Ein Apotheker ist nicht Erfüllungsgehilfe des Arztes

ein Apotheker ist „nicht der Erfüllungsgehilfe des Arztes“, der sich auf seine ärztliche Therapiehoheit berufen könne. Arzt und Apotheker bildeten vielmehr eine „Behandlungsgemeinschaft“, woraus sich für den Apotheker eine formale und auch eine inhaltliche Prüfungspflicht ergibt, bevor ein Apotheker ärztlich verordnete Rezepte bedienen darf.

Ja – derartiges habe ich auch schon geschrieben – zuletzt in der Umfrage auf dem Blog, ob man bei einem Rezept mit Unklarheit in der Diagnose den Arzt anrufen und nachfragen sollte.

Obiges Zitat stammt übrigens aus einer aktuellen Urteilsverkündung aus einem deutschen Fall. Im langjährigen Gerichtsfall wurde ein Apotheker angeklagt und jetzt auch verurteilt

Ich finde den Fall etwas unglücklich und sympathisiere mit dem Apotheker, dem selbst das Gericht ein recht mildes Urteil auferlegt hat –

Verurteilt wurde er wegen unerlaubten Handelstreibens durch Abgabe von Betäubungsmitteln, Beihilfe zum unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente ohne Rezept zu drei Jahren Haftstrafe. Er behält aber seine Berufsbewilligung und kann danach weiter arbeiten.

Das hört sich jetzt reichlich übel an, aber man sollte den Hintergrund der Geschichte mit einbeziehen:

Der Apotheker (übrigens in meinem Alter) hat vor etwa 15 Jahren die Apotheke seines Vaters übernommen (das muss dem Fall sehr bald nach dem Studium passiert sein). Im selben Haus ist eine Arztpraxis mit einer Genehmigung für die Substitutionsbehandlung von bis zu 100 Patienten. Der Arzt hat Betäubungsmittelrezepte ausgestellt – und der Apotheker hat sie beliefert. Auch nachdem ihm mit der Zeit auffallen musste, dass da einiges nicht stimmte: die Höchstmengen wurden ohne entsprechende Kennzeichnung überschritten, die vorgeschriebenen Einnahmehinweise für den Sichtbezug gab es nicht. Auf Privatrezepten wurden für Erwachsene (noch vor der Zulassung dafür) grosse Mengen Ritalin verordnet. Die Medikamente wurden direkt in die Praxis geliefert – die neben der Substitutionsbehandlung einen florierenden Schwarzmarkthandel für die Medikamente aufzog.

Während der polizeilichen Vernehmung hat der Apotheker übrigens ausgesagt, mehrfach den Kontakt zum Arzt gesucht zu haben, von diesem jedoch äußerst herrisch abgewiesen worden zu sein.

Offenbar war er dadurch derart eingeschüchtert, dass er dann einfach weiter die Rezepte belieferte – und das macht ihm das Gericht zum Vorwurf: er hätte den Arzt melden müssen … oder zumindest die Abgabe verweigern.

Zum Verhängnis wurde ihm bei dem Gerichtsfall aber noch etwas anderes: eine PTA in der Apotheker, deren Mann offenbar ein bekannter Drogenhändler war, bestellte und lieferte diesem kilogrammweise Lidocain. Die Mitarbeiterin will ihren Chef um Erlaubnis gebeten haben – mit Verweis auf einen angeblichen Schwager, der in Bosnien als Arzt arbeitet. Insgesamt gingen 350 kg Lidocain über den Ladentisch – die dann zum Strecken von Cocain verwendet wurden. Lidocain selber darf eigentlich verkauft werden, aber nicht, wenn das danach zum Herstellen (oder hier Strecken) von Drogen verwendet wird. Die Menge Lidocain ist denn auch den Behörden aufgefallen, die daraufhin die Apotheke überwachte und dem Apotheker wurde schliesslich zum Verhängnis, dass er in Ferienabwesenheit der PTA selber 20kg Lidocain bestellt und verkauft hat – zum Einkaufspreis.

Überhaupt … der Apotheker war alles andere als geschäftstüchtig: während der Arzt (gegen den ein separates Verfahren am laufen ist) einen luxuriösen Lebensstil führte, soll dieser die Medikamente nach vorläufigem Kenntnisstand nie bezahlt haben. Ein sechsstelliger Betrag wäre dann noch offen.

In der mündlichen Urteilsbegründung wurde festgestellt, die Initiative sei nicht von dem Apotheker ausgegangen und er habe auch keinen persönlichen Vorteil gehabt, sondern sogar „draufgezahlt“. Das Gericht gehe davon aus, dass keine Wiederholungsgefahr vorliegt und der Verurteilte bereits seit langem alle Gesetze und Vorschriften exakt einhält.

„Wert“ war es das ganze sicherlich nicht. Aber (um etwas positives darüber zu sagen) zumindest zeigt es, dass wir Apotheker unseren Beruf (und die damit verbundenen Kontroll-Aufgaben) wirklich ernst nehmen sollten und dafür einstehen, wenn uns bei einem Rezept etwas seltsam vorkommt. Wir sind eben nicht bloss die Erfüllungsgehilfen des Arztes … schön, dass das hier so deutlich gesagt wird.

Quellen: Husumer Nachrichten: 3 Jahre Haftstrafe für Apotheker und Apotheke-ad-hoc: Apotheker hätte Arzt stoppen müssen

18 Antworten auf „Ein Apotheker ist nicht Erfüllungsgehilfe des Arztes

  1. Ich sehe nicht ganz, wie man hier mit dem Apotheker sympathisieren kann. Sicher ist er kein kriminelles Genie (oder vielleicht doch? Der Typ erinnert ja schon fast an Keyser Söze), aber wer sich in so einer Position mit so einer Verantwortung derart von allen Seiten ausnutzen lässt, scheint dafür nicht so recht geeignet zu sein. Vielleicht wäre 2 Jahre auf Bewährung ohne Berufsbewilligung besser gewesen. Kann man aber im Endeffekt von hier nciht beurteilen. Symphatie fällt mir trotzdem schwer.

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    1. Sehr gut möglich, ist er nicht so geeignet für den Job eines Apothekers … eventuell hat er den auch nur gelernt, weil sein Vater wollte, dass er die Familientradition / die Apotheke weiterführt. Alles keine Ausrede natürlich, aber … ja, ich sehe ihn ein bisschen als Opfer in der Geschichte.

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  2. „Verurteilt wurde er wegen unerlaubten Handelstreibens durch Abgabe von Betäubungsmitteln, Beihilfe zum unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente ohne Rezept zu drei Jahren Haftstrafe.“

    Bei den Mengen ist das ein eher mildes Urteil.

    „Er behält aber seine Berufsbewilligung und kann danach weiter arbeiten.“

    Das glaube ich kaum. Das Gericht mag kein – strafrechtliches – Berufsverbot verhängt haben, aber die zuständige Aufsichtsbehörde wird sicherlich die Betriebserlaubnis für die Apotheke widerrufen, und ich gehe auch davon aus, dass die Approbationsbehörde bei diesen Vorwürfen und diesem Strafmaß die Approbation entziehen wird.

    (Das ist wie beim Führerschein – dass das Strafgericht die Fahrerlaubnis nicht entzieht, bedeutet noch nicht, dass die Verwaltungsbehörde es nicht tut.)

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  3. Ich denke, @-thh hat Recht. Strafrechtlich kann man ihm die Approbation nicht entziehen, aber in D gibt es die Möglichkeit des „Berufsgerichts“, welches nach Abschluss des Strafgerichtsverfahrens normalerweise auf Betreiben der Apothekerkammer tätig wird, und dieses kann einem die Approbation sehr wohl entziehen (und wird es wohl in diesem Fall auch machen, wenn ich das so Glaskugeln darf).

    Ich selber gehe davon aus, dass der Apotheker von fraglichem Arzt erpresst wurde. Vielleicht mit etwas, was dieser gegen den Vater des Apothekers in der Hand hatte. Wenn ich mir überlege, dass die Arztpraxis bei dem Apotheker Offenstände in sechsstelliger Höhe (!) haben soll, würde zumindest ich die Belieferung bis zur Begleichung der Schulden einstellen. Es sei denn, man droht mir mit noch schlimmeren Ungemach. Dass er diese (potentielle) Erpressung im Verfahren nicht offengelegt hat, könnte aus reinem Selbstschutz geschehen sein, gegebenenfalls hätte er sich (oder seinen Vater) durch Angaben dazu noch viel mehr belastet.

    Ob ich mit ihm sympathisiere, weiß ich nicht. Dazu war mir die Berichterstattung in der Presse zu oberflächlich, ich kenne ihn nicht persönlich und ich kenne keine (unveröffentlichten) Hintergründe. Dass man da vielleicht noch weiterforschen sollte, insbesondere auf Seiten der Arztpraxis, ist für mich klar. Dass der Fall abgeschlossen wurde, bevor der Arzt-Fall aufgeräufelt ist, bleibt für mich unverständlich.

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    1. Erpressung würde einiges erklären. Wer weiss, mit was? Es könnte auch sein, dass der Arzt nachdem das eine Weile gelaufen ist, ihn auch mit der Situation selber gepresst hat: Du hängst jetzt genau so mit drin wie ich – du hast das vorher gemerkt und nichts gesagt … und jetzt ist es zu spät dafür.
      Vielleicht sollten wir auf den Arzt-Fall gespannt sein.

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  4. „Es könnte auch sein, dass der Arzt nachdem das eine Weile gelaufen ist, ihn auch mit der Situation selber gepresst hat: Du hängst jetzt genau so mit drin wie ich – du hast das vorher gemerkt und nichts gesagt … und jetzt ist es zu spät dafür.“

    Die Konstellation ist gar nicht so selten und mir mehrfach (allerdings mit Erpressung durch Betäubungsmittelkonsumenten, denen Btm oder Psychopharmaka ohne Verschreibung abgegeben wurden und die dann immer mehr und mehr forderten) untergekommen.

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  5. Was zum Geier macht man mit 350 Kilo Lidocain? Ich meine, was machen Apotheker denn normalerweise damit? Ich kenne das Zeug nur als Augentropfen und -salbe von einer schmerzhaften Hornhautverletzung, die ich mal hatte, aber nicht als weißes Pulver, mit dem man Kokain streckt. Und, ja, es gibt „aktverlängernde“ Kondome mit etwas Lidocain drauf (hat man mir erzählt). Hat Lidocain überhaupt eine psychoaktive Wirkung wie Kokain, oder taugt es nur als Lokalanästhetikum? Ich meine, falls das so wäre, dann sollte der Handel damit doch keinen Beschränkungen unterliegen. Umbringen kann man sich mit dem Zeug ja wohl eher nicht.

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    1. Wie wäre es mit einer 1%igen Lidocain-HCl-Lösung mit Dexpanthenol (NRF 7.13) – wird eingesetzt bei schmerzhaften Hautläsionen im Rachenbereich. Da reichen 350kg für 35t Lösung, allerdings bräuchte man nicht nur kg-weise Dexpanthenol sondern einiges an Patienten dafür…

      Lidocain hat keine nennenswerte psychoaktive Wirkung, wenn man mal von den Folgen der Herzrhythmusstörungen absieht, so man sich das Lidocain infundiert (bzw. es sonst wie zu schnell am Herz anflutet). Aber wenn man Kokain auf „Echtheit“ testet, wird oft der berühmte „Taube-Zungenspitze-Test“ verwendet, denn schon Crocket und Tabs in „Miami Vice“ vorgeführt haben. Und Lidocain betäubt die Zungenspitze genauso effektiv wie Kokain, also hat man bei mit Lidocain gestrecktem Koks ein falsch-positives Testergebnis.

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        1. Naja, Crocket hieß ja mit Vornamen Sunny, und „Tubbs“ hieß Corega, oder? :D Ich gebe offen zu… damals kam das immer um 23.55, und ich hatte als Jugendlicher Fernsehverbot wegen „Gewalt und Drogen und Waffen und so“ – und wegen Ferrari Testarossa… Und heutzutage bin ich einfach noch auf Arbeit, wenn nachmittags die Wiederholungen auf ZDF-Neo laufen…

          Ansonsten gibt es tatsächlich ein paar unterschiedliche Rezepturen mit Lidocain drin, auch einige etwas höher konzentrierte, die der Patient vor der Anwendung noch verdünnen sollte. Ich würde so über den Daumen peilen, dass ich jährlich so zwischen 10g und 100g verbrauche in der Rezeptur; das fluktuiert aber sehr stark, je nachdem was so onkologisch und tatoo-technisch aufläuft. (Wobei ich letztere recht umfänglich auf Emla-Creme und Anesderm-Creme umgestellt habe.)

          Davon abgesehen gibt es auch noch EINE (sinnige) Rezeptur mit Kokain, und das sind Kokain-Augentropfen. Die haben den Vorteil, dass sie parallel zur Lokalanästhesie auch noch die Durchblutung vermindern, was bei bestimmten Augen-OPs durchaus gewünscht ist. Und in meiner Famulatur (dem 8-Wochen-Praktikum im ersten Studien-Abschnitt) habe ich die sogar mal hergestellt. ;-)

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          1. Davon abgesehen gibt es auch noch EINE (sinnige) Rezeptur mit Kokain, und das sind Kokain-Augentropfen

            Ja, die kenne ich. Habe ich bei meiner Hornhautverletzung damals stillschweigend in der Augenambulanz gemopst. (Ich hätte der Assistenzärztin, die mich da zwei Minuten allein gelassen hat, gerne zugezwinkert, aber ging gerade nicht.)

            Ach ja, und ich weiß, dass Sunny und „Corega“ „damals“ immer um 23.55 kamen, durfte damals ja auch nicht schauen, aber meine Eltern haben nie rausgefunden, dass mein Fernseher im sogenannten „Jugendzimmer“ einen Kopfhörerstecker hatte und ich das dazu passende, äh: „Headset“, wie man heute sagen würde. (Das kommt davon, wenn man ältere Freunde hat, die in einer Elektronikfirma arbeiten: Man lernt mit zehn Jahren das Löten und vergisst es nie.)

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          2. Die Kokain Augentropfen durfte ich auch schon machen – aber das braucht wenige Gramm. Mit 350kg könnte man wohl die ganze Welt mit den Tropfen versorgen.

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  6. Interessanter Fall – und klar: Arzt und Apotheker handeln eigenständig und eigenverantwortlich, auch wenn eine gewisse geschäftliche Partnerbeziehung sinnvoll ist.

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  7. was würdest du zu einer Praxis-Apotheken-Kooperation sagen, der die Praxis die BTM-Rezepte für ihre Patienten quasi grundsätzlich nachreicht, und Ausgaben per Post-it! (mit Stempel und Unterschrift! Ordnung muss ja sein!) legitimiert werden?

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    1. Ich würde sagen, dass das weder in der Schweiz noch in Deutschland wirklich legal wäre, wenn das grundsätzlich so gemacht würde. Und … ich würde mich fragen, weshalb sie, wenn sie schon Post-It mitgeben können, da nicht gleich das BG Rezept mitgeben können?

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      1. nicht wirklich, ne?
        da das ja rein theoretische Überlegungen sind, gibt’s zum Glück auch keine Begründung. mich interessiert aber – weder Arzt noch Apotheker ;) – das Gedankenspiel, hoffe du erlaubst noch eine Nachfrage:

        angenommen, rein hypothetisch, das würde in der Tat so passieren, und du wüsstest davon (in der eigenen Apo // eine Apo die du kennst) – was würdest du da tun?

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        1. In der eigenen Apotheke wüsste ich ziemlich sicher davon und würde das sehr rasch intern stoppen. Es gibt hier auch (genug) legale Möglichkeiten.
          In einer anderen Apotheke … nun, ich würde sagen, dass das in erster Linie nicht mein Problem wäre, sondern eben das der anderen Apotheke. Höchstens noch, dass ich der Apothekerin der anderen Apotheke einmal persönlich stecken würde, dass das wirklich keine gute Idee ist, das so zu handhaben.

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