Von Junior, Schule, Aggression und Mobbing

47

Etwas mehr als eine Woche ist Junior wieder in der Schule nach den Ferien, da kommt er nachmittags nach Hause. Ich bin selber kurz zuvor von der Arbeit zurückgekommen und noch in der Rekonvaleszenzphase, aber ich merke, dass etwas nicht ganz stimmt.

„Was ist los?“ frage ich ihn.

„Nichts. Ich gehe rauf spielen, okay?“

„Ja, aber nachher: Hausaufgaben.“

Irgendetwasunverständlichesabereindeutigeherablehnendes murmelnd verzieht er sich in sein Zimmer.

Bald danach klingelt das Telefon – interessanterweise nicht meines, sondern das von meinem Mann. Offenbar hat er es vergessen. Die Nummer ist … Juniors Lehrer.

Uh. Oh.

„Junior“ rufe ich „kommst Du mal bitte?“

„Das war gerade Dein Lehrer – willst Du mir nicht doch erzählen, was passiert ist, bevor ich es von ihm höre?“

Er erzählt mir diese Geschichte, die ich nur leicht adaptiert später auch vom Lehrer höre:

In der Pause am Nachmittag hat er mit einem Klassenkameraden auf dem Pausenhof Frisbee gespielt. Dann kamen 2 (oder 3? Da weicht der Bericht ab) andere Schüler aus seiner Klasse dazu. Sie haben den beiden den Frisbee weggenommen und nicht mehr zurückgeben wollen. Sie haben ihn ihm wiederholt vor die Nase gehalten und wieder weggezogen und als Junior anfing, sich aufzuregen und lauter zu werden, haben sie ihn noch mehr aufgezogen im Stil von „Was hast Du denn? Was regst Du Dich so auf? Sag doch, was für ein Problem Du hast, dann bekommst Du ihn vielleicht zurück.“

Jetzt muss man wissen, dass Junior in genau so Situationen dazu neigt … überzureagieren. Das ist mit ein Grund, weshalb er gerne aufgezogen wird. So auch heute. Und nachdem das mit dem lauterwerden nicht geklappt hat und auch keine Hilfe von aussen in Sicht war … ja, da hat er den einen in den Schwitzkasten genommen und dem anderen den Frisbee (ein Weichfrisbee offenbar) auf den Rücken geklatscht.

Er weiss genau, dass er nicht schlagen soll, aber in genau so Situationen weiss er sich nicht anders zu helfen. Das ist nicht das erste Mal. Er ist nicht grundsätzlich grob oder aggressiv, aber … ja. An dem Problem arbeiten wir seit längerem. Seine Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität ist wahnsinnig besser geworden, aber das nicht wirklich. Er hatte schon Gruppentherapie mit anderen Kindern, wo sie Lösungswege aufgezeigt bekommen haben und auch üben konnten. Er hat Gespräche mit uns und mit der Jugendpsychologin …. auch die ist der Meinung, dass er kein aggressiver Typ ist, aber er regt sich auf, auch weil er ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl hat und er kann in so Situation immer noch nicht einfach weglaufen.

„Oh, nein! Und jetzt darf ich wieder mit dem Lehrer reden.“

Anscheinend ist der Lehrer in dem Moment der Rangelei dazugekommen (keine Ahnung, wo er vorher war) und hat die 3 gröbsten Streithähne (Junior natürlich inklusive) ins Klassenzimmer genommen und ihnen ins Gewissen geredet.

In der Zwischenzeit hat jemand (wahrscheinlich die 3. Person, die dabei war) Juniors Fahrradhelm genommen und in den Abfall geworfen, so dass Junior ihn danach erst mal suchen und dort wieder herausfischen musste.

Es folgt ein langes Gespräch mit dem Lehrer über Juniors „aggressives Verhalten“.

Der Lehrer weiss, dass das Problem auch das hänseln und zickeln der anderen Kinder ist – und ehrlich, sowohl wenn eine Aufsichtsperson dabei ist, die das verhindert oder auch an anderen Stellen, wie zum Beispiel in den Ferien, kommt er problemlos mit anderen Kindern aus. Aber in der Schule existiert das Problem seit langem.

Man muss dazu natürlich auch sagen, dass seine Klassenkameraden in der Kleinklasse fast durchgehend etwas „Problemkinder“ sind. Ich möchte das nicht mal länger ausführen, es hat bei jedem Gründe, dass sie in der Kleinklasse sind. Und irgendwie bekommt der Lehrer das nicht in den Griff.

Irgendwann im Verlauf des Gespräches mit dem Lehrer musste ich dann auch mal das sagen: Ja, wir reden hier darüber, dass Junior aggressiv reagiert. Aber sehen sie es doch mal so an: Wenn er nicht so reagieren würde, sondern wie die meisten andern, dann würden wir jetzt wahrscheinlich darüber reden, dass er gemobbt wird. Da scheinen ihn ein paar wirklich als Ziel für die Sticheleien und Plagereien ausgesucht zu haben.

Und das geht ja wohl auch nicht.

Irgendwelche Gedanken dazu?

Im Spot von Burgerking plagen sie auch zwei „Junioren“ … irgendwie passt das grad. 😦

Advertisements

Junior und das Schulsystem

24

Junior hat Freitag sein Zeugnis bekommen.

Und ich bin ziemlich zufrieden. Erstmal, dass er befördert worden ist (ins 4. Schuljahr heisst das) und dann, dass es keine ungenügenden Noten hat. Wirklich super ist es auch nicht – keine 6er wo es Noten gibt, aber zwei „erweiterte Anforderungen erfüllt“ – in Sport und Französisch (?!) was etwa einer 5 entspricht. (Ah ja: in Schweiz: 6 die beste Note, 1 die mieseste).

Mathe nervt etwas – da hat er eine 4. Es nervt nicht wegen der 4, sondern weil ich weiss, dass er es besser könnte – man sieht das an der Reihe 6er, die er bei den Malreihen hingelegt hat. Alles was es brauchte war ein bisschen Motivation. In dem Fall war die Motivation, dass ich versprach eine kostenpflichtige Episode in Minecraft Storymode herunterzuladen, wenn er da alle Noten über 5 hat. Er hatte. Dass das trotzdem nur für eine 4 gereicht hat, liegt an den ersten Prüfungen, die er hatte. Die hat er nämlich grossartig versiebt. Und aus den döfsten Gründen.

IMG_1134.JPG

In der ersten Prüfung hat er die erste Seite gelöst (und zwar recht gut)… und die zweite war einfach leer. Gab eine 3. Ich habe ihn dann gefragt, was da passiert ist, ob er die zweite Seite einfach übersehen hat? Hat er nicht, ansonsten druckste er aber nur herum. Erst später habe ich vom Lehrer gehört, dass er mitten in der Prüfung seine „Auszeit-Karte“ eingesetzt hat. Anscheinend haben sie die, damit der Schüler selber eine Pause nehmen kann, wenn er will (einzulösen maximal einmal pro Tag) … und er wollte das – mitten in der Prüfung.

In der zweiten Prüfung war wieder nur ein Teil ausgefüllt – diesmal aber eher die Aufgaben gegen Ende. Wieso? Weil der Schulfreund vom Junior gemeint hat, es sei am besten, wenn man mit den schwierigen Aufgaben anfängt! Ganz offensichtlich keine gute Strategie.

Jetzt könnte man ja sagen, dass das irgendwo bewundernswert ist, dass er sich da so gar nicht vom Schulsystem stressen lässt … allerdings liegt das nur daran, dass ihm das einfach nicht bewusst war. Danach haben wir mit Junior geredet, was denn eine Prüfung so bedeutet (zum Beispiel, ob man ins nächste Schuljahr kommt oder sitzenbleibt) und ein paar Strategien, um Prüfungen gut zu bestehen: Fragen der Reihe nach durchgehen, die leichten dabei zuerst machen, was man nicht gleich kann, kann man verschieben – oh und üben vorher. Das mit dem üben braucht noch etwas Unterstützung, aber zeigt Wirkung (siehe Französisch).

Ich will ihn damit nicht stressen, aber wenn er nicht in eine Privatschule soll ist es das System, mit dem wir arbeiten müssen. Und es geht, auch wenn es nicht einfach ist. Junior gehört  zu den sehr aktiven und leicht ablenkbaren Kindern (schon immer). Tatsächlich hat er seit letztem Jahr die POS Diagnose (das gibt es nur für die Schweiz und steht im ADHS Themenbereich). Ganz offensichtlich schaffen wir und er es aber bisher (auch ohne Medikamente) mit etwas Unterstützung – und deshalb bin ich umso mehr stolz auf ihn!

Merken

LogopädiSCHeS

15

Auszug aus dem Elternheft (das Heft, mit dem in Juniors Schule Informationen zwischen den Eltern und den Lehrern ausgetauscht werden):

Liebe Familie Pharmama,

Junior sollte bitte übers Wochenende den folgenden Zungenbrecher üben:

Schälle sie nit an sällere Schälle, sälli Schälle schällt nit.

Schälle sie an sällere Schälle, sälli Schälle schällt

(Auf „sch“ und „s“ Laute achten)

Richtig, Junior hatte noch Anfang Schulzeit ein Problem mit dem S und SCH, weshalb er auch Logopädie hatte (man erinnere sich an diese Szene 🙂 ) und wo das Problem so ziemlich behoben wurde. Dann hatten wir vor ein paar Wochen den Unfall hier

Und jetzt kommt der Eintrag im Heft …  weshalb ich es mir nicht verkneifen konnte, dann unter den Kommentar von meinem Kuschelbär, dass wir das natürlich üben werden folgendes zu schreiben:

Ihnen ist aber schon klar, dass das mit „frisch“ abgebrochenem Zahn wieder Probleme gibt?

Die Lehrer haben’s echt nicht leicht – momentan sind sie auch noch mehr belastet, weil offenbar in der Parallelklasse eine Lehrerin ausgestiegen ist und sie auch noch die Klasse übernehmen müssen. Ich habe Angst, dass sie dann Juniors Lehrer auch noch verheizen, deshalb will ich nicht zu fest reklamieren, aber … echt jetzt.

Können wir hier helfen?

2

Zwei Primarschülerinnen kommen in die Apotheke und fragen mich: „Können wir hier helfen?“

Ich (total überrascht: die sind nicht älter als 10, Maximum): „Wie helfen?“

„Na, wenn neue Sachen kommen, ins Regal stellen, versorgen und so.“

Ah. Taschengeld aufbessern?

„Ihr meint, ihr wollt hier arbeiten?“

„Ja.“

„Oh, sehr nett von Euch, aber das geht nicht: erstens seid ihr zu jung und dann ist die Drogerie kein geeigneter Ort für Schulkinder: zu viele giftige Sachen und so.“

Aber als sie weg sind, musste ich das nochmals nachschauen. Wie war das noch? Info über Jugendarbeit findet sich hier.

Demnach sind Gefährliche Arbeiten für Jugendliche grundsätzlich verboten.

Und was gilt als gefährlich? Zum Beispiel das Arbeiten mit gesundheitsgefährdenden Chemikalien;

Das ist vielleicht noch diskutabel – immerhin sind unsere Chemikalien doch meist ziemlich gut verpackt … ausser man muss sie abfüllen gehen. Aber dann steht da noch:
Vor dem 15. Geburtstag ist eine Beschäftigung Jugendlicher grundsätzlich verboten.

Hmm … ich dachte aber, ich habe schon vorher … Ah, da steht auch:

Ab 13 Jahren sind leichte Arbeiten erlaubt. Damit sind z.B. kleine Erledigungen, Ferienjobs und Schnupperlehren gemeint. Die leichten Arbeiten dürfen keinen negativen Einfluss auf die Gesundheit, die Sicherheit und die Entwicklung der Jugendlichen haben
und weder den Schulbesuch noch die Schulleistung beeinträchtigen.

Tja, Pech für die engagierten Schüler – aber Schule geht vor. Und sie sind auch wirklich noch etwas sehr jung gewesen.

Über den Bergen, bei den …. Zwergen?

25

Hausaufgabe letztens. Junior muss die Sätze ergänzen.

Darunter obiger Satz. Den er so ausgefüllt hat: Über den Bergen, bei den 13 Zwergen.

Die Lehrerin hat das mit einem dicken Fragezeichen quittiert.

Weshalb nicht 7? Soll das wohl heissen.

Ja, wieso nicht? Ich musste nur kurz nachdenken, bis mir einfiel weshalb. Weil ich Junior bisher wohl nie das Märchen vom Schneewittchen erzählt habe – aber dafür haben wir zusammen der kleine Hobbit gelesen. Das war spannend und ist wohl auch bei ihm hängengeblieben.

Und ja, das sind 13 Zwerge.

Oin, Gloin, Ori, Nori, Dori, Fili, Kili, Bifur, Bofur, Balin, Dwalin, Bombur und Thorin.

… Da gibt es wohl wieder etwas Erklärungsbedarf :-/

Und das mit Schneewittchen muss ich Nachholen.

Lesen und Schreiben

So weit sind wir schon in der Schule: Nach knapp 3 Monaten (minus 2 Wochen Schulferien) sind das die aktuellen Hausaufgaben:

Erstens lesen (Heisst: buchstabieren, zusammensetzen, sagen)

und dann die Aufgabe erledigen.

Möglichst alleine.

hausaufgaben

Also ich find’s erstaunlich. Und sie haben noch nicht mal alle Buchstaben durch …

Beispiel: Male die Rosen mit drei Dornen rot an.

Alle anderen Rosen sollen lila sein.

Es sind … lila Rosen.

Es klappt schon ganz gut – bis auf das „alleine“.

Weiterüben!

Was macht Junior?

13

Oder vielleicht besser: was machen wir?

„Wir“ haben letzte Wochen den ersten Schultag gehabt. Ein grosser Tag für uns 🙂

Junior hat gut angefangen – wie alle, die neu in das Schulhaus kommen, hat auch er einen Götti bekommen: einen älteren Schüler, der ihm hilft, ihm alles zeigt und bei Fragen da ist. Sein Wunsch für Junior: „… dass Du gut in der Schule bist!“

Au ja, bitte.

IMG_3189

Wir starteten schon gut: Hausaufgaben gab’s gleich am ersten Tag – und die haben bisher auch nicht nachgelassen.

Seitdem machen wir also täglich Hausaufgaben. Das heisst natürlich Junior macht … und ich schaue, *dass* er sie macht. Er malt Nullen und O’s schon wie ein Profi 🙂 Ansonsten ist er ein bisschen ein Minimalist – jedenfalls hat er das Blatt, wo er in die Felder die Anzahl Objekte, die aufgeschrieben waren (zum Beispiel 5 Bälle, 8 Tannen etc.) alle einfarbig in Braun gemalt. Naja, es steht auch wirklich nirgendwo, dass es farbig sein müsste … also kein Grund für mich, mich zu beklagen.

Dafür habe ich vergessen, ihm sein Badezeug mitzugeben – was hauptsächlich daran liegt, dass auf dem Stundenplan steht „Turnen“ … und ich nicht dachte, dass sie grad mit Schwimmen starten. Da musste er sich eine Badehose vom Abwart ausleihen … und ich mir nachher seine Vorwürfe anhören. Das nächste Mal bekam er auch das Badezeugs mit … da hat er nur Turnen. Hmmm – ich muss mal nachfragen, wie sie das gedacht haben. Denn die nasse Badehose sollte er ja nach Hause wieder mitbringen – auf der anderen Seite steht, dass der Turnsack immer in der Schule bleibt … aber auch den hat er bisher immer wieder zurückgebracht. Ist es wirklich gedacht, dass er immer beides dabeihat?

Für Junior ist das anstrengend – für uns auch. Immerhin müssen wir jetzt täglich früher aufstehen. Da sind meine Arbeitszeiten etwas unangenehm, weil wenn ich bis 7 Uhr abends arbeite, wir erst frühstens auf die halb Acht zum gemeinsamen Nachtessen kommen … und das heisst wiederum, dass er danach gleich ins Bett muss.

Die ersten paar Nächte war er auch wesentlich unruhiger … aber das ist zu erwarten, er hat viel zu verarbeiten.

So sind wir alle ein bisschen müde, aber zufrieden.

sehr erfreuliche Entwicklung

1

Junior kommt ja im Sommer in die Schule – voraussichtlich in eine Kleinklasse, da er noch etwas Unterstützung benötigt. Offenbar aber reicht die Empfehlung der Kindergärtnerinnen und des Vor-Heilschul-Pädagogischen Dienstes dazu nicht aus, so dass wir das "Vergnügen" eines Besuchs beim Schulpsychologen hatten.

Ich sag nur: das ist auch eine Art Arbeitsbeschaffung 🙂

Jedenfalls haben wir nach dem gemeinsamen Gespräch jetzt auch von ihm den Antrag für die Kleinklasse. Aber – amüsant fand ich die Bemerkung:

Junior ist ein bewegungsfreudiger, altersgemäss entwickelter Bub, der dank des Einsatzes der Eltern, der Lehrpersonen, des VHPDs, Physio- und Psychomotoriktherapie und Logopädie eine sehr erfreuliche Entwicklung hin zum heutigen Stand gemacht hat. Er braucht aber noch eine engere Begleitung im Schulalltag, als dies durch die Regelklasse gewährleistet werden kann, um seine etwas kurze Konzentrationsspanne auszugleichen und ihn bei der Sache zu behalten, weswegen es für ihn optimal wäre, zunächst in einer Kleinklasse eingeschult zu werden.

2 Sätze – 

aber ich finde, er hat noch die Grosseltern und das Tagesheim vergessen – wenn er schon so ziemlich alle erwähnen muss 🙂 Ganz offensichtlich braucht es heute noch ein Dorf um ein Kind aufzuziehen … oder die gleiche Menge an heilpädagogisch ausgebildeten Leuten …