Dialoge aus der Apotheke / 7

apodialog13

Ab morgen wieder. Weshalb bezahlt die Krankenkasse nicht alles?

Apotheke: „Hier sind die 5 Medikamente, die der Arzt Ihnen verschrieben hat. Eines davon übernimmt die Krankenkasse nicht. Das mach 5.50.“

Patient: „5 Franken? Ich habe ein Rezept, das sollte gratis sein!“

Das beruht auf verschiedenen (verbreiteten) Missverständnissen rund um das Gesundheitssystem. Eine Krankenkasse ist eine Versicherung: im Prinzip ist sie dafür da einzuspringen, wenn man krank ist und Behandlung braucht, damit man deswegen nicht in finanzielle Schieflage gerät. Aus … praktikablen Gründen können wir Apotheken Medikamente direkt mit der Krankenkasse abrechnen, aber alles bezahlen sie nicht. Auch nicht, wenn es auf dem Rezept steht. Man sollte das Rezept als „Behandlungs-empfehlungsschreiben“ des Arztes ansehen – und nicht als „Gutschein um Medikamente gratis zu erhalten“.

Polypharmazie: Manchmal ist weniger mehr

Polypharmazie nennt man es, wenn ein Patient eine Vielzahl von Medikamenten gleichzeitig einnehmen muss.
Das tritt v.a bei älteren Patienten auf, die Blutdruckmedikamente nehmen müssen (manchmal mehrere), dann etwas gegen Altersdiabetes, Cholesterinsenker, wahrscheinlich noch ein Schmerzmittel gegen Arthritis oder Rheuma, Blutverdünner … ab 5 Medikamenten wird es extrem unübersichtlich und ein echtes Problem was die Wechselwirkungen und Nebenwirkungen angeht.

Noch schwieriger wird es, wenn der Patient zu verschiedenen Ärzten geht – und noch nebenbei selbst gekaufte Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel einnimmt.

Ganz toll sind auch Austritte aus dem Krankenhaus – es wurde einmal statistisch angeschaut, wie viele Medikamente dann jemand nehmen muss: das sind über 8 pro Person.

Ich würde sagen, da sind Probleme praktisch vorprogrammiert.

Es hilft, wenn der Patient eine Stammapotheke hat, die im Computerdossier seine ganzen Medikamente gespeichert hat, so kann man auch bei einem neuen Arzt oder neuen Medikamenten schauen, ob sie sich gegenseitig vertragen.

Dennoch ist es so, dass es von Zeit zu Zeit Sinn machen kann, beim Hausarzt (oder Allgemeinmediziner), seine ganzen Medikamente durchzuschauen, ob man da nicht auch etwas weniger nehmen kann.
Ohne dem Arzt in das Behandlungsschema reden zu wollen, hier ein paar Fragen, die man stellen kann:

  • Braucht es wirklich 3 Blutdruckmedikamente?
  • Ist der Magenschutz, der seit Jahren verschrieben wird wirklich immer noch nötig?
  • Der Cholesterinsenker, den man seit langem nimmt: wie sind die Cholesterinwerte jetzt? Wie ist das Verhältnis LDL zu HDL? (schlechtes zu gutes Cholesterin: bei einem hohen HDL kann man ev. trotz leicht erhöhtem LDL auf den Cholesterinsenker verzichten).

Ev. Lässt sich auch mit Diät etwas bewirken: heute gibt es Speziallebensmittel, die helfen können den Cholesterinwert zu senken.

Mit regelmässiger Bewegung und eventuell einer Senkung des Körpergewichtes kann man durchaus aktiv etwas dazu beitragen, dass man dann weniger Medikamente nehmen muss. Nicht nur vorbeugend. Wenn sie aufhören mit einem oder beidem – dann helfen auch die ganzen Medikamente nicht ewig.

Manchmal ist weniger mehr. Sei mutig und frag deinen Arzt, was möglich ist. Setze aber nicht von dir aus einfach die Medikamente ab! Das kann ausgesprochen unangenehme und schädliche Effekte haben.

Wenn Du unsicher bist, kann die Apotheke helfen, indem sie einen sogenannten Polymedikationscheck mit dir durchführt (gilt für die Schweiz). Dabei wird angeschaut was für Medikamente und wie sie genommen werden – und auch so Sachen wie oben können diskutiert werden. Das macht nur der Apotheker und der Aufwand kann der Krankenkasse verrechnet werden.

Also: Ist es an der Zeit die Medikamentenliste einmal durchzugehen? Wie wäre es mit jetzt?

Das habe ich nicht gesagt.

Wenn Sie mir eine Frage stellen, aber Ihnen meine Antwort nicht gefällt und Sie einfach weiter auf mich einreden, als ob ich dann irgendwann einfach auf einmal das sagen würde, was Sie hören wollen …

Passiert viel zu häufig.

Und irgendwie immer im Zusammenhang mit Alkohol.

Nein. Wenn ich Ihnen sage, dass Sie das Schlafmittel nicht zusammen mit Alkohol nehmen sollen, dann ist das so. Auch nicht, wenn Sie dann anfangen das umzuformulieren: „Sie sagen also, das geht, auch wenn ich vorher nur etwas getrunken habe?“

Nein! Das sage ich nicht.

Demenz und Gedächtnisprobleme in der Apotheke (Sampler)

Im Alter leider immer häufiger auftretend: Gedächtnisprobleme und Demenz. Tatsächlich hat einer unserer Dozenten einmal gemeint, dass wir eine annähernd 50% „Chance“ hätten im Alter eine Demenzerkrankung zu bekommen. Alzheimer ist nur eine davon. Allen gemeinsam ist ein Verlust der Verstandesfähigkeit, Verschlechterung des Gedächtnisses … und damit zunehmend Probleme im Alltag selbständig zurechtzukommen.

Das sind beunruhigende Aussichten … und wegen der Häufigkeit, mit der das auftritt, haben wir in der Apotheke häufig einen (unschönen) Logenplatz, bei dem wir mitbekommen, wie es bei manchen Patienten und Kunden abwärts geht und wie andere damit zu kämpfen haben.

Die betroffenen Personen selber reagieren sehr unterschiedlich auf diese Entwicklung. Es kann sein, dass das fast unbemerkt von der betroffenen Person fortschreitet, aber wenn man beginnt, das zu bemerken reagieren die Leute (laut eigener Erfahrung) häufig erst mal damit, die „Schuld“ dafür bei der Umgebung zu suchen, weil etwas nicht mehr so ist / oder so geht wie bisher. Während andere durchgehend freundlich bleiben  – selbst bei zunehmender Verwirrung, machen einige Persönlichkeitsveränderungen durch und werde aggressiv gegenüber Umgebung und teils eigenem Partner.

Hier auf dem Blog habe ich schon über so Begegnungen geschrieben. Einmal querbeet:

Es gäbe ja Mittel für das Gedächtnis

Rätselaufgabe in der Apotheke

Geduldsprobe mit Beruhigungsmitteln

Weshalb haben Sie mir das verkauft? – Oder: Das habe ich ja schon zu Hause, das sollten Sie doch wissen!

Aber auch wenn man die Übersicht hat, was bezogen wird, heisst das nicht, dass da nichts falsch zu machen ist.

Schleichend fängt es an. Irgendwann aber wird es für die Umgebung deutlich.

Es geht hier nicht ums Recht-haben. Aber jetzt mache ich mir etwas Sorgen.

Unbeabsichtigte Überdosierung: kann auch dadurch passieren, wenn man vergisst, dass man es schon genommen hat.

Verantwortungsabgabe, nicht ganz freiwillig –Dosette sind eine Möglichkeit der Unterstützung aus der Apotheke.

Habe ich auch alles? Ja. Habe ich wirklich alles. Ja?

Nicht mehr so nett – und alles neue Leute?

Im diesem Fall war die Demenz zumindest teils aktiv selbergemacht: Alkoholismus. Das macht es nicht einfacher, hier Hausverbot zu erteilen.

Was tun? Wenn es jemanden Bekannten trifft.

Das Leben ist manchmal wirklich unfair.

und (am Rande passend): Intelligente Werbung

von Arbeit und Familie

Es ist Samstag abend, 20 Minuten vor 6 Uhr und in die Apotheke kommt ein junger Mann (JuMa), die Hand am iphone und die Kopfhörer fest in den Ohren gestöpselt.

Er reicht mir ein Rezept. 3 Medikamente sind drauf: Schmerzmittel, Antiepileptikum, Beruhigungsmittel. Es ist ein Dauerrezept über 3 Monate. Ich hole die Sachen (wir haben alles da), gebe den Namen des Patienten im Computer ein, wobei ich feststelle, dass das vor mir nicht der Patient ist – der ist älter laut dem Geburtsdatum. Der Patient war aber tatsächlich schon bei uns … das vorvorletzte Mal wegen einem Unfall vor etwa 3 Jahren und die letzten beiden Male hat er die Rezepte bezahlt. Einen Kommentar habe ich auch schon drin … das letzte Mal war er recht unwillig, die Medikamente auch zu nehmen – das fand ich aber noch wichtig, denn Antiepileptika nimmt man nicht zum Vergnügen, sondern wenn es nötig ist, weshalb ich das mit ihm diskutiert – und anschliessend festgehalten habe.

Jedenfalls: Er hat keine Krankenkasse angegeben … und ob das noch die Unfallkasse übernimmt ist alles andere als klar. Deshalb fuchtle ich vor dem Teenager, bis der auf mich aufmerksam wird und sich ausstöpselt.

„Haben Sie mir die aktuelle Krankenkassenkarte dabei?“

JuMa: „Nein, weshalb?“

Pharmama: „Weil ich die brauche, wenn ich das der Krankenkasse verrechnen soll, ansonsten müssen sie es bezahlen.“

JuMa: „Oh, ich soll das nur bringen.“

Pharmama: „Ja, und das können Sie auch – mit Karte oder nachdem es bezahlt wurde.“

Mann: „Ich gehe die Karte holen. Wir wohnen ganz in der Nähe.“

Das stimmt – die Adresse ist nur einen halben Block weiter.

Pharmama: „Beeilen Sie sich, wir schliessen um 6 Uhr – jetzt ist viertel vor.“

JuMa: „Das schaffe ich.“
– Und weg ist er.

Um Zeit zu sparen gebe ich die Medikamente ein, schreibe sie an und lege alles parat.

Inzwischen macht Urs (mit dem ich Abendschicht habe) die Apotheke schliessfertig. Die andere Kasse nach hinten, die Computer runterfahren, Schütten und Aufsteller reinräumen …

Alles, nur meinen Computer und Kasse nicht – die lasse ich drin in Erwartung des Jungen Mannes.

6 Uhr und ich sage Urs, dass er gehen kann – ich warte noch 10 Minuten, dann gehe ich auch, wenn er bis dann nicht hier ist.

Er kommt nicht mehr. Ich hoffe einfach, dass das war, weil er noch Medikamente zu Hause hatte und nicht, weil er es aus irgendeinem Grund nicht mehr geschafft hat.

Als ich endlich die Apotheke verlasse –  habe ich auch genug für heute, nur dass noch nicht ganz fertig ist. Es ist das Ende meiner 10-Stunden-Schicht, in der ich gerade mal eine Mittagspause von 30 Minuten hatte. Die Pause (wie üblich in der Apotheke), unterbrochen von einigen Rezepten, die angeschaut werden mussten. Den ganzen Tag hochkonzentriert arbeiten ist anstrengend genug … und dann hatte ich heute einige Telefonanrufen aus privaten Gründen, was sehr ungewöhnlich ist. Eigentlich war ja alles organisiert. Junior wurde am Morgen von meinem Kuschelbär zum Sport gebracht, dort wurde er eine Stunde später von Oma und Opa abgeholt. Die haben ihn nach dem Mittagessen zum Geburtstagsfest eines Freundes gebracht, wo ihn dann Kuschelbär wieder abholen sollte, wenn er fertig gearbeitet hat.

Das ist eines der Probleme, die man als im Gesundheitssystem arbeitender hat: erstens Samstagsarbeit (gut, das hat mein Mann als Selbständiger auch) und zweitens habe ich auch unter der Woche keine Möglichkeit den Junior vor Arbeitsanfang zum Beispiel ins Tagesheim zu bringen, da die zu spät dafür anfangen. Oder abzuholen, da sie dafür zu früh zumachen. Eines von beiden geht, wenn ich nicht den ganzen Tag arbeite, aber beides ist unmöglich. Wenn er Schule hat, müsste ich ihn auch einiges vorher aus dem Haus schicken, da ich früher anfange zu arbeiten, als er zur Schule muss. Und Samstags hat hier kein Tagesheim offen. Zum Glück habe ich Kuschelbär und liebe Verwandte die helfen.

Heute kam noch dazu, dass ich um 4 Uhr von meinem Kuschelbär einen kurzen aber leicht verzweifelten Anruf bekomme: sein Geschäft wird gerade überschwemmt. Er ist dabei zu retten, was er kann, aber so kommt er natürlich nicht dazu Junior abzuholen. Also organisiere ich neben dem Arbeiten auch noch dass Junior etwas länger beim Geburtstagskind bleiben kann und fahre jetzt nach der Arbeit dort vorbei, um ihn mitzunehmen.

Dabei bekomme ich eine Whatsapp von Urs: Anscheinend hat er den Kunden noch gesehen, wie er gemütlich im Quartier herumlief …

Man weiss ja nie, was hintendran noch alles läuft. Aber: das gilt für beide Seiten.