Auf diese Liste will keiner (1)

Vor ein paar Jahren habe ich hier gelernt, dass auch die Krankenkassen so etwas wie Sperrlisten führen. Das heisst, sie kontrollieren die Medikamente darauf, ob die Dosierungsintervalle plausibel sind – und wenn jemand exzessiv darüber geht (vor allem bei Medikamenten mit Limitatio wie Bezodiazepinen) dann bekommt der Patient erst mal einen Brief mit einer Warnung … bevor ihm die Medikamente dann irgendwann nicht mehr bezahlt werden. Da die meist sowieso nicht so teuer sind, führt das wahrscheinlich meistens einfach dazu, dass die Patienten das dann in der Apotheke halt selber zahlen. Problem gelöst – für die Kasse zumindest.

Eine Sperrliste (Namen sicher unterschiedlich) existiert intrakantonell und wird von den Gesundheitsdiensten geführt. Da landen die Personen drauf, die mehrfach Rezepte ge- oder verfälscht haben, Ärzte- und Apothekenhopping betrieben haben und (trotzdem) so aufgefallen sind, dass versucht wird, ihrem Missbrauch entgegenzutreten. Die werden dann „gesperrt“ für bestimmte Medikamente, die sie dann nur noch von einem bestimmten Arzt und einer bestimmten Apotheke beziehen dürfen. Es ist nicht ganz einfach auf der Liste zu landen. Es ist fast schwerer, da wieder runter zu kommen, obwohl ich im letzten Jahr das tatsächlich mehrmal gesehen habe. Auffallend, dass beim letzten Update grad 3 gestrichen wurden, die gestorben sind.

Wie man auf der Liste landet, dazu habe ich ein Beispiel aus unserer Apotheke (Info verändert, wie immer):

Auftritt Frau Bündchen. Frau Bündchen ist mittleren Alters (um die 45), hat keine Familie, kümmert sich aber um die Mutter, die ebenfalls in der Nähe wohnt. Sie selber ist soweit gesund, bis auf ein Schmerzproblem, für das sie vom Arzt Tramadol retard verschrieben bekommen hat, als Dauermedikation. Die Mutter ist (für ihr Alter nicht ungewöhnlich) polymorbid und bekommt eine Vielzahl Medikamente. Sie hat ausserdem die Hauspflege, die hauptsächlich für sie sorgt und die auch Medikamente von uns bezieht. Sowohl Frau Bündchen als auch ihre Mutter sind also bei uns Patienten – auch wenn ich die Mutter nie gesehen habe. Die Rezepte und Bestellungen der Medikamente sprechen für sich.

Frau Bündchen ist immer sehr nett, wenn sie in der Apotheke ist – sie redet sehr viel, macht Smalltalk, wenn sie ihr Medikament abholt, oder etwas für die Mutter … und erklärt auch sehr viel, warum sie (diesmal) wieder zu früh dran ist mit dem Tramadol-Tabletten-Bezug.
Das häuft sich. Ferien? Wochenendausflug? Spitalaufenthalt der Mutter? – Wir machen, was wir immer machen in so Fällen: Wir machen deutlich auf die verschriebene Dosierung aufmerksam (die hier sehr am oberen Ende des Möglichen liegt). Beim nächsten Mal machen wir darauf aufmerksam, dass es danach zu früh ist und dass das nicht sein sollte bei dem Medikament und der Dosierung. Und vom nächsten Mal an schreiben wir auf die Dosierungsetikette drauf, wie lange die Packung halten muss / ab wann der nächste Bezug möglich ist.
Frau Bündchen durchgeht die Stufen recht schnell und zeigt sich auch sehr verständlich (wenn auch gerne diskutierend und auf Ausnahmen bedacht).

Wer nimmt die Tropfen?
Dennoch fällt das auf. Was auch auffällt: ich habe ja geschrieben, dass sowohl die Hauspflege als auch sie Medikamente für ihre Mutter bei uns beziehen. Die Hauspflege bezieht alles mögliche: Blutdruckmittel, Diuretika, Cholesterinmittel, Inkontinenzprodukte etc. Frau Bündchen holt dafür praktisch ausschliesslich das Schmerzmittel: Tramadol-Tropfen. Zwischendurch auch mal ’ne Packung Tena, aber sonst: immer Tramadol-Tropfen. Und auch hier: in Mengen, dass wir auch bei denen bald anfangen müssen die Abgabeintervalle auf die Dosierungsetikette zu schreiben. Dazu brauchte ich hier die Dosierung, die ich auf Nachfrage auch beim Arzt bekomme. Auch da eher obere Grenze der Empfehlungen. Und auch hier: das wird ausgeschöpft: Frau Bündchen steht immer rechtzeitig zum „Termin“ zum Abholen in der Apotheke.

Die misstrauischeren unter meinen Lesern denken jetzt vielleicht dasselbe wie wir nach einer Weile: ist es wirklich die Mutter, die die Tropfen nimmt? Tramadol ist ein Opioides Schmerzmittel für mittelstarke bis starke Schmerzen. Sie können Abhängig machen. Die retard Tabletten haben eine langsame Aufnahme und längere Wirkung im Körper. Die Tropfen werden schnell aufgenommen und wirken schneller und können ein „High“ machen, was bei den retardierten Tabletten schwierig/er ist. Unser Verdacht ist, dass die Tochter das Medikament für sich nimmt, aber aus Gründen des Patientenschutzes ist das Nachfragen dazu etwas „delikat“. Die Haushilfe wurde beim Bezug der anderen Medikamente einmal gefragt, ob sie auch das Tramadol mitnehmen will? Das hat die Frau von der Haushilfe mehr als verwirrt: laut ihr hat Frau Bündchen senior nämlich gar keine Schmerzmittel. Jedenfalls habe sie nichts auf der Liste der Sachen, die sie ihr geben. Etwas später kommt Frau Bündchen selber in die Apotheke: „Die Haushilfe weiss nichts von dem, weil sie (die Tochter) für die Gabe der Tropfen der Mutter verantwortlich zeichne und das mache. Da ist alles okay.“ Offenbar hat die Haushilfe da nachgefragt …

Neue Rezepte benötigt
Zeit vergeht, ohne dass sich gross etwas ändert. Ein neues Rezept vom Arzt wird nötig für Frau Bündchen. Der Arzt schickt uns eines – per Fax, aber es ist kein Dauerrezept.
Wir machen sie bei der nächsten Abgabe darauf aufmerksam und sie verspricht dafür zu sorgen, dass ein Dauerrezept ausgestellt wird. Sie will nicht, dass wir den Arzt dafür kontaktieren.
20 Tage gehen um, kein neues Rezept erscheint, aber Frau Bündchen steht wieder hier für die nächste Packung: „Oh, ich war sicher, er hat es inzwischen geschickt. Ich frage noch einmal nach.“ Noch am selben Nachmittag steht sie mit vor ein paar Tagen neu ausgestelltem Dauerrezept wieder da.
Aber: das Rezept ist ein (Farb-)Ausdruck. Die Unterschrift nicht Original. Kein Stempel. Auf Nachfrage erklärt sie, dass der Arzt ihr das Rezept per Email zugesendet habe. Damit habe ich ein Problem – siehe auch hier: ist das elektronische Rezept gültig?
Ich will sie jetzt nicht da drauf ansetzen das zu missbrauchen, also sage ich bei ihr nicht viel weiter, aber ich kontaktiere danach doch den Arzt, respektive die Praxis – ich muss mich ja versichern, dass das ein richtiges Rezept ist … und ausserdem möchte ich ihn darauf aufmerksam machen, dass er weiss, wie regelmässig sie das bezieht, respektive wie häufig.

Das Telefonat war aufschlussreich auf verschiedenen Ebenen. Zuerst einmal, dass die Praxis darin kein Problem sieht, Rezepte per email an die Patienten zu schicken. Das machen sie offenbar häufiger. (Sie sind nicht die einzigen, ich glaube auch, die meisten Apotheken haben es aufgegeben da zu informieren und geben die Medikamente einfach trotzdem ab, ausser vielleicht, es handelt sich um etwas das missbraucht werden kann. Dazu gehört auch Tramadol). Ich erkläre also mein Problem damit und bekomme die Antwort, die mich tatsächlich laut lachen lässt am Telefon: „aber Tramadol wird doch nicht missbraucht.“ Hahahah…doch. Frau Bündchen, zum Beispiel ist klar davon abhängig und holt das regelmässig in der nach der Dosierung maximal erhältlichen Menge – also alle 20 Tage. Bei uns. Auf das Dauerrezept. Mit dem von ihnen per email erhaltenen Rezept kann sie es mehrmals ausdrucken und in mehrere Apotheken das beziehen gehen. Vor allem auch, wenn die nicht so gut drauf schauen, ob das jetzt nicht etwa ein Farbausdruck ist und kein Original. Ich empfehle dringend (und allgemein) deshalb Rezepte nur direkt an die Apotheken zu faxen oder emailen. Sie versprach mir, zumindest einen Kommentar bei der Patientin zu machen, aber das Rezept sei gültig.

Kleiner Einschnitt: Es IST ein Problem. Es gibt keine zentrale Datenbank auf die Apotheken oder Ärzte Zugriff haben, wer für was wo ein Rezept hat. Ich kann nicht bei einer anderen Apotheke Einblick halten, ob dort schon etwas bezogen wurde. Wenn das über die Krankenkasse verrechnet wird, fällt das eventuell (!) auf – aber nicht unbedingt bei etwas, das keine hinterlegte Limitation hat, wie beim Tramadol. Wenn die Person bei verschiedenen Ärzten das Rezept holt und das in verschiedenen Apotheken einlöst kann das sehr lange dauern, bis so was überhaupt auffällt. Und wenn es auffällt …. dann liegt es am Engagement der Apotheke, ob und wie schnell da etwas gemacht wird. Denn auch wenn da im Gesetz steht „Missbrauch ist entgegenzutreten“ – an nicht abgegebenen Medikamenten verdienen wir auch nichts.

Mehr Ungereimtheiten
In der Zwischenzeit wird auch für die Mutter, Frau Bündchen Senior ein neues Tramadol-Tropfen-Rezept nötig, für die restliche Dauermedikation haben wir eines bekommen. Auch hier will Frau Bündchen nicht, dass wir den Arzt (einen anderen) kontaktieren: sie mache das. Zur Sicherheit mache ich sie darauf aufmerksam, dass das Rezept bitte direkt zu uns gesendet wird. Tatsächlich kommt es kurz darauf zu uns – per Email. Ein Dauerrezept.
Aber: keine Dosierung angegeben. Und die brauche ich – wie gesagt, das wird genauso regelmässig in der Maximaldosierung bezogen, wie die Tabletten. Grund bei der Praxis nachzufragen!

Auch dieses Telefonat war interessant. Die medizinische Praxisassistentin meinte erst nur, „nach Bedarf“, erst als ich ihr mein Problem damit erklärte und die bisher verschriebene hohe Dosierung, die regelmässig in der Maximaldosierung bezogen wird (von wem darf ich nicht sagen, oder?) und dass die Haushilfe, die sie sonst betreut auch nicht weiss, wie viel sie nimmt, da das die Tochter unter sich hätte. Sie verspricht mir das mit dem Arzt anzuschauen und sich wieder zu melden.
Die Rückmeldung ein paar Tage später bringt mir die Antwort: in der gleichen Dosierung wie bisher, sie wollen das aber mit der Patientin selber noch anschauen.

Es vergehen 2 Monate, bis sie das offenbar wirklich tun – wir erhalten nur die Meldung, dass das Dauerrezept gestoppt sei. Frau Bündchen Senior benötige keine so starken Schmerzmittel (mehr).
Die Tochter wirkt einigermassen überrascht von dem, insistiert jedoch nicht auf einer weiteren Abgabe, nachdem sie informiert wurde. Das ist einerseits erfreulich (vielleicht haben wir uns ja getäuscht), andererseits frage ich mich, ob sie da nicht noch andere Bezugsquellen hat. Seit dem „Dauerrezept-mail an Patient“-Vorfall scheint sie selber nicht mehr ganz so zeitig in der Apotheke zu stehen, die Tabletten abzuholen…

Wird fortgesetzt ….

Das letzte Rezept

Das war ein … interessantes Telefongespräch, das ich da mit dem Arzt hatte. Es ging um einen Patienten – nennen wir ihn Herrn Fensterglas -, der bei uns ein kontrolliertes Arzneimittel bezieht. In seinem Fall wurde eine tägliche Abgabe vorgeschrieben mit Ausnahmen, die nur via Arzt möglich sind. Vor etwa 2 Wochen wurde eine solche Ausnahme gemacht: der Patient ging in die Ferien und hat seine Medikamente mitbekommen – bis am nächsten Montag. Heute ist Freitag – tatsächlich war er gestern schon in der Apotheke und wollte sein Medikament wieder.

Er hat es nicht bekommen. Er hat (oder sollte) bis Montag seine Tabletten haben. Das an sich wäre noch nicht mal Grund, dem Arzt anzurufen, aber – sein Rezept läuft auch ab und da er das offensichtlich auch weiter beziehen will, frage ich besser wegen einem neuen Rezept nach.

Der Arzt ist sehr freundlich am Telefon und findet es sogar gut, dass wir dem Patienten gestern nichts gegeben haben. Er selber habe auch noch nichts von ihm gehört, also hat er wohl (doch) noch Tabletten bis Montag. Ich frage also nach einem neuen Rezept und dass er das mit der kontrollierten täglichen Abgabe aufschreibt … und jetzt wird es lustig:

Arzt: „Er bekommt das bei ihnen noch täglich? Aber ich habe das doch auf dem letzten Rezept als wöchentliche Abgabe erlaubt.“

Pharmama: „Hmm – lassen sie mich das nochmal nachschauen … laut dem letzten Rezept, das ich hier habe, das vom (vor 3 Monaten) steht drauf „tägliche Abgabe““

Arzt: „Das stand auf dem Rezept vom (Datum vor etwa 1.5 Monaten), das ich dem Patienten neu ausgestellt habe und mitgegeben habe.“

Pharmama: „Das Rezept habe ich nie gesehen.“

(Pause)

Arzt: „Da standen noch 2 andere Medikamente drauf: X und Y“

Pharmama: „Okay. Das Rezept ist wirklich nicht bei uns angekommen, denn die hatte er hier noch nicht.“

(Pause)

Pharmama: „Könnte es sein, dass Herr Fensterglas damit in eine andere Apotheke gegangen ist? ….

Arzt: „… Sieht ganz so aus.“

Pharmama: „Dann … könnte es sein, dass der Patient das Medikament die letzten Wochen doppelt bezogen hat. Oookayy. Was sollen wir machen?“

Arzt: „… Keine Abgabe mehr – er soll in die Apotheke, in der er das andere Rezept eingelöst hat, bis das aubläuft. Ich werde das noch mit ihm anschauen.“

Pharmama: „In Ordnung. Vielleicht darf ich noch empfehlen, dass er in Zukunft ein neues Rezept nicht mitbekommt, sondern man das direkt in die Apotheke schickt, mit der er eine Abmachung bezüglich Abgabe hat?“

Ja, da ist der Patient grad aufgeflogen. Sowas ist unschön. Der Vertrauensbruch gegenüber Arzt und Apotheke hat Konsequenzen – bin zwar noch gespannt, welche. Ich weiss nicht, ob ich ihn weiterhin als Patient von uns haben will. Möglich war das übrigens, da die Abmachung in dem Fall keine behördliche ist – wie im Fall von Methadonbewilligungen. Da kann der Patient natürlich einfach in eine andere Apotheke. Mich wundert höchstens, dass die nicht mit dem Arzt kommuniziert haben betreffend der kontrollierten (in dem Fall wöchentlichen) Abgabe.

Ein Apotheker ist nicht Erfüllungsgehilfe des Arztes

ein Apotheker ist „nicht der Erfüllungsgehilfe des Arztes“, der sich auf seine ärztliche Therapiehoheit berufen könne. Arzt und Apotheker bildeten vielmehr eine „Behandlungsgemeinschaft“, woraus sich für den Apotheker eine formale und auch eine inhaltliche Prüfungspflicht ergibt, bevor ein Apotheker ärztlich verordnete Rezepte bedienen darf.

Ja – derartiges habe ich auch schon geschrieben – zuletzt in der Umfrage auf dem Blog, ob man bei einem Rezept mit Unklarheit in der Diagnose den Arzt anrufen und nachfragen sollte.

Obiges Zitat stammt übrigens aus einer aktuellen Urteilsverkündung aus einem deutschen Fall. Im langjährigen Gerichtsfall wurde ein Apotheker angeklagt und jetzt auch verurteilt

Ich finde den Fall etwas unglücklich und sympathisiere mit dem Apotheker, dem selbst das Gericht ein recht mildes Urteil auferlegt hat –

Verurteilt wurde er wegen unerlaubten Handelstreibens durch Abgabe von Betäubungsmitteln, Beihilfe zum unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge sowie Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente ohne Rezept zu drei Jahren Haftstrafe. Er behält aber seine Berufsbewilligung und kann danach weiter arbeiten.

Das hört sich jetzt reichlich übel an, aber man sollte den Hintergrund der Geschichte mit einbeziehen:

Der Apotheker (übrigens in meinem Alter) hat vor etwa 15 Jahren die Apotheke seines Vaters übernommen (das muss dem Fall sehr bald nach dem Studium passiert sein). Im selben Haus ist eine Arztpraxis mit einer Genehmigung für die Substitutionsbehandlung von bis zu 100 Patienten. Der Arzt hat Betäubungsmittelrezepte ausgestellt – und der Apotheker hat sie beliefert. Auch nachdem ihm mit der Zeit auffallen musste, dass da einiges nicht stimmte: die Höchstmengen wurden ohne entsprechende Kennzeichnung überschritten, die vorgeschriebenen Einnahmehinweise für den Sichtbezug gab es nicht. Auf Privatrezepten wurden für Erwachsene (noch vor der Zulassung dafür) grosse Mengen Ritalin verordnet. Die Medikamente wurden direkt in die Praxis geliefert – die neben der Substitutionsbehandlung einen florierenden Schwarzmarkthandel für die Medikamente aufzog.

Während der polizeilichen Vernehmung hat der Apotheker übrigens ausgesagt, mehrfach den Kontakt zum Arzt gesucht zu haben, von diesem jedoch äußerst herrisch abgewiesen worden zu sein.

Offenbar war er dadurch derart eingeschüchtert, dass er dann einfach weiter die Rezepte belieferte – und das macht ihm das Gericht zum Vorwurf: er hätte den Arzt melden müssen … oder zumindest die Abgabe verweigern.

Zum Verhängnis wurde ihm bei dem Gerichtsfall aber noch etwas anderes: eine PTA in der Apotheker, deren Mann offenbar ein bekannter Drogenhändler war, bestellte und lieferte diesem kilogrammweise Lidocain. Die Mitarbeiterin will ihren Chef um Erlaubnis gebeten haben – mit Verweis auf einen angeblichen Schwager, der in Bosnien als Arzt arbeitet. Insgesamt gingen 350 kg Lidocain über den Ladentisch – die dann zum Strecken von Cocain verwendet wurden. Lidocain selber darf eigentlich verkauft werden, aber nicht, wenn das danach zum Herstellen (oder hier Strecken) von Drogen verwendet wird. Die Menge Lidocain ist denn auch den Behörden aufgefallen, die daraufhin die Apotheke überwachte und dem Apotheker wurde schliesslich zum Verhängnis, dass er in Ferienabwesenheit der PTA selber 20kg Lidocain bestellt und verkauft hat – zum Einkaufspreis.

Überhaupt … der Apotheker war alles andere als geschäftstüchtig: während der Arzt (gegen den ein separates Verfahren am laufen ist) einen luxuriösen Lebensstil führte, soll dieser die Medikamente nach vorläufigem Kenntnisstand nie bezahlt haben. Ein sechsstelliger Betrag wäre dann noch offen.

In der mündlichen Urteilsbegründung wurde festgestellt, die Initiative sei nicht von dem Apotheker ausgegangen und er habe auch keinen persönlichen Vorteil gehabt, sondern sogar „draufgezahlt“. Das Gericht gehe davon aus, dass keine Wiederholungsgefahr vorliegt und der Verurteilte bereits seit langem alle Gesetze und Vorschriften exakt einhält.

„Wert“ war es das ganze sicherlich nicht. Aber (um etwas positives darüber zu sagen) zumindest zeigt es, dass wir Apotheker unseren Beruf (und die damit verbundenen Kontroll-Aufgaben) wirklich ernst nehmen sollten und dafür einstehen, wenn uns bei einem Rezept etwas seltsam vorkommt. Wir sind eben nicht bloss die Erfüllungsgehilfen des Arztes … schön, dass das hier so deutlich gesagt wird.

Quellen: Husumer Nachrichten: 3 Jahre Haftstrafe für Apotheker und Apotheke-ad-hoc: Apotheker hätte Arzt stoppen müssen

Voll zu.

Was macht man mit der Patientin, die so betrunken in die Apotheke kommt, dass sie kaum laufen kann?

Das Problem scheint zu Hause bekannt, denn sie hatte die beiden Male, als das so war einen Verwandten dabei.

Am Anfang wusste ich gar nicht, was da los ist. Sie war freundlich genug, wollte ein Pflaster für ihre Wunde am Finger und dazu ein Rezept einlösen. Aber … sie wirkte nicht ganz ansprechbar. Um es direkt zu sagen: die Frau hat gelallt beim reden, einmal musste ich sie festhalten, weil sie sonst umgefallen wäre. Darauf sie bis zum Beratungsraum laufen zu lassen für das Pflaster, das ich ihr rasch wechseln musste, habe ich verzichtet aus Angst, dass sie mir sonst stürzt. Ich habe das Pflaster grad an der Theke gewechselt.

Echt übel!

Mein erster Gedanke, als ich sie so gesehen und bedient habe, war, ob das vielleicht eine üble Nebenwirkung oder Wechselwirkung ist? Aber sie und ihr Begleiter haben sich die ganze Zeit verhalten, als sei das nichts besonderes …

Ein rascher Check ihres Patienten-Dossiers mit den (hier) bisher abgegebenen Medikamenten zeigt, dass das wohl doch nicht eine Wechselwirkung zwischen einem vielleicht neuen mit einem alten Medikament ist und auch nicht zwischen zwei alten …

Nur wenn man Alkohol zu ihren regelmässigen Medikamenten nimmt, dann verstärkt das deren zentraldämpfenden Nebenwirkungen … gegenseitig. Das muss einfahren.

Es war dann nicht wirklich möglich so etwas wie ein Beratungsgespräch mit ihr zu führen. Ich habe alles sehr sorgfältig angeschrieben und die Begleitung involviert, in der Hoffnung, dass das dann richtig genommen / gemacht wird.

Am nächsten Tag kam sie dann bei meiner Kollegin noch einmal (mit anderer Begleitung), weil sie das Pflaster noch einmal gewechselt haben wollte – Das, obwohl ich ihr am Vortag eigentlich erklärt habe, dass sie das zu Hause auch gut selber kann: es war wirklich nur eine kleine Wunde am Finger, das ausser Pflasterwechsel mit Desinfektion nicht mehr brauchte.

Meine Kollegin hatte die gleichen Probleme mit ihr. Sie war wieder kaum ansprechbar. Immerhin hatte sie den Vorteil, dass die Pharmaassistentin ihr sagen konnte, dass das schon mal so war – und warum wahrscheinlich.

Auch sie hat ziemlich deutlich darauf hingewiesen, was für eine schlechte Idee es ist, mit ihren Medikamenten Alkohol (und sei es auch nur wenig) zu trinken.

Mehr können wir nicht wirklich machen – oder?

Auch wenn ich mich frage, ob der Arzt das wohl weiss. Einfach so kann ich ihm das nicht stecken.

leere Schachtel gesucht

mittel-alte Frau in der Apotheke: „Haben Sie mir eine leere Packung Seresta?“

Pharmama: „Äh – für was?“

(Seresta ist ein Benzodiazepin, ein starkes Beruhigungsmittel. Es macht rasch abhängig, weshalb wir immer wieder Leute haben, die das gerne auch ohne Rezept hätten, aber … ohne Inhalt? Das ist neu.)

Frau: „Wissen Sie, meine Mutter nimmt das schon eine ganze Zeitlang. Jetzt hat ihr der Arzt Anxiolyt aufgeschrieben (das Generikum), aber das hat eine blaue Packung, das Seresta hat eine weisse Packung – und meine Mutter ist einfach überzeugt, davon, dass die Seresta besser wirken. Und da dachte ich … ich könnte die Tabletten um-packen. Ich denke nämlich, das ist alles hauptsächlich im Kopf bei ihr.“

Kreativ! Und ich denke, das könnte sogar funktionieren … nur leider hatte ich keine leere Packung.

Kiloweise Cannabis

Apotheken sind zwangsweise „beliebte“ Anlaufstellen für Drogensüchtige und Abhängige – immerhin lagern wir (oder können bestellen) eine Menge der Stoffe und Mittel die halt nicht nur von wirklich bedürftigen Patienten gebraucht, sondern von Süchtigen missbraucht werden. Benzodiazepine, Z-Stoffe, Amphetamine und Vorläuferstoffe, Codein und allgemein Opiate wie in starken Schmerzmitteln, Cocain, Cannabis etc..  Um da dran zu kommen wird teils ziemlich Aufwand betrieben, Abfall nach weggeworfenen Medikamenten durchwühlt, Verwandte bestohlen, es werden Rezepte gefälscht oder alternativ Ärzte abgeklappert, Apotheken werden überfallen …

Die Suche nach dem nächsten Kick oder Zumindest dem Ausweichen der Entzugserscheinungen bestimmt bei manchen einen grossen Teil des Lebens und Denkens … Es scheint jedoch, als ob das negative Auswirkungen auf die Denkleistung hätte.

Hier eine Geschichte, die Leserin Nachtschattengewächs so passiert ist, und die sie hier mit uns teilt: Danke Dir!

Kurz zur Vorgeschichte. Ich bin ein Mensch mit chronischer Erkrankung und Schwerbehinderung und habe hier in Deutschland einen wunderbaren Arzt, der sehr für die legale medizinische Anwendung von Cannabispräparaten kämpft.
Ich habe bereits Sativex gehabt und Dronabinol. Aufgrund der nicht Finanzierung durch meine Krankenkasse und die schwierige Dosierung habe ich bei der Bundesopiumstelle des BfArM eine Ausnahmegenehmigung für Cannabisblüten beantragt.
Das ist ein sehr schwieriges und kompliziertes Verfahren. In Deutschland haben gerade mal rund 350 Menschen eine solche Genehmigung.
Unter Anderem muss im Antrag direkt eine Apotheke genannt werden, die die Blüten bestellen und verkaufen wird.
Da ich eine Stammapotheke in einer Großstadt habe, die schon immer mühelos andere Betäubungsmittelrezepte eingelöst hat und auch bei ungewöhnlichen Medikamenten zur Stelle ist, habe ich persönlich dort vorgesprochen.

Die Apotheke war an diesem Abend recht leer. Vereinzelt wurden Kunden bedient. Ich schilderte mein Anliegen und gemeinsam besprachen der Apotheker und ich wie die Prozedur läuft.
Der Apotheker sprach mich mehrfach mit meinem Namen an, ich bin dort bekannt und die Apotheker sind sehr freundlich. Ich kaufte noch ein paar Medikamente und ging.
Wenige Tage später hatte ich einen Anruf meiner Apotheke auf dem Anrufbeantworter, dass ich wegen meiner fehlenden Bestellung besagten Apotheker anrufen möge. Zwar hatte ich etwas bestellt, ich wusste aber, dass dies zur Abholung bereit liegt.

Ich wusste nichts von einer neuen Bestellung. Ich rief meinen Apotheker an und sagte ihm, dass ich nichts von einer fehlenden Bestellung wisse.
Er erläuterte mir, die Apothekerin Frau X habe am Morgen einen Anruf von einer Frau meinname bekommen, die gefragt habe, ob die fehlenden 5 Kilo (sic!) Cannabis da wären und wann sie abgeholt werden könnten.

Ich war fassungslos. Die Apothekerin ist neu in der Apotheke, sie kannte meine Stimme nicht. Daher war sie sehr irritiert.

Niemand in meinem Umfeld weiß von der beantragten Ausnahmegenehmigung, ein dummer Scherz aus meinem Umfeld kann es daher nicht sein.
Mein medizinisches Umfeld weiß davon, würde so einen Unfug aber nicht treiben und weiß auch nicht, welche Apotheke mich „betreut“.

Ich kann mir nur vorstellen, dass ein süchtiger Mensch, der gerade harmlose Medikamente gekauft hat, mehrfach meinen Namen gehört und das Gespräch über den Bezug von Cannabisblüten mitbekommen hat.
Anschließend hat sie angerufen und gehofft, man würde ihr die Blüten bestellen und zur Abholung bereit legen.
Ganz offensichtlich hatte diese Person keine Ahnung wie eine solche Prozedur läuft.
Abgesehen davon, dass eine Genehmigung vorliegen muss und man sich sofern nicht lange bekannt stets ausweisen muss, braucht man auch ein BTM Rezept vom betreuenden Arzt und bekommt nur geringe Mengen Cannabis Blüten (abhängig vom durch den Arzt festgelegten Bedarf),
weshalb ich bei 5 kg wirklich schmunzeln musste.

Leider handelt es sich um eine hoch frequentierte Großstadtapotheke mit etlichen Mitarbeitern und hunderten Anrufen am Tag (alleine 4 Telefonisten sind mit den Telefonaten beschäftigt).
Apothekerin X hat sich leider nicht die genaue Uhrzeit gemerkt, so dass anhand des Einzelverbindungsnachweises nicht auf die Anruferin geschlossen werden kann.

Meine Apotheke und ich haben daraus gelernt. Eine Apotheke ist manchmal so (un)persönlich wie eine Bahnhofshalle.
Mein Apotheker und ich werden daher zukünftig bei Gesprächen über dieses heikle Medikament den Besprechungsraum aufsuchen.
Einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt diese Geschichte dennoch.

Oh. Ja – das auch als Wink mit dem Zaunpfahl an andere Apotheken, bei dem (und auch manch anderem Medikament) spezielle Sorgfalt walten zu lassen. Das hätte anders ausgehen können. Die Geschichte ist ja amüsant … hauptsächlich wegen der dilettantischen Vorgehensweise. Es erinnert mich an diese „Urban legend“, nachzulesen auch auf snopes :

In another memorable case, Duncan said, a doctor received a phone call from a pharmacist trying to confirm a suspicious prescription for morphine.
The doctor said, „Well, I’m a pediatrician. I don’t prescribe morphine. How did you know it was a fake?“ Duncan said.
And the pharmacist said, „It’s for M-O-F-E-E-N, and it says: One kilo. Use as needed.“