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ticktack

Medikamente kann man nicht retournieren in die Apotheke, wenn sie einmal draussen gewesen sind ist auch unsicher, wie sie in der Zwischenzeit aufbewahrt wurden, die kann ich dann häufig nicht mehr weiter brauchen sondern nur noch entsorgen. Bei Kosmetikprodukten sieht es etwas anders aus. Die grossen Firmen mit den wohltönenden Frauennamen nehmen noch Retouren – verlangen aber bei Kundenretouren zum Beispiel wegen Allergie oder derartigem inzwischen ein ganzes A4 Formular mit allen möglichen Angaben zu Kunde und Produkt und Problem, ansonsten bekommt man als Drogerie/Parfümerie/Apotheke auch dafür gar nichts mehr.

Wir sind trotzdem sehr grosszügig, was so Kosmetik- und Körperpflege-Produkte angeht, aber … das hier war dann doch ein bisschen zuviel:

Im späten Abendverkauf kommt einer unserer Stammkunden herein; Herr Tid. Inzwischen bin ich mit Donna alleine, aber da er sowieso meist ein medizinisches Problem hat, respektive mit Rezepten vorbeikommt, nehme ich ihn.

Mit dabei hat er einen grossen Papiersack, den er neben sich auf die Theke stellt und mir folgendes erzählt:

Herr Tid: „Letzten oder vielleicht auch vorletzten Sommer habe ich dies hier gekauft …“

er zieht eine Packung Veet Easyspray aus der Tüte.

„Und die sprühen nicht richtig, sie sind defekt … kann man da irgendetwas machen? Die sind noch ungebraucht, die meisten.“

Pharmama: „Hmm … Mal sehen …“

Letzten oder vorletzten Sommer ist doch etwas her – aber wenn sie defekt sind … vielleicht kann ich schauen an was es liegt (gelegentlich ist die Düse nur verstopft und lässt sich mit warmem Wasser wieder zum sprühen bewegen, oder sonst muss ich bei der Firma anfragen, vielleicht sind die auch nach der Zeit kulant und tauschen das aus, da defekt …

Ich schaue den Spray an und was mir zuerst auffällt ist, dass der deutlich gebraucht wurde: Produktspuren um die Düse.

Pharmama: „Okay, der hier ist ja gebraucht, vielleicht kann ich mit etwas …“

Er zieht mir den Spray aus der Hand, greift in den Sack und zieht 2 ungebrauchte (oberer Teil auch noch eingepackt in Folie) heraus.

Herr Tid: „Die sind noch alle ungebraucht! Ich habe noch mehr im Auto.“

Das stimmt, so wie sie aussehen. Nur … als ich sie umdrehe, fällt mein Blick auf das Verfalldatum. Wir haben Mitte 2017. Der eine Spray ist Ende 2016 abgelaufen, der andere 2015.

Pharmama: „Oh, die haben sie von uns? Die sind beide abgelaufen, da kann es gut sein, dass die nicht mehr so gut sprühen wollen.“

Ich meine … ich will ihm nichts unterstellen, es kann vorkommen, dass wir Produkte mit knappem Verfall auch an Lager haben. Andererseits … irgendwie kommen mir die Sprays nicht sehr bekannt vor.

Ich lese den Strichcode im Warensystem ein.

Es kommt gar nichts.

Seltsam.

Ich tippe es von Hand ein.

Veet Easyirgendwas kommt, aber kein Spray.

Ich suche schrittweise, da ich weiss, das unser System Produkte, die ausser Handel sind aus der direkten Ansicht löscht. Und finde …

Pharmama: „Oh. Ja. Die sind tatsächlich ausser Handel. Sie werden nicht mehr hergestellt seit … 2010.“

Er steht jetzt etwas peinlich berührt da, aber bei mir siegt die Neugier und ich schaue noch, wann die bestellt wurden.

„Und bestellt wurden 10 davon im Sommer 2009.“

Kleine Pause.

„Ja, das ist doch etwas zu lange her. Sie sind abgelaufen und werden auch nicht mehr hergestellt, die tauscht mir auch die Firma sicher nicht mehr um.“

Herr Tid: „Dann kann ich sie nicht zurückgeben?“

Pharmama: „Doch. Ich werfe sie für Sie weg, wenn Sie möchten. Umtauschen geht da leider nicht, auch wenn sie nicht verwendet wurden.“

Er packt seine Sprays wieder ein, verabschiedet sich und geht mit seinem Sack voller abgelaufener, wahrscheinlich nicht mehr funktionierender Haarentfernungssprays.

Donna arbeitet derweil im Kosmetikbereich weiter. Ich gehe zu ihr und frage sie, ob sie das mitbekommen hat. Hat sie gar nicht, also erzähle ich es ihr. Erstaunlicherweise erinnert sie sich: „Das war der eine Sommer, in dem er so viel gekauft hat. Das ist schon 8 Jahre her? Ui.“

Ja, wie die Zeit vergeht…

Alt, Uralt, Vintage?

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Vorausschickend: Alcacyl ist ein ziemlich altes Mittel mit Acetylsalicylsäure in der Schweiz. Dicke Tabletten im Metallröhrchen (immer noch). Eigentlich sind die auch nicht zum schlucken gedacht (zu gross, kleben ziemlich nett im Hals) sondern zum suspendieren in einem Glas Wasser und so einnehmen. Ich denke, das machen auch heute noch viele, die dieses (alte) Mittel nehmen falsch. Aber … darum ging es in dem Gespräch nicht:

Mann in der Apotheke: Er ist ein schon lange pensionierter Arzt, mit dem ich gelegentlich gerne fachsimple. Heute allerdings …

„Ich habe da zuhause noch 2 Röhrchen Alcacyl gefunden, kann ich die noch nehmen? Die von Wander …“

Huh? Ich bin etwas verwirrt. Ich kenne Alcacyl: Die sind von Hänseler.

Er: sieht wohl mein leicht verwirrtes Gesicht und will elaborieren: „ … grüne Packung …“

Das hilft mir jetzt nicht, heute sind die rot-orange. Bis vor 2 Jahren waren sie durchgehend orange …

Er: „… und das Verfalldatum ist 1987.“

Neee – echt jetzt?!

Pharmama: „Ah – haben Sie da schon mal dran gerochen? Die stinken sicher nach Essig.“

Er: „Ja genau – dann denken Sie also auch, ich soll die nicht mehr nehmen?“

Pharmama: „Jaaa – die sind doch etwas alt. Die Acetylsalicylsäure baut sich nämlich zu Essigsäure ab … deshalb der Geruch. Bei denen merkt man es wenigstens.“

Ich habe ihm also abgeraten, aber angedeutet, dass ich die Packungen wirklich gerne für mein Packungsmuseum hätte … und habe sie bekommen!

alcacyle

unten: rot-orange, Packung 2017 / mitte rechts: orange, Packung bis 2015 / mitte links: türkis-orange: Packung bis ca. 2000? / oben: türkis, Packung bis ca 1990`?

Wer das besser weiss, wie die Jahrgänge sind: bitte melden!

Individuelle Dosierung?

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Die Begebenheit kommt noch aus der Zeit, als Marcoumar der Goldstandard – und so ziemlich der einzige Blutverdünner war:

Der Herr ist aus den Ferien in Spanien in der Schweiz und will jetzt und hier von uns Marcoumar ohne Rezept. Er habe den Blutverdünner schon lange und bekomme das dort immer ohne Rezept.

Das zweite kann ich nicht nachprüfen, das erste bis zu einem gewissen Grade schon: er hat eine alte Packung dabei.

Aber so wie er es sagt ist er schon eine ganze Zeitlang nicht mehr beim Arzt gewesen (bei etwas so … nicht ganz ungefährlichem wie Blutverdünner). Auf die Frage wie er das Marcoumar denn dosiert meint er: „Anhand der Erfahrung“

„?“

Nun, wenn er das Gefühl hat, dass er Blutverdünner braucht, dann schlägt er seinen Handrücken an den Tisch und entscheidet dann anhand der Grösse des entstehenden blauen Fleckes, wie hoch er dosiert.

Sprachlos.

Zum Arzt, bitte!

Auf Wieder-sehen

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Ich würde Ihre Reklamation, dass sie jetzt zurückkommen müssen, weil wir das Medikament bestellen müssen und Sie „keine Zeit haben ständig hin und zurück zu laufen“ viel ernster nehmen, wenn ich nicht wüsste, dass Sie gerade mal eine Strasse weiter wohnen und sowieso täglich im Lebensmittelgeschäft nebenan einkaufen gehen. Manchmal sogar mehrmals.

Für den Käse zum Abendessen können Sie also problemlos nochmals einkaufen gehen, aber das Blutdruckmedikament in der Dreimonatspackung ist das nicht wert?

Aber natürlich schicke ich Ihnen extra den Lehrling heute mittag vorbei, das bringen. Mit einem Lächeln.

Sind Sie dann auch zu Hause?

Betrug in der Apotheke

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Dass die Apotheke ein … ich sag jetzt mal sehr hilfsbereiter Ort ist, hat sich leider auch bei Personen herumgesprochen, die das ausnutzen.

In Bern zum Beispiel hat es Fälle gegeben, wo ein Mann in die Apotheke gekommen ist und darum gebeten hat, dass er der Apotheke sofort ein Mail schicken darf und die Apotheke den Mail-Anhang für ihn ausdruckt. Er sei in einer Notlage, er brauche den Ausdruck dringend für einen Termin in der Botschaft.

Hört sich harmlos an, aber genau mit solchen Mailanhängen kommen Viren und Trojaner auf den Computer … und was dann passieren kann, haben diverse Spitäler und andere Institutionen letztens erfahren müssen: deren Systeme wurden verschlüsselt und sie wurden von Betrügern um Geld erpresst, damit sie wieder Zugang auf ihre eigenen Daten haben.

Und noch ein Fall, wirklich so passiert (aber nicht bei uns):

Da wollte die Kundin (ausländischer Herkunft) Kindernahrung kaufen. Bei der Bezahlung hatte sie aber kein Geld dabei, worauf sie jammerte und klagte und bei der anwesenden Kundschaft Mitleid erregte, sodass ihr das Produkt bezahlt wird. Man kann sich das vorstellen: „Mein armes Baby hat Hunger und ich kein Geld …“  Sie verlangt den Kassabon … und kommt (kurz) darauf wieder zurück und will das Produkt gegen Bargeld umtauschen.

Ist doch nett, wenn die Hilfsbereitschaft der Mitmenschen so ausgenützt wird.

Nicht.

 

 

Geschmack(muster)los

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Der Mann fragt mir in der Apotheke Löcher in den Bauch über den Bexin Hustensaft, den er für sich will. Über Anwendung, Wirkung, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen … Und dann fragt er, ob er dran RIECHEN kann.

Äh, nein. Das ist kein Gourmetshop … und wir bekommen von den wenigsten Medikamenten Muster. Ich kann ihnen sagen, nach was es schmeckt, aber ich kann die Packung nicht für Sie öffnen.

Er wollte ihn dann nicht und meinte, er versucht es noch woanders. Wenn es davon schon keine Muster gäbe, macht ihm sicher eine (bessere) Apotheke den Sirup auf, damit er schauen kann, ob er ihm passt.

Und wenn er ihm nicht passt, dann macht die die Flasche wieder zu und probiert es dem nächsten weiterzuverkaufen? Oder verteilt den Hustensirup mit Dextrometorphan in der Erkältungszeit in kleine Shot-Gläser für die trocken hüstelnden Kunden?

Danke gleichfalls?

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Kennt ihr das?

„Nahrungsergänzungsmittel!!!“ befiehlt mir die ältere Kundin mit lauter Stimme, die mich vermuten lässt, dass sie ein Hörproblem hat.

„Für 19 Franken.“ , hängt sie noch an, als sie mich nicht gerade losstürzen sieht, das apportieren.

Weshalb ich noch nicht unterwegs bin liegt daran, dass ich noch nicht genug Infos habe. Nahrungsergänzungsmittel ist ein bisschen ein weiter Begriff.

Ich frage nach Name, Zusammensetzung, eventuell der Firma, die das herstellt? Aber alle Nachfrage ergibt keine nähere Info….

„Das, das ich immer habe, halt! Für 19 Franken!!“

Da sie keine Stammkundin ist kann ich auch nicht auf der Kundenkarte nachschauen, was das eventuell wäre. Ich hab echt alles versucht.

Mit dem Satz „Mit Ihnen ist mir das zu kompliziert“ verlässt sie die Apotheke

Kann ich nur zurückgeben, mit Ihnen auch ….

Die Pflasterverschreibung

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rppflaster

Bild: So sind (Spezial-)Pflaster normalerweise auf Rezept verschrieben. Für die nächste Begegnung – die mir Kristy.infidel von instagram so geschickt hat- muss man sich einfach vorstellen, dass da 15 x 8 cm drauf steht.

Kunde: „Ich will dieses Pflaster umtauschen. Ich wollte eins was 8x15cm gross ist. Sie haben mir eins gegeben, wo 15 x 8 drauf steht.“

Apotheke: „Ehm … Ja. Sie können es auch drehen?“

Kunde: „Nein, das geht nicht. Geben Sie mir ein neues. Zur Not auch 10 x 15. Hauptsache, die 15 steht hinten!“

Hokuspokus aus der Apotheke: die Spezialmischung

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Erzählt mir die Apothekerkollegin von der sehr wirksamen Lösung, die sie für die Freundin eines älteren Mannes gefunden hat. Der hatte ein weitverbreitetes Problem: Wie viele andere im höheren Alter nahm der nämlich zu wenig Flüssigkeit zu sich. Das Durstgefühl geht teils verloren. Die Dehydration (Asutrocknen), die daraus folgt ist nicht ganz ungefährlich. Unter anderem wird „zu wenig trinken“ als Ursache von vielen Änderungen im mentalen Status angenommen, lies: Vergesslichkeit, Aggressivität etc.

Jedenfalls hat sie versucht ihn dazu zu bringen, mehr zu trinken, aber das funktionierte so nicht … bis in der Apotheke dafür eine Medizin fand.

Die Tropfen wurden speziell für sie hergestellt.

Von diesen hochwirksamen Tropfen musste ihr Freund jeweils genau 3 in ein grosses Glas Wasser geben. Sie mussten unbedingt so verdünnt werden. Und das musste unbedingt pro Tag 3 x gemacht werden, damit es ihm half.

Und es half. Seine Stimmungsschwankungen verschwanden und sein Allgemeinzustand besserte sich auch laut eigener Aussage wesentlich.

Was war in den super-hochwirksamen Tropfen? … auch nur Wasser. Als Spezialmischung abgepackt und professionell beschriftet. Aber damit hat er zumindest 3 Gläser Wasser getrunken pro Tag.

Natürlich … das geht in die selbe Richtung, wie der Monster-Spray:

monsterspray

Wenn’s hilft? Wieso nicht. Überzeugung ist dabei mehr als die halbe Wirkung.