Noch nie hat eine Apotheke so einen Test bestanden!

„Noch nie hat eine Apotheke so einen Test bestanden!“ – Ich weiss nicht mehr, wer das gesagt hat, aber es war an einer unserer zahllosen Weiterbildungen. Und Recht hat der Mensch!

Das bedeutet nicht, dass wir Apotheken nicht jährlich mehrmals getestet werden – und diese Tests auch bestehen. Es gehört zum Vertrag mit den Krankenkassen, dass die Qualität in der Apotheke mittels Testkäufen, Telefonanrufen und Rezepten durch sogenannte „Mystey“-Patienten evaluiert wird. Jedesmal mit ausgiebiger Besprechung der Resultate. Die haben wir bisher immer bestanden.

Nicht so mit den Tests, die Zeitschriften wie zum Beispiel der Saldo durchführen. Sowas können „die Apotheken“ nicht bestehen – und das sollen wir auch nicht. Wo blieben da die sensationsgeilen Überschriften?

Aktuelles Beispiel: Gefährliche Wechselwirkungen nicht erkannt (Saldo Artikel, kostenpflichtig).

Kurzfassung: 20 Apotheken wurden „getestet“. Es wurde auf Rezept Efexor (Venlafaxin) eingelöst und geschaut, ob da das Generikum angeboten wird. Danach wurde OTC der Hustendämpfer Bexin (Dextrometorphan) verlangt. Zitat saldo:

Bei der Kombination der beiden Präparate kann gemäss Packungsbeilage von Efexor das lebensbedrohliche Serotoninsyndrom auftreten.“

Während sie sich bei der Generikum Abgabe noch halb positiv überrascht zeigen – 13 von 20 Apotheken haben das günstigere Generikum von Efexor abgegeben (im Gegensatz zu 6 in 2013) – sind sie bei der Abgabe der Kombination „entsetzt“, dass das 15 von 20 Apotheken abgegeben haben.

Der Apothekerverband hält sich hier dezent zurück mit einem öffentlichen Kommentar, bis auf eine Facebook- Mitteilung, in der sie angeben von dem Test abweichende Resultate bekommen zu haben vom saldo als später publiziert, habe ich nichts gesehen. Vielleicht weil pharmasuisse im Artikel zitiert wird, angeblich mit: „pharmasuisse kritisiert die Apotheken: «Der Patient muss darauf hingewiesen werden, dass sich die beiden Medika-mente nicht vertragen.“

Dann will ich dazu mal etwas schreiben und ein paar Sachen erklären. Diese „lebensbedrohliche Wechselwirkung“ des Serotoninsyndroms gibt es. Es ist ein Komplex aus Krankheitszeichen die durch eine Anhäufung des Neurotransmitters Serotonin hervorgerufen werden. Charakteristisch sind neuromotorische und kognitive Störungen sowie Verhaltens-veränderungen, Ruhelosigkeit, rasche unwillkürliche Muskelzuckungen, Schwitzen, Schüttelfrost und Zittern. Das Serotonin-Syndrom ist häufig das Resultat einer Arzneimittelnebenwirkung, die zu einer Erhöhung der Serotoninaktivität führen kann und insbesondere bei einer kombinierten Anwendung von serotonergen Arzneistoffen mit MAO-Hemmern beobachtet wird.

Ich bin also tendenziell Vorsichtig bei Medikamenten, die das machen können (wie Efexor) und gebe andere „zentral wirksame Medikamente“ – zu denen ich auch den Hustenstiller Dextrometorphan zählen will – zur Wechselwirkungs-Kontrolle im Computer ein. Und unser System bleibt dabei ruhig! Naja, nicht ganz ruhig. Ich habe es so eingestellt, dass bei uns Warnhinweise der Stufen 1, 2 und 3 angezeigt werden. Das heisst: 1: kontrainduziert (Darf man so nicht zusammen nehmen), 2: vorsichtshalber kontrainduziert (sollte man so nicht zusammen nehmen) und 3: Überwachung / Anpassung notwendig. Wenn ich das höher einstelle, habe ich bei so ziemlich jeder Kombination irgendeine Anzeige – die dann mit der Zeit wegen „Alarmmüdigkeit“ einfach nur noch weggedrückt wird. Das will ich nicht. Bei denen, die es jetzt anzeigt, muss man reagieren. Aber bei der Kombi, die getestet wurde?

Diese beiden Medikamente zeigt es mit einer Wechselwirkung der Stufe 5 an:

Relevanz: 5 Vorsichtshalber überwachen. Gruppen: Serotonin-Reuptake-Hemmer / Opioide
Kurztext: Erhöhtes Risiko eines Serotonin-Syndroms und von Krampfanfällen

Die genannten Opioid-Analgetika und das zentrale Antitussivum Dextromethorphan haben ebenso wie die Serotonin-Reuptake-Hemmer serotoninerge Effekte, so dass additive serotoninerge Wirkungen vermutet werden. Dies wurde nicht systematisch untersucht; allerdings liegen etliche Fallberichte vor.

Die Fallberichte beziehen sich aber nach dem was ich gesehen habe tatsächlich auf die starken Opioide wie Durogesic, Valoron, Palexia und nicht auf Abkömmlinge wie dem Dextrometorphan. Deshalb auch die niedrige Einstufung der Gefahr. Demnach steht da auch:

Bei gleichzeitiger Behandlung mit den genannten Opioiden und
Serotonin-Reuptake-Hemmern ist Vorsicht geboten. Die Patienten sollen sorgfältig über die Zeichen des Serotonin-Syndroms sowie über das Risiko von Krampfanfällen informiert werden. Auf Dextromethorphan in Erkältungspräparaten kann verzichtet werden. 

Also ist in meinen Augen eine Abgabe möglich ohne grosse Gefahr des Patienten. Will man ganz sicher sein, kann man einen anderen Hustenstiller wählen (die Wirksamkeit ist halt meist auch nicht ganz entsprechend) und falls doch Bexin gewollt ist, würde ich den Patienten informieren, dass er auf das Auftreten von Zittern, Muskelzucken oder Schwitzen achtet und falls das auftritt, kein Bexin mehr nimmt. Aber nochmal: wir reden hier von Einzelfällen, einer in der Kombination kaum erwarteten Nebenwirkung.

Anders sieht es beim zweiten Test von saldo aus, bei der die Kombination von Plavix (Clopidogrel) und Aspirin (Acetylsalicylsäure) versucht wurde.

Das ist etwas, wo man reagieren muss:

Relevanz: 3 Ueberwachung/Anpassung
Gruppen: Thrombozytenaggregationshemmer / Antiphlogistika, nicht steroidale
Kurztext: Möglicherweise erhöhtes Blutungsrisiko

Und das haben die Apotheken auch:

Positiv: Nur eine Apotheke verkaufte Plavix und Aspirin ohne Warnung vor der Blutungsgefahr. Negativ: 7 von 20 verkauften den Blutverdünner Plavix, ohne auf ein Generikum hinzuweisen.

Das könnte man natürlich auch so formulieren: 13 von 20 Apotheken haben auf das Generikum hingewiesen oder es verkauft! Aber das liest sich halt nicht so gut. Dann schreibt man lieber:

Insgesamt arbeiteten nur drei Apotheken vorbildlich

Jaaa – wie gesagt: Noch nie wurde so ein Test bestanden. Kein Wunder, wenn man das so zeigen will und entsprechend selten auftretende Wechselwirkungen aussucht – notabene eine Wechselwirkung, die bei dem Medikament schon als Nebenwirkung alleine auftreten kann. Ebenfalls selten, also weniger als 1 von 1000 Behandelnden bekommt das.

Übrigens. Nein, wir sind nicht getestet worden. Aber ich habe von Apotheken gehört, die bei dem saldo-Test dabeiwaren und die die Kombi abgegeben haben. Deshalb sei hier noch angefügt: nicht alles, was die Apotheke dazu gesagt hat, schlägt sich im Artikel nieder. Das dürfte bei mehreren der Fall gewesen sein.

Es geht bei den Wechselwirkung halt auch darum, die zu interpretieren – und dann den Patienten gegebenenfalls zu informieren. Abgegeben hätte ich das wahrscheinlich auch.

Vermeide das K-Wort

Ich bin noch etwas „schuldig“ vom Twitter-Tag. Die Geschichte, die mich mit einem etwas üblen Nachgeschmack und ziemlich nachdenklich hinterlassen hat, die aber zu lange war für die 140 Zeichen-Folge.

Dafür muss ich etwas ausholen. Seit letztem November oder so sind wir von der Swissmedic (dem Kontrolldienst für Medikamente in der Schweiz) angehalten, Patienten, die Blutdruckmedikamente mit dem Inhaltstsoff Hydrochlorothiazid nehmen – das ist vor allem in Kombinationsmitteln enthalten – darauf hinzuweisen, dass es da neue Erkenntnisse gibt.

Meldung der Swissmedic:Die Zulassungsinhaberinnen … informieren:

  • Pharmakoepidemiologische Studien haben ein erhöhtes Risiko für nicht-melanozytäre Malignome der Haut (NMSC) in Form von Basalzell- und Plattenepithelkarzinomen unter zunehmender kumulativer Exposition gegenüber Hydrochlorothiazid (HCTZ) gezeigt.
  • Patienten, die HCTZ allein oder in Kombination mit anderen Arzneimitteln anwenden, sind über das NMSC-Risiko aufzuklären und anzuweisen, ihre Haut regelmässig auf jegliche neu aufgetretenen Läsionen sowie Veränderungen vorhandener Läsionen zu kontrollieren und jegliche verdächtigen Hautveränderungen zu melden.
  • Verdächtige Hautveränderungen sind zu untersuchen, gegebenenfalls mittels Biopsie und histologischer Analyse.
  • Patienten sind anzuweisen, sich nur begrenzt Sonnenlicht und sonstiger UV-Strahlung auszusetzen und bei Sonnen-/UV-Exposition angemessenen Lichtschutz zu verwenden, um das Hautkrebsrisiko zu minimieren.
  • Bei Patienten mit Malignomen der Haut in der Vorgeschichte ist die Anwendung von HCTZ möglicherweise sorgfältig zu überdenken

Oder in Kurz: Wahrscheinlich besteht ein erhöhtes Risiko für (empfindliche) Personen, die das Blutdruckmedikament mit HCT über längere Zeit einnehmen, dass sie Hautkrebs bekommen.

Und das sollen wir ihnen jetzt erklären bei der Abgabe – möglichst ohne sie so zu verunsichern, dass sie das Medikament absetzen, das wäre nämlich akut ein grösseres Gesundheitsrisiko.

Nun habe ich also am Mittwoch diese wirklich alte Patientin, die mit der hilfreichen Nachbarin in die Apotheke kommt und ein Bilol comp von ihrem Dauerrezept holen kommt (das ist Bisoprololi fumaras (2:1); Hydrochlorothiazidum). Also hole ich es, schreibe es an und sage bei der Abgabe:

„Ich soll neu zu diesem Medikament sagen, dass es möglicherweise vermehrt Hautveränderungen machen kann – vor allem, wenn man an die Sonne geht. Bitte schützen Sie sich gut vor der Sonne und kontrollieren Sie von Zeit zu Zeit ihre Haut auf Veränderungen.“

„Was?“ fragt mich die alte Frau. Ich hätte daran denken sollen, dass sie schwerhörig sein könnte. Also schaue ich ihr in die Augen und sage deutlich noch einmal:

„Das Medikament kann Hautveränderungen machen … „

Und genau da sehe ich etwas. Auf ihrer Nase. Da ist eine Läsion die für mein Mittel-geübtes Auge deutlich nach einem Basaliom aus. Erhabener Rand, perlig schimmernd, Loch in der Mitte – und schon fast 1cm Durchmesser. Mist. Also stolpere ich etwas, fahre dann aber weiter:

„…So wie das auf ihrer Nase. Das sollten Sie unbedingt von ihrem Arzt anschauen lassen!“

Sie beginnt sofort abzuwinken: „Ach was, ich will nicht zum Arzt. Mir gehts gut. Das ist reine Zeitverschwendung“

„Ja, aber diese Hautveränderung … das wird tiefer werden …“

„Neinnein, das geht schon.“

Die Nachbarin, die bis jetzt ruhig daneben gestanden hat und die ich fast vergessen habe:

„Hör doch auf die Apothekerin! Ich habe Dir auch schon gesagt, dass Du das zeigen gehen sollst. Das sieht wirklich nicht gut aus.“

„Ach was, das macht doch nichts … das ist schon eine Zeit so.“

„Ja – aber das könnte Hautkrebs sein …“ (Da. Ich hab’s gesagt. Das K-Wort, das man eigentlich vermeiden sollte. Aber wie mache ich ihr sonst deutlich, dass das bei ihr etwas „dringenderes“ ist?) „Und ich würde mich wirklich besser fühlen, wenn ich weiss, dass sie das abklären lassen.“

Sie liess sich nicht überzeugen. Hat sie mich wirklich verstanden? Akustisch und intellektuell? Die Nachbarin meinte noch beim Rausgehen, dass sie versuchen würde etwas auf sie einzuwirken. Aber es hat mich schon etwas nachdenklich gemacht. Gut – sie ist alt. Über 90. Aber ausser dass sie nicht mehr so mobil ist und etwas schwerhörig ist sie noch ziemlich fit. Jetzt kann man wohl noch (relativ einfach) etwas machen. Später wird das schwieriger.

Einer der Hautärzte hat in einer Weiterbildung letztens gemeint: „Nun, das ist jetzt böse, aber die Frage ist: ‚Wie krebsfrei soll die Leiche denn sein‘?“ – denn es ist nicht unüblich, dass im Alter (aus verschiedenen Gründen) mehr Krebsarten auftreten und man muss nicht zwingend alles und alle behandeln.

Und auch meine Kollegin meinte: „Vielleicht würde ich in dem Alter auch nicht mehr zum Arzt wollen.“

Trotzdem. Das Gefühl danach war nicht wirklich schön. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, dass sie sie Entscheidung da nichts zu machen trifft, wenn sie die Konsequenzen davon wirklich kennt.

Und irgendwie bin ich mir da nicht so sicher.

Der „grosse Bruder“ ist gestorben

Zuerst hoffte ich auf einen (schlechten) Aprilscherz, als wir in der Apotheke die Nachricht bekommen haben: Grand Frère gibt’s nicht mehr. Leider ist das so – ein weiterer Ausdruck der missgeleiteten Sparpolitik.

Dabei war das eine gute Regelung – und wirtschaftlich. Das sollen wir ja doch sein als Apotheke.

Kleine Erklärung: „Grand frère“ = Grosspackung eines SL-Produkts. Wir haben die SL (Spezialitätenliste), auf ihr befinden sich die Medikamente, die von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen werden müssen. Was da nicht drauf steht, kann ein NLP sein – ein nicht-listen-pflichtiges Medikament, das von der Zusatzversicherung übernommen werden kann. Wenn man denn eine hat.

Es gibt Medikamente bei denen nur die kleine Packungsgrösse auf der SL ist – aber die grössere Packung ist NLP.
Das ist doof – ABER bisher war es so, dass die Krankenkasse die grössere Packung auch in der Grundversicherung übernommen hat – WENN die grosse Packung wirtschaftlich günstiger war. Beispiel: Wenn die kleine Packung mit 20 Stück 3 Franken kostet und die grosse Packung mit 100 Stück 10 Franken kostet (weniger als 3×5=15), dann wurde auch die grosse Packung von der Krankenkasse bezahlt. Das ist dann ein sogenannter Grand Frère – unser Computer zeigte uns das auch an, man musste aber gut aufpassen, wenn es da Preiserhöhungen gab (bei NLP gut möglich und öfter) und das auf einmal nicht mehr stimmte.

Nun also nicht mehr. Es schreibt die Ifak:

Wir müssen Sie darüber informieren, dass die Concordia per 1. April 2019 Grand-Frère Medikamente sowie dazugehörende LOA-Leistungen nicht mehr aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) vergüten wird.Die Forderung, nur noch die Artikel welche in der SL gelistet sind aus der OKPzu vergüten, wurde ausdrücklich vom BAG verlangt. Daher ist stark anzunehmen, dass sich weitere Krankenversicherer diesem Vorgehen anschliessen müssen.

Und weil die Zusatzversicherung an sich schon selber bestimmen kann, was und wieviel sie von den NLP-Medikamenten bezahlt, ist möglich (wahrscheinlich), dass auch sie das nicht mehr so übernimmt

Uns bleibt also in der Apotheke nichts übrig als neu nur noch die kleinen (teureren) Packungen abzugeben – ausser wir riskieren Rückweisungen sowohl von der Grund- als auch der Zusatzversicherung. Ich bin sicher, das kommt bei den Patienten nicht gut an.

Ich habe mich mal an einer Zusammenstellung versucht – bitte ergänzt sie in den Kommentaren, wenn Euch noch eines einfällt.

  • Aerius 90 Tabletten -> Aerius 50 Tabletten
  • Becozym 50 Tabletten -> Becozym 20 Tabletten
  • Excipial U Hydrolotio 500ml -> Excipiel U Hydrolotio 200ml
  • Excipial U Lipolotio 500ml -> Excipiel U Lipolotio 200ml
  • Livial 3×28 Tabletten -> Livial 28 Tabletten
  • Perenterol 20 Tbl -> Perenterol 10 Tbl
  • Perenterol 20 Beutel -> Perenterol 10 Beutel

Passend dazu übrigens auch die Meldung, dass die Krankenkassen Colchicin Tabletten auch nicht mehr übernehmen möchte. Die Tabletten mit dem Gift der Herzzeitlosen gegen Gicht ist ein Medikament das es in der Schweiz gar nicht mehr vertrieben wird – aber noch häufiger gebraucht wird. Bisher haben sie das übernommen, der Wirkstoff steht noch in der ALT. Also, wenn wir in der Apotheke selber wieder Colchicin Kapseln herstellen würden (was nicht ganz ungefährlich ist und ungleich teurer), das würden die Krankenkassen dann bezahlen.

Vergleichsweise:

  • Import Colchicin 0.5mg/Tbl aus Deutschland oder Frankreich – 50 Tabletten kosten etwa 30 Euro (max).
  • Eigenherstellung Kapseln in der Apotheke: 50 Stück (grob überschlagen): Colchicinum Ph. Eur 25mg plus Füllstoff z.Bsp Mannitol ca. 2.0.- * / Pulver mischen: 12.- / Absieben 12.- / Abfüllen bis 25 Kapseln 24.- / je weitere 25 Stück 12.- / Kapseln 2×25 Stück 2×1.7 = 65.40.-
  • * Preis laut ALT – und es bleibt noch offen, wo ich das in der gewünschten Reinheit überhaupt herbekomme. Das letzte Mal habe ich nichts passendes gefunden …

Und wer kümmert sich morgen um Ihre Gesundheit?

Dass die Politik vorhat noch mehr an den Grundversorgern zu sparen (lies Apotheke und Hausarzt) und weiterhin fast ausschliesslich bei den Medikamentenpreisen ansetzt – habe ich schon beschrieben (siehe hier). Dass diese Pflästerlipolitik ernsthaft unser Gesundheitssystem untergräbt ist Tatsache – schon jetzt sind über 20% der Apotheken akut gefährdet, dass sie eingehen … und das betrifft bei weitem nicht nur die auf dem Lande.

Deshalb: Bitte schaut den Film an, den Pharmasuisse (unser Apothekerverband) als Erklärung aufgeschaltet hat – und vor allem: Unterschreibt die Petition! Hier: Auch morgen medizinisch gut umsorgt

Deshalb:

Das hat auch unter anderem das Ziel dieses elende geplante Referenzpreissystem zu stoppen – also: liebe Hausärzte (hier auch die mit Selbstdispensation): das ist auch für Euch und Eure Patienten. Also … bitte macht mit.

Wer kann unterschreiben? Jeder, der in der Schweiz wohnt, auch noch nicht volljährige, auch nicht Schweizer-Bürger. Online mit dem Link oben, oder auf Unterschriftenbögen die in Deiner Apotheke ausliegen.

Ich zähle auf Euch.

Jetzt Unterschreiben. Damit Deine Apotheke auch in Zukunft für Dich da sein kann.

Patientenschutz gegen Patientenwillen

Auf dem Rezept, das mir die Pharmaasistentin zeigt: 1 OP Verrumal

Interessanterweise verschrieben von einem HNO-Arzt. Verrumal ist ein Warzenmittel mit Fluorouracil (ein Zytostatikum) und Salicylsäure in einer Lösung zum aufpinseln, die eine Lackschicht hinterlässt.

Ungewöhnlich genug, aber nicht beunruhigend. Nur dass sie 2 Packungen in der Hand hat und sagt: «Der Mann will gleich mehrere Packungen davon. Er muss das Rezept sowieso bezahlen, da er sonst im Ausland wohnt. Kann ich ihm das geben?»

Umm – Nein. Das Medikament ist Liste A, also verschärft rezeptpflichtig. Das ist sogar so, dass das von der Wiederholungsmöglichkeit ausgenommen ist, die wir bei den anderen Listen haben. Auch dort sind Wiederholungen auf begründete Fälle reduziert, 1 x innerhalb eines Jahres nach Ausstellung auf dieselbe Packungsgrösse. Aber in dem Fall: kein Dauerrezept, nur 1 OP verschrieben, Liste A Medikament … Nein.

Kleiner Einschub: Das Mittel ist als Zytostatikum in der Liste A. Selbst lokal angewandt könnte genug davon in den Körper aufgenommen werden, dass Zellhemmende Effekte nicht nur auf den Warzenvirus und die Warze selber stattfinden. In der Fachinfo (Kompendium) steht deshalb auch dass man Aufpassen muss mit Leuten, die eventuell einen DPD-Enzymmangel haben oder Medikamente nehmen wie Phenytoin (erhöht dessen Plasmaspiegel) … Mit Nukleosidanaloga wie Brivudin oder Sorivudin (die werden bei Virusinfektionen wie Gürtelrose eingesetzt) kann die Plasmakonzentration von Fluorouracil stark ansteigen – und das wirkt dann tatsächlich toxisch. Da wird ein Abstand von 4 Wochen empfohlen bei der Anwendung.In der Schwangerschaft und Stillzeit ist es absolut kontrainduziert.

Ausserdem ist es nicht zur Anwendung auf grossen Hautflächen bestimmt (nicht über 25 cm2) – auch wenn nicht gerade viel aufgenommen wird (selbst dann).

Die Ergebnisse toxikologischer Studien mit Langzeitanwendung zeigen, dass eine dosisabhängige systemische Bioverfügbarkeit von topisch verabreichtem Fluorouracil auftritt, die zu schweren lokalen und schwerwiegenden systemischen Nebenwirkungen führen kann und durch die antimetabole Wirkung von Fluorouracil bei hohen Dosen bedingt ist. Diese hohen Dosen werden mit Verrumal nicht erreicht, wenn es wie empfohlen angewendet wird.

Die Pharmaassistentin geht dem Mann sagen, dass er auf das Rezept nur eine Packung bekommt – und der flippt völlig aus: Er sei selber mal Apotheker gewesen in Spanien (wann? der Mann ist ziemlich alt). Er wisse Bescheid und er brauche das Verrumal auch nicht zum aufpinseln, sondern weil er damit Bäder machen wolle (!). Deshalb reicht auch eine Packung nicht … und sie soll nicht so blöd tun, immerhin bezahle er das ja auch selber.

Nein – immer noch. (WTF: Bäder?). Hat er auch dem Arzt erklärt, was er damit machen will??

Er hat es dann in einer anderen Apotheke versucht.

Nicht dass ich denke, dass er dort viel mehr Erfolg haben wird, wenn die Apothekerin ihren Job macht – dazu gehört auch der Schutz der Patienten manchmal gegen ihren Willen …

Deine Apotheke – Schweizermeister im Sparen im Gesundheitssystem

Die Kosten im Gesundheitssystem steigen stark an. Das ist eine Tatsache – die sich für jeden in den steigenden Prämien reflektiert.

Vor 6 Jahren meinte Alain Berset dass im schweizerischen Gesundheitswesen 20 Prozent der Kosten eingespart werden könnten. Leider hat sich da nicht sehr viel getan – was daran liegen mag, dass vor allem der Apothekenkanal zum Sparen verdonnert wurde. Und der Anteil der Apotheke an den Gesundheitskosten beträgt gerade mal 6.4% (siehe vorheriger Post).

Die Spitäler verursachen die meisten Kosten – wurden bisher aber noch überhaupt nicht angepeilt, vielleicht weil die meisten den Kantonen gehören. Beim zweitgrössten Kostenblock, den Ärzten wurde schon zwei Mal in den Abrechnungstarif (Tarmed) eingegriffen. Die Ärzte haben die tieferen Tarife aber ausgeglichen, indem mehr abgerechnet wird (Mengenausweitung).

Am einfachsten angreifbar sind die Medikamentenpreise. Die Preise für patentgeschützte Medikamente werden vom BAG festgelegt und alle drei Jahre überprüft – und gesenkt. Preissenkungsrunden haben zu Einsparungen von 720 Millionen Franken geführt – Bei uns in der Apotheke merken wir das jeweils an den Lagerverlusten, wie wir da mittragen. Bei den sehr preiswerten Medikamenten verdienen Apotheker zudem kaum etwas: Lager- und Logistikkosten machen den Vertriebszuschlag gerade wieder zunichte.

Auf der anderen Seite haben wir in den letzten Jahren vermehrt sehr teure neue Medikamente – für Therapien wie HIV, Hepatitis, Krebs und rheumatische Erkrankungen (über 10 000 Franken), die auch von der Krankenkasse übernommen werden. Das sind nicht viele Medikamente, aber die rund 2% machen fast 60% der allgemeinen Medikamenten-Kosten aus! Für die Apotheken bringen teure Medikamente keine Gewinne. Im Gegenteil – die Abgabe sehr teurer Arzneimittel ist für die Apotheke ein Verlustgeschäft. Der Zwischenhandel verlangt einen deutlich höheren Zuschlag (wegen der hohen Lagerrisiken, höhere Lager-und Transportkosten bei Kühlware) und zwischen Einkauf des Medikamentes durch die Apotheke und Rückerstattung durch die Krankenkasse können einige Monate vergehen – dadurch steigen die Zinsen. Ab einem Fabrikabgabepreis von 2570 Franken ist die Marge bei 240 Franken plafoniert – und die teilen sich Grossisten und Apotheker.

Leistungsorientiertes Abgeltungsmodell (LOA): In der Apotheke bin ich deshalb froh, werden wir seit 2001 kaum mehr über die Marge eines rezeptpflichtigen Medikamentes abgegolten, sondern über Pauschalen. Obwohl es schwer ist, dem Patienten zu kommunizieren, dass damit unsere Arbeit bezahlt wird und das nicht ein ungerechtfertigter Aufschlag ist. Im Gegenteil: bis 2017 wurde so nach Schätzungen über eine Milliarde Franken gespart.

Effizienzbeitrag: Jährlich haben Rabatte der Apotheker an die Krankenver­sicherer zu Einsparungen von rund 60 Millionen Franken geführt. Von 2007 bis 2017 also 628 Millionen Franken. Der Rabatt von 2,5% wird an die Krankenversicherer bei allen kassenpflichtigen Medikamenten der Spezialitätenliste (SL, Abgabekategorien A und B) sowie allen Impfstoffen und Immunologika gewährt und ist Teil der LOA.

Wie man sieht, sind die Ausgaben eines Haushalts an den Medikamenten nicht besonders hoch – sie liegen knapp oberhalb dem, was für Alkohol und Tabak ausgegeben wird. Soviel zu den Apothekenpreisen.

Generika (also günstigere Nachfolgerpräparate) sind eine weitere Möglichkeit zu sparen – und nun nächstes Ziel von Herrn Berset. Es stimmt, hierzulande sind Generika vergleichsweise immer noch teurer als im Ausland (gut 50%) – und es werden (ebenfalls vergleichsmässig) weniger abgegeben. Das hat verschiedene Gründe – das liegt nicht daran, dass ich in der Apotheke (etwas) mehr verdiene am teureren Original oder teureren Generikum. Manche Patienten kann ich einfach nicht davon überzeugen ein Generikum zu wählen. Es gibt auch weniger Generika in der Schweiz. Nimmt man nur die zwanzig umsatzstärksten Wirkstoffe, bei denen das Patent abgelaufen ist, beträgt deren Anteil bei der Abgabe hohe 73 Prozent. Bei umsatzschwächeren Wirkstoffen lohnt sich der Markteintritt nicht: Die Generika-Industrie beklagt sich über die hohen Kosten für Prüfung und Registrierung von Medikamenten bei Swissmedic und beim Bundesamt für Gesundheit.

Kommen wir zu den Zukunftsaussichten – die es meiner Meinung nach zu bekämpfen lohnt:

Der Gesundheitsminister Alain Berset schlägt ein Referenzpreissystem vor. Damit würde nur ein bestimmter Preis pro Generikum von den Kassen übernommen. Wäre das gekaufte Medikament teurer, müsste der Patient die Differenz bezahlen. Das ähnelt den Rabattmodellen, die sie in Deutschland schon haben – und die Erfahrungen damit sind (ausser für die Kassen) schlecht. Es steht zu befürchten, dass Patienten wiederholt auf das Medikament eines anderen Herstellers umsteigen müssen, um keinen Zuschlag bezahlen zu müssen – Das ist dann ein Problem die Übersicht zu behalten, es gibt vermehrt Anwendungsfehler oder die Medikamente werden einfach nicht mehr genommen. Dann wird die Medikamentenversorgung gefährdet, weil sich Hersteller wegen tieferer Preise aus dem Markt zurückziehen könnten, ein Phänomen, das wir jetzt schon beobachten können nach den Preisabschlägen. Die damit erhofften Einsparungen bewegen sich zwischen 300 und 800 Millionen Franken in 10 Jahren. Die Einsparungen könnten aber langfristig verschwinden, wenn etwa statt der günstigen Generika teure Originalpräparate abgegeben würden. Da der Schweizer Markt klein ist und das Referenzpreissystem bloss gilt, wenn drei oder mehr Produkte verfügbar sind, hängt viel davon ab, wie sich die Hersteller verhalten …

Dann will der Bundesrat die Apothekermarge verändern. Je teurer das Medikament, desto höher aktuell die Marge. Nach oben ist sie eh schon plafoniert – (siehe oben bei den teuren Medikamenten). Er will sie von 12 auf 9 Prozent senken.

Der schweizerische Apothekerverein (die Pharmasuisse) ist gegen die Einführung des Referenzpreissystems (wie die SD-Ärzte übrigens auch) und hat einen Gegenvorschlag gemacht, der sogar noch eine höhere Senkung der Marge beinhaltet – neben anderem. Davon später mehr.

Quellen: https://www.pharmasuisse.org/data/docs/de/4301/dosis-Medikamentenpreise-Ja-zu-Reformen-Nein-zur-Gef%C3%A4hrdung-der-Versorgungssicherheit-Nr-74-September-2016.pdf?v=1.0

https://www.pharmasuisse.org/data/docs/de/19076/Fakten-und-Zahlen-2019.pdf?v=1.0