Warum es heute keine Halstäfeli gibt (sorry)

„Moment, den nehme ich.“ – sage ich zur Kollegin in der Apotheke, als ich den stämmigen Mann in die Apotheke stapfen sehe. Ich weiss, was er verlangen wird: eine spezifische Marke Halsschmerztabletten. Ich weiss das, weil er es bei mir schon hatte. Und bei der Kollegin, die ich grad nach hinten gesendet habe. Und … eigentlich bei jeder Mitarbeiterin, die bei uns arbeitet. Er kommt häufig. Sehr häufig. Das ist jedem hier schon aufgefallen – und ich wurde darauf aufmerksam gemacht. Man hat versucht, mit ihm zu reden. Das ist schwierig, nicht nur wegen der Sprachbarriere. Er will seine Täfeli und er will nicht erklären, wieso oder was sonst noch. Er wird ruppig, laut und schmeisst das Münz auf die Theke. Das Problem ist, dass das nicht „Täfeli“ sind. Das ist ein Medikament gegen Halsschmerzen, das von der swissmedic zugelassen wurde, eine Packungsbeilage in 3 Sprachen hat und Wirkstoffe enthält. In dem Fall Lidocain und Chlorhexidin. Das Menthol, das zusätzlich kühlend wirkt, lassen wir hier als Geschmacksgeber auf der Seite. Das Medikament ist sehr günstig und schmeckt wahrscheinlich ganz ordentlich, weshalb er irgendwann vor 3 Monaten angefangen hat, das zu holen. Vielleicht war es anfangs mal gegen Halsschmerzen, aber nach 3 Monaten? Dazu nimmt er ganz sicher mehr, als die empfohlene Dosierung. Das weiss ich, weil er 2 bis 3 mal die Woche das bei uns holt. Die grosse Packung mit 50 Stück. Er holt so viel, dass ich das sogar bei den Abverkaufszahlen für das Mittel seit 3 Monaten sehe. Die sind 3x höher als vorher. Und wahrscheinlich sind wir nicht mal die einzige Bezugs-Apotheke – wir sind in der Stadt und es hat noch ein paar andere in der Nähe.

Heute ist er wieder bei uns. Und heute habe ich beschlossen, mit ihm über das Medikament zu reden und mich nicht abwimmeln oder einschüchtern zu lassen. Wenn ich von ihm keine Antworten bekomme, bekommt er kein Medikament.
Wieso mache ich das? Es wäre einfacher, angenehmer und lukrativer (auch wenn es nur ein paar Rappen pro Packung sind), ihm das Zeug einfach zu geben. Aber als Apotheke habe ich auch eine gewisse Verantwortung. Das richtige Medikament, in der richtigen Dosierung für den richtigen Patienten. Medikamente sind keine Täfeli … auch wenn es sich in dem Fall um Lutschtabletten handelt. Was kann schon passieren? fragt man sich vielleicht?

Chlorhexidin: das ist ein Desinfektionsmittel. Im Mundbereich angewendet, killt es Bakterien – auch die guten. Eine veränderte Mundflora kann diverse Auswirkungen haben, von Wunden in der Mundschleimhaut über Mundgeruch etc. Langzeitanwendung von Desinfektionsmitteln kann zu Resistenzentwicklung führen. Und Chlorhexidin sollte sowieso nicht langfristig angewendet werden, da es auf den Zähnen gelb-braune Flecken hinterlässt, vielleicht bleibend.
Lidocain ist ein Lokalanästheticum. Es betäubt die Schleimhaut. Wenn man zuviel nimmt, reizt das auch die Mundschleimhaut. Und wenn man so viel nimmt, wie der Mann, besteht die Möglichkeit, dass genug aufgenommen wird, dass das auch Auswirkungen auf das Herz hat – es hemmt die Nervenübertragung und wirkt antiarrhythmisch.
Das Mittel ist künstlich gesüsst. Zuviel Süssstoff wirkt oft abführend.

Der Mann schmeisst mir (wie immer) die alte Packung auf die Theke und kramt schon nach dem nötigen Kleingeld dafür.
„Guten Morgen! Sie möchten wieder so eine Packung?“
Mir fällt auf, dass das Preisetikett von einer anderen Apotheke ist – wie gedacht. Nicht nur bei uns.
„Das da!“ grunzt er.
„Gut, ist es für sie selber?“
„Ja. Das da!“
„Für was brauchen sie es?“
Er schmeisst das Münz auf die Theke.
„Mir ist aufgefallen, dass sie das schon länger holen kommen. Haben sie immer noch Halsschmerzen?“
„Nein. Keine Halsschmerzen! Will das!“ Er funkelt mich an, weil ich immer noch nicht unterwegs bin, das holen.
„Für was nehmen sie es?“

Kleine Zwischenanmerkung: Man hat schon mehrmals versucht, das zu fragen. Die (knappen) Antworten waren uneindeutig. Für den Mund? wegen dem Diabetes? und immer nur: ich will das jetzt und nicht reden, weshalb. Aber das mit dem Diabetes hat mich aufmerksam gemacht. Denkt er, das hilft gegen den hohen Blutzucker? (Tut es nicht). Denkt er, das sei wie Traubenzucker zu nehmen bei niedrigem Blutzucker? Ist auch nicht dafür, da künstlich gesüsst.

„Ich hab Diabetes“. Sagt er.
„Ja, das habe ich verstanden, aber das erklärt nicht, weshalb sie diese Lutschtabletten gegen Halsschmerzen brauchen. Das ist kein Zucker.“
„Ich weiss, ist kein Zucker, deshalb ich das nehmen. Du mir das jetzt geben.“
„Sobald ich weiss, dass das das richtige Medikament für sie ist. Das sind nicht einfach Täfeli. Für was genau nehmen sie das wegen Diabetes?“
„Hilft, dass ich nicht muss trinken.“
„Dann nehmen sie das, wenn sie einen trockenen Mund haben? Oder wenn sie Durst haben?“
„Ja. Ich nehme das jetzt!“ Er schiebt mir wieder aggressiv den ganzen Inhalt seines Portmonees über den Tisch.

Mein Fehler, 2 Fragen aufs Mal gestellt. Ein schlecht eingestellter Diabetes macht übrigens Durst.

„Aber das ist nicht dafür, da gibt es anderes, das besser ist. „
„Will nicht anderes, ich will jetzt das.“
„Ja, das habe ich verstanden, aber das kann ich ihnen so nicht geben.“
„Was? Ich bekomme das nicht?“
„Nein.“ (Ich habe mich entschieden). Die Mengen, die er nimmt, dürften wirklich ungesund sein. Er nimmt das nicht richtig. Es liegt in meiner Verantwortung – und ich verweigere deshalb die Abgabe. Ich versuche ihm das zu erklären.

Er ist kurz baff.
„Aber ich zahle! Hier! Geben sie es mir.“
„Nein.“ Noch ein Erklärungsversuch.
„Du nicht müssen Angst haben. Du gibts mir das einfach.“
„Nein.“ (auch einfach).
„Wieso nein?“
„Weil das ein Medikament ist und sie es nicht korrekt verwenden.“
„Das kein Medikament.“
„Doch, das ist es. Sehen sie hier das „D“ – die swissmedic, die schweizerische Stelle für Arzneimittel hat das Medikament zugelassen und gelistet.“

Er will weiter diskutieren … oder besser, er will das Mittel. Wirklich. Jetzt. Er bleibt an der Theke stehen und sieht sich hilfesuchend um. Er entdeckt meine Kollegin, die grad mit einem anderen Kunden fertig geworden ist und ruft ihr: „He! Ich will so eins!“ er wedelt mit der Packung. Sie hat das vorher aber mitbekommen.

„Nein, tut mir leid, aber wir geben ihnen keine.“
„Sie (deutet auf mich) gibt mir keine. Du kannst mir geben!“
„Nein, es gibt heute keine.“
„Ich will Chef reden!“
Die Kollegin deutet auf mich.
„Du Chef?“
„Ja, ich Chef. Und ich habe gesagt, es gibt heute keine.“
„Aber wieso??? Ich zahle! Hier!“

Ich versuche es noch einmal zu erklären. Das Ergebnis ist nur das übliche Abwinken. Er will das nicht hören.
Er stand dann noch 5 Minuten erwartungsvoll vor mir. Und versuchte es beim Lehrling auch nochmal, mit dem gleichen Ergebnis: Nein.
Endlich ging er dann. Ich bin sicher, das in einer anderen Apotheke probieren. Mal sehen, wie lange es geht, bis die anderen reagieren.

Das Problem ist wahrscheinlich entstanden, als er die mal gegen Halsschmerzen bekommen hat – und gemerkt hat, wie günstig die sind. Zu billig für ein richtiges Medikament offensichtlich. Günstiger in der Menge sogar als Ricola.

Die Begebenheit erinnerte mich an einen Vorfall in Deutschland vor geraumer Zeit. Da nahm ein (Stamm-)Kunde immer Täfeli, die er in der Apotheke gekauft hat, für den Fall, dass er eine Unterzuckerung hatte. Statt Traubenzucker. Irgendwann haben die Hersteller die Zusammensetzung der Täfeli geändert und die neue Formulierung war zuckerfrei. Das stand irgendwo auf der Packung, wenn man darauf achtete. Leider hat weder der Kunde noch die Apotheke das bemerkt. Als dann die Unterzuckerung kam, halfen die Täfeli nicht. Der Patient ist gestorben – und die Apotheke wurde verurteilt, weil sie bei der Abgabe nicht darauf aufmerksam gemacht hat. Das waren wirklich Täfeli und kein Medikament, aber die Apotheke habe die Sorgfaltspflicht verletzt bei der Abgabe, denn sie hätten wissen müssen, für was der Patient das braucht – und dass das nicht mehr hilft. Ein absolut tragischer Fall!

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Wie man die Phytotherapie wegreguliert

Phytotherapie – die Behandlung von Gesundheitsbeschwerden mit Pflanzen ist aktuell (und dabei still und leise) so unter Beschuss, dass sie zunehmend aus der Apotheke und Drogerie zu verschwinden droht. Dabei geht es vor allem um die Tees, nicht um die Arzneimittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen.

Beispiel gefällig? Vor einiger Zeit habe ich schon über die Problematik der Biologischen Tees und Kräuter geschrieben. Hier: Bio ist zu kompliziert. In kurz: Damit Bio drauf stehen kann (auch nur in den Inhaltslisten von Teemischungen), müssen alle Bio-Produkte getrennt von den anderen Produkten gelagert werden, Bio muss vor dem Kunden und nicht im voraus abgefüllt werden, ausser den Analysenzertifikaten müssen für Bio-Produkte die Belege eines zertifizierten Produktions-, Aufbereitungs-, Vermarktungs-, Lagerhaltungs- oder Einfuhrunternehmens vorgewiesen werden. Ergebnis: Wir füllen keine Bio-Tees mehr ab und bestellen keine Bio-Qualität mehr, da wir das wegen der Regelungen nicht mehr so anschreiben dürfen. Wenn nichts anderes als Bio zu bekommen ist, müssen wir das unter nicht-Bio einbuchen und anschreiben. (Mehraufwand)

Die Eingangskontrollen der Teedrogen hat sich verkompliziert. Schuld daran sind vor allem die Pyrrolizindinalkaloide, ein Stoff, der in vielen Pflanzen vorkommt und von denen einige Vertreter leberschädigend und (in hohen Dosen) auch krebserregend sein können. (Info hier beim BAG) Da diese Stoffe gut wasserlöslich sind und in den Tee beim Brühen übergehen, muss nun in der Apotheke (und Drogerie) sichergestellt werden, dass das nicht in gesundheitsschädlichen Mengen passieren kann. Seit 2024 gibt es also festgelegte Höchstgrenzen, beim Wareneingang müssen wir nun nicht nur feststellen, dass das korrekte Produkt gekommen ist, sondern auch toxikologische Berechnungen anstellen, um herauszufinden, dass das in Teemischungen und „bei üblicher Konsumationsmenge“ nicht überschritten wird. (Echt Mühsam!)

Preiserhöhungen gibt es bei den Teedrogen genau wie bei allem anderen. In den letzten Jahren haben sich die Preise mancher Tees und Kräuter massiv erhöht. Das wirkt sich dann auch direkt auf den Verkaufspreis von durch uns abgefüllter oder gemischter Tees aus. Zu dem fällt mir die Orangenblüte ein. Aurantii amari flos – so der lateinische Name- wird als Arzneimittel für beruhigende Tees eingesetzt und riecht viel besser als zum Beispiel Baldrian. Der Name kommt von Gold (lat. aurum) wegen der goldgelben Farbe, aber wenn man den Preis heute anschaut, könnte man meinen, es kommt davon, dass es mit Gold aufgewogen wird. Auch anderes ist vom Preis her gestiegen, so dass wir heute bei Nachbestellungen von kundenspezifischen Teemischungen vor der Herstellung nachfragen, ob der neue Preis noch in Ordnung ist.

Phytopharma wie Tees und Teemischungen sind Arznei- und Heilmittel. Damit das aber in der Apotheke oder Drogerie als solches angeschrieben werden darf, muss es aus Bestandteilen sein, die nach der Pharmakopöe Helvetica oder der Europäischen Pharmakopö gepruft worden sind. Wir beziehen unsere Teedrogen von Firmen, die die Arzneimittel testen und ein Analysenzertifikat mitschicken, dass sie den Vorgaben der Pharmakopoe entsprechen. Nun hat es die Firma, von denen wir die meisten unserer Teedrogen beziehen offenbar versäumt, ihre Zulassung dafür zu verlängern. Bedeutet: sie können die Teedrogen weiterhin liefern, aber nicht mehr anschreiben, dass sie Arzneimittelqualität haben (obwohl sich bei den Tests etc. nichts geändert hat). Theoretisch müssten wir in der Apotheke jetzt also nachweisen, dass die Tees entsprechen. Der Aufwand ist nicht machbar. Praktisch hat das für die Apotheke das zur Folge: Wir dürfen auf Tees und Teemischungen, die wir mit Tees von der Firma gemacht haben / noch machen keine Anpreisungen machen, die auf ein Arzneimittel hindeuten. Zum Beispiel ein Tee mit Thymian, Malve, Süssholz etc. gegen Husten darf nicht mehr „Hustentee“ genannt werden, da „Husten“ eine medizinische Indikation ist. Ich muss das anschreiben mit einem Phantasienamen wie „Atemwohltee“ oder ähnliches. Fazit: Wir bestellen keine Tees mehr von dort. (Und das ist einer der grössten Lieferanten für Tees in der Schweiz).

Ich bin ein grosser Fan von Phytotherapie. Als Apothekerin stehe ich zwar auf der Seite, dass „natürlich“ nicht immer gleich „gesund“ ist … wer das sagt, hat offenbar keine Ahnung von Giftpflanzen, die sind auch natürlich – und sehr ungesund für uns Menschen. Ausserdem bedeutet „pflanzlich“ nicht „ohne Chemie“. Zitat vom Botaniker: „Pflanzen sind die besten Chemiker!“. Mit ein Grund, weshalb wir heute noch einige pflanzliche Wirkstoffe und Medikamente haben (mit nachgewiesener Wirkung) ist, dass die Pflanzen diese Wirkstoffe (die definitionsgemäss Chemikalien sind) produziert haben – zum Beispiel um sich von Fressfeinden zu schützen, Insekten abzuschrecken, schlecht zu schmecken, Einfluss auf Verhalten und Fortpflanzung zu nehmen, etc.
Aber wenn die Anwendung von Tees so „wegreguliert“ wird in der Apotheke, dass es uns enorm schwierig gemacht wird, das den Vorschriften entsprechend zu lagern, den Wareneingang zu machen, das abzufüllen und korrekt anzuschreiben … ja, das wird weniger werden in Zukunft. Sehr Schade.

In der Umgebung gibt es übrigens eine ehemalige Drogerie, die sich auf Tees und Kräuter spezialisiert hat. Das ist heute keine Drogerie mehr … nach dem, was sie geschrieben haben, auch wegen der zunehmenden Vorschriften. In Schweizer Drogerien müssen ebenfalls rund um die Uhr Fachangestellte arbeiten – also Drogisten und Drogistinnen (und Pharmaassistent*innen und Fachfrau/mann Apotheke) – und um das Drogerie zu behalten, braucht es Drogisten HF (mit Weiterbildungstitel). Als nicht-mehr-Drogerie müssen sie sich nicht mehr an alle Vorschriften halten … allerdings gilt auch da, dass sie die Sachen dann nicht mehr als Arzneitees anpreisen oder verkaufen dürfen. Ich finde das schwierig.

Dried herbs and spices in a petri dish being examined with tweezers in a laboratory
A scientist examines dried herbs and spices in a petri dish using tweezers in a chemical laboratory.

Kennen sie mich nicht?

Liegts an der Weihnachtszeit? Werden die Leute allgemein ungeduldiger, fordernder, unhöflicher? Ich weiss es nicht, aber die Schlagfertigkeit meiner Kolleginnen bringt mich immer wieder zum lachen.

Donna zum Beispiel: Nach dem Kosmetikverkauf fragt sie die Kundin an der Kasse, wie der Name ist, damit sie den Verkauf auf der Kundenkarte festhalten kann.

Kundin (aggressiv): „Ich bin Stammkundin, sie sollten mich kennen!“

Donna: „Tue ich, aber noch nicht mit dem Namen.“

Kundin (laut) „Das geht ja gar nicht!“

Donna (Hält sich das Namensschild zu): „Okay … Wie heisse ich?“

Kundin: „Ich lese keine Namensschilder!“

Donna: „Und ich keine Gedanken. Also …Name?“

:-)

Die Kundin hatte eigentlich die einfachere Aufgabe – erstens das Namensschild und zweitens hat sie sicher mit weniger Angestellten (im ganzen) zu tun, wo man sich den Namen merken könnte, als wir mit Kunden und Patienten pro Stunde. Für den Kosmetikverkauf müssten wir den Namen auch nicht wissen, das mit der Kundenkarte ist durchaus freiwillig und nur zugunsten der Kunden.
Nach so etwas weiss Donna aber sicher den Namen der Kundin. Mir bleibt der nach so etwas auch immer besser im Gedächtnis :-)
Ziel erreicht?

Resilienz in der Apotheke – Oder: Wie ich überlebt habe

2023 und auch 2024 waren echt zum Vergessen für mich. Meine Mutter starb Anfang 23, mein Vater im Herbst 23. Während Mama vorher einige Zeit Herzkrank war, dann mit Sepsis ins Spital war und wir zumindest ein paar Tage Zeit hatten, uns vorzubereiten, kam der Tod von Papa überraschend direkt nach den Ferien, die wir zusammen verbracht haben. Ich habe ihn selbst in seiner Wohnung aufgefunden. Beide waren mir immer eine starke Stütze und ich trauerte und vermisse sie immer noch sehr. Dazu kamen bestehende eigene gesundheitliche Probleme, wegen Covid-Folgen und vermehrter Stress in der Apotheke aufgrund kranker Mitarbeiter und Mutterschaft.

Dann kündigte gleich anschliessend an die Beerdigung von Papa meine junge Mit-Betriebsleiterin, die den Drogerieteil unserer Apotheke und Drogerie unter sich hatte – wahrscheinlich wegen Überforderung. Wie man sich vorstellen kann, war ich 2023 nicht ganz auf der Höhe und habe ihr vielleicht nicht die nötige Unterstützung bieten können – Ehrlich, ich war mit meinen eigenen Aufgaben in der Apotheke mehr als ausgelastet und hab versucht meine persönlichen Probleme nicht in die Apotheke zu bringen. Mehr lag bei mir in der Zeit nicht drin. Ihr Führungsstil war aber schon länger eher suboptimal, micromanagend und gleichzeitig hatte sie Probleme Aufgaben abzugeben. Kurz vor Weihnachten 23 eskalierte das mit einer langjährigen Mitarbeiterin in einem Mass, dass ich mich (erstmals überhaupt) und offen gegen sie stellen musste, weil ihre Entscheidung für das Geschäft schädigend war. Noch am gleichen Tag liess sie sich krankschreiben. Wiederholt. Sie kam dann bis zu ihrem Arbeitsende 3 Monate später nicht mehr arbeiten. Ich musste ihre ganzen Aufgaben von einem Tag auf den nächsten übernehmen, einschliesslich Lehrlingsbetreuung Drogerie, Drogeriesortiment-bestellungen, Arbeitspläne Drogerie usw. Daneben räumte ich die Wohnung der Eltern aus und war auf der Beerdigung von einer Tante und einem Götti, die in der Zeit gestorben sind.

2024 ging genau so weiter: Eine Mitarbeiterin musste wegen schwieriger Schwangerschaft früher in den Mutterschaftsurlaub. Für sie konnten wir eine neue Mitarbeiterin einstellen. Die erfahrene Pharmaassistentin arbeitete gut – bis das Schicksal auch sie hart traf: Familienprobleme, gesundheitliche Probleme, kranke und sterbende Haustiere, kranke Verwandte – das ganze Programm. Mehr als genug für einen Burnout. Sie kündigte vorher, um das zu verhindern. In der Zwischenzeit suchten wir immer noch dringend eine neue Drogist*in HF als Co-Betriebsleitung.

Das war die Kurzfassung (ja, wirklich!) – und ich lebe noch, arbeite noch und der Apotheke und dem Rest der Mitarbeiter geht es gut. Ich habe dabei gezwungenermassen viel über Resilienz gelernt, was ich gerne weitergeben möchte. Zum Glück hatte ich schon Kurse in die Richtung, denn wenn man in so einer schwierigen Zeit drin ist, fehlt die Kraft sich das neu anzueignen.

Resilienz kommt vom lateinischen resiliere: abprallen, nicht anhaften und beschreibt die Fähigkeit, Belastungen auszuhalten, sich von Schicksalsschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen, sondern wieder auf die Beine zu kommen und sein Leben zu bewältigen.

Diese Einstellungen und Aktionen haben mir durch die schwierige Zeit geholfen:

Akzeptanz, die eigene innere Einstellung, Selbstwahrnehmung, Hilfe holen, Zukunftsorientierung, Verantwortung übernehmen und Lösungsorientierung.

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Akzeptanz

Manchmal ist es so: die Situation ist scheisse und sie lässt sich nicht ändern. Schicksal nennt man das auch. Dinge gegenüber denen man oft nur hilflos ist. Naturkatastrophen, Todesfälle, Krankheiten, aber auch die Entscheidungen von anderen Leuten, die man akzeptieren muss. Von Politikern hat man schon gehört „it is what it is.“ Man kann am Ende nichts anderes, als das hinnehmen. Es hilft, wenn man sich da innerlich nicht zu sehr wehrt und damit hadert und sich Gedanken macht, weshalb, warum und wäre doch … Es ist jetzt so. Mist. Traurig. Ja. Hinfallen darf jeder – es geht darum, wieder aufzustehen. Krönchen richten und weiter gehts.

Eine positive innere Einstellung

Auch wenn das aktuell eine schlimme Situation ist – das wird wieder anders. Es ist nicht nur so, dass das Leben weiter geht. Es wird auch wieder besser werden. Es gibt Trauer, es gibt depressive Verstimmungen und die Hormone tragen bei uns Frauen auch nicht gerade zu einer optimistischen Stimmung bei – ich selbst falle regelmässig vor der Mens in ein tiefes Loch. Aber ich weiss dann auch an was das liegt … und dass es besser wird. Das Leben ist schön, auch wenn man es vielleicht in dem Moment nicht sehen kann. Meine Eltern haben mir das immer vermittelt und ich weiss, dass sie nicht wollten, dass ich nur noch Trübsal blase und das Schöne und Gute im Leben nicht mehr sehe. Ich war in der Zeit oft unterwegs zur Arbeit, einerseits weinend vor Trauer und konnte trotzdem Freude haben an dem Regenbogen oder an guten Nachrichten. Was ich von meinen Eltern auch gelernt habe, ist dankbar zu sein – und das auch zu zeigen. Ich bin Dankbar für Familie und Team und Arbeit – und gutes Essen, schöne Ferien, dass ich in der Lage bin mit dem Velo zur Arbeit zu fahren und mehr.

Selbstwahrnehmung und Selbstregulation

In so schwierigen Zeiten muss man sich fast zwingen, etwas auf sich zu achten. Mir haben im kleinen Rahmen diese Tipps geholfen: Wenn du das Gefühl hast, alle hassen dich: schau, dass du genug Schlaf bekommst. Wenn du das Gefühl hast, du hasst alle: Iss etwas. Wenn du das Gefühl hast, du hasst dich selber: nimm eine Dusche.

Weil ich meinen Papa in der Dusche tot aufgefunden habe, brauchte der Teil bei mir mehr Überwindung, trotzdem fühlte ich mich nach einer Dusche besser. Und das mit dem Essen: die Snickers Werbung „Du bist nicht du selber, wenn du Hunger hast“ kennt man noch, oder?

Etwas noch: Wenn man die äusseren Umstände nicht ändern kann – vielleicht kann man seine Einstellung ändern? Das scheint oft unmöglich, ist aber enorm befreiend, wenn es klappt. Es hilft, sich klarzumachen, dass man bei der Arbeit (egal in welcher Position) nicht wirklich unersetzlich ist. Sich zu fragen: Was ist mir wichtig genug, dafür zu kämpfen? Choose your Battles, lass Unwichtiges laufen. Und wenn die eigenen körperlichen und seelischen Grenzen erreicht sind, dann sollte man auch mal sagen: Jetzt ist fertig für heute. Ich brauche jetzt dringend Ruhe, gehe nach Hause, lasse mich ablösen.

Netzwerkorientierung  und Hilfe holen

Man ist nicht allein. Der Mensch ist ein soziales Wesen und selbst introvertierte Typen wie ich selbst haben (kleine) Netzwerke. Familie (was noch da ist), Freundeskreis, Arbeitskollegen und Vorgesetzte. Ich habe einen Bruder, mit dem ich in dem schwierigen letzten Jahr wieder mehr zusammengewachsen bin. Er und Familie waren eine grosse Hilfe beim Bewältigen des Todes unserer Eltern und der nachfolgenden Beerdigung und Behördenkram. Mein Mann und Sohn teilen meine Trauer und fangen mich zu Hause auf. In der Apotheke habe ich das Team, das sich in der schweren Zeit zu Höchstleistung aufschwang und mit gegenseitiger Hilfe und Einsätzen half. Ihnen konnte ich einen Teil der Aufgaben weitergeben und sicher sein, dass die Apotheke weiterläuft. Und ich habe Hilfe geholt bei meinen Vorgesetzten, die Aufgaben übernommen haben wie der Suche nach einer neuen Co-Betriebsleitung, Behördenkommunikation und Einsätzen von auswärtigen Mitarbeitern in unserer Apotheke … unter anderem auch für mich selbst. Das ist die Zeit um zu sehen ob Angebote wie: „Wenn Du Hilfe brauchst, musst du nur fragen“ nicht nur Floskeln sind. Falsche Scham hilft nicht.

Orientierung auf die Zukunft

Jetzt ist die Situation vielleicht miserabel, aber es gibt Hoffnung für die Zukunft. Probleme künden sich häufig vorher an und“ beobachten“ ist nur ganz in der Anfangsphase eine gute Idee. Meine Mama sagte immer: Probleme sich selbst zu überlassen führt meist vom Regen in die Traufe. Vorausschauend handeln hilft. Meine Co-Betriebsleitung machte zum Beispiel die Arbeitspläne (ausser für die Apotheker) – das ist viel Arbeit und Zeitaufwändig (vor allem, wenn man wegen Krankmeldungen etc. kurzfristig Ersatz suchen muss), deshalb drängte ich darauf, da eine langjährige Mitarbeiterin einzuführen, um sie zu entlasten – und die war dann parat, als meine Co-Leitung hinschmiss. Apropos Arbeitspläne … in der immer noch aktuellen Situation mit hohen Krankheitsständen und Ausfällen ist es gut, da etwas mehr Arbeitsprozente zur Verfügung zu haben.

Verantwortung übernehmen

Es ist gut möglich, dass meine Situation mitbestimmend war für die Entscheidungen meiner Co-Betriebsleiterin. Aber SIE hat gekündigt, nicht ich. Ich übernehme Verantwortung, aber nicht Schuld. Damit hatte ich noch nie Mühe. Vor 20 Jahren wurde ich etwas überraschend Co-Betriebsleiterin, nachdem ich in der Apotheke als angestellte Apothekerin immer mehr Aufgaben übernommen und gelernt habe, wie alles läuft. Als sich mein damaliger Chef mit dem Inhaber angelegt hat, war ich der parate Ersatz. Als nun meine Co-Betriebsleitung gekündet hat, war ich trotzdem erst mal völlig überwältigt davon, dass jetzt einfach *alles* an mir allein liegt. Dann fand ich mich damit ab und das machte mir das Ganze etwas einfacher. Wenn nur ich jetzt für alles verantwortlich bin, muss ich mich nicht mehr absprechen, nachfragen, ob etwas gemacht wurde, oder mich eventuell über andere ärgern, wenn nicht. Ich habe die Aufgaben trotzdem nicht alle behalten, sie wurden delegiert und weil ich ein gutes Team habe, werden sie auch gut gemacht.

Lösungsorientierung

Schwierige Situationen stellen uns vor Probleme. Manchmal kommen sie uns wie unüberwindbare Berge vor. Probleme sind aber häufig lösbar. Es gibt Strategien, die helfen. Mir half es bewusst zu werden, dass das kein Sprint ist, sondern mehr ein Marathonrennen oder vielleicht auch ein Hindernislauf. Man sollte seine Kräfte dafür einteilen, immer ein Problem nach dem anderen angehen, Babysteps machen: kleine Schritte, aber nicht aufhören, immer nur ein bisschen (weiter). Und ganz wichtig ist es, Prioritäten zu setzen. Wichtiges zuerst, unwichtiges später. Sachen mit Deadline zur Zeit erledigen, anderes schieben. Nicht alles muss man selbst machen. Delegieren, sich Hilfe holen ist wichtig. Manchmal muss man auch über den Rand hinausdenken. Wir haben keine Drogistin HF gefunden, dann gab es eine andere Lösung.

Wir sind jetzt nur noch eine Apotheke und keine Drogerie mehr – aber mit demselben Sortiment wie vorhin und bilden weiterhin Drogistenlehrlinge aus. Ich habe eine Co-Betriebsleiterin bekommen, die Apothekerin ist, wie ich und mit der ich Aufgaben und Verantwortung teile. Unser Lehrling hat seinen Abschluss gut bestanden. Die Personalsituation hat sich wieder entspannt, die Kollegin ist aus der Mutterschaft zurück. Es geht aufwärts. Man muss etwas dafür tun, aber das wird! Es lohnt sich, Resilienz zu entwickeln.

Ganz Spurlos geht so etwas trotzdem nicht an einem vorbei. Ich bin dünnhäutiger geworden und ich merke, dass ich meine Prioritäten anders setze. Ich habe angefangen mehr auf mich selbst zu schauen. Ich habe meine Eltern verloren und geerbt. Ich bin dadurch nicht reich, aber habe eine Reserve hintendran, die ich vorher nicht hatte.

Der Artikel wurde letztes Jahr in der Pharmapro veröffentlicht. An dem Ort finden Apotheken Mitarbeiter*innen und Branchennews.