Einsparpotential von 876 Mio pro Jahr bei den Krankenkassen!

Analog dem Preis-Vergleich der Medikamente durch die santésuisse mit anderen Ländern* hat die IFAK (eine standespolitisch profilierte Interessengemeinschaft unabhängiger Apotheker und Abrechnungsstelle) dieses Jahr eine Studie** gemacht, in der sie die Verwaltungskosten der Krankenkassen mit einem vom Gesundheitssystem der Schweiz vergleichbaren Land durchgeführt hat.

Laut Branchenverband geben die Schweizer Krankenkassen 5.36% des Prämienvolumens für Administration und Werbung aus. In Dänemark liegt dieser Anteil bei 1.5%.

Wenn wir das also entsprechend à la Santésuisse vergleichen wollen, müsste das bei uns auch drin liegen … Dementsprechend kommen wir zum Schluss, dass man die Kosten von derzeit rund 1.2 Milliarden auf 324 Millionen kürzen könnte.

Schlagzeile für die Medien: Die Krankenkassenverwaltungskosten sind viel zu hoch. Wir könnten 876 Millionen pro Jahr bei den Krankenkassen sparen.

Hui – da gingen die Prämien wohl mal runter. Plus positiver Nebeneffekt: die nervenden Werbeanrufe der Krankenkassenmakler, die einen zum wechseln überreden wollten würden auch aufhören! (*Träum*).

….

Wer nicht weiss, worum es geht:

*Alljährlich wieder kommt von der santésuisse – dem Verbund schweizerischer Krankenversicherer die gleiche Leier: Bei den Medikamentenpreisen kann noch mehr gespart werden! Neuste Medienmitteilung hier. Titel: Ungenütztes Sparpotential von über 450 Mio. Franken

Rund 90 Prozent der im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) vergüteten Medikamente sind verschreibungspflichtige Medikamente. Im Jahr 2012 wurden dafür rund 5 Mrd. Franken bezahlt. 3,7 Mrd. Franken entfielen dabei auf die Hersteller, 1,3 Mrd. Franken auf den Handel (Grossisten, Apotheken, Ärzte und Spitäler) – sowie 123 Mio. Franken via Mehrwertsteuer auf den Bund. Der heute vorgestellte Auslandvergleich fokussiert auf die Handelsmarge. Vergleichsländer für die santésuisse-Studie sind Dänemark, Deutschland, England, Holland, Frankreich und Österreich – dieselben Referenzländer, welche vom Bundesamt für Gesundheit zur Festsetzung der Fabrikabgabepreise von Arzneimitteln verwendet werden. Die Marge wurde im jeweiligen Land auf dem Schweizer Medikamentenkorb als Differenz zwischen dem Fabrikabgabepreis und dem Publikumspreis ohne Mehrwertsteuer berechnet. Unterschiedliche Niveaus der Vergleichsländer bei Löhnen, Mieten, Zinsen und Preisen der Medikamente wurden berücksichtigt.

Dazu gäbe es einiges zu sagen.

Zum Beispiel: weshalb wird hier die Mehrwertsteuer weggelassen? Die ist genauso im Preis des Medikamentes enthalten … und wenn man die einberechnen würde – sähe es im Vergleich mit Deutschland wieder ganz anders aus. Auch unklar ist, wie genau denn die Korrekturen aussehen, die sie angewendet haben.

Wenn man die 250 meistverkauften Medikamente anschaut, ergibt sich zum Beispiel dieses Bild:

Bildquelle: pharmasuisse dosis November 2013

Bildquelle: pharmasuisse dosis November 2013

Wie teuer ein kassenpflichtiges Medikament ist, bestimmt in der Schweiz nicht der Markt sondern der Staat. Das Bundesamt für Gesundheit definiert den höchstmöglichen Fabrikabgabepreis anhand eines Preisvergleichs mit dem Ausland (siehe Grafik). Der Publikumspreis setzt sich aus diesem Fabrikpreis und einem Vertriebsanteil für die Apotheke zusammen. Letzteres ist die Apothekenmarge und die setzt sich wiederum zusammen aus einer Fixmarge (praktisch den beiden Checks für unsere Leistungen) und einer kleinen, Preisklassen-abhängigen Prozentmarge.

Seit dem Einführen dieses Systems (der LOA) und dem wegkommen von der festen Marge- haben wir Apotheker den Krankenkassen über CHF 1 Milliarde gespart – nämlich voraussehbares Kostenwachstum verhindert. Die Prozentmarge wurde zuletzt 2010 gesenkt: von 15 auf 12% für Medikamente bis CHF 880 und von 10 auf 7 % für Medikamente von CHF 880 bis CHF 2569. Dazu kommen regelmässige Preis-Anpassungen der Medikamente selber. Die letzte davon gerade im November.

Wir sind langsam auch hier am Anschlag. Für die Apotheke bedeutet das: Eine weitere Senkung der Medikamentenpreise im "vorgeschlagenen" Rahmen um 182 Millionen … das entspricht pro Apotheke 100'000 Franken im Jahr weniger … Wo will man das kompensieren?? Das könnte man nur bei den Personalkosten und das entspräche (laut Dosis, pharmasuisse) 3000 Vollzeitstellen von Pharma-Assistentinnen! Merke: Apotheker kann man schlechter entlassen, denn ohne anwesenden Apotheker muss die Apotheke ganz schliessen.

Inzwischen sieht sogar die Politik ein, dass das nicht die Lösung sein kann. So sagt zum Beispiel Bundesrätin Doris Leuthard:

"Die Forderung nach einer Senkung der Medikamentenpreise war in den letzten Jahren ein billiges Rezept.» Nun gehe es darum, die Kostensteigerung in den Spitälern – und dort vor allem im ambulanten Bereich – in den Griff zu bekommen."

– leider hat sie das Resort Umwelt, Verkehr und Kommunikation … und nicht Gesundheit, aber vielleicht hört Kollege Alain Berset auf sie.

** Das ist natürlich genausowenig eine Studie, wie das was die santésuisse da jährlich ablässt.

8 Kommentare zu „Einsparpotential von 876 Mio pro Jahr bei den Krankenkassen!

  1. Es ist also nicht nur in der BRD so, dass die kranken Kassen am falschen Ende sparen wollen – überall ausser an den Vorstandsgehältern – und die Politik gerne dabei mitspielt…
    „Ich habe noch nie einen armen Apotheker gesehen“…aber sich dann wundern und schimpfen, wenn die kleinen Land- oder Vorort-Apotheken zumachen weil sie durch den zusätzlichen sch…önen Verwaltungsaufwand noch gerinere Margen haben.
    Von irgendwas muss der Apotheker seine Angestellten eben auch bezahlen!

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    1. Genau DAS habe ich mir tatsächlich auch gedacht. „Arme Apotheker“ sieht man eben einfach nicht mehr – wer möchte auch als „armer Apotheker“ hausieren gehen?

      Aber der Versand samt Internet“service“ wirds wohl richten. Sieht man daran, dass „Dedendo“ gerade Insolvenz angemeldet hat… Und demnächst wird dann das Insulin und der Impfstoff von Holland nach Deutschland bzw. von Leipzig in die Schweiz via Drohen ausgeliefert ala Amazone, Ups und DHeL. Kocht in der Sonne? Gefriert im Schneesturm? Macht alles nichts – hauptsache billig! *kopfschüttel*

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      1. Und am besten Betäubungsmittel besonders markieren – holladieWaldfee, da werden die passenden Personen Jagdfieber entwickeln und der Absatz von Armbrüsten, Sportbögen und Luftgewehren in die Höhe schnellen…

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        1. Oder, wie jemand im Heise-Forum (zu der Amazon-Medlung) schrieb: „Tausende Ü-Eier am Himmel! Da schieß ich mir was bei Amazon!“ *kicher*

          Wir wollen aber auch nicht vergessen, dass – wenn ich die Spielzeugdrohne des Nachbarn, die in 2m Höhe von jenem über MEIN Grundstück gelenkt wird, mit einer Wasserspritze abschieße – ich dann einen „gefährlichen Eingriff in den Luftverkehr“ vornehme, welches als Straftat empfindlich reguliert ist. Man soll es nicht glauben…

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  2. Achtung nicht ganz ernst gemeint aber trotzdem zum Nachdenken und darüber diskutieren:
    Es wird ja immer von der Einheitskrankenkasse geprochen, warum also nicht eine Einheitsapotheken? Analog zu den schwedischen Systembolaget für Alkohol habe wird dann die Swissmedicstores, wo man exklusiv die SL Medikamente beziehen kann. Dank koordiniertem Grosseinkauf müsste das doch biliger werden? Gleichzeitig können wir dann auch noch das amerikanische Rezeptabfüllsystem mit den orangen Dosen (und den langen Wartezeiten) einführen. Weiter braucht es wohl kaum mehr Apotheken wie Poststellen.
    Freude wird herrschen. ;-)

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    1. Ähäm. Da ist Schweden wirklich ein gutes Beispiel. Die „Einheits-Apotheke“ – die schwedisch-staatliche Apothekenkette „Apotheek“ – hatten die Schweden nämlich, bevor vor ca. 5 Jahren die Fremdbesitz-Ketten freigegeben wurden. Die „Einheitsapotheke“ hatten wir auch FRÜHER (TM) im Sozialismus. In Schweden hat die Politik das abgeschafft, weil rein staatliche Systeme meist recht teuer, aber dafür relativ schwerfällig sind. Das mit Ketten zu ersetzen, hat die schwedische Regierung jetzt festgestellt, ist scheibar jedoch ungefähr so, als wenn man den Teufel mit dem Belzebub austreibt. Hier http://www.apotheke-adhoc.de/n… geht es los, hier geht es weiter http://www.apotheke-adhoc.de/n… (die schwedische Regierung hat sich übrigens dann „erpressen“ lassen), hier ist noch lange nicht Ende http://www.apotheke-adhoc.de/n… . Wie gesagt, dort wurde die staatliche Einheits-Apothekenkette politisch ABGESCHAFFT weil „doof“.

      Ich muss ganz ehrlich sagen: Im Vergleich zum derzeitigen deutschen System ist man als prinzipiell beim Staat angestellter Apotheker von jeglichem unternehmerischen Risiko entbunden. (So könnten dann die KrankenKassen Rezepte auch nur noch sich selber auf Null retaxieren.) Solch ein System könnte dem Staat jedoch auch teuer auf der Tasche liegen – warum wurden sonst POST, Telekom und Bahn (zumindest teilweise) privatisiert?

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      1. Und was kommt raus, wenn Post, Telekom und Bahn privatisiert werden? – Alles wird teurer für die Kunden, der Service wird beschi..ener, Shareholdervalue ist das grösste und einzige Messinstrument!

        Aber Kapitalismus war schon immer für Gerechtigkeit bekannt *Ironie off*

        Bei bestimmten Dingen ist „Staatlichkeit“ echt besser und gerechter.

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  3. Ich kann es jetzt nur für Deutschland sagen, was sicher nicht gefragt ist (und ich die CHF mal in € 1:1 übernehme)…
    Bei einem Umsatz von 2*1.250€ und 4*200€ = 3.300€ geht erst einmal die MwSt. an den Staat (19% = 526,89€). Weiterhin gehen z.Z. 6*0,16€ = 0,96€ an den Notdienstfonds. Die Apotheke selber bekommt 6*8,35€ = 50,10€ an Fixzuschlag. Damit sind wir bei 3300-526,89-0,96-50,10= 2.722,05€. Dies sind 103% vom „ApothekenEinkaufspreis“; 3% sind der „prozentuale Aufschlag“, den die Apotheken bekommen: 79,28€.

    An den 6 Medikamenten(packungen) verdient die deutsche Apotheke also (vor Versteuerung und abgerechnet als Privatrezept) 129,38€ bei einem Einkaufsvolumen von 2.642,77€. Dies entspricht einem durchschnittlichen Aufschlag von 4,9%.

    Sollten die fraglichen Rezepte zur Abrechnungbei einer deutschen gesetzlichen Krankenkasse eingereicht werden, fallen noch 6*1,55€ = 9,30€ Pflichtrabatt (1,85€ incl. 19% MwSt.) an. Dann hätten wir einen Rohgewinn von 120,08€ bzw. einen durchschnittlichen Aufschlag von 4,5%. Die GKV bekommt in dieser Konstellation also 7,7% Rabatt von mir…

    Sollten die Rezepte Zuzahlungspflichtig sein, würde das ganze 6*10,00€ = 60,00 € Zuzahlung ausmachen. Das wären dann 1,8% der Gesamtkosten (inkl. MwSt.). Würde der Patient von mir erwarten, dass ich bei 3.300€ Umsatz (!) die Zuzahlung „vergesse“, weil ich ja „so viel Gewinn mache“, würde er also erwarten, dass ich auf 50% meines Rohgewinns verzichte. Nun ja. Werde ich wohl nicht…

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