Allergie-Notfall – Jetzt!

20.6.2009

Mann kommt in die Apotheke: „Haben Sie mir etwas gegen Allergien?“

Pharmama: „Sicher. Ist es für sie selbst?“

Mann: „Ja. Ich bin hochallergisch gegen Selleriesalz … und ich weiss, ich sollte nicht auswärts essen, … aber ich habe gefragt, ob es welches drin hat, also dachte ich es wäre ok….“

Pharmama (denkt: Oh je): „Sie haben also im Restaurant gegessen und jetzt fangen sie an Beschwerden zu haben?“ (Irgendwie sieht er wirklich röter aus als am Anfang des Gespräches.)

Mann: „Ja. Mir wird so heiss und alles fängt an zu beissen.“

Pharmama: Bekommen sie normalerweise auch Atemprobleme?“

Mann: „Ja.“

Pharmama:Moment!“ Ich reisse das Allergienotfallset aus der Schublade und gebe ihm die 2 Tabletten Cetirizin und 2 Tabletten Prednison 50mg mit einem Glas Wasser.

Er schluckt sie,

Pharmama: „Und jetzt gehen sie auf direktem Weg in den Notfall, ja? Soll ich Ihnen jemanden mitschicken oder ein Taxi holen?“

Mann: „Nein, ich habe meine Frau angerufen, sie wartet draussen. .. Das letzte Mal war es nicht so schlimm. Ich weiss ich sollte nicht auswärts Essen .. aber es sah so gut aus…“

….

Ja, man glaubt gar nicht, wo überall Sellerie drin sein kann. Wobei -eine Allergie gegen Sellerie ist eher selten.

Nur 8 Lebensmittel sind verantwortlich für 90% aller Lebensmittel-allergien. Das sind: Milch, Eier, Erdnüsse, Baumnüsse (Wallnuss, Cashew etc), Fisch, Muscheln, Soya und Weizen.

Wahre Lebensmittelallergien bewirken eine Immunantwort im Körper, die unterschiedlich ist von „einfachen“ Lebensmittelunverträglichkeiten (wie Laktoseintoleranz). Es wird geschätzt, dass nur etwa 2-5% der Bevölkerung eine Lebensmittel-allergie hat.

Die meisten Lebensmittelallergien beginnen während den ersten 2 Lebensjahren. Viele wachsen aber später wieder daraus hinaus, v..a. bei Allergien auf Milch und Soya. Andere werden mit der Zeit immer schlimmer – so wie beim Herrn oben.

Der Apotheker – Dein Ersthelfer?!

Vorgestern habe ich von einer etwas fehlgeleiteten Ersthilfe erzählt und meiner Freundin, die im Skilager ohnmächtig geworden ist. Ich denke ich erinnere mich deshalb so gut an den Vorfall, weil ich ihn als Anlass genommen habe mich danach als Nothelfer ausbilden zu lassen. Das war schon vor der Berufswahl brauchbar, zum Beispiel für die Rettungsschwimmerausbildung und natürlich die Autoprüfung und die freiwillige Feuerwehr. Das Wissen konnte ich schon häufig anbringen seitdem. Viele haben aber nie so ein Erlebnis gehabt … Aber an der Uni hatten wir diesen Professor, der uns vor dieses Szenario gestellt hat … dafür bin ich ihm wirklich dankbar:

Er hat die Klasse gefragt: „Also, was würdet ihr machen, wenn eine Patientin, die gerade ihr neues Dauerrezept für Lantus bringt auf einmal sagt, dass sie sich schwach fühlt?“

Erst hatte niemand in der Klasse den Mumm zu antworten – es könnte ja die falsche Antwort sein.

Da hat der Professor das Ganze vorgespielt, indem er die Patientin verkörperte. Er lief direkt zu einer Studentin in der ersten Reihe und sagte: „Schnell, ich werde gleich ohnmächtig! Tu etwas!“

Und als die schockstarre Studentin nicht reagierte, lief er zu einem anderen Studenten und wiederholte das.  Der Student sagte: „Ich rufe die Sanität!“

Das hörte sich nach einer guten Antwort an.

Professor: „Nein, ich bin Diabetiker, verflixt! Sie sollten das wissen, weil Sie gerade mein neues Rezept für Insulin bekommen haben.“

Andere Studentin: „Äh, ihr das Insulin verabreichen?“

Professor: „Oh nein, jetzt haben Sie mich in ein Koma versetzt!“

„… Haben Sie denn Traubenzucker in der Apotheke, wo sie das Praktikum machen?“

Alle nicken. Natürlich haben wir das.

„Okay – das Problem der Patientin ist, dass ihr Blutzucker zu niedrig ist. Sie wird demnächst bewusstlos. Aber solange sie das nicht ist, und sich dann wahrscheinlich an dem was sie ihr geben können verschluckt, gebt ihr das Traubenzucker um den Blutzucker wieder hoch zu bekommen.“

Na klar! Aber da es für viele von uns wohl das erste Mal war, dass wir mit der Geschwindigkeit, mit dem sich ein richtiger Notfall direkt vor unseren Augen entwickeln kann konfrontiert wurden … etwas, das man nicht aus Büchern lernen kann … haben wir versagt.

Der „Schock“ dieser Lektion hat uns das bewusst gemacht – wir konnten noch nicht richtig reagieren, auch aus Angst, das falsche zu tun.

Und Situationen wie diese kommen im richtigen Leben vor, und sind es auch: in meiner Apotheke, während der Arbeit.

Ich habe schon Herzinfarkte gesehen, Schrittmacher die nicht mehr richtig funktionierten, akute Asthmaanfälle, Epileptische Anfälle und auch eine Hypoglykämische Krise … eben die Unterzuckerung die oben beschrieben wurde.

Dann muss man reagieren können.

Ich würde wirklich vorschlagen, dass im Pharmaziestudium mehr „richtiges Reagieren im Notfall“ gelernt wird. Es ist ziemlich erschreckend, wenn in einem akuten Fall auf einmal alle auf einen schauen, weil man die Person mit dem besten medizinischen Verständnis im Raum ist. Aber es ist ein Unterschied, ob man die Theorie über die Vorgänge im Körper kennt oder weiss, wie man in so einer Situation richtig reagiert.

Die Sanität zu rufen WAR eine gute Antwort. Aber noch besser ist es, etwas zu tun, während man auf sie wartet.

Nachrichten aus dem Notdienst

Durch den Apothekennotdienst hat ausserhalb der regulären Öffnungszeiten immer eine Apotheke geöffnet … und damit wird die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sichergestellt. Der Apothekennotdienst wird gebietsweise von den Apotheken im Turnus geleistet. Da die Abgabe von Arzneimitteln eine pharmazeutische Tätigkeit darstellt, muss grundsätzlich ein Apotheker anwesend sein. In Gebieten mit wenig Apotheken kann so ein Notdienst (mit Nacht- und Sonntagsdienst) alle 5 bis 10 Tage der Fall sein – und ist im Normalfall ein Verlustgeschäft (trotz der zusätzlichen Gebühren, die in Deutschland gerade mal 2,50 Euro betragen). Das ist hart … und diese Apotheken schauen der „Ausdünnung“ der Apotheken mit Besorgnis entgegen.

In der Schweiz gibt es ausser dem Turnusmodell (und höheren Notdienstpauschalen) vereinzelt auch feste „Notfallapotheken“, die auch dann offen haben, wenn die anderen geschlossen sind. Entweder sie sind normale Apotheken, die rund um die Uhr 365 Tage im Jahr geöffnet haben, oder es gibt spezielle Notdienstapotheken, die dann offen haben, wenn andere geschlossen sind (Beispiel Basel). In einzelnen Kantonen, wo die Ärzte Selbstdispensation betreiben und einen Grossteil der Medikamente abgeben, ist es inzwischen aber so, dass von den Apotheken kein Notfalldienst mehr angeboten wird (z. Bsp. Nidwalden und Schwyz) – das war finanziell nicht mehr tragbar. Die Ärzte haben allerdings auch (normale) Öffnungszeiten, so dass die Bevölkerung bei einem medizinischen Problem den Sanitätsnotruf wählen muss … oder in einen Nachbarkanton fahren.

Das Ladenschlussgesetz in Deutschland sagt übrigens, dass während des Notdienstes von Apotheken nur Arznei-, Krankenpflege-, Desinfektions-, Säuglingspflege- und Säuglingsnährmittel sowie hygienische Artikel abgegeben werden dürfen. Notdienst halt. Leider sehen viele Leute das einfach als „erweiterte Öffnungszeiten“ an – und überhaupt nicht ein, weshalb das auch noch zusätzlich etwas kosten soll (Notdienstpauschale), oder weshalb der Apotheker sich über den Umsatz oder die Anfrage nicht freut. Ich meine … wenn er schon da ist ….

Und manchmal sind es auch die eigenen Angestellten:

Der Pta-Lehrling heute am Telefon……„….Ja kein Problem, Sie können das abholen wann Sie wollen,der Chef hat heute die ganze Nacht Notdienst…..“

notdienst

Hier ein paar „Müsterli“ aus aktuellen Notdiensten aus deutschen / österreicherischen und schweizer Apotheken gesammelt von Facebook (mit Kommentar in kursiv von mir)

Viele Leute rufen (auch nachts) vorher an, wohl zum sehen, ob man wirklich offen hat, oder ob man das gewünschte Produkt an Lager hat. Auch wenn man damit als Kunde Zeit gewinnt, sollte man sich bewusst sein, dass die Apothekerin (die vielleicht auch am Tag vorher schon gearbeitet hat, oder morgen noch arbeiten wird) vielleicht auch einmal schlafen will – und sich überlegen, ob die Anfrage genau jetzt wirklich so wichtig ist.

Da ich heute im Notdienst kein Arsenicum album C200 da hatte und auch nicht mehr bestellen konnte, will sich der anonyme Arzt, der sich telefonisch gemeldet hatte, am Montag bei der Apotheker- und Ärztekammer beschweren, wegen unterlassener Hilfeleistung im Notfall. Er braucht das dringend wegen psychischer Störungen.

Jaaa – homöopathische Mittel. Nicht wirklich so das, was etwas bringt. Auch wenn es offenbar auch Ärzte gibt, die das denken (wenn das denn wirklich einer war).

Beim Biss in die bestellte Pizza ein Anruf :
„Ich kann seit einer Woche nicht zur Toilette gehen. Ich habe seit gestern Kräuterlax und LAXORABEL (beides Abführmittel) genommen, aber trotzdem kann ich mit der Vaseline nur so winzige Ziegenköttelchen rauspulen…“

Zu viel Info! Vor allem beim Essen – und auch wenn das Mitteilungsbedürfnis vielleicht überwältigend wurde, nichts was die Apothekerin am Telefon daran ändern könnte.

Anruf von derselben Person 4mal am Abend (gebetsmühlenartig) ob ein Schmerzmittel denn wirklich so genommen werden sollte wie der Arzt es verordnet hat?

Ja – wirklich. Sollte es nicht reichen, das einmal zu bestätigen und sie danach an den verschreibenden Arzt zu verweisen? Nur dass der jetzt halt nicht da ist … und der Anruf in die Apotheke ja gratis.

Kundin: „Ich brauche die Pille danach, haben Sie die?“
Ich: „Ja habe ich.“
Kundin: „Können Sie die auch bringen?“

Nein. Notdienst hat man im Normalfall alleine. Hauslieferungen gibt es nur tagsüber – das ist auch in den 2,50 nicht inbegriffen. Im übrigen reicht das mit der Pille danach auch morgen noch: die kann man bis max. 5 Tage nachher nehmen.

Anruf: „Haben Sie… da?“
„Ja“
„Ok, danke. Kommen dann.“
Rekord: 7 Stunden später kamen „wir“ dann…

Und der Apotheker hat inzwischen in Erwartung des Patienten wahrscheinlich ziemlich schlecht geschlafen (wenn er dazu gekommen ist)

23.00 Uhr, Telefon: „Haben Sie Notdienst? Haben Sie Fiebersaft?“

Klassiker. Am liebsten wäre man ja sarkastisch ünd würde antworten: Nein, ich gehe immer so spät ans Telefon und Fiebersaft gibt es nur bei Deichmann…. (Schuhladen)

Anruf: „Ich bin erkältet und trinke Ingwer-Tee!! Kann ich trotzdem Milch-Produkte zu mir nehmen oder wirkt der dann nicht mehr?“

Seufz. der Ingwertee kommt wahrscheinlich aus dem Supermarkt, auch weil man der „Pharma“ misstraut, aber die Apotheke kommt für eine „medizinische“ Nachfrage nachts gerade recht.

01:35 Anruf, junge Frau: „Hallo, ich habe ein Problem, ich nehme Yasmin ein, und auf der Verpackung ist ‚dajksjlhds ajslka hfeakj‘ geschrieben.“
„Ehm…entschuldigung?“
„’dajksjlhds ajslka hfeakj‘, was soll ich jetzt machen?“
„Ist das deutsch?“
„Nein, ich glaube das ist portugiesisch!“
„Sorry, aber ich verstehe portugiesich nicht.“
„Ach so, ok…“

Das ist ein Problem, das wir in der Schweiz nicht haben: Offenbar ein Parallelimport-Medikament. Schon Yasmin, aber halt mit portugisischer Umpackung. Das sollte übrigens trotzdem eine Packungsbeilage in deutsch haben …

Männlicher Anrufer um 3:20 Uhr: „Kann ich die Pille danach für meine Freundin abholen?“
(… Erklärung, dass die Frau selber herkommen muss wegen der Abklärungen vor der Abgabe)
„Nein, ich kann meine Freundin nicht mitbringen, die will die Pille ja nicht nehmen!“

So funktioniert das aber nicht. Echt nicht.

Anruf um 3.30 Uhr : „Haben Sie Schnuller vorrätig? Meine Tochter macht mich wahnsinnig.“
Das „Beste“ war ja noch das die Frau rumjammerte sie wären auf einer Hochzeit und jetzt könnte sie gar nicht feiern…! Weil das Kind ständig schreit.

Rabenmutter. Sorry. Mein Mitleid gilt hier höchstens dem Kind, das sie mitschleppen musste und das sicher im Bett ruhig schlafen würde.

Aber auch wenn die Patienten oder Kunden wirklich vorbeikommen … nicht immer ist es so ein Notfall:

„Haben Sie Bittermandelöl? Ich möchte es nur mal riechen. Mein Nachbar hat ein Loch durch die Wand gebohrt und träufelt es in meinen Kaffee. Ich weiß es genau. Er will mich umbringen……“

Der Kunde nimmt seit Donnerstag täglich 4 Dolomo (Schmerzmittel-Kombipräparat), die nicht helfen und jetzt (Nachts nach 12 Uhr) will er Grippemittel …

Ich denke nicht, dass das die richtige Lösung ist …

Muss man morgens um 4 Uhr schleimlösenden Hustensaft kaufen, weil das Kind die „Sofortwirkung“ braucht? Ich glaub`s ja nicht, aber wenn Eltern unbedingt wach bleiben wollen…

Schleimlösende Mittel „wirken“ erst dann gegen den Husten, wenn der so verflüssigte Schleim abgehustet wurde …

Um 5.45 Uhr steht jemand vor der Tür mit einem Rezept über Moviprep. Um 8.00 Uhr sei der Termin zur Darmspiegelung…

Ja – das ist dann definitiv zu spät. Mit der Darmspiegelungs-vorbereitung muss man mindestens einen Tag vorher anfangen.

Gestern wollte der Kunde das Rezept mit dem Antibiotikum nicht einlösen…
Heute nacht steht er damit wieder vor der Türe : „Möchten Sie es doch einlösen?“
Antwort : „Ja. Ist scheiße so.“

Das ist dann allerdings irgendwo verständlich.

Haftcreme ist ja auch so’n Notdienstartikel…

Genauso wie Zahnbürsten, befeuchtende Augentropfen und Nasenspray …. Es gibt Situationen, wo man das ganz plötzlich braucht. Aber dann sollte man sich nicht über den Preis oder gar die Notdienstpauschale beklagen. Haben die Leute schon einmal den Schlüsseldienst, den Klempner oder den Abschleppdienst nachts gebraucht? Da zahlt man für den Notdienst dann viel mehr.

Notfallmässig (Sampler)

Ein Notfall – einer der ersten Patienten, die ich im Notfalldienst hatte. Und einer der herzigsten Notfälle.

Tipps für Apotheker um den Notdienst am besten zu überstehen

Undankbarer Notdienst – Negativ-Beispiele von Facebook gesammelt.

Auch Apotheken haben Notdienst – an Fest- und Feiertagen

Aus dem Nacht- und Not-dienst: Warum lassen sie mich so nach Hause?

Kokser missbrauchen Apothekennotdienst

normalerweise schicken wir die Leute in den Notfall im Spital und nicht die  vom Notfall zu uns.

Aus dem Notfalldienst – und grad wieder zurück ins Spital bitte

Der Notdienst-Erlkönig, ein etwas anderes Gedicht.

Die Pille danach ist normalerweise ein Notfall. Zum Beispiel auch hier: „Professionelle“ Pille danach Beratung

manchmal auch nicht: Und im Notfall die Pille danach

Was wir auch tagsüber so machen: Die Apotheke als Notaufnahme

Notfallbemusterung – nein, das ist keiner.

noch ein Notfall: so sind wir für Sie da

Absoluter Notfall – ist es für manche, wenn der Trinkaufsatz kaputt geht. Den kann man bei uns holen … bringen kann ich ihn aber nicht.

Ein Sau-glatter Einsatz – ein Beispiel aus einer anderen Apotheke

und auch dies: Rettung in der Odyssee

Ensüeldigüng – Hilfe auch Ausserhalb der Apotheke

Wundpflege – gratis wie im Spital?

Feierabend – wenn ich nicht Notdienst habe – irgendwann ist fertig.

Dafür ist keine Zeit – eine sehr seltsame Begegnung.

Heisse Suppe auf dem Baby.

Fragen Sie Ihren Arzt (oder Apotheker) – und glauben sie ihm auch.

Lade das nicht auf mich – psychiatrische Notfälle, nicht ganz einfach.

Verweigerte Epi-Pen Abgabe: ein rechtlich diskutierter Fall aus Irland.

und einer aus Deutschland: Hätte der Apotheker da nicht helfen müssen?

Hilfe! (Erste)

Ohne Apotheke_r(3)

Seit ich blogge habe ich immer ein Auge offen, ob und was es da für andere Apothekenblogs gibt. 2011 hat Apobandicoot angefangen zu bloggen … und viel zu früh (finde ich) wieder aufgehört. Jetzt hat er meinen Aufruf gelesen und mir seine Geschichten geschickt – und daraus habe ich eine herausgepickt für die Blogparade:

Heute möchte ich ausnahmsweise einmal nicht von merkwürdiger Kundschaft oder verschrobenen Kollegen erzählen, sondern mich nur ein wenig über das Thema Hilfe, oder vielmehr „Erste Hilfe“ auslassen.

Jüngstens hatte ich eine Kundin, die mir von ihrem gerade zurückliegenden Arztbesuch erzählt, bis sie plötzlich beginnt zu taumeln. Ihr wird schwindelig und ich reiche ihr geschwind meinen Arm und einen Stuhl sowie ein Glas Wasser. Wie es so viele Menschen machen, schlägt sie den gut gemeinten Rat sofort wieder zum Doktor zu gehen aus und möchte zunächst erst einmal sitzen bleiben. Doch innerhalb weniger Minuten verschlechtert sich der Zustand der Dame merklich. Das Schwindelgefühl lässt nicht nach, die Farbe verschwindet aus ihrem Gesicht und der Blutdruck geht ab. In diesem Moment ist mir die Meinung der Frau herzlich egal und ich kontaktiere ihren Hausarzt, der seine Praxis nur zwei Häuser weiter hat. Schnell klärt sich, der eventuelle Grund. Allergische Reaktion auf das Lokalanästhetikum. Der Doktor kommt sofort herüber und nimmt die Patientin wieder unter seine Fittiche.

Wenige Wochen zuvor stürzt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine ältere Dame, die noch vor wenigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurde und uns bei jedem ihrer Besuche erzählt, dass sie ja eigentlich nichts hätte und der Schwindel nur ab und an da wäre. Ins Krankenhaus wolle sie jedenfalls nie wieder. Da schon einige Passanten bei der Dame Hilfe leisten, greife ich nur noch zum Telefon und wähle 112. Auch hier ist mir die Meinung der Frau herzlich egal.

Vor wenigen Wochen jedoch, ich hatte einen freien Tag, bricht hinter der Apotheke ein Mann mittleren Alters zusammen. Seine Lebensgefährtin stürmt restlos aufgelöst zu uns hinein, wir kontaktieren den Notarzt und eine Kollegin eilt zur Hilfe. Der Mann atmet zunächst noch, doch verschlechtert sich der Zustand immer mehr und vom Rettungsdienst ist nichts zu sehen. Sekunden werden in diesem Moment zu Stunden. Leider ist die Kollegin nicht in der Lage, über gutes Zureden und Kontrolle der Vitalfunktionen (die aber leider just aussetzen) hinaus, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Und auch die zweite Kollegin mit EH-Schein kann dies nicht. Gott sei Dank erscheint der Rettungswagen noch rechtzeitig und kann den Mann wiederbeleben. Als ich am nächsten Tag erscheine und die Geschichte so erzählt bekomme, finde ich zwei noch immer völlig aufgelöste Kolleginnen vor. Das wären vielleicht tolle Schlagzeilen in der lokalen Presse: „Mann starb an Herzinfarkt. Hinter einer Apotheke!“

Ich kann meinen Mitarbeitern noch nicht einmal einen echten Vorwurf machen, weil sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles getan haben. Andererseits frage ich mich, warum die Hemmschwelle trotz eines Erste-Hilfe-Scheins so groß ist? Aber wenigstens wurde etwas getan. Ich war auch schon in Etablissements, in denen nichts getan wurde, geschweige denn, dass ein Kursus mal aufgefrischt wurde. Wir verstehen uns doch als Gesundheitsberater und Helfer, wenn ich mich recht erinnere. Warum sind einige dann nicht in der Lage, diesem Begriff in einer Notsituation gerecht zu werden? Ein Mensch braucht schnelle professionelle Hilfe, die über das Schubladenziehen hinausgeht. Natürlich kann man niemanden verdonnern einen EH-Kurs zu machen. Natürlich geht dabei ein Wochenende drauf, das ich mir auch mit anderen, angenehmeren Tätigkeiten vorstellen kann. Nur was wäre, wenn sie da liegen würden? Würden sie nicht auch darum betteln, dass ihnen jemand hilft? Hat das nicht irgendwas mit Menschlichkeit zu tun, jemandem in Not zu helfen? Ach ja, eine letzte Frage noch: Wie alt ist ihr letzter Erste Hilfe Kurs?

Ja, das ist etwas, das ich auch unterstütze. Bei uns im Studium ist Erste Hilfe eine Pflichtlektion und man braucht das für den Auto-Führerschein … aber es ist wichtig, dass man da regelmässig Auffrischkurse macht, denn … was Apobandicoot schreibt ist nicht ungewöhnlich: auch wir sehen fast regelmässig Notsituationen in der Apotheke. Da ist es gut, wenn man weiss, wie helfen.

Vom Notfall

Ein junger Mann kommt in die Apotheke und möchte etwas für sein schmerzendes Handgelenk, das er während der Unterhaltung mit der anderen Hand an sich gepresst hält. Nach etwas ausfragen stellt sich heraus, dass er es zumindest sehr beschädigt, vielleicht sogar gebrochen hat bei einem kleineren Unfall am Abend vorher.

Ich rate ihm in die Notfallstation vom Spital zu gehen, das anschauen zu lassen.

Er: „Da komme ich gerade her.“

Pharmama: „Was?“

Er: „Ja, Ich habe über 2 Stunden gewartet, bis sie ein Röntgenbild gemacht haben, dann habe ich nochmals 4 Stunden gewartet … und es ist niemand gekommen um etwas zu sagen, man hat mir nichts gegeben an Schmerzmittel, nichts. Da bin ich gegangen.“

Pharmama: „Oh. – Aber das Bild wurde gemacht?“

Er: „Ja.“

Pharmama: „Dann sollten Sie zumindest noch einmal vorbei die Diagnose abholen, an Schmerzmittel kann ich Ihnen etwas geben, aber vielleicht muss das …“

Er: „Ich kann aber nicht noch mal so lange warten. Kann ich nicht woanders hin?“

Man ruft rasch in die Walk-In-Klinik an um nachzufragen, wie die das sehen aber … die machen auch nichts, da er im Spital ja schon geröngt wurde – es bestehen Zweifel, dass die Krankenkasse das dann noch übernimmt.

Es bleibt ihm nichts übrig, als noch einmal im Spital einzuchecken.

Ja, mit einer gebrochenen Hand ist man kein absoluter Notfall … trotzdem …