Für nicht so helle Lämpchen: Petrol

männlicher Kunde in der Apotheke: „Ich bräuchte gereinigtes Petrol, einen halben Liter.“

Ich schaue, ob wir das haben. Ja. Ich komme mit der grossen Flasche nach vorne.

„Ja, habe ich. Ich muss es nur erst abfüllen.“

„Bevor Sie das machen: wie nehme ich das ein?“

Ich stelle die Flasche weit weg.

Das wäre meine nächste Frage gewesen – ‚Für was brauchen Sie es?’

Petroleum: Als Reinigungsmittel. Für Öl- und Petrollampen und eventuell noch für Feuerspucker. Das Zeug ist giftig und sollte deshalb nicht medizinisch angewendet werden.

Pharmama: „Gar nicht. Das ist nicht zum einnehmen gedacht.“

Mann: „Aber ich habe gelesen, dass das gut sei!“

Pharmama: „Ich kann das Ihnen nicht geben zum einnehmen. Schauen Sie mal, was da drauf steht:“

petrol

H304: Kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein …

P301/ 310: Bei Verschlucken sofort Giftinformationszentrum oder Arzt anrufen!

Mann: „Aber man hat mir das empfohlen. Ich nehme es trotzdem mal und frage halt dort nach, wie – wenn Sie das nicht wissen.“

Pharmama: „Tut mir leid, aber … unter diesen Voraussetzungen kann ich Ihnen das nicht geben.“

Und versorge die Flasche unter Protest des Kunden wieder.

Manche Leute muss man echt vor sich selber schützen.

Ich hab dann im Internet nachgeschaut, woher das kommt und was da so geschrieben wird. Ich find’s ja echt gruselig, was sich die Leute da antun wollen. Ich meine es hört sich dort ja phantastisch an:

Das gereinigte Petroleum ist für alles gut. Es stand jahrzehntelang sogar im Deutschen Arzneimittelbuch DAB. Dann wurde es durch den Unverstand der deutschen Politiker … unter Beihilfe der Deutschen Apothekerkommission als Heilmittel ausgelöscht. Warum? Angeblich wegen nicht erwiesener Wirkung!? Dabei ist doch jedem Menschen völlig klar, daß die Kraft des Göttlichen Atems nicht wissenschaftlich nachweisbar ist. Anstatt sich vertrauensvoll auf die Kraft Gottes zu verlassen, ballern sie die Bevölkerung mit Kortison und Strahlen voll …

Es kann bei allen Krankheiten und Beschwerden angewandt werden: von Asthma bis Zehenjucken usw.. Sogar bei Krebs scheint es viele Heilerfolge gegeben zu haben. Petroleum ist ein Erdölbestandteil. Erdöl ist verdichtetes Pflanzengut. Pflanzengut hat Sonnenlicht aufnehmen müssen, ansonsten es gar keine Pflanze hätte werden können. Das Sonnenlicht wiederum ist ein Ergebnis der Geistigen Sonne aus Gott. Also ist Petroleum ein Kraftspeicher Gottes

Ja – urks. Klassischer Esotherik Schwachsinn mit versprochener Heilwirkung auf so ziemlich alles, kombiniert mit etwas Verschwörungstheorie und diffusen Erklärungen. Häufig wird da noch ein spezielles empfohlen, das auch geruchlos ist und einen spezifischen Siedepunkt haben soll. Leute: ein anderes Wort für Petrol ist Erdöl. Auch destilliert und gereinigt enthält das aromatische Kohlenwasserstoffe wie Benzol, die krebserregend sind.

Im DAB heute steht nichts mehr drin, in einem alten habe ich die Anwendung äusserlich (!) bei chronischen Ekzemen und Frostschäden gefunden. Es verwundert echt nicht, dass das nicht mehr gebraucht wird, auch nicht mehr zur Läusebehandlung: „Auf die Verwendung von Petroleum ist zu verzichten, da zum Teil schwere Nebenwirkungen (Verbrennungen, Irritationen) auftreten können, insbesondere bei Kindern.“

Auch das DAB ist keine Bibel … man muss sich an die aktuelle Version halten, denn … das Wissen ändert sich ständig und das spiegelt sich darin, dass etwas in die Pharmakopöe aufgenommen wird und altes rausfliegt. Das sieht man heute auch bei den fertigen Medikamenten – Neues kommt rein, und bei manchem kommt erst mit der Zeit heraus, dass es nicht so gesund ist oder Nebenwirkungen hat, die man vorher nicht gesehen hat.

Petrol schlucken – und wahrscheinlich noch regelmässig – ist ungesund. Bitte glaubt mir das.

Aber irgendwie häufen sich bei uns die Anfragen für so obsolete Anwendungen. Borax wollte letztens auch wieder jemand.

Sampler: Tierische Apotheke

catcontent

Nicht so häufig wie in spezialisierten Apotheken – aber auch wir haben gelegentlich mit Tieren und vor allem ihren Haltern und den Problemen mit denselben zu tun:

Vom wilden (füg‘ ein Tier ein) gebissen – das waren 3 an einem Tag.

Impfunwillige Halter und Spätfolgen

Manche Leute sollten gar keine Tiere halten.

Tiere haben eigene Ärzteund Versicherungen?

Die Dosierung von Medikamenten ist nicht analog wie beim Mensch

und man sollte auch nicht das Tiermedikament einnehmen

Vom ewig lebenden Hamster

Manche Tiere brauchen es warm. Dringend.

Alles für die Katze oder – es ist ja nur ein Tier.

Mein Hund stinkt – was jetzt?

Für wen war das nochmal?

Von toten Flamingos und unwilligen Patienten

Ich weiss nur … dass ich nicht alles weiss.

Achtung, dieser Blogpost kann Illusionen zerstören (Ich dachte, wenn ich schon mal dabei bin …)

Nein, ich weiss wirklich nicht alles. Man kann nicht alles wissen – selbst in meinem doch schon begrenzten Bereich vom Gesundheitssystem gibt es noch eine Menge, dass ich nicht weiss.

Ich weiss eine ganze Menge, ich habe jahrzehntelange Erfahrung, ich kann noch viel mehr ziemlich schnell herausfinden … und habe das Hintergrundwissen aus der ganzen Information das brauchbare / wichtige / zuverlässige herauszufiltern. Aber – ja, ich weiss nicht alles. Jährlich, nein monatlich kommen neue Medikamente heraus, teils mit noch nie vorher gesehenen Wirkmechanismen – und exotischen Namen. Es gibt Naturheilmittel (oder angebliche) von denen ich noch nie gehört habe. Medikamente haben anderswo andere Bezeichnungen, und es gibt einige, die es in der Schweiz gar nicht hat. Gesetze und Vorschriften ändern sich.

Ich bilde mich weiter – regelmässig in Kursen, indem ich lese und online lerne, im Kontakt mit den Patienten selber und auch durch die Kommentare im Blog.

Online ist das einfach – da erscheint man noch schnell fast allwissend. Das bin ich nicht.

Ich muss noch immer gelegentlich sagen: „Das weiss ich nicht, aber … ich kann es herausfinden.“

Wenn man mich lässt.

Es gibt immer wieder Leute, die sich angewidert (?) abwenden, wenn man seine Unwissenheit gesteht. Wie Ärzte keinen Fehler machen dürfen, sollten Apotheker*innen einfach alles wissen was nur ansatzweise mit dem zu tun hat, was man einnimmt, aufträgt oder anklebt.

Tja, Sorry.

Man macht das ja nicht nur wegen dem Lohn

Was ich immer wieder höre von meinen Mit-Apothekern: Man macht das ja nicht nur wegen dem Lohn.

Mich hat das letzthin einmal interessiert, als eine gut angezogene jüngere Kundin mit mir über die Medikamentenpreise diskutieren musste – speziell die Pauschalen, die sie auf ihre Rezeptpflichtigen Medikamente bezahlen musste. Das wollte sie nicht. Ich habe ihr gesagt, dass ich auf die Pauschalen nicht verzichten kann. Auf mein Argument, dass wir an den rezeptpflichtigen Medikamenten kaum etwas verdienen, die Marge sehr niedrig ist und die Pauschalen für die Arbeit ist, die wir leisten, meinte sie nur:

„Ich habe noch keine Apothekerin gesehen, die zu wenig verdient.“

Arrgh!!!

Ich hab’s dann aufgegeben weiter zu diskutieren, ihr nur etwas eisig gesagt, sie kann es sich aussuchen, ob sie ihre Medikamente will oder nicht.

Nein, ich verdiene nicht „schlecht“ – es reicht um eine Familie zu unterhalten und auch um in die Ferien zu gehen und mit etwas Mühe und Unterstützung reichte es nach 15 Jahren sparen sogar, dass die Bank uns eine Hypothek gibt – Uns, denn mein Lohn allein war dafür tatsächlich noch nicht genug, sie mussten auch noch den von meinem Mann dazunehmen – und dann ging es. Knapp.

Aber ich glaube die Frau hat etwas abwegige Vorstellungen davon, was ein Apotheker so verdient. Apotheken sind keine Goldgruben mehr – tatsächlich kämpfen viele ums Überleben (durchschnittlich jede 3. in Deutschland, jede 4. in der Schweiz) – das spiegelt sich auch in den Mitarbeitern und ihren Löhnen wieder.

Das „Unglück“ ist, dass man für eine Apotheke Apotheker braucht. Und die verdienen mehr als Pharmaassistentinnen, als Drogisten oder als die ungelernte Person, die im Drogeriemarkt oder an der Tankstelle hinter der Kasse sitzt.

Aber im Berufsvergleich sonst (denn es ist immer der Vergleich, der einem wichtig ist) … dafür, dass wir 12 Jahre zur Schule und dann noch 5 Jahre an die Universität gegangen sind … direkte Verantwortung für die Gesundheit und die Daten vieler Menschen tragen … ist es nicht gerade „viel“.

Ich lasse die Zahlen hier mal draussen – als Schweizerin hat man das „über Geld redet man nicht“ tief intus und im Internet gibt es Seiten, wo man nachlesen kann, was die verschiedenen Berufe so verdienen – im Durchschnitt.

Und dann muss man das immer in Relation setzen. Ich verdiene „einiges“ mehr als mein Mann, der Fahrzeuge repariert. Ich verdiene etwa gleich viel wie mein Kollege, der nie studiert hat und IT-Spezialist geworden ist … und auch das nur, weil ich ein bisschen mehr mache als die durchschnittlich angestellte Apothekerin. Als Apotheker verdient man tatsächlich weniger als der durchschnittliche Bauingenieur, Architekt, Buchprüfer und Steuerberater– und wir sind weit unter dem Arzt, Chemiker und Jurist …

Und natürlich, wenn man meinen Lohn mit dem vergleicht, was ein Apotheker in anderen Ländern verdient … nun ja, bei dem Vergleich vergisst man aber oft die Lebenserhaltungskosten dazuzuziehen, die hier (Schweiz) wirklich hoch sind.

Aber es ist, wie ich am Anfang geschrieben habe: Man macht das nicht nur wegen dem Lohn. Man wird Apothekerin, weil man Naturwissenschaften und Medizin mag und ein gewisses Bedürfnis hat, den Menschen zu helfen. Ganz sicher nicht um mittels Medikamenten an der Krankheit von anderen reich zu werden und mit ihnen über die Preise derselben zu diskutieren (die wir bei den rezeptpflichtigen Sachen ja nicht mal selber machen).

Darum, liebe elegante Frau mit den abwegigen Vorstellungen, von dem, was ich an ihnen, respektive ihrem Geld habe: rutsch‘ mir den Buckel runter und geh‘. Da diskutiere ich lieber mit der nächsten Kundin, die schon seit Jahren zu uns kommt über ihr kleines Gesundheitsproblem und suche möglichst günstige Lösungen und Alternative. Da habe ich mehr davon. Persönlich meine ich. Denn ich mache diesen Beruf nicht (nur) wegen dem Geld.