Ritalin-Probleme

Eine Frau kommt in die Apotheke mit einem Rezept.

Auf dem Rezept steht:

Ritalin 1 OP, Dauerrezept für 6 Monate

Die Pharmaassistentin, die das Rezept entgegengenommen hat, zieht etwas die Augenbrauen hoch und kommt damit direkt zu mir:
Pharmaassistentin: „Was hältst Du davon?“
Ich: „Nicht sehr viel.“
Kundin: „Was ist?“
Ich: „Das ist kein korrektes Rezept für dieses Mittel. Ritalin fällt unter die Betäubungsmittel und braucht ein spezielles Rezeptformular – in 3fach Ausführung – und dann darf selbst nur einfach verschrieben werden … ein Dauerrezept für 6 Monate ist da nicht möglich.“

obwohl ich das anständig erkläre, muss ich sagen, dass ich im Hinterkopf hatte, das das Rezept eventuell gefälscht ist.

Am Ende stellt sich aber heraus, dass der Arzt selbst den Bock geschossen hat. Offenbar hat er keine Erfahrungen mit Betäubungsmittel-Rezepten.

…  Und, wenn ich mir das so überlege, in dem Fall auch nicht mit dem Mittel selbst. Gerade Ritalin gehört zu den Medikamenten, die wirklich nur durch einen Arzt verschrieben werden sollten, der sich damit auskennt.

Übrigens: im Kompendium steht bei der Indikation:

Hyperkinetische Verhaltensstörungen bzw. Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern
Narkolepsie

Man beachte das „bei Kindern“ – das bedeutet, dass bei Erwachsenen und Jugendlichen die Anwendung bei ADHS unter „off label use“ fällt – und die Krankenkasse das ab einem gewissen Alter nicht mehr bezahlt ! Für Erwachsene ist das nur bei Narkolepsie zugelassen. Sehr unangenehm für die Betroffenen, denn AD(H)S gibt es auch noch bei Erwachsenen.

In der Apotheke habe ich jetzt das Problem: Der Arzt verschreibt das dem erwachsenen Patient .. aber ich kann anhand des Rezeptes nicht sagen, ob das jetzt gegen ADHS oder Narkolepsie eingesetzt wird … und riskiere demnach eine Rückweisung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse. Ja, den Fall hatten wir schon :-(

Nachtrag (Juli 11):
Neu steht zum Beispiel bei Concerta (auch Methylphenydat) in der Limitatio der SL:
Diagnosestellung durch Spezialarzt (Pädiater/Psychiater) mit Spezialisierung auf Behandlung des ADHS,
Behandlung im Rahmen eines umfassenden Therapieprogramms,
Die Diagnose hat anhand der Kriterien resp. Richtlinien der Fachinformation zu erfolgen,
Bei Erwachsenen müssen entsprechende Symptome bereits in der Kindheit bestanden haben.

Damit kann Concerta auch bei Erwachsenen (wieder) über die Grundversicherung abgerechnet werden – falls die Bedingung „schon in der Kindheit“ erfüllt ist.

27 Kommentare zu „Ritalin-Probleme

  1. Man möchte fast nachfragen, wie die Spontanheilung mit dem 18. Lebensjahr funktioniert…

    (Ich weiß, das ist eine Polemisierung des Problems der fehlenden Zulassung. Dennoch ist das etwas scheinheilig, wenn man überlegt, dass man mit fehlenden Zulassungen bei Kindern kein Problem hat: „Das bedeutet, dass bis zu 90% der stationär verabreichten und ca. 13% der ambulant verschriebenen Medikamente für Kinder „off-label“ oder „unlicensed“ sind.“ [1])

    [1] http://www.centrial.de/fileadmin/docs/Arzneimittelpruefungen in der Paediatrie.pdf

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    1. Das Problem mit der Spontanheilung habe ich auch mit einigen erwachsenen Patienten besprochen. In einem Fall wurde die Diagnose sogar erst im Erwachsenenalter gestellt. Meine Bitte an alle Betroffenen: Gehen Sie zur Kasse und beschwerensich (wenn wir Apotheken das tun hört bei denen sowieso niemand zu).

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  2. Mittlerweile gibt es in D ein zugelassenes Methylphenidat-Präparat für Erwachsene, da stellt sich das Problem nicht mehr.
    Bei euch ist es tatsächlich so, dass ihr die Indikation überprüfen müsst?! Bei uns ist da der Arzt in der Haftung (auch gegenüber der KK)

    Wir haben derzeit das Problem, dass einzelne Ritalin-Stärken absolut nicht lieferbar sind.

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    1. Wir *können* die Indikation ja nicht überprüfen – selbst wenn ich den Patienten frage: er muss mir das nicht sagen und was, wenn er nicht die Wahrheit sagt?
      Ich habe keine Möglichkeit das zu überprüfen.

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      1. Was Vroni glaub ich sagen wollte: Wir können die Indikation auch nicht überprüfen, aber wir müssens halt auch nicht!
        Wenn der Arzt was verordnet, und es gibt dieses „Schlupfloch“, dann muss und kann ich nur annehmen, dass es dagegen auch verordnet wurde! Pech, wenn es nicht so ist…ist dann das Problem vom Arzt. Bin raus wg. Datenschutz und so…es sei denn natürlich der Arzt krakelt die Indikation drauf.
        Kennt Ihr sowas auch? In Deutschland kann man jede Indikation verschlüsseln mit so Buchstabencodes (da müsste ich dann also im Zweifelsfall in der Praxis nachfragen), und trotzdem habe ich hier einen Onkologen, der GNADENLOS alles draufschreibt…steht eine nicht mal 40jährige Frau vor mir mit Diagnose: Lymphdrüsenkarzinom, Bronchialkarzinom, Methastasen in Leber und Kolon – wie reagiert man da angemessen?! Gruselig! Und weils ja riesengroß draufsteht, weiß sie auch, dass ich es weiß…ganz schwierig

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        1. Genau das meinte ich.

          Die Codierung kannst du aber auch einfach nachschlagen (und bei AM-Rp sind kein Diagnosen nötig, aber Pflicht bei HiMi-Rp).
          Ich find es persönlich zum Teil leichter, wenn es draufsteht

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  3. in deutschland ist letztens die zulassung für erwachsene erlassen worden – weiß im mom aber nicht, für welches mph-medikament.
    gleichzeitig sind vor 1 jahr die bestimmungen verschärft worden: allgemeinärzte dürfen kein mph mehr verordnen, sondern nur noch ausschließlich kinder- und jugendärzte sowie kinder- und jugendpsychiater. endlich mal eine stärkung unserer arztgruppe! hier werden teilweise mph-pillen wie drops verteilt – und das erweist dem wirklich guten mittel einen bärendienst.

    der arzt „bei dir“ hat ja wohl ´n rad ab. absolut peinlich. fällt unter die prämisse „zulassung überdenken.“

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    1. per definitionem hat man adhs, man bekommt sie nicht – insofern ist die einschränkung nachvollziehbar. probleme machen eher die spätdiagnostizierten mit 18 jahren und einem tag

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      1. Ich vermute mal, wenn man sich 5 Minuten Zeit nimmt und mit dem Arzt gemeinsam 2-3 Situationen aus Kindheit und Jugend überdenkt, kommt man schon auf ADHS in der Zeit und zack, hat man seine Indikation. Oder?

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        1. nein. da braucht es mehr. die leitlinien zu ads fordern eine standardisierte anamnese, einen check des entwicklungsstandes (auch bei erwachsenen), zunächst eine verhaltenstherapeutische maßnahme usw. usf.
          die kriterien sind glücklicherweise etwas strenger geworden.

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  4. ZITAT:
    „Offenbar hat er keine Erfahrungen mit Betäubungsmittel-Rezepten.

    … Und, wenn ich mir das so überlege, in dem Fall auch nicht mit dem Mittel selbst. Gerade Ritalin gehört zu den Medikamenten, die wirklich nur durch einen Arzt verschrieben werden sollten, der sich damit auskennt.“

    DAS dachte ich auch. Lieber eine Zweitmeinung eines ADHS-erfahrenen Arztes einholen.

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  5. Hallo Pharmama!
    Ich arbeite als PTA in einer deutschen Apotheke und habe jetzt einmal eine Frage an dich :-) :
    Müsst Ihr denn in der Schweiz denn Indikationen prüfen?
    Denn wir dürften es ohne Pobleme abgeben, da wir keine Indikationen prüfen müssen…
    Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen!

    P.S.: Dein Blog ist echt toll, ich lese Ihn immer in meiner Mittagspause

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    1. Nein, wie ich oben in einem Kommentar schon schrieb: ausser den Patienten zu fragen habe ich keine Möglichkeit die Indikation zu überprüfen. Das ist ja genau das Problem. Und das gilt nicht nur für Ritalin, das gilt auch für manche Herzmittel, wo z.B. das Original eine neue Indikation zugelassen bekommen hat … und das Generikum (noch) nicht.
      Keine Chance :-(

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  6. Wobei es bei Ritalin keine große Sache ist – in Österreich sind die üblichen Packungen nur ein paar Euro teurer als die Rezeptgebühr (300mg bekommt man als Originalpräparat unter 10 Euro).

    Das mit der BTM-Vignette durchschaut kaum jemand.

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  7. genau das liebe ich an den ärzten:

    Am Ende stellt sich aber heraus, dass der Arzt selbst den Bock geschossen hat. Offenbar hat er keine Erfahrungen mit Betäubungsmittel-Rezepten.

    anstatt nachschauen wie das verschrieben werden muss wursteln sie was und das opfer ist am schluss der/die patient/in… übrigens nicht nur bei medis so. gleiches gilt für untersuchungen.

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  8. Also in Österreich verschreiben eine Menge Ärzte Medikamente von denen Sie eventuell keine Ahnung haben, weil bei uns Rezepte die im Spital bzw. in Spitalsambulanzen ausgestellt werden von den Krankenkassen nicht akzeptiert werden. Da muss ich mit dem KH-Rezept zum Hausarzt, dort tippt die Sprechstundenhilfe das in den PC – druckt ein neues Rezept aus, wenn ich einen dabei habe scannt sie noch den KH-Befund ein und dann unterschreibt der Arzt und ich kann das Rezept in der Apotheke einlösen.

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  9. In den USA nimmt man Dextroamfetamin zur Therapie (So wie Speed jedoch nur 1 Enantiomer, das D-, da Straßenspeed üblicherweise ein Racemat ist 50:50 aus D:L).

    Ritalin hat auch gewisse Ähnlichkeiten mit Amfetamin.

    Ob man das Zeug wirklich ein halbes Leben lang verschreiben kann ohne dass es nicht gewisse dauerhafte neurologische Schäden gibt oder dergleichen ist bis heute nicht bewiesen worden.

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  10. Ich habe vor Jahren als bereits Erwachsene während eines Psychiatrie-Aufenthaltes Ritalin verschrieben bekommen. Da gab es nen Arzt, der war spezialisiert auf AD(H)S bei Erwachsenen. Plötzlich hatte ich eine völlig neue Lebensqualität! Mein Hausarzt hat mir das dann weiter verschrieben, war kein Problem. Und plötzlich, letztes Jahr, hab ichs nicht mehr gekriegt, das dürfen nur noch Psychiater verschreiben. Allerdings habe ich hier keinen Psychiater gefunden, der bereit gewesen wäre, mir auch nur nen Termin zu geben – Ritalin kriegen Erwachsene nicht, fertig.
    Es ist nicht einfach, mit ADS den Alltag zu managen. Leider wohne ich zu weit von der damaligen Psychiatrie weg, die können mir also auch nicht helfen.
    Da bei mir ADS erst mit Mitte 20 diagnostiziert wurde, habe ich wohl keine Chance, das neue Medi zu kriegen?
    Therapien habe ich schon mehr als genug gemacht, und auch durch die Unterstützung des Ritalins bin ich psychisch dauerhaft stabiler geworden. Vermutlich dachte sich meine Krankenkasse damals, lieber zahlen sie das Ritalin, als wieder all die ambulanten und stationären Therapien ;)
    Ich wäre ja auch bereit, das Zeug selber zu zahlen, aber es verschreibt mir ja keiner!

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  11. „Ob man das Zeug wirklich ein halbes Leben lang verschreiben kann ohne dass es nicht gewisse dauerhafte neurologische Schäden gibt oder dergleichen ist bis heute nicht bewiesen worden.“

    Wie auch, solange gibt es Ritalin noch nicht. Abgesehen nehmen es die Patienten nicht ein, weil es so lecker ist. Kosten-Nutzen-Rechnung gibt es in jeder medikamentation.

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  12. Ich halte von Ritalin nichts mehr. Anfang 20 hatte ich die Diagnose in einer darauf spezialisierten Klinik!
    Wisst ihr was? Ich habe mit Ritalin funktioniert, hatte nicht viel Lebensfreude, war müde weil ich Reebounds bekam (ich habe auch Concertra und Medikinet versucht).
    Ich habe es abgesetzt, meine Ernährung umgestellt, angefangen zum Ausgleich zu meditieren und eher konzentrative als körperlich aktive Hobbys zu machen und siehe da- es klappt gut.

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    1. Ist doch schön für dich, wenn du einen anderen Weg gefunden hast, aber ich kenne auch einige bei denen das nicht so ist. Also einfach nicht von sich auf andere schließen.

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  13. Ich bekomme das Ritalin von der Krankenkasse bezahlt (Swicca). Warum weiss ich nicht und ich werde auch ganz bestimmt nicht nachfragen!
    Ritalin wirkt zwar, aber ich mag es auch nicht wirklich. Vorallem das ausgelaugt sein am Abend ist sehr unangenehm. Darum nehme ich es nur noch selten und bin froh, dass das im Moment so geht.
    Ritalin ist nicht nur negativ aber eben auch nicht nur positiv.

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  14. Also ich such immer noch einen Arzt der Ritalin oder Focalin für off-label use verschreibt und zwar als Anorexikum…

    Das einzige war mich früher von dauerfressen abhielt war Dexamin (Dextroamphetamin Streuli) und das gibts nicht mehr… Mit dem nahm ich gut ab… Jetzt bin ich 125kg bei 181cm und Tendenz steigend… Das Methylphenidat diesbezüglich bei mir wirken würde habe ich gesehen als ich mal von jemandem 2X20mg SR bekommen habe…

    Leider ist es nicht einfach nen Arzt zu finden der ein Rezept für ein Medikament ausstellt, welches unters BetmG fällt…

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