Warum es heute keine Halstäfeli gibt (sorry)

„Moment, den nehme ich.“ – sage ich zur Kollegin in der Apotheke, als ich den stämmigen Mann in die Apotheke stapfen sehe. Ich weiss, was er verlangen wird: eine spezifische Marke Halsschmerztabletten. Ich weiss das, weil er es bei mir schon hatte. Und bei der Kollegin, die ich grad nach hinten gesendet habe. Und … eigentlich bei jeder Mitarbeiterin, die bei uns arbeitet. Er kommt häufig. Sehr häufig. Das ist jedem hier schon aufgefallen – und ich wurde darauf aufmerksam gemacht. Man hat versucht, mit ihm zu reden. Das ist schwierig, nicht nur wegen der Sprachbarriere. Er will seine Täfeli und er will nicht erklären, wieso oder was sonst noch. Er wird ruppig, laut und schmeisst das Münz auf die Theke. Das Problem ist, dass das nicht „Täfeli“ sind. Das ist ein Medikament gegen Halsschmerzen, das von der swissmedic zugelassen wurde, eine Packungsbeilage in 3 Sprachen hat und Wirkstoffe enthält. In dem Fall Lidocain und Chlorhexidin. Das Menthol, das zusätzlich kühlend wirkt, lassen wir hier als Geschmacksgeber auf der Seite. Das Medikament ist sehr günstig und schmeckt wahrscheinlich ganz ordentlich, weshalb er irgendwann vor 3 Monaten angefangen hat, das zu holen. Vielleicht war es anfangs mal gegen Halsschmerzen, aber nach 3 Monaten? Dazu nimmt er ganz sicher mehr, als die empfohlene Dosierung. Das weiss ich, weil er 2 bis 3 mal die Woche das bei uns holt. Die grosse Packung mit 50 Stück. Er holt so viel, dass ich das sogar bei den Abverkaufszahlen für das Mittel seit 3 Monaten sehe. Die sind 3x höher als vorher. Und wahrscheinlich sind wir nicht mal die einzige Bezugs-Apotheke – wir sind in der Stadt und es hat noch ein paar andere in der Nähe.

Heute ist er wieder bei uns. Und heute habe ich beschlossen, mit ihm über das Medikament zu reden und mich nicht abwimmeln oder einschüchtern zu lassen. Wenn ich von ihm keine Antworten bekomme, bekommt er kein Medikament.
Wieso mache ich das? Es wäre einfacher, angenehmer und lukrativer (auch wenn es nur ein paar Rappen pro Packung sind), ihm das Zeug einfach zu geben. Aber als Apotheke habe ich auch eine gewisse Verantwortung. Das richtige Medikament, in der richtigen Dosierung für den richtigen Patienten. Medikamente sind keine Täfeli … auch wenn es sich in dem Fall um Lutschtabletten handelt. Was kann schon passieren? fragt man sich vielleicht?

Chlorhexidin: das ist ein Desinfektionsmittel. Im Mundbereich angewendet, killt es Bakterien – auch die guten. Eine veränderte Mundflora kann diverse Auswirkungen haben, von Wunden in der Mundschleimhaut über Mundgeruch etc. Langzeitanwendung von Desinfektionsmitteln kann zu Resistenzentwicklung führen. Und Chlorhexidin sollte sowieso nicht langfristig angewendet werden, da es auf den Zähnen gelb-braune Flecken hinterlässt, vielleicht bleibend.
Lidocain ist ein Lokalanästheticum. Es betäubt die Schleimhaut. Wenn man zuviel nimmt, reizt das auch die Mundschleimhaut. Und wenn man so viel nimmt, wie der Mann, besteht die Möglichkeit, dass genug aufgenommen wird, dass das auch Auswirkungen auf das Herz hat – es hemmt die Nervenübertragung und wirkt antiarrhythmisch.
Das Mittel ist künstlich gesüsst. Zuviel Süssstoff wirkt oft abführend.

Der Mann schmeisst mir (wie immer) die alte Packung auf die Theke und kramt schon nach dem nötigen Kleingeld dafür.
„Guten Morgen! Sie möchten wieder so eine Packung?“
Mir fällt auf, dass das Preisetikett von einer anderen Apotheke ist – wie gedacht. Nicht nur bei uns.
„Das da!“ grunzt er.
„Gut, ist es für sie selber?“
„Ja. Das da!“
„Für was brauchen sie es?“
Er schmeisst das Münz auf die Theke.
„Mir ist aufgefallen, dass sie das schon länger holen kommen. Haben sie immer noch Halsschmerzen?“
„Nein. Keine Halsschmerzen! Will das!“ Er funkelt mich an, weil ich immer noch nicht unterwegs bin, das holen.
„Für was nehmen sie es?“

Kleine Zwischenanmerkung: Man hat schon mehrmals versucht, das zu fragen. Die (knappen) Antworten waren uneindeutig. Für den Mund? wegen dem Diabetes? und immer nur: ich will das jetzt und nicht reden, weshalb. Aber das mit dem Diabetes hat mich aufmerksam gemacht. Denkt er, das hilft gegen den hohen Blutzucker? (Tut es nicht). Denkt er, das sei wie Traubenzucker zu nehmen bei niedrigem Blutzucker? Ist auch nicht dafür, da künstlich gesüsst.

„Ich hab Diabetes“. Sagt er.
„Ja, das habe ich verstanden, aber das erklärt nicht, weshalb sie diese Lutschtabletten gegen Halsschmerzen brauchen. Das ist kein Zucker.“
„Ich weiss, ist kein Zucker, deshalb ich das nehmen. Du mir das jetzt geben.“
„Sobald ich weiss, dass das das richtige Medikament für sie ist. Das sind nicht einfach Täfeli. Für was genau nehmen sie das wegen Diabetes?“
„Hilft, dass ich nicht muss trinken.“
„Dann nehmen sie das, wenn sie einen trockenen Mund haben? Oder wenn sie Durst haben?“
„Ja. Ich nehme das jetzt!“ Er schiebt mir wieder aggressiv den ganzen Inhalt seines Portmonees über den Tisch.

Mein Fehler, 2 Fragen aufs Mal gestellt. Ein schlecht eingestellter Diabetes macht übrigens Durst.

„Aber das ist nicht dafür, da gibt es anderes, das besser ist. „
„Will nicht anderes, ich will jetzt das.“
„Ja, das habe ich verstanden, aber das kann ich ihnen so nicht geben.“
„Was? Ich bekomme das nicht?“
„Nein.“ (Ich habe mich entschieden). Die Mengen, die er nimmt, dürften wirklich ungesund sein. Er nimmt das nicht richtig. Es liegt in meiner Verantwortung – und ich verweigere deshalb die Abgabe. Ich versuche ihm das zu erklären.

Er ist kurz baff.
„Aber ich zahle! Hier! Geben sie es mir.“
„Nein.“ Noch ein Erklärungsversuch.
„Du nicht müssen Angst haben. Du gibts mir das einfach.“
„Nein.“ (auch einfach).
„Wieso nein?“
„Weil das ein Medikament ist und sie es nicht korrekt verwenden.“
„Das kein Medikament.“
„Doch, das ist es. Sehen sie hier das „D“ – die swissmedic, die schweizerische Stelle für Arzneimittel hat das Medikament zugelassen und gelistet.“

Er will weiter diskutieren … oder besser, er will das Mittel. Wirklich. Jetzt. Er bleibt an der Theke stehen und sieht sich hilfesuchend um. Er entdeckt meine Kollegin, die grad mit einem anderen Kunden fertig geworden ist und ruft ihr: „He! Ich will so eins!“ er wedelt mit der Packung. Sie hat das vorher aber mitbekommen.

„Nein, tut mir leid, aber wir geben ihnen keine.“
„Sie (deutet auf mich) gibt mir keine. Du kannst mir geben!“
„Nein, es gibt heute keine.“
„Ich will Chef reden!“
Die Kollegin deutet auf mich.
„Du Chef?“
„Ja, ich Chef. Und ich habe gesagt, es gibt heute keine.“
„Aber wieso??? Ich zahle! Hier!“

Ich versuche es noch einmal zu erklären. Das Ergebnis ist nur das übliche Abwinken. Er will das nicht hören.
Er stand dann noch 5 Minuten erwartungsvoll vor mir. Und versuchte es beim Lehrling auch nochmal, mit dem gleichen Ergebnis: Nein.
Endlich ging er dann. Ich bin sicher, das in einer anderen Apotheke probieren. Mal sehen, wie lange es geht, bis die anderen reagieren.

Das Problem ist wahrscheinlich entstanden, als er die mal gegen Halsschmerzen bekommen hat – und gemerkt hat, wie günstig die sind. Zu billig für ein richtiges Medikament offensichtlich. Günstiger in der Menge sogar als Ricola.

Die Begebenheit erinnerte mich an einen Vorfall in Deutschland vor geraumer Zeit. Da nahm ein (Stamm-)Kunde immer Täfeli, die er in der Apotheke gekauft hat, für den Fall, dass er eine Unterzuckerung hatte. Statt Traubenzucker. Irgendwann haben die Hersteller die Zusammensetzung der Täfeli geändert und die neue Formulierung war zuckerfrei. Das stand irgendwo auf der Packung, wenn man darauf achtete. Leider hat weder der Kunde noch die Apotheke das bemerkt. Als dann die Unterzuckerung kam, halfen die Täfeli nicht. Der Patient ist gestorben – und die Apotheke wurde verurteilt, weil sie bei der Abgabe nicht darauf aufmerksam gemacht hat. Das waren wirklich Täfeli und kein Medikament, aber die Apotheke habe die Sorgfaltspflicht verletzt bei der Abgabe, denn sie hätten wissen müssen, für was der Patient das braucht – und dass das nicht mehr hilft. Ein absolut tragischer Fall!

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