No,no, no: Noch kein Notstand

Ich bin seit ein paar Tagen wieder zurück in der Schweiz – und der Virus hat uns empfangen. Von Juniors Schule ein Infoblatt, dass die Schule stattfindet, mit speziellen Verhaltensregeln (kein Kontaktsport, gestaffelte Pausen, Händewaschlektion), dass aber Leute, die in Italien in den Ferien waren (oder anderen Hochrisikogebieten wie China, Taiwan etc.) zu Hause bleiben müssen: 14 Tage lang. Da Thailand nicht auf der Liste ist, ging Junior also.

Der Rückflug war übrigens ausgesprochen ruhig. Nicht nur, dass das Flugzeug nicht voll war (ungewöhnlich), kaum einer hat gehustet oder geniest oder sich geschneuzt. Entweder waren alle erstaunlich gesund, oder es hat sich keiner getraut. Weder bei der Ausreise in Thailand noch bei der Einreise in der Schweiz wurden irgendwelche Fragen gestellt oder Tests (auch kein Fiebermessen) gemacht. Dafür empfängt uns am Flugplatz das neuste Infoplakat des BAG:

Montag stieg ich in der Apotheke in den „neuen Alltag“ ein. Von Panik würde ich hier nicht sprechen. Aber der Mehraufwand den das Virus uns (jetzt schon) in der Apotheke beschert ist nicht zu übersehen. Die Fragen nach Masken sind Dank Schild („Keine Masken mehr“) auf weniger als 10 pro Tag heruntergegangen, dafür haben wir viele mit Nachfragen nach Händedesinfektionsmittel. Die Markenartikel (Sterillium und Co.) sind aus und wir bekommen auch in absehbarer Zeit keine mehr. Selbst hergestelltes Desinfektionsmittel ist auch aus – und Alkohol zum herstellen ist keines lieferbar. Von Zeit zu Zeit bekommen wir wieder etwas in Grossgebinden, das wir dann in Fläschchen abfüllen. Aktuell sind uns aber auch die Fläschchen am ausgehen. Angebote betreffend Masken und auch Grossgebinde Desinfektionsmittel gibt es immer wieder, aber … puh. Die Preise, die manche dafür wollen! Und andere bieten ihr Produkt als „hochwirksam gegen Viren“ an – und wenn man nachschaut, wurde das nie getestet und der Hersteller selber behauptet das auch nicht.

Wir haben also immer wieder Desinfektionsmittel, aber empfehlen den Leuten Händewaschen – und geben aktuell nur wenige Fläschchen pro Einkäufer heraus. Andere brauchen / wollen das auch. Man sollte auch daran denken, dass es für den Schutz optimalerweise nicht nur den eigenen Einsatz braucht, sondern auch den der Umgebung. Und wenn man alles Desinfektionsmittel selber aufkauft (oder die Seife – mein Mann stand im Supermarkt vor einem leeren Regal), dann ist das auch … suboptimal.

Dann gibt es Leute, die Masken und Desinfektionsmittel wirklich brauchen für die Arbeit (im Spital, Pflegeheim, Zahnärzte) und denen gehen die Sachen so langsam auch aus. Ein Arzt aus einem anderen Kanton hat mir gemeldet, dass sie pro Praxis vom Gesundheitsamt 5 (!) FFP3 Masken geschickt bekommen haben. Die werden aktuell wie der Schatz der Nibelungen gehütet. Bei uns sieht es ähnlich aus. Wir haben für die Mitarbeiter ein Pandemie Set. Das wird aber noch nicht geöffnet. Die Schweiz hat mehr Material bestellt (amüsanterweise aus China) – das hängt jetzt in Deutschland und Frankreich fest, die einen Exportstopp dafür veranlasst haben. Ein weiteres Zeichen unserer Abhängigkeit vom Ausland (und NEIN, ich bin nicht für einen EU Beitritt).

Die nicht lieferbaren Medikamente sonst haben noch nicht merklich zugenommen – aber da sind wir ja schon vor Beginn der Corona-Geschichte nicht wirklich glücklich mit der aktuellen Situation gewesen. Es gibt auch hier Leute, die deshalb Hamsterkäufe tätigen wollen, aber da wir nicht mehr als Mengen für 3 Monate aufs Mal abgeben sollen (schon vorher) ziehen wir das jetzt einfach etwas strenger durch.

Aktuell ist es bezüglich Erkältungen aber recht ruhig in der Apotheke – offensichtlich hält sich die Bevölkerung daran, bei Erkältungssymptomen spezifisch: Fieber UND Atemwegsbeschwerden zu Hause zu bleiben. Manche schicken Verwandte in die Apotheke. Viele verweisen wir dann an die Ärzte: „Bitte rufen Sie ihrem Hausarzt an.“ Der kann auch am Telefon schon einiges triagieren – Fast lustig: jetzt machen sie wohl alle Telemedizin. Unser Telefon läutet genauso unablässig. Bestellungen, Nachfragen, etc. – macht auch Sinn, wenn das dann den Aufenthalt der Leute in der Apotheke (Risikozone) verkürzt. Trotzdem haben wir zusätzliche Schutzmassnahmen ergriffen. Ausser regelmässigem Händewaschen und -desinfizieren, desinfizieren wir die Oberflächen, erledigen mehr im Backoffice, schränken Dienstleistungen die nahen Kontakt erfordern auf ein Minimum ein (respektive tragen Masken dabei). Und seit gestern gibt es auch bei uns Plexiglasscheiben vor der Kasse. Ein (nicht ganz kompletter) Spritzerschutz, besser aber als mit Maske zu arbeiten – das wirkt schon arg abschreckend.

Seit gestern Abend gilt der neue Coronavirus oder COVID-19 offiziell als Pandemie. Das war zu erwarten – was mich fast etwas enttäuscht ist, dass sie dafür noch keinen Trivialnamen haben. Sowas wie die Vogelgrippe oder die Schweinegrippe. Da keine „Grippe“ hätte ich erwartet, dass das Ding etwas wie Schlangenseuche oder Fledermausirgendwas genannt wird, aber vielleicht ist es ganz gut dass das nicht passiert ist – die Tiere können ja nichts dafür.

Es wird weitere Massnahmen geben. Wir teilen unser Personal in Risikogruppen ein. Als Gesundheitspersonal „dürfen“ wir nicht einfach der Arbeit fern bleiben – Soviel zur Frage, ob wir die Apotheke bei einem COVID-19 Fall ganz schliessen müssen. Das wird nicht passieren. Seit heute wissen wir auch, was da zu tun ist:

Gesundheitsfachpersonen mit Patientenkontakt, die privat oder beruflich ungeschützt Kontakt mit einem bestätigten COVID19-Fall hatten, arbeiten weiter, tragen ständig eine chirurgische Maske und achten auf eine einwandfreie Händehygiene. Sie überwachen ihren Gesundheitszustand; beim Auftreten von Symptomen lassen sie sich testen und bleiben der Arbeit fern.

Risikopatienten unter dem eigenen Personal (über 65, respektive mit chronischen Erkrankungen) sollen mehr im Backoffice arbeiten und sich vorne schützen. Wenn wir wegen Ausfällen die Öffnungszeiten verkürzen müssen, muss das dem Kantonsapotheker gemeldet werden. Ansonsten gilt: „The Show must go on„.

Die geht nicht unter, das scheint nur so …

Also – ich bin ja in den Ferien. In Asien: in Thailand, für wer es genauer wissen will. Und der Coronavirus, der jetzt in allen Medien ist, kommt von hier (wie übrigens auch die meisten Influenza Viren, SARS, H1N1 …). Verschwörungstheorien mal beiseite, das ist so, weil sich hier bei Viehzucht und auf Märkten verschiedene Virenstämme bestens „austauschen“ können – und die entstehenden neuen Mutationen unserem Immunsystem noch unbekannt sind, weshalb die erfolgreichen Viren sich dann von hier aus über die Welt ausbreiten. Sehr unschön zu sehen an den jährlich neuen Grippepandemien, die viele Todesopfer zu Folge haben – und gegen die wir eigentlich eine Impfung haben, die ebenso jährlich neu zusammengestellt werden müssen.

Jetzt also das Coronavirus. Auch vom Tier auf den Mensch gesprungen. Auch via Tröpfcheninfektion übertragen. Auch gefährlich im Sinne, dass man daran sterben kann – aber offenbar nicht gefährlicher als die normale Grippe. Gefährdeter sind alte Menschen und schon kranke oder geschwächte Menschen. Eindämmungsversuche in China wo es gestartet ist, haben trotz teils radikaler Massnahmen nicht funktioniert. Das ist auch sicher schwierig in der heutigen Zeit der Mobilität. So hat es nicht nur ziemlich rasch andere asiatische Länder erreicht (wie Thailand, mit einem grossen Anteil hier lebender Chinesen), sondern auch Europa (in Italien ist zum Beispiel ein grosser Teil der Textilmodestadt Prato fest in chinesischer Hand). Und kurz nachdem ich hier in Khao Lak angekommen bin, meldet die Schweiz den ersten Fall.

Die Reaktionen darauf … ich habe im Moment einen alten Song im Kopf (wahrscheinlich nicht mal richtig), der ging so: „Die Welt geht unter … die geht nicht unter, das scheint nur so …“

Was merke ich hier so davon? Sehr wenig. Auf dem Flugplatz in Phuket keine grossen Reisegruppen aus China mehr – die Immigration ist um ein paar Leute, die desinteressiert aus der Entfernung via Monitor Fieber gemessen haben ergänzt worden, dauerte aber genau so lange. Ein (leerer) Desinfektionsmittelspender in der Warteschlange. Einige Leute mit Atemmasken. Daran, dass der Fingerabdruckscanner ein Problem sein könnte, denkt hier niemand. In Khao Lak selber sieht und hört man auch fast nichts. Die Damen vom Spa arbeiten (neu) alle mit Maske. Beim Morgenessen hat es im Restaurant ein Händedesinfektionsmittel auf einem Tisch. Und die Tourenanbieter und Restaurants haben weniger zu tun, hier aber vor allem die, die auf chinesische Besucher setzten.

Aber in Europa? Uiuiui. Klar, da „hört“ man auch durch die Medien (zu?) viel. Es ist neu, bis zu einem gewissen Grad unbekannt, breitet sich rasch aus und die Auswirkung auf einen Infizierten reicht die ganze Spannweite von Beschwerdefrei über leichte Erkältungssymptome (hauptsächlich Fieber, Husten) über Lungenentzündungen und Spitalaufenthalt bis …ja… ein paar sterben daran. Und das zu einer Zeit, in dem das Gesundheitssystem sowieso schon mit Grippefällen belastet ist. Wenn das jetzt viele aufs Mal bekommen … das wäre ganz schlecht. Selbst in Ländern mit funktionierendem Gesundheitssystem, zu denen ich unseres zähle. Also muss auch hier versucht werden, die Ausbreitung einzudämmen, zu verlangsamen, Infektionswege zu unterbrechen. Das wurde erkannt. Deshalb auch das Verbot von grossen öffentlichen Veranstaltungen und die grossflächige Information der Bevölkerung über Verhaltens- und Vorbeugemassnahmen. Daneben läuft noch einiges mehr – der Zeitpunkt die Pandemiepläne aus dem Schrank zu holen ist gekommen.

Aber was man auf Facebook und Co. so liest und was ich höre, wie es in der Apotheke läuft … man könnte meinen, wir stehen kurz vor der Panik. Bitte, Leute – das ist nicht so. Es läuft nicht alles gut – und wir befinden uns „erst“ in der Vorstufe der Infektionswelle und der möglichen kompletten Auswirkungen. Ein paar Themen dazu:

Masken für zu Hause:

Grundsätzlich kann man zwischen 2 Arten unterscheiden. Die papiernen „Chirurgenmasken“ – einigermassen günstig, 50er Packungen, sie eignen sich NICHT für den Eigenschutz vor Infektionen vor einem Virus, sie sind dafür da sie zu tragen, falls man selber Symptome hat (hustet) um die Umgebung vor den dabei entstehenden infektiösen Tröpfchen zu schützen. Sie halten nicht lange: spätestens nach 2 Stunden oder wenn sie feucht sind, sollte man sie wechseln. Und so wegschmeissen dass sie auch dann niemand anfasst.

Die anderen Masken sind einiges dichter und haben teils Ventile – wo Luft ungehindert rausgeht, gefiltert wird die Eingangsluft. Die sollten (richtig angelegt und gehandhabt) gegen Virusinfektion schützen. Sie sind einiges teurer und in kleineren Packungen erhältlich. Sie sollten im Pandemiefall den Arbeitern im Gesundheitsystem mit Patientenkontakt zu Verfügung stehen. Sie halten mehrere Stunden. Beim Wechsel ist auch hier Vorsicht angesagt. Die Hände sollten aus dem Gesicht bleiben. Eigentlich ist auch das Tragen einer Brille dazu angesagt, da auch die Augen Einfallstor für das Virus sein können.

Das aktuelle Problem ist dass wegen der Wahnsinnsnachfrage jetzt beide Sorten praktisch nicht mehr erhältlich sind. Sehr unschön auch zu sehen, wie die Preise dafür durch die Decke gehen. Im Internet findet man Angebote (Amazon zum Beispiel) mit 100 Fach erhöhten Preisen, teils auch nur für eine einzelne Maske.

Desinfektionsmittel und Händewaschen

Genau wie bei der normalen Grippe ist das eine effektivere und günstigere Vorbeugemassnahme einer Infektion. Dankbarerweise ist das Coronavirus laut Robert Koch Institut gegen hochprozentigen Alkohol (80%) empfindlich, das bedeutet, dass nicht nur spezielle Desinfektionsmittel wie das Sterillium Virugard dagegen helfen.

Auch hier haben wir in der Apotheke schon rasch gesehen, wie der Bedarf ansteigt und uns soweit möglich bevorratet, wann immer etwas lieferbar war. Trotzdem ist der Stand hier, dass das ausgeht (oder schon ist). Im Internet finden sich da Mondpreise für Sterillium und Co. – unglaublich wie es immer Leute gibt, die aus sowas Profit schlagen.

Jetzt sind wir ja eine Apotheke … früher DER Ort, wo Arzneimittel hergestellt wurden (nicht nur verkauft) und so Desinfektionsmittel ist recht einfach herzustellen. Für Glycerin-Alkohol pro manibus gibt es sogar eine aktuelle Rezeptur der WHO. Nur … existieren daneben neu auch Gesetze wie die Biozidverordnung, die besagen, dass Mittel gegen Lebewesen (und dazu gehören auch Bakterien und Viren, also Desinfektionsmittel) einer speziellen Zulassung bedürfen. Vorher keine Herstellung und Anwendung / Verkauf. Zum Glück haben wir jetzt aber die Erlaubnis der Behörden bekommen, das im aktuellen Pandemiefall trotzdem zu tun. Wer noch Isopropanol hat, macht das … bei meiner Apotheke haben sie 5 Liter hergestellt, in 100 ml Flaschen abgefüllt – es war innert 4 Stunden ausverkauft. Jetzt kriegt man auch kein Alkohol mehr beim Lieferanten.

Deshalb: Händewaschen! Häufig und richtig: Mit Seife, kaltem Wasser und mindestens 20 Sekunden lang unter fliessendem Wasser alles abreiben. Auch die Daumen und zwischen den Fingern …

Das verteilen wir jetzt auch in den Apotheken:

Es bleibt wichtig, dass wir eine Ausbreitung zumindest verlangsamen. Denn das scheint jetzt klar: kommen wird der Covid19. Auch wenn er nicht die wirklich gefürchtete (gefährliche) Pandemie ist, die man erwartet. Vielleicht eine „gute“ Gelegenheit das System jetzt zu testen und für die Zukunft zu optimieren.

Die Auswirkungen werden auch ausserhalb des Gesundheitssystems (dem wohl eine Belastungsprobe bevorsteht) wirtschaftlich deutlich spürbar sein. Arbeitsausfälle, abgesagte Veranstaltungen, Lieferprobleme, Hamsterkäufe …

Apropos Lieferprobleme. Da kommt noch einiges auf uns zu. Die Region Wuhan in China, wo der Virus zuerst aufgekommen ist, ist unter Quarantäne und hat mit den vielen Kranken praktisch Produktionsstopp. Da sie ausserdem die Hersteller (oft noch die einzigen!) von vielen Medikamentenwirkstoffen sind (Antibiotika, Schmerzmittel, Blutdruckmedikamente) werden wir das hier in Europa zu spüren bekommen. Bald. Auch hier haben wir bei uns in der Apotheke versucht vorzubeugen und Vorrat für einige Monate eingekauft, aber wenn das länger andauert … Das macht mich hier grad auch etwas nervös. Ja.

Interview mit Pharmama

Pharmapro, die Seite für Stellensuchende und Informationen für Apotheken in der Schweiz, hat mir im Zuge ihrer Interviews mit Apothekern der Schweiz ein paar Fragen gestellt:

Xavier Gruffat (Pharmapro GmbH) – Ich habe den Eindruck, dass Sie etwas weniger oft bloggen als noch vor ein paar Jahren, aber vielleicht mit längeren und interessanteren Artikeln. Sehe ich das richtig?
Pharmama – Es stimmt, ich blogge nicht mehr so häufig – eigentlich müsste ich den Slogan „zu lesen einmal täglich ändern“? Das hat verschiedene Gründe: manches würde sich wiederholen – und ich bin kein Fan von Repetition. Es gibt immer noch viel bloggenswertes Material, das die Patienten liefern und die Umstände im Gesundheitssystem ändern sich laufend. Das tatsächlich so rasch, dass ich denke, dass viele Patienten das nicht wissen – und selbst bei den Apothekern einige Mühe haben, da aktuell zu bleiben. Das gibt dann gelegentlich grössere Postings mit Themen, die vielleicht nicht alle so spannend finden, wie die Patientenbegegnungen, die aber dennoch wichtig sind. Daneben gibt es für mich persönlich auch andere Prioritäten – unser Junior ist inzwischen in der Sekundarschule. Meine eigene Eltern werden älter. Wenn ich nicht in der Apotheke arbeite, will ich zu Hause mehr Zeit mit der Familie verbringen. Dann bleibt auch weniger Zeit zu bloggen.

Anfang 2020 ist es Zeit für eine kleine Bilanz. Wir sind gerade in ein neues Jahrzehnt eingetreten, was ist Ihnen in den Schweizer Apotheken während der 2010er Jahre besonders aufgefallen, vielleicht im Vergleich zu den 2000er Jahren?
In kurz gesagt sehe ich die Änderungen in den letzten Jahren hier: Generika, Sparmassnahmen des BAG und der Krankenkassen an der Apotheke, Lieferschwierigkeiten und wahnsinnig teure Medikamente. Das Generikum-Thema hat sich einerseits mehr etabliert: jetzt weiss auch die Öffentlichkeit, dass es das gibt und was das ist. Dafür wird aktuell mehr auf die Preise der Medikamente geschaut als auf alles andere. Dabei sind nicht mal mehr die „normalen“ Medikamente die Preistreiber im Gesundheitswesen, das sind die neuen sehr, sehr teuren Medikamente auf dem Markt, die es vor 20 Jahren so nicht gegeben hat. Leider wird das alles in einen Topf geworfen. Dementsprechend scheinen sich alle Sparbemühungen nur auf die Medikamente und die Apotheke zu beziehen – in einem Grade, dass wir jetzt schon merken, dass es sich wegen der Preissenkungen für manche Firma nicht mehr lohnt ihre Medikamente auf den kleinen Schweizer Markt zu liefern. Dazu kommt die Zentralisierung der Wirkstoffherstellung auf wenige Orte in Asien, wo das billiger ist. Das hat sich jetzt schon als problematisch herausgestellt. Werden Qualitätsprobleme festgestellt oder gibt es dort ein Feuer, Erdbeben, Überschwemmung oder der aktuelle Coronavirus-Ausbruch spürt man die Auswirkungen bald weltweit und auch bei uns in der Schweiz.

Und wenn wir die Überlegung der vorhergehenden Frage fortsetzen, was erwarten Sie in diesem Jahrzehnt (2020 bis 2029) für die Schweizer Apotheken?
Es ist ziemlich absehbar wegen oben angetönter Änderungen, dass wir unsere Arbeit vom Preis der Medikamente unabhängig machen müssen. Wir müssen uns ändern – weg vom Medikamentendispenser hin zum wahren Dienstleister im Gesundheitssystem. Wir sind dabei uns zu ändern. Das Problem wird sein, dass unsere Arbeit, die korrekte Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten und Dienstleistungen um die Gesundheit auch so abgegolten wird, dass die Apotheke auch weiter existieren kann.

Ich habe den Eindruck, dass sich der Schweizer Apothekenmarkt im Jahr 2020 stark verändern wird, insbesondere durch den druckvollen Einstieg der Migros in den Apothekensektor (mit den Medbase Apotheken – ehemals Topwell – und den Zur Rose Shop-in-Shop Apotheken und zur Rose Online-Shop der Migros), wie stehen Sie dazu? Was können unabhängige Apotheken unternehmen?
Ich denke auch, dass hier ein Zusammenschluss wichtig ist. Einzelkämpfer werden es sehr schwierig haben in Zukunft. Und wer auch noch „stehengeblieben“ ist, keine Weiterbildungen gemacht hat und die nötigen neuen Qualifikationen (Kompetenzen) nicht erworben hat, wird untergehen. Das dauert vielleicht noch ein paar Jahre, aber das kommt. Die pharmaSuisse hat das erkannt und unterstützt inzwischen auch die Gruppen und Ketten ziemlich aktiv. Wer nicht in eine Kette will, kann sich einer Gruppe anschliessen. Vorteile: Gemeinsam einkaufen, Konditionen aushandeln, gemeinsam Werbung machen, gemeinsam Weiterbildungen besuchen und Hilfe bei der Umsetzung der QMS und anderer Gesetzesvorschriften, die immer komplizierter und aufwändiger werden. Nur so kann man gegen so Molochen wie die Migros oder auch die Galenica bestehen.

In einem Interview, das Sie der Pharmapro 2014 gegeben haben, fragte ich Sie nach dem Interesse oder den positiven Aspekten des Apothekerberufs, Sie sprachen mit mir über seine Vielseitigkeit, teilen Sie diese Sichtweise noch?
Es ist immer noch so. Unser Beruf ist sehr vielfältig. Tatsächlich würde ich behaupten, er wird es noch mehr. Das neue HMG bedeutet nicht nur, dass wir mehr dürfen – wir müssen auch mehr. Mehr Ausbildung und mehr Anwendung desselben. Impfen, Anamnese, Spezialisierung auf ein Thema wie Kinder, Haut, Asthma, Diabetes … Wer auf dem Stand von 2000 bleibt, wird aussterben. Wer 2030 noch Apotheker ist, wird ein bisschen ein Multitalent sein müssen. Ich mag das ja – es bedeutet auch, dass ich andere bisherige Aufgaben aber abgeben muss (oder darf). Die Krankenkassenabrechnungen mache ich schon länger nicht mehr selber.

Im Jahr 2014 erwähnten Sie auch Ihren Wunsch, dass der Apotheker direkt in der Apotheke Impfungen vornehmen könnte. Es scheint, dass dieser Traum Wirklichkeit geworden ist. Glauben Sie immer noch, dass die Impfung etwas Positives war und ist? Ist sie auch kosteneffektiv?
Ja, der Traum ist zum grossen Teil wahr geworden – allerdings noch mit viel Potential zum Ausbau. In meinem Kanton darf ich gegen 4 Krankheiten impfen, aber es gibt immer noch Kantone, in denen das gar nicht erlaubt ist oder nur gegen Rezept. Die Dienstleistung Impfen kommt bei der Bevölkerung gut an – selbst wenn es zur Hauptsache noch selbst bezahlt werden muss vom Patient. Es ist gut für unser Ansehen, zeigt, was wir (noch) können, ist wirksame Gesundheitsvorsorge und eine Hilfe im Gesundheitssystem. Sehr profitabel ist es nicht. Für die Zukunft gäbe es weitere Impfungen, für die es sinnvoll wäre, sie ins Repertoire der Apotheken aufzunehmen. Und eine Einbindung in Notfallszenarien im Falle einer Pandemie.

Manchmal besuche ich als Vertreter von Pharmapro Sàrl medizinische Kongresse (z.B. Quadrimed in Crans-Montana/VS) und diskutiere kurz mit Ärzten. Einige von ihnen sind eher kritisch eingestellt. Sie finden, dass Apotheker nicht „als Ärzte agieren“ sollten, weil sie die Anatomie nicht studiert haben oder in der Physiologie oder Pathologie nicht so weit fortgeschritten sind. Wir können zum Beispiel das Thema der Impfung nehmen. Was meinen Sie dazu?
Ich denke, dass auch unter den Ärzten viele nicht gut informiert sind, wie der Zustand heute ist und wohin die Entwicklung geht. Die alten Apotheker haben wirklich nicht für die neuen Dienstleistungen, die kommen studiert. Aber die jetzigen Pharmazie-Studenten haben diese Ausbildung im Studium integriert (die OSCEE Prüfungen zeigen das) und die Apotheker, die diese Dienstleistungen und Spezialisierungen anwenden wollen, die bilden sich in den Bereichen weiter (oder haben es schon). Bestes Beispiel Impfen. „Unsere“ Ausbildung dazu hat sogar einen Preis gewonnen – und ist besser als das, was die Ärzte während ihrem Studium dazu haben. Abgesehen davon, dass das Impfen  in vielen Praxen (auch dem Tropeninstitut) an die MPA oder „nicht-Medizinisches Personal“ delegiert wird.

Was das Konkurrenzieren der Apotheker mit den Ärzten angeht: haben denn die Ärzte für die Abgabe der Medikamente studiert? Ich rede hier von der Selbstdispensation, aber auch von den Fehlern, die ich täglich bezüglich Dosierung, Anwendung und Medikation selber auf den Rezepten sehe. 

In der Schweiz herrscht in den Medien eine Kontroverse über die hohen Kosten neuer Medikamente, zum Beispiel zur Bekämpfung von Krebs oder seltenen Krankheiten. Aber wenn man die Sache unter die Lupe nimmt, umgehen die meisten dieser sehr kostspieligen neuen Medikamente (eine Behandlung bei Novartis z. B. kostet 2 Millionen US-Dollar) die Apotheken, weil sie direkt in Krankenhäusern oder Kliniken verabreicht werden. Sind Sie mit dieser neuen Vorgehensweise einverstanden?
Das ist ein grosses Problem. In den Köpfen der Leute sind die teuren Medikamentenpreise immer noch mit den Apotheke verknüpft, in denen sie die Medikamente bekommen (haben). Dabei ist das schon lange nicht mehr der Fall. „Apothekenpreise“ bei den Medikamenten, das war früher einmal. Und während manche neue Medikamente super-teuer sind (und entweder via Direktvertrieb der Firma oder Abgabe im Spital an der Apotheke vorbeigehen – oder die Apotheke wegen grossem Aufwand dafür sogar Minusmargen haben) gibt es andere Medikamente, die super-günstig sind … so billig tatsächlich, dass sich für die Pharmafirmen die Herstellung und der Vertrieb kaum mehr lohnt. Und an einem Medikament, das unter 5 Franken kostet und auf Rechnung an die Krankenkasse abgegeben wird, verdient auch die Apotheke nix dran. Die Pauschalen von etwa 7 Franken sind da keine ausreichende Vergütung der gesamt drum herum stattgefundenen Arbeit.

Und abschliessend, welches ist Ihr Anliegen für das Jahr 2020, auch bis 2024 – 2014 war es die Impfung – haben Sie einen neuen Wunsch für die Apotheker in der Schweiz, ein neues Berufsziel, für das Sie „kämpfen“ möchten?
Dass die Bevölkerung und auch unsere Regierung mehr sieht und anerkennt, was die (neuen und alten) Leistungen in der Apotheke sind. Dass wir wegkommen von der Verknüpfung in den Köpfen der Leute von den Medikamentenpreisen und dass unsere Arbeit von der Krankenkasse auch finanziell anerkannt und entlöhnt wird.

  • Danke an Xavier für die herausfordernden Fragen!

Wenn Schönheit leidet und die Apotheke aufsucht

Nach dem was ich in der Apotheke so sehe, kann ich bestätigen: Sie werden immer beliebter: Schönheitskorrekturen, vor allem im Gesicht mit so halb-medizinischen Behandlungen. Botox-Spritzen, Hyaluronsäure spritzen, permanent Tattoos von Lippen oder Augenlidern oder Brauen, Blading.

Ob das jetzt wirklich „schöner“ ist danach, lasse ich mal dahingestellt.

Zugegeben, ich achte nicht bewusst darauf, aber nachdem ich in der Apotheke jetzt schon mehrmals Personen gesehen habe, die danach mit Problemen zu uns gekommen sind, finde ich das eine bedenkenswerte Entwicklung. Mir scheint auch, dass diese „Eingriffe“ teils nicht von sehr qualifizierten Personen durchgeführt werden dürfen.

Botox Spritzen – darf so ziemlich jede Arztfachrichtung als Nebenverdienst machen. Kinderarzt, Internist oder Urologe – jeder approbierte Arzt hat die Erlaubnis zu injizieren bzw. in Kursen das Unterspritzen mit Hyaluronsäre sowie das Botox spritzen zu lernen. Botulinustoxin, übersetzt eigentlich das „Wurstgift“ ist das stärkste Gift, das wir kennen und wird sehr stark verdünnt angewendet. Es verursacht Lähmungen – bei der Mimikmuskulatur hält der Effekt monatelang an. und weniger Stirnrunzeln führt zu weniger Runzeln / Faltenglättung. Stirn- und Zornesfalten, Lachfalten und Plisseefältchen an der Oberlippe lassen sich damit behandeln. Wenn man das etwas übertreibt gibt es Maskengesichter – teils hat man das sicher schon bei älteren Stars an den Oskarfeiern gesehen. Und wer noch mehr spritzt: Zu viel an der Oberlippe – und man hat danach Probleme beim trinken und Essen. Zu viel an der Stirn – und die Augenlider können mitbetroffen sein (durch hängende Lider sieht man schlecht) -da nützen auch keine Augentropfen mehr etwas. Falls der Arzt eine Vene erwischt statt nur unter die Haut zu spritzen, können auch Atemlähmungen auftreten. Und ein Teil der Leute hat Antikörper gegen Botox, die reagieren vielleicht allergisch.

Permanent Makeup: Im Gegensatz zum Botox, das nur der Arzt anwenden darf, ist das wird Permanent Make-up durch Kosmetikerinnen, Permanent Make-up Fachkräfte und Permanent Make-up Visagisten angewendet. Dabei gibt es noch keine verbindlichen Vorschriften für die Ausbildung, einzig seit 2017 eine Meldepflicht (nach dem Lebensmittelrecht) für jeden Betrieb, der Tätowierungen oder Permant Make up anbietet. PMU ist eine Sonderform der Tätowierung, bei der vor allem Augenbrauen oder Lippen betont und Narben kaschiert werden. Dabei wird die Farbe mittels Nadeln in tiefere Hautschichten gebracht, wo sie dann bleibt. Vorteil: kaum mehr schminken nötig. Viel ändern kann man danach aber auch nicht mehr (darum das Permanent) – es hält dann bis zu 5 Jahren. Hoffentlich ist der Applizierende sehr geübt darin. Wie beim tätowieren hat man hier auch das Problem von Allergien, die die Farbe auslösen kann. Allergien auf Nickel oder die Farbpigmente selber oder die Konservierungsstoffe sind häufig. Es ist darum wichtig, wirklich auf die Qualität der Farben zu achten (schwierig, da kaum kontrolliert) und dass das Studio die Hygienevorschriften wirklich konsequent durchsetzt. Die Hautbarriere wird durch die Tattoonadel durchstossen – ungenügende Hygiene kann da diverse Infektionen zu Folge haben. Tattoos sind auch ein theoretischer Übertragungsweg (diverser) Hepatitis-Viren. In der Apotheke habe ich nach so PMU-Behandlungen starke Entzündungen gesehen und schon 3x Herpesinfektionen bei Lippen-PMUs. Ob die durch das Tättowieren übertragen wurden oder „nur“ durch den Stress ausgelöst / reaktiviert wurden, ist nicht nachzuvollziehen, zumindest eine der drei hat behauptet noch nie eine Herpesinfektion gehabt zu haben. Auch schlecht ist es, wenn man Blutverdünner nimmt und das nicht angibt … das sieht dann noch länger sehr unschön aus.
Mikroblading ist eine Spezialform des PMU, dabei werden die Haare der Brauen nachgezeichnet – dies mit einer speziell feinen (mikro) Nadel.

Haarentfernung mit dem Laser. Sie finden meist im Gesicht und grossflächiger an den Beinen / im Intimbereich statt. Bei den Laser-behandlungen werden die Haarwurzeln mit intensivem Licht gekillt, das durch die (dunklen) Haare zur Wurzel geleitet wird. Die Wirkung hält zwischen mehreren Monaten (bei IPL: leistungsreduzierten Geräten wie für den Hausgebrauch) und mehreren Jahren (Laserepilation). Geräte für den Hausgebrauch eignen sich nicht fürs Gesicht oder den Intimbereich – da lässt man lieber den Profi ran. Der sollte auch wissen, dass der Laser nur dunkle Haare entfernt, bei blonden, rötlichen oder grauen Haaren funktioniert das schlecht. Suboptimal ist es auch, wenn die Patienten dunklere Haut haben – und kein spezieller Aufsatz verwendet wird. Dann verbrennt die Haut, was zu Pigmentflecken oder gar Narben führen kann.

Die Patientin in der Apotheke gestern, die sich die Haare im Studio hat entfernen lassen um für die Ferien gewappnet zu sein, hatte eindeutig Verbrennungen. Pünktchenweise, aber über beide Beine (wo die Haare waren), das von einfachen Rötungen bis zu kleinen Blasen. Sie gehe morgen in die Ferien und will an den Strand liegen. Was ich ihr empfehlen kann?. Etwas Wundheilendes, kühlen und nicht an die Sonne die nächsten Tage / Wochen, da es sonst permanente Narben und oder Pigmentstörungen geben kann. Auch danach Sonnenschutz in Cremeform. Damit war sie nicht wirklich zufrieden – für was hat sie das denn gemacht mit der Haarentfernung? Deshalb Tipp: So etwas nicht kurz vor einem Anlass in Angriff nehmen … und sich das Institut gut aussuchen, denn auch dafür braucht es weder eine Lizenz noch gibt es eine Pflicht-Ausbildung.

Palindrom-Tag

Palindrom: ergibt vorwärts- wie rückwärtsgelesen (den gleichen) Sinn. Heute ist so ein Tag – und der nächste wird laaaange auf sich warten lassen.

Ausserdem ist das Datum heute einmal das selbe, egal ob in der amerikanischen oder unseren Schreibweise.

Unnützes Wissen.