Glücksspiel mit der Gesundheit

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Immer mehr versuchen via Internet an (rezeptpflichtige) Medikamente zu kommen. Die Gründe dafür sind vielfältig: manchen ist es zu peinlich dafür vorher zum Arzt zu gehen, oder sie wollen sparen: Geld oder Zeit. Dass das arg auf Kosten der Gesundheit gehen kann, scheinen immer noch viele nicht zu wissen.

Eigentlich sollte einem ja die eigene Vernunft sagen, dass da etwas nicht stimmen kann, wenn man einfach so (und soviel man will) rezeptpflichtige Medikamente ohne Arztrezept zu „Schnäppchenpreisen“ per Knopfdruck bestellen kann. Aber … die Menge der am Zoll dann beschlagnahmten und untersuchten Produkte zeigt, dass das nicht so ist.

Geschätzte 95% der abgefangenen Medikamente sind Fälschungen. Und die können echt alles enthalten. Als Beispiel dieses Bild (von Pfizer, via Dr. Schweim) von Ponstan Tabletten:

ponstanfalsch

Hier mal: keinerlei Wirkstoff, stattdessen Borsäure, gefärbt mit gelber Strassenfarbe (bleihaltig) und Überzug mit Fussbodenwachs. Fein. Wie gesagt, da kann alles drin sein – auch Wirkstoffe, die man wegen übler Nebenwirkungen ausser Handel genommen hat, manchmal auch gar nichts, manchmal tatsächlich der richtige Wirkstoff – nur in der falschen Dosierung … deshalb nenne ich es ein Glücksspiel mit der Gesundheit.

Der österreicherische Apothekerverband hat aktuell dazu auf facebook eine Aktion laufen, die man verfolgen kann: Fakes don’t care (But we do).

16 Kommentare zu „Glücksspiel mit der Gesundheit

  1. Mir gefällt mal wieder die Überschrift nicht: „Medikamente aus dem Internet“. Jaja, dieses gefährliche Internet, das unbekannte Wesen. Das stellt ja auch die Medikamente her und schickt sie dir nach Hause, oder?

    Meine Meinung ist die: Wenn ich mir Medikamente, die ich nicht dringend brauche, bei einer Versandapotheke bestelle und nicht dreimal ins nächste Dorf fahren muss, bis der dortige Apotheker sie endlich bestellt und erhalten hat, dann spare ich Geld und tue was für die Umwelt. Mit meiner Gesundheit spiele ich nur dann, wenn ich mir einbilde, irgendwelche Lifestyle-Medikamente (Sildenafilcitrat etc.) aus obskuren Quellen kaufen zu müssen, die mir per Spam-Mail päsentiert werden. Da sollten aber bei jedem normal denkenden Bürger sofort alle Alarmglocken schellen und die Hand reflexartig zur Löschtaste gehen.

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    1. Stimme zu, die Überschrift ist nicht ganz glücklich. Normale Versandapotheken sind keine unsichere Quelle, das ist richtig. Schliesslich sind das – in Deutschland jedenfalls – Apotheken mit behördlicher Erlaubnis wie jede andere Apotheke auch.
      Ob Du mit dem Zusenden etwas für die Umwelt tust, wage ich aber zu bezweifeln. Die Apotheke drei Dörfer weiter bekommt die Medikamente schnell und zu klar definierbaren Terminen. Auf dem Land bist Du wahrscheinlich ohnehin dort ganz in der Nähe unterwegs, und der Postwagen pustet sicher mehr Diesel in die Umwelt als Dein Auto.

      Was ich schwierig finde beim Thema Versandapotheken ist die Tatsache des Rosinenpickens. Ja, keiner braucht beim 100. Mal Holen der Blutdrucktabletten eine Beratung. Also reicht Versand. Aber wehe man braucht die Tabletten mal schnell oder es sind einem akut die Kopfschmerztabletten ausgegangen, dann muss die Präsenzapotheke die bitteschön ganz schnell beschaffen oder sonntags Paracetamol für 1,43 Euro verkaufen.
      Das passt irgendwo nicht zusammen. Wenn man eine qualitativ hohe und schnelle Arzneimittelversorgung sicherstellen will, dann kann man das nicht machen wenn man gleichzeitig wichtigen Umsatz für Dauermedikation abzieht. Jedenfalls nicht ohne Gegenleistung.

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    2. Alwin: sollte ich schreiben: Medikamente aus Asien? (dort kommen die meisten her) – Tatsache ist doch, dass diese gefälschten Medikamente hauptsächlich, wenn nicht sogar ausschliesslich via Internet: Websites, Mail etc. vertrieben werden. Jedenfalls habe ich noch keinen Werbebrief oder Fax dafür erhalten oder sonst etwas in Papierform. Natürlich muss man unterscheiden zwischen den richtigen Online (Versand)Apotheken und den Websites, die oft nur vorgeben solche zu sein.
      Man sollte denken, die Leute könnten das – ich denke, die tonnenweise (kein Scherz) abgefangenen gefälschten Mittel zeigen, dass dem nicht so ist.

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      1. ich denke, die tonnenweise (kein Scherz) abgefangenen gefälschten Mittel zeigen, dass dem nicht so ist.

        Oder sie sind ein Beweis dass es vielen Leuten anscheinend einfach egal ist. Sie bereit sind das Risiko ein zu gehen.

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      2. Das Problem gibt es nicht nur in Asien, sondern auch in Deutschland.

        Um zu verdeutlichen, welchen Ausmaß Arzneimittelfälschung in Deutschland annimmt: Vor ein paar wenigen Tagen wurden in Potsdam sieben Personen wegen illegalen Arzneimittelvertriebs von in Indien und China zusammengepanschten Arzneimitteln verurteilt.
        Die haben innerhalb von drei Jahren 21 Millionen Euro umgesetzt. Das sind Umsatzzahlen, von denen eine Apotheke träumt.

        Quelle: http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2015/05/pillenbande-chef-urteil-potsdam-landgericht.html

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  2. Erinnert mich an diesen Berufs-Suchti aus Ankh-Morpork, der sich nicht dafür interessiert, was er so wirklich schluckt. Man sieht ihn des öfteren mit Funken sprühenden Haaren rumlaufen, und nicht selten entweicht seinen Nasenlöchern ein Lichtschein…

    Ponstan bekommt man in der Schweiz doch recht problemlos verschrieben (sofern man etwa Gelenkschmerzen hat), und in Österreich vielleicht auch. Kann sein, dass die Marktforschungsabteilung von Thailand geschaut hat, was so beliebte Medis sind in der Schweiz, und gedacht… cool, bieten wir die an in der nächsten Runde Spam-mails…

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    1. „Ein Wukwuk etwas ist, das man macht aus Holzkohle, Salpeter und Platte. Alles in Papier zusammengerollt wie eine Zigarre. Wir nennen sie Wukwuks, weil sie … wie ein Wukwuk aussehen“, sagte Ziegel mit einem verlegenen Lächeln.
      „Ja, ich glaube, ich verstehe“, erwiderte Mumm müde. „Und hast du versucht, das Ding zu rauchen?“
      (Terry Pratchett, „Klonk!“, Leseexemplar, S. 229 f., leicht gekürzt)

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      1. Ah, die Herzensfreude, die uns Hochwürden Terry Pratchett sel. geschenkt hat.

        Ich habe einige Inhalte des „Handbuch der Arzneipflanzen“ geraucht, meist als Jugendsünde. Nach so fünf oder sechs Versuchen ist eine generelle Rauch-Allergie entstanden. Seither setze ich nur noch Grilladen dem Rauch aus, um nicht wie Ziegel zu enden. :)

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        1. Na, wenigstens grillst du noch mit Rauch. Eine Sünde muss ja schließlich sein, und mir konnte noch niemand den Sinn von Elektrogrills erklären. Da kann ich das Zeug gleich auf dem Küchenherd zubereiten und in den Garten tragen, uns spare mir die Verlustleistung der Kabeltrommel.

          Das „Handbuch der illegalen Pflanzen“ kenne ich aus meiner Jugend auch sehr gut, und da ich kein Großstadtkind bin, kam ich mit verbotenen synthetisch hergestellten Substanzen eher selten in Berührung, und die wenigen Male, die ich sie ausprobiert habe, reichten nicht, um mich zu überzeugen. Was brauch‘ ich LSD, wenn die Pilze auf der Wiese wachsen?

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    2. @turtle: das mit dem sich nicht wirklich dafür interessieren, was man so zu sich nimmt/spritzt/schnupft habe ich bei den Süchtigen hier auch schon bemerkt. Da ist es Schnurz, wenn da ein Mittel gegen Parasiten bei Tieren zum Strecken verwendet wird …
      Das mit dem Ponstan war nur ein Beispiel auf der Seite – letztes Jahr haben sie ein paar Tausend Schachteln Aspirin abgefangen, da war auch nichts (gutes) drin. Aber öfter denke ich, gehen sie auf die Sachen, die sich lohnen: die hochpreisigeren Medikamente, oder solche, für die man nicht gerne zum Arzt geht (Potenzmittel, Schlankheitsmittel …)

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  3. Danke, dass du mit diesen Beiträgen darauf aufmerksam machst, dass der Verzicht auf Apotheken eben doch nicht geht! 👍

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  4. es gibt noch etwas zu bedenken: versandapotheken müssen preislich günstiger sein als normale apotheken. so weit, so gut. gespart wird dann – logischerweise – auch beim personal. denn in der versandapotheke steht keine ausgebildete apothekenfachkraft oder gar jemand mit einem abgeschlossenen pharmaziestudium, sondern da stehen die billigsten kräfte, austauschbar wie immer in unserer zeit, und machen schichtdienst rund um die uhr. manche ein paar wochen lang, manche ein paar monate lang, kaum jemand jahrelang.

    nun sind die medikamentenfälscher – wie nicht anders zu erwarten und mittlerweile auch bewiesen – auch nicht auf den kopf gefallen. die mischen auf mannigfachen wegen gerne ihre gefälschte ware unter originalware. besonders gerne dann, wenn in fernen landen produziert und abgepackt wird.

    eine erfahrene apothekenkraft (mit studium oder ohne) merkt eher schnell z.b. am farbton der „umverpackung“ (wie der karton neuerdings heisst) jede merkwürdigkeit oder abweichung. diese leute haben die schachteln nämlich mehrmals täglich in der hand, sortieren sie in die regale, nehmen sie wieder heraus, kontrollieren noch einmal genau, scannen in die kasse, kontrollieren noch einmal, reichen an den kunden weiter. ein lagerarbeiter – auch ein guter, motivierter, intelligenter – hat einfach weder die erfahrung noch die vergleichsmöglichkeit.

    so kommen viele fälschungen durch die kontrolle.

    ich habe während des studiums im grosshandel gearbeitet: lieferungen zusammenstellen. und ja, wenn in einer schachtel ein blister fehlt, oder ein karton plötzlich um 1 mm grösser ist, oder aus dünnerem oder festerem material: man merkt das. wenn man entsprechende erfahrung – und verantwortung – hat.

    das klingt jetzt vielleicht als argumentation weit hergeholt, aber es kann jeder selber versuchen. viele von den tricks, mit denen neuerdings gearbeitet wird, fallen uns selber auf: 85 g statt 100 g zum selben preis, wenn man die ware in der hand hält merkt man auch ohne vergleich „dass da was nicht stimmt“ und schaut genauer hin. billige semmeln/brötchen wiegen einfach weniger als die teureren: hoher luftgehalt spart mehl. kauft man allerdings gewohnheitsmässig eine grosspackung, kann einem das gar nicht auffallen. man merkt höchstens, dass man zum sattwerden zwei semmeln braucht statt wie früher eine. ein geübter bäcker dagegen kann schon beim anschauen so eines gebäcks genau sagen, was dran und drin ist.

    und natürlich ist das nicht nur bei apotheken und medikamenten so, sondern auch bei obst und gemüse, oder wurst und fleisch, und ganz vielen anderen dingen. wir wissen einfach viel zu wenig über die wege, die eine ware nimmt bis sie bei uns angelangt ist, und wir denken viel zu wenig darüber nach. und wir schätzen meist die menschen, die vor uns mit den dingen beschäftigt sind, viel zu wenig.

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  5. Da meldet sich gerade wieder der Statistiker in mir:

    Sind bei der Statistik nur die Medikamente aufgeführt die man auch legal in einer Offlineapotheke erwerben könnte oder werden da auch Schwanzverlängerungspillen oder MMS berücksichtigt?

    In welcher Rubrik tauchen homeopatische Medikamente in der Statistik auf?

    Gibt es eigentlich schon eine Statistik zur Häufigkeit den Fälschungen in der
    Offlineapotheke
    http://www.mdr.de/nachrichten/apotheker-medikamente100.html
    oder ist das Problem zu neu?

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