Für was ist das schon wieder?

Ruft eine ältere Frau in der Apotheke an.

„Ich habe vom Arzt ein Medikament aufgeschrieben bekommen, habe aber keine Ahnung, für was das ist. Könnten sie mir das sagen?“

Das Medikament um das sie sich sorgte war Aricept, sie hatte keine Ahnung weshalb sie die nehmen muss.

Der Apotheker erklärt ihr für was es ist – sie sagt, sie begreift nicht, warum ihr Arzt ihr das verschreiben würde, das Problem habe sie gar nicht.

Der Apotheker erklärt ihr, dass manche Medikamente auch für andere Probleme eingesetzt werden als das sie ursprünglich sind (z.B. Antiepileptika bei Migräne), er sich aber bei Aricept keiner sogenannten off-label Anwendung bewusst ist.

Frau: „Dann muss ich am Montag wohl den Arzt anrufen und das besprechen.“

Keine 5 Minuten später ruft sie wieder in der Apotheke an: „Für was haben sie gesagt ist das Aricept noch mal?“.

Und dann nach weiteren 5 Minuten nochmals „Entschuldigen sie, für was haben sie gesagt, braucht man das?“

Der Apotheker wundert sich jedenfalls nicht mehr, warum der Arzt ihr das verschrieben hat.

Aricept ist ein Mittel gegen Alzheimer.

Manchmal finde ich sowas echt tragisch.

Gesundheitstipps für Krisenzeiten: 4 Augenentzündungen

Augenentzündungen – umgangssprachlich auch „rote Augen“ entstehen aus den unterschiedlichsten Gründen und können von störend bis gefährlich sein. An was es jetzt genau liegt, lässt sich oft schon durch die genaue Evaluation der Beschwerden herausfinden – aber in erster Linie ist es wichtig, dass man bei diesen Warnzeichen bald (!) zum Arzt geht. Wir haben nur 2 Augen.

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Warnzeichen / Red Flags: Tritt eine oder mehrere dieser Beschwerden auf, MUSS man zum Arzt.

Schmerzen im Auge, starke Kopfschmerzen
Schmerzen beim Bewegen der Augen
Sehverlust oder schlechteres Sehen
Sehstörungen wie Doppeltsehen, farbige Ringe, fliegende Flecken oder Funken
Lichtempfindlichkeit
Schwellung oder Rötung um/hinter dem Auge
Vorhergegangener direkter Kontakt mit starker Lichtquelle
Fremdkörper im Auge (Splitter etc.)
Augenverletzung
Voroperierte Augen
Zusätzlich schlechter Allgemeinzustand
Zusätzlich Übelkeit und Erbrechen
Hautausschlag (Bläschen: Gürtelrose)
Kontaktlinsenträger mit einseitiger, schmerzhafter Augenentzündung

Vorsicht auch, wenn eines davon: Beschwerden über 7 Tage, Kind unter 2 Jahren, Schwanger, Immunsupprimiert, Diabetes, Psoriasis – hier schaut immer besser der Arzt drauf, wenn möglich.

Ursachensuche und Behandlung

Keine dieser Warnzeichen? Dann kann man versuchen, die mögliche Ursache (und entsprechend Behandlung) herauszufinden. Die Apotheke mit dem Fachpersonal kann hier helfen.

Beide Augen sind betroffen, es juckt (aber keine Schmerzen)?
Wenn noch keine Allergien bekannt sind, versucht man es am besten mit Hygienemassnahmen (Hände waschen/desinfizieren, nicht die Augen reiben), Lidrandreinigung, Tränenersatzprodukten – das trockene Auge verursacht auch diese Beschwerden. Die Behandlung ist einfach – muss aber länger durchgehalten werden, damit das Problem nicht wieder auftritt.
Bei bekannten Allergien und wahrscheinlicher allergischer Reaktion (Pollen, Staub etc.) behandelt man mit antiallergischen Augentropfen, oder wenn andere Beschwerden wie Nasenlaufen, kratzen im Rachen, Husten auftreten, kann man auch antiallergische Tabletten einnehmen.
Bessern die Beschwerden damit, kann man weitermachen, ansonsten ist ein weiterer Besuch in der Apotheke oder beim Arzt angesagt.

Beide Augen sind betroffen und zusätzlich verklebt? Besteht kein Juckreiz?
Wahrscheinlich ist es eine Bindehautentzündung mit bakterieller Ursache. Die ist ansteckend. Eine Erstbehandlung kann man selber versuchen: Hygienemassnahmen (Hände waschen/desinfizieren, nicht die Augen reiben), Lidrandreinigung, Tränenersatzprodukte … diesmal zum spülen und reinigen des Auges, Euphrasia Augentropfen, desinfizierende Augentropfen.
Tritt nach 2 Tagen keine Besserung auf: Es braucht vermutlich Antibiotische Augentropfen. Das gehört zum (Augen)arzt – oder: in der Schweiz darf die Apotheke nach entsprechenden Abklärungen (kostenpflichtig! antibiotische Augentropfen abgeben).
Auch hier: wenn keine Besserung auftritt, handelt es sich vielleicht um eine anderes Problem: das gehört zum Arzt

Es ist nur ein Auge betroffen (und keine Warnsymptome vorhanden)?
Plus das Auge tränt, oder sondert ein wässriges, durchsichtiges Sekret ab?: wahrscheinlich eine beginnende virale Bindehautentzündung. Sie kann später auch beidseitig werden. Behandlung mit Tränenenersatzpräparaten, Euphrasia Augentropfen, desinfizierenden Augentropfen – zum spülen und reinigen des Auges.
Plus man sieht eine Lidschwellung, ev. sogar ein Eiterstippchen (pickelartig)?: sehr wahrscheinlich ein Gerstenkorn, eine bakterielle Lidrandentzündung. Man behandelt das mit feucht-warmen Kompressen, am besten mit Schwarztee (sonst Kamille), desinfizierenden Augentropfen, Euphrasia Augentropfen.
Treten hier bei der Behandlung Warnsymptome auf, oder bleiben die Beschwerden über 10 Tage, sollte man das dem Arzt zeigen.

Es sind nicht alle möglichen Augenprobleme hier explizit aufgeführt, die gefährlichen sollten aber mit den Warnsymtomen abgedeckt sein.
Augentropfen gehören zu den Sachen, bei denen man die Aufbrauchsfristen nach dem Öffnen wirklich beachten sollte: Einzeldosen nur während ein paar Stunden, konservierte Augentropfen normalerweise während 30 Tagen, Augentropfen in Spezialfläschchen nicht über die angegebene Aufbrauchsfrist hinaus. Nach dem Verfalldatum würde ich sie auch nicht mehr länger als innert ein paar Monaten (3?) verwenden,

Zusammenfassend: Das Augenlicht ist wichtig. Treten Warnsymptome auf, gehört das bald zum Arzt, alternativ zum Notfall. Wenn keine red flags vorhanden sind, kann eine Selbstbehandlung versucht werden. Die meisten Sachen dafür bekommt man in der Apotheke.

Gut zu Hause zu haben:
befeuchtende Augentropfen oder Tränenenersatz: kann man zum befeuchten, reinigen und ausspülen des Auges bei fast allen Problemen brauchen. Ersatzweise geht notfalls auch sterile 0.9% NaCl-Lösung (physiologische Salzlösung)
Schwarzteebeutel: damit kann man Umschläge machen für einige Hautprobleme und Augenprobleme und sie wirken äusserlich beruhigend, hautstärkend (gerbend) und entzündungshemmend. Man kann sie warm direkt auf die Augen legen oder einen starken Tee machen und die Flüssigkeit für Umschläge brauchen. 10 Minuten, mehrmals (2-3x) täglich helfen bei Lidrandentzündungen und Augenentzündungen.
Sterile Gazeplätzchen: Zum reinigen und abdecken und für Umschläge.

….

Disclaimer: Dies sind Tipps zu Gesundheitsthemen, gegeben von einer Apothekerin. Die medizinischen Informationen, die hier geäussert werden, dienen der Diskussion und Unterhaltung. Sie sollte nicht als einzige Informationsquelle für medizinischen Rat verwendet werden. Wer die im Blog oder den Kommentaren geäusserten Ratschläge verwendet, ohne einen Arzt oder andere Fachperson aufgesucht zu haben, ist selbst voll verantwortlich für die Konsequenzen.

Mit den hier gegebenen Informationen, bekommt ihr Hilfestellung: Was kann man selber behandeln, was kann ich nehmen, was für Hilfe bekommt man in der Apotheke? Was gehört zum Arzt? Wann sollte man (auch jetzt, bei ev. stark belastetem System) in den Notfall? Normalisiert sich die Situation wieder, erübrigen sich viele dieser Tipps, respektive, dann gibt es teils bessere „Best Practice“ Vorgehensweisen. Die hier empfohlenen Massnahmen sollten wirksam sein und korrekt umgesetzt ungefährlich. Im Zweifel fragt man die Fachperson!

Gesundheits-Tipps für Krisenzeiten: 2 Haltbarkeit und Verfalldaten von Medikamenten

DISCLAIMER zu dem Text: siehe unten!

Mit den Verfalldaten der Medikamente scheint es ähnlich zu sein wie bei den Lebensmitteln: da gibt es welche, die fast religiös daran festhalten und die andern, die nicht glauben, dass das „Exp“ eine wichtige Bedeutung hat. Jetzt in Zeiten von Lieferproblemen und Mangelverwaltung, werden ziemlich sicher mehr Leute darüber nachdenken, ihre eventuellen Medikamentenvorräte zu Hause noch zu brauchen. Aber sollte / kann man das wirklich?

Erst Mal ein paar Fakten zum Verfall von Medikamenten:

Medikamente müssen ein Verfalldatum haben. Auch auf Verbandsmaterial, Inkontinenzprodukten, Stützbandagen und Spritzenmaterial findet sich das.
– Das Verfalldatum darf nicht mehr als 5 Jahre nach dem Herstellungsdatum sein.
– Das Verfalldatum findet sich auf der Packung hinter dem Kürzel EXP (kurz für Expiry Date).
– Bis zum Verfalldatum sind die Medikamente (wenn korrekt aufbewahrt) innerhalb der vorgegebenen Spezifikationen. Sie enthalten die Wirkstoffe in der angegebenen Dosierung. Das wurde ausgiebig getestet und die Firma garantiert und haftet.
– Wirkstoffe können sich mit der Zeit verändern. Sie werden zu anderen Stoffen umgebaut. Diese können unwirksam sein, aber theoretisch auch giftig!
Feuchtigkeit und Licht und höhere Temperaturen beschleunigen diesen Ab- und Umbau. Das Badezimmer ist deshalb ein ungeeigneter Ort, wenn man Medikamente lagern will.
– Ein Medikament wird weder sofort unwirksam noch giftig direkt nach dem Überschreiten des Verfalldatums. Das ist ein Prozess.
– gerade bei festen Arzneimitteln (Tabletten) weiss man, dass sie noch lange, wahrscheinlich Jahre über das offizielle Verfalldatum hinaus noch gut sind.
– Die Lagertemperatur der meisten Medikamente ist die Raumtemperatur, also 15 bis 25 (oder 30) Grad Celsius. Darüber hinaus gehen sie sehr schnell kaputt. Im Kühlschrank ist aber ebenfalls meist schlecht: da ziehen sie schneller Feuchtigkeit und Flüssige Arzneimittel könnten Wirkstoffe auskristallisieren. Tiefkühlen ist meist ganz schlecht.

Und nun zur Frage, die sich wahrscheinlich jeder anhand eines überschrittenen Verfalldatums mal gestellt hat:

Kann ich das noch verwenden?

Rechtlich gesehen, muss ich in der Apotheke dazu raten, abgelaufene Medikamente nicht mehr zu verwenden. Das wäre korrekt und sicher.

Aber wir sind hier nicht in der Apotheke, also … hier meine Ratschläge zur Anwendung. Es ist immer eine Nutzen-Risiko-Abschätzung! Also: Was kann passieren, wenn ich es nehme, gegen: was passiert, wenn ich es nicht nehme?

Wenn das Medikament abgelaufen ist – und du kannst es ersetzen, dann mach das. Besorg dir eine neue Packung in der Apotheke, beim Arzt, wegen mir auch in der Online Apotheke.

Wenn Du das Medikament nicht ersetzen kannst und die Anwendung jetzt notwendig ist: Wie sicher muss es wirken? abgelaufene Medikamente können weniger Wirkstoff enthalten. Es ist nicht so schlimm, wenn die Kopfwehtablette etwas weniger Wirkstoff enthält, die Wirkung vom Blutdruckmedikament kann man mit dem Messgerät überprüfen, vom Antihistaminikum gegen die Allergie kann ich zwei nehmen, ohne dass das Probleme macht. Das Immunsupprimierende Mittel aber MUSS wirken und da geht selbst eine geringe Abnahme des Wirkstoffes gar nicht. Ebensowenig wie bei Antiepileptika und auch Schilddrüsenmedikamenten.

Ist es ein Antibiotikum? Nimm es nicht! Nicht nur ist die noch enthaltene Wirkstoffmenge unsicher, hier gibt es auch eher unangenehme Abbaustoffe. Und überhaupt: wie sicher bist du, dass das das richtige Antibiotikum für die jetzige Situation ist?

Ist das Medikament flüssig? Saft, Sirup, Nasensprays, Inhalationslösungen, Augentropfen, Fertigspritzen, Tinkturen, Lösungen etc.
Wenn ja UND es ist früher geöffnet worden: Weg damit! Zubereitete Suspensionen wie Antibiotikasirupe sind nur wenige Tage haltbar. konservierte Augentropfen nach dem Öffnen nur 30 Tage (und du hast nur 2 Augen!). Die meisten flüssigen Sachen sonst kann man bis 6 Monate nach dem Öffnen brauchen. Ausnahmen sind vielleicht sehr alkoholhaltige Lösungen, die noch etwas länger gut sind.
Ist es nach dem Verfall, wäre ich auch bei ungeöffneten Sachen sehr vorsichtig, da Flüssigkeiten rascher abbauen, als die festen. Maximal ein paar Monate drüber und auch nur wenn da kein Bodensatz, Verfärbung, sichtbare Schwebestoffe oder Trübung vorhanden ist.

Ist es eine Salbe oder Zäpfchen? Auch hier gilt, dass sie nach dem Öffnen und der ersten Anwendung nur begrenzt haltbar sind. Aber auch ungeöffnet und über dem Verfall geben sie, wie die flüssigen Mittel, rasch ab. Ausser dem Wirkstoffumbau kann hier die Grundlage ranzig werden, was man ziemlich schnell riecht. Trennt sich die Salbe oder das Zäpfchen und scheidet Wasser ab, ist verfärbt oder gar Pilzverfall sichtbar, würde ich sie wegwerfen, egal ob verfallen oder nicht.

Handelt es sich um Tabletten, Dragees oder Kapseln? Hier hat man gute Chancen, dass sie noch zu brauchen sind. Schau sie dir an: Wenn sie Verfärbungen haben, Risse oder sie Bröckeln, dann nimm sie nicht mehr. Wenn sie arg anders riechen als sonst, würde ich auch darauf verzichten. Ansonsten kann man sie nehmen, auch wenn sie schon Monate oder vielleicht Jahre abgelaufen ist. Mehr als 5 Jahre drüber würde ich aber auch hier nicht empfehlen. Die Packung kann man ziemlich sicher noch beenden. Das sollte einem genug Zeit verschaffen, sich eine neue Packung oder Ersatz zu besorgen.

Verbandmaterial / Inkontinenzprodukte, Verbrauchsmaterial: Wenn es nicht steril sein muss, kann man das Verfalldatum hier getrost ignorieren und danach gehen, wie es aussieht.

Also Fazit: Offiziell empfehlen kann ich eine Einnahme nach dem Verfall nicht. Trotzdem kann man einiges (vor allem in Tablettenform) sehr viel länger als das Verfalldatum anwenden. Aber es ist immer eine individuelle Risikoabschätzung und jeder ist für eventuelle Folgen selber verantwortlich.

Disclaimer: Dies sind Tipps zu Gesundheitsthemen, gegeben von einer Apothekerin. Die medizinischen Informationen, die hier geäussert werden, dienen der Diskussion und Unterhaltung. Sie sollte nicht als einzige Informationsquelle für medizinischen Rat verwendet werden. Wer die im Blog oder den Kommentaren geäusserten Ratschläge verwendet, ohne einen Arzt oder andere Fachperson aufgesucht zu haben, ist selbst voll verantwortlich für die Konsequenzen.

Mit den hier gegebenen Informationen, bekommt ihr Hilfestellung: Was kann man selber behandeln, was kann ich nehmen, was für Hilfe bekommt man in der Apotheke? Was gehört zum Arzt? Wann sollte man (auch jetzt, bei ev. stark belastetem System) in den Notfall? Normalisiert sich die Situation wieder, erübrigen sich viele dieser Tipps, respektive, dann gibt es teils bessere „Best Practice“ Vorgehensweisen. Die hier empfohlenen Massnahmen sollten wirksam sein und korrekt umgesetzt ungefährlich. Im Zweifel fragt man die Fachperson!

Gesundheits-Tipps für Krisenzeiten 1: Allgemeines und Vorbereitung

Krisenzeit bedeutet hier: Liefer- und Beschaffungsprobleme verschiedenster Medikamente und Grundversorgungsmittel, auch auf längere Zeit. Ein sehr belastetes Gesundheitssystem mit vielen Kranken (auch beim Personal). Das ist leider kein Zukunftszenario, das ist aktuelle Realität. Es ist kein Grund zur Panik – das hilft niemandem. Aber es braucht jetzt (alles) mehr Geduld und Zeit und viel Flexibilität.

Disclaimer: Dies sind Tipps zu Gesundheitsthemen, gegeben von einer Apothekerin. Die medizinischen Informationen, die hier geäussert werden, dienen der Diskussion und Unterhaltung. Sie sollte nicht als einzige Informationsquelle für medizinischen Rat verwendet werden. Wer die im Blog oder den Kommentaren geäusserten Ratschläge verwendet, ohne einen Arzt oder andere Fachperson aufgesucht zu haben, ist selbst voll verantwortlich für die Konsequenzen.

Mit den hier gegebenen Informationen, bekommt ihr Hilfestellung: Was kann man selber behandeln, was kann ich nehmen, was für Hilfe bekommt man in der Apotheke? Was gehört zum Arzt? Wann sollte man (auch jetzt, bei ev. stark belastetem System) in den Notfall?
Normalisiert sich die Situation wieder, erübrigen sich viele dieser Tipps, respektive, dann gibt es teils bessere „Best Practice“ Vorgehensweisen. Die hier empfohlenen Massnahmen sollten wirksam sein und korrekt umgesetzt ungefährlich.

Allgemeine Vorbereitungen:

Für sich (und jedes Familienmitglied) aufschreiben und auf dem Telefon oder Papier auf sich tragen:

  • Name, Alter, Gewicht, Grösse,
  • Liste mit Medikamenten und Dosierungen, die genommen werden.
  • Allergien (mit Wirkstoffnamen), auch pflanzliches etc. (Bitte nur echte Allergien angeben und nicht normale Nebenwirkungen)
  • Zusätzliche wichtige Info: Schwanger (berechneter Geburtstermin)? Stillend? Nieren- oder Leberprobleme? Blutungsprobleme oder Blutverdünner? Immunsupprimiert?
  • Versicherung (Krankenkasse / Unfallversicherung) und Nummer bereit haben.

Habt ihr einen Hausarzt? Optimalerweise sucht man sich einen, bevor man Probleme hat. Dasselbe gilt auch für die Apotheke – eine Hausapotheke ist Gold wert und kann, wenn man dort bekannt ist, besser Beraten und liefert im Notfall, wenn man niemanden schicken kann.

Versicherung checken: Krankenkassenkarte, Deckung- was übernimmt sie? Hat man vielleicht ein spezielles Versicherungsmodell? Bei manchen muss man (ausser für ausgesprochene Notfälle) erst zum Hausarzt, andere verlangen eine telefonische Anmeldung vor einem Arztbesuch.

Wo bekommt man vernünftigen Rat bei medizinischen Problemen? Auch die Einteilung Bagatelle bis Notfall gehört dazu, falls man Mühe hat, das selber zu entscheiden.
Im Internet: steht leider viel Unsinn neben Vernünftigem, als Laie kann man das schwer auseinanderhalten. Man sollte sich nicht nur darauf verlassen. (Ja, das gilt auch für alles hier Geschriebene).
Telemedizin: Bei vielen Krankenkassen kann man heute telefonisch oder per Video eine erste Einschätzung des Problems durch einen Arzt machen lassen. Die sollten eigentlich auch nötig vorsichtig sein und werden einen weiterschicken, wenn sie unsicher sind oder etwas persönlich angeschaut werden muss.
Apotheke: hier arbeitet medizinisches Personal, das gelernt hat, Gesundheitsprobleme einzuschätzen, zu behandeln oder weiterzuschicken. Achtung!: In der Schweiz haben wir Apotheker mit der Ausbildung „Anamnese in der Apotheke“ weitergehende Kompetenzen, was die Diagnose und auch Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente angeht – im Gegensatz zu Deutschland.
Beim Hausarzt oder in Walk-In-Kliniken: Die Medizinischen Praxisangestellten machen telefonisch eine erste Einschätzung der Schwere des Problems.

Der Notfall sollte für wirkliche Notfälle reserviert sein. Bevor man in den Notfall geht (ausser es ist ein Unfall oder etwas akut lebensbedrohliches), sollte man gerade in Krisenzeiten die anderen Möglichkeiten ausschöpfen. Ansonsten wird er wegen Überlastung rasch inoperabel. Dann kann es sein, dass wirkliche Notfälle nur zeitverzögert dran kommen oder Rettungswagen sehr weit fahren müssen um einen freien Platz zu finden.

Beim Apotheken- Arzt- oder Spitalbesuch: Versicherungsdeckung UND oben vorbereitete Informationen mitnehmen, vor allem, wenn die Info nicht komplett bei denen bekannt ist. Und das ist sie im Normalfall tatsächlich nicht – eine zentrale Datenspeicherung dafür wäre sehr hilfreich, aber von der elektronischen Gesundheitskarte sind wir noch weit entfernt.

Geht nicht krank zur Arbeit!– Nicht nur Für sich selber, um etwas richtig auszukurieren oder nicht zu verschlimmern, sondern auch für die Mitarbeiter, die man anstecken könnte. Wenn man arbeiten geht, sollte man sich überlegen, bei Erkältungssymptomen Maske zu tragen und natürlich die anderen zu informieren. In dem Fall macht Maske tragen im ÖV und Menschen zu meiden immer noch Sinn.

Haltet zu Hause einen Vorrat an Wasser in Flaschen und an haltbarem Essen – für etwa 2 Wochen. Etwas Bargeld zu Hause zu haben ist ebenfalls empfohlen.

Habt ihr noch weitere allgemeine Tipps? Anmerkungen zu diesen? Wünsche für Themen unter diesem Titel? Ab in die Kommentare damit!

Ein Schema ist nicht genug

Wird der Ton noch rauer? Ich weiss, es geht gegen Jahresende, die Weihnachtsvorbereitungen stressen eine Menge Leute und dann haben wir zusätzlich gerade mehr Kranke und ein dadurch ziemlich überlastetes Gesundheitssystem. Das trifft auch uns in der Apotheke, trotzdem versuchen wir nicht nur den Betrieb aufrecht zu erhalten, sondern auch weiter unsere Kunden und Patienten (und *innen) kompetent und freundlich zu bedienen.

Aber oy – können die grad aggressiv tun. Hier der Bericht, wie wir eine „gute Stammkundin“ (Selbstbezeichnung der Frau) verloren haben:

Sie kam mit so einem Rezept in die Apotheke:

Einfach, nicht? Auf dem Rezept steht 1 OP Plenvu gemäss Anleitung. Plenvu-Rezepte (und ähnliche Produkte) sehen wir in den letzten Monaten wieder häufiger. Es ist ein starkes Abführmittel, das vor Magen-Darm-Spiegelungen genommen wird, um den Darm vollständig zu entleeren. Nachdem so Untersuchungen Monatelang wegen Covid verschoben wurden, besteht offenbar ein gewisser Nachholbedarf. Das Medikament wurde übrigens aufgestempelt – ich schätze Mal, die wollen selbst das bisschen nicht X Mal am Tag schreiben müssen.

Soweit, so ungewöhnlich. Als Dosierung steht auf dem Rezept nur „nach Schema“ – dazu gibt jede Klinik noch ein (paar) Blätter dazu, auf denen steht, wie man sich auf die Darmspiegelung vorbereitet und wann und wie das Plenvu anzuwenden ist. Diese Schema können unterschiedlich sein, ein Beispiel findet sich hier:

Vielleicht bemerkenswert: Das ist eine Kurzanleitung. Ich hab da schon deutlich längere gesehen.

Die Pharmaassistentin, die das Rezept entgegennimmt und ausführt, holt das Plenvu aus der Schublade (zum Glück ist DAS aktuell grad wieder mal lieferbar), gibt es unter der Patientin, die auch schon mal hier war im Computer ein und fragt sie, während sie an der Dosierungsetikette ist, ob sie das Schema vom Spital erhalten hat.

„Ja, das habe ich hier.“ sagt die Patientin – und zieht 2 A4-Blätter aus der Handtasche und legt sie vor die Pharmaassistentin.

PA: „Oh, das ist gut. Sie nehmen das Medikament so, wie darauf beschrieben. Ich schreibe auf die Dosierungsetikette nur „nach Schema“.“

„Was? Nein – schreiben sie mir bitte auf die Dosierungsetikette genau, wie ich das anwenden muss!“

PA: „Ah – das geht nicht, das ist viel zu viel … und sie haben hier ja das Schema, schauen sie, das …“

…. Und die Patientin reisst ihr das Rezept aus der Hand, greift sich das Anwendungsschema und stürmt mit einem lauten „Einfach unverschämt! Sie haben eine Stammkundin verloren!“ aus der Apotheke. Zurück bleibt eine verdutze Pharmaassistentin, die zu mir kommt und erzählt, was passiert ist.

Nicht schlecht, denn ein paar Minuten später läutet das Telefon – und daran ist die Patientin von vorher:

„Sie sind die Apothekerin, ja? Ich muss ihnen erzählen, wie ihre Angestellte mich vorhin behandelt hat!“

Also höre ich zu, wie sie sich über die furchtbare Behandlung durch meine Pharmaassistentin beklagt. Ihr Hauptreklamationsgrund: „Verweigerte Beratung!“ – kein Wort von der Etikette. Jedenfalls ist sie jetzt in eine andere Apotheke gegangen, wo sie das Medikament bekommen und man sie beraten hätte – und „nur damit sie es wissen- ich komme nie mehr zu ihnen. Sie haben eine Stammkundin verloren!“

Ich warte einen Moment, um sicher zu sein, dass sie ausreden konnte und hole Luft um mein Bedauern auszudrücken, da … hängt sie einfach auf.
Ok.

Dabei hätte ich diese Dosierungsetikette noch so gerne gesehen.

Lieferengpässe – wenn Medikamente Mangelware werden

Langsam scheint das Thema Lieferschwierigkeiten auch in den Medien anzukommen. Es ist nichts bahnbrechend neues – und im Medikamentenbereich warnen diverse Leute schon seit Jahren permanent deswegen. Es wird nur aktuell grad wieder schlimmer. Einiges schlimmer!

Die Nicht-Lieferbar-Liste unserer Apotheke umfasst inzwischen über 300 Produkte und wird fast täglich länger. Gesamtschweizerisch sind es noch mehr. Man kann die Liste nicht lieferbarer Medikamente hier nachschauen: Drugshortage.ch Herr Martinelli ist Spitalapotheker und betreibt die Seite seit Jahren, unter anderem auch, weil es keine Meldepflicht der Pharmafirmen dafür gibt und keine sonstige zentrale Stelle, die das sammelt. Da sieht es aktuell so aus:

Bei den betroffenen Wirkstoffen ist alles dabei – von Antibiotika über Blutdruckmittel bis zum Zytostatikum. Für die Öffentlichkeit am sichtbarsten wird das momentan bei den Erkältungsmedikamenten, die immer wieder fehlen. Bei Schmerz- und Fiebermitteln (speziell Säfte oder Zäpfchen für Kinder), Nasensprays, Hustenmitteln. Die Schweiz ist ein kleiner Markt und wir haben da meist wenig Ausweichmöglichkeiten. Wenig beruhigend ist es, dass es in Deutschland genau gleich aussieht. Die haben viel mehr an verfügbaren Pharmafirmen und Generika.

An was liegt es?
Die Ursachen sind nicht überall genau gleich. Hier ein paar Erklärungen:

Allgemeiner Grund 1: Es wird fast nichts mehr in Europa produziert. Die allermeisten Wirkstoffe kommen aus Asien (China und Indien). Die Produktion wurde dorthin verlagert, da es billiger ist dort zu produzieren – Arbeitskräfte und auch weil sie weniger Rücksicht auf die Umwelt nehmen. Gibt es bei der Herstellung eines Wirkstoffes ein Problem (Firma brennt ab oder wird überflutet, Arbeiter fallen aus, da krank) wirkt sich das auf weitere Firmen aus, die aus dem Wirkstoff Tabletten / Kapseln / Injektionslösungen etc. machen. Dann fällt oft die ganze Wirkstoffklasse weg.

Ebenso fallen Rückrufe darunter wegen Qualitätsmangel. Es kommt (immer häufiger?) vor, dass wir Rückrufe von Medikamenten haben, weil festgestellt wurde, dass die Firma nicht nach QMS gearbeitet hat / dass (giftige) Stoffe gefunden wurden, die nicht da rein gehören / dass es neu Stabilitätsprobleme gibt / der Wirkstoffgehalt nicht dem deklarierten entspricht … Da fallen dann oft gleich Medikamente von mehreren Firmen weg, weil die alle den Wirkstoff vom selben Ort haben.

Hierunter fallen auch Probleme mit dem Lieferweg. Wenn Covid oder Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Tsunami etc. den internationalen Verkehr praktisch lahmlegen, ein Schiff in einem der Haupthandelsrouten für Container feststeckt (Suezkanal), sie Routen wegen Krieg umplanen müssen – dann hat das Auswirkungen auf alles, was da transportiert wird. Auch Medikamente.

Allgemeiner Grund 2: Medikamente müssen bestellt und dann produziert werden. Das braucht Zeit, deshalb werden sie etwa 1 Jahr vorher bestellt dafür. Impfstoffe wäre ein klassisches Beispiel, aber auch Erkältungsprodukte. Für manches wird die Herstellerfirma vielleicht überrascht durch eine vermehrte Nachfrage. In Deutschland kommt dazu noch das Problem der Rabattverträge: Wenn die Krankenkassen mit den Formen Ausschreibungen veranstalten, welches Medikament sie (möglichst günstig) übernehmen, dann werden die Verlierer-firmen das natürlich nicht mehr in so grossen Mengen herstellen. Wenn die Gewinner-firma dann nicht mehr liefern kann wegen unerwarteter Nachfrage (kommt häufiger vor), ist das Medikament halt gar nicht mehr erhältlich.
In der Schweiz haben wir eher das Problem, dass manche Medikamente tatsächlich so billig werden (hier!) dass es sich für die Firmen nicht lohnt, das im Vertrieb zu halten. Die gehen dann „ausser Handel“ – neustes Beispiel: Digoxin. Das mag mit auch ein Grund sein, dass es bei uns weniger Generika gibt als in anderen Ländern. Muss alles ja auch zugelassen werden (kostet), abgepackt mit speziellen Vorschriften (Beipackzettel in 3 Landessprachen) …

Ein paar Beispiele ohne Namensnennung
– denn das führt nur dazu, dass wir in der Apotheke überrannt werden:

Wichtiges Medikament gegen Diabetes. Es wird aber Off-label (ausserhalb der Packungsbeilage) auch als Mittel zum Abnehmen verwendet. Dann wird es zwar nicht von der Krankenkasse übernommen (wenn die das merken) und muss selber bezahlt werden. Die Nachfrage ist riesig, so dass es inzwischen schon 2x dann über Wochen nicht mehr erhältlich war.

Freiverkäufliches Mittel bei Durchfall bei Kindern. Es wird auf Tik tok gehypt als Mittel gegen den Kater nach Alkoholmissbrauch und in der Folge dermassen häufig verlangt, dass für die Kinder nichts mehr übrig bleibt.

Mittel gegen stabile Angina Pectoris. Einiges ging vor Jahren ausser Handel, es sind hier in der Schweiz sowieso nur noch die retardierten Tabletten erhältlich und auch nur noch von 2 Firmen. Von einem Tag auf den anderen nicht mehr erhältlich (ohne Angabe eines Grundes). Kein Generikum, es ist nicht einmal mehr via Deutschland zu besorgen – da es dort auch fehlt.

Starke rezeptpflichtige Schmerzmittel. Die nicht zu haben oder bestellen zu können, ist wirklich katastrophal. Momentan pflästerlen wir da mit Lieferungen, die wir aus der Reserve des Bundes erhalten. Ich hoffe, die hält noch etwas.

Was machen wir in der Apotheke damit?
Einen schlechten Eindruck erst Mal… auch wenn wir nur der Überbringer der schlechten Nachrichten sind.

Lieferengpässe und nicht lieferbare Medikamente bereiten uns sehr viel Mehrarbeit! Das fängt schon damit an, dass wir, wenn wir etwas nicht an Lager haben bei jetzt allem, was wir für den Patienten bestellen müssen gleich nachschauen gehen, ob es lieferbar ist. Das sind zwar nur ein paar Klicks am Computer und etwas Zeit und sicher besser, als dem später nachrennen zu müssen und den Patienten zu informieren, aber das läppert, da: jedes einzelne Medikament!

Das Medikament ist nicht lieferbar. Dann fängt es an:

Kann ich es mit etwas ersetzen? Etwas gleichwertigem / ein Generikum? Vorwiegend etwas, das ich an Lager habe?
Wenn nicht an Lager: Ist es bei einem anderen Lieferanten / Grossisten bestellbar?
Wenn auch nicht bestellbar: Hat es eine andere Apotheke noch an Lager? – Ich kann das nur für die Apotheken derselben Kette nachsehen. Ich kann das nicht sehen für andere Apotheken – da müsste einzeln abtelefoniert werden.
Wenn auch keine Apotheke das mehr hat: Geht vielleicht eine andere galenische Form? (Zum Beispiel Tabletten statt Flüssig, unretardiert mit anderem Einnahmeintervall…)
Wenn auch so nicht ersetzbar: Kann ich das vielleicht aus Deutschland importieren? Die Krankenkasse muss es dann dem Patienten nicht mehr bezahlen, aber das ist dann ein anderes / nächstes Problem.
Wenn auch nicht importierbar: Kann ich das durch einen anderen Wirkstoff ersetzen? Die Umstellung der Therapie muss allerdings durch den Arzt erfolgen – also muss da Rücksprache gehalten werden.

Wenn wir bis dahin eskaliert haben, ist Ende Fahnenstange. Und die ist leider jetzt schon häufiger erreicht, als mir lieb ist.

Aktuell ist es so, dass ich bei etwa jedem 10. Medikament (oder jedem 3. Patienten) etwas nicht so „einfach abgeben“ kann, sondern ersetzen, nachschauen, abklären muss.
Mangelverwaltung nenne ich das.

Und es wird immer schlimmer.