Ein normaler Samstag (das neue Normal)

Junge Frau in der Apotheke: „Machen Sie hier Covid-Tests?“ – die Art der Fragestellung zeigt mir schon, wo es hingeht.
Pharmama: „Machen nicht, wir geben Selbsttests ab, die sie zu Hause machen können.“
Junge Frau: „Was ist der Unterschied?“
Pharmama: „Einfacher, nicht so genau – die Selbsttests sollte man nicht machen, wenn man Beschwerden hat.“
Junge Frau: „Zählen die dann auch?“
Pharmama: „Für was?“
Junge Frau: „Nun, ich bin aus einem Risikoland zurückgekommen und es heisst, wenn ich nach 7 Tagen testen lasse, dann kann ich bei negativem Test früher aus der Quarantäne.“
(Notabene: sie hat sich eigentlich schon selber aus der Quarantäne entlassen, wenn sie hier bei mir in der Apotheke steht)
Pharmama: „Nein, das ist nicht der Selbsttest, das ist der Schnelltest oder der PCR in der Klinik. Es gibt ein paar Apotheken, die auch testen, aber sie müssen sich vorher anmelden – und nicht einfach hingehen. Hier sind die Kontaktdaten der nächsten Apotheken.“

Mittelalter Papa mit Mädchen (MiaPapamiMä) im Kindergartenalter -das ohne Maske- in der Apotheke: „Haben Sie etwas gegen Husten für mein Kind?“
Pharmama: „Wie alt ist das Kind? Hat es weitere Beschwerden?“
MiaPapamiMä: „Knapp 2 Jahre, er hustet jetzt schon 2 Tage und hat auch Fieber um die 38 Grad.“
(Also nicht das Kind, das hier steht, aber … Husten und Fieber?)
Pharmama: „Ich kann ihnen etwas gegen das Fieber geben, aber in dem Alter gehört Husten beim Arzt abgeklärt, damit er etwas verschreibt – momentan kann es ja auch Covid sein…“
MiaPapamiMä: „Huh? Das glaube ich eher nicht.“
(Weshalb? Hat er den Testblick? … natürlich kann es auch eine normale Erkältung sein, die sehen wir inzwischen auch wieder, aber wenn ich mich so umsehe, würde ich dem eine 50:50 Chance geben.)
Ich gebe ihm den Fiebersaft und den Rat, das am Montag beim Arzt abklären zu lassen – oder vorher, falls es schlechter wird. Und: „Brauchen sie noch ein paar Selbsttests? Damit können sie sich schon mal testen….“

Frau kommt in die Apotheke – ich stehe mit Maske hinter der Plexiglasscheibe. Als sie auf mich zukommt, muss sie niesen …. und zieht sich dafür die Maske von der Nase. Nicht nur das – sie niest auch nicht in ihre Ellbeuge, sondern in die Hand. Die Hand, mit der sie mir dann (Maske wieder hochgeschoben) das Rezept reicht.
Oh Mann. Wie lange haben wir jetzt diese Pandemie und „lernen“ die klassischen Hygienemassnahmen? Nicht in die Hände niesen, Hände häufig waschen, Maske tragen …? Mich wundert fast nix mehr. Man folgt vielleicht den Buchstaben, aber nicht dem Sinn der Vorschriften. Und im Supermarkt gegenüber steht die Flasche zum desinfizieren der Griffe von Einkaufswagen oder Korb weitgehend unbeachtet da und ich bezweifle stark, dass sie tatsächlich täglich mehrmals von den Angestellten desinfiziert werden.
Ich dafür lege nach der Begegnung gleich noch einmal eine Extrarunde alle Oberflächen vorne desinfizieren ein.

Mann: „Kriegt man bei ihnen die Selbststests?“
Pharmama: „Ja – haben Sie mir die Krankenkassenkarte?“
Mann: „Hier ist meine. Für meine Frau und 5 Kinder nehme ich auch gleich mit.“
Pharmama: „Die Krankenkassenkarten?“
Mann: „Für die habe ich sie nicht dabei. Können sie ja nachschauen, es sollte dieselbe Kasse sein.“
Pharmama: „Nein, bringen sie einfach das nächste Mal die Karten mit, dann können sie die Selbststests für sie holen.“
Mann: „Was für ein mieser Service.“
(Kein Stammkunde, die Apotheke am aktuellen Maximalfüllstand mit anderen wartenden Patienten, überall wird informiert, dass man die Karte dabei haben soll …. mein Gewissen ist rein.)

Abends wird es laut gegenüber im Supermarkt: die junge Frau wirft dem alten Mann mit Rollator vor, dass er doch bitte auch eine Maske anziehen soll.
Er: „Ich kann keine Maske tragen und ich will auch nicht!“
(Ich kenne ihn. Er ist ein Sturkopf und kann recht aggressiv werden, wenn ihm etwas nicht passt. Einen echten medizinischen Grund keine Maske zu tragen hat er allerdings nicht.)
Sie echauffiert sich – „Genau wegen Leuten wie Ihnen muss ich seit Monaten und jetzt immer noch eine Maske tragen. Da können Sie auch eine für mich anziehen!“
Wie’s genau weiterging habe ich nicht mitbekommen, aber anscheinend wurden die beiden am Schluss noch handgreiflich. Die Nerven liegen blank – auf allen Seiten.

Gratis Selbsttests aus der Apotheke – so geht’s

Etwas der Klickbait-Titel, aber da es seit Wochen in der Presse ist, dass die Selbsttest-Abgabe kommt – und wir jetzt auch endlich in der Schweiz zugelassene Selbsttests gegen Covid haben, ist das hier meine Q&A dazu:

Wo gibt es die Selbsttests in der Schweiz? Nur in der Apotheke. Damit das für die Bevölkerung gratis ist, wird das den Krankenkassen verrechnet, deshalb geht das nur so.

Was ist es für ein Test? Er nennt sich Roche Sars-CoV-2 Rapid Antigen Test Nasal und wird als Nasenabstrich (nicht so tief wie die PCR und Schnelltests) durchgeführt. Der Test wurde erst am 30. März von den Behörden offiziell zugelassen, ist aber in anderen Ländern schon in Gebrauch.

Was brauche ich für den Bezug? Die Krankenkassenkarte! Auch wenn Du bei einer Kasse bist, bei der Du sonst selber zahlen musst (Assura, Supra, Compact und Co.), musst Du sie für den Bezug dabei haben.

Kann jeder diese Tests beziehen? Ja – jeder mit Krankenkassenkarte. Wenn Eltern für die Kinder die Karte mitbringen, können sie für das Kind beziehen. Momentan gibt es seitens BAG keine offizielle Empfehlung für die Anwendung von Selbsttests bei Kinder. Bei Kindern > 6 Jahren mit Symptomen wird ein PCR-Test empfohlen (in Testzentren, beim Arzt etc.).

Wieviele Selbststests sind gratis? Pro Person und Monat (= 30 Kalendertage) sind 5 Selbststests gratis. Bitte merken: Die Apotheke kann nicht nachkontrollieren, ob innert einem Monat (woanders) schon bezogen wurde – Aber die Krankenkasse kann das! Die schickt für zu viel oder zu früh bezogene Tests dann die Rechnung an den Patienten.

Kann ich die Tests einzeln beziehen? Theoretisch schon, aber praktisch werden sie wohl grad in den 5er Einheiten zu beziehen sein. Die Tests müssen von der Apotheke vorher nämlich aus Grosspackungen ausgeeinzelt werden – und das bedeutet jedesmal in ein Plastikbeutel abfüllen: Teststreifen, Röhrchen mit Extraktionspuffer, Spenderkappen, sterile Wattestäbchen plus Packungsbeilage – und alles Dolumentieren. Vom Aufwand her, vom Material und vom Abrechnen nachher ist das vernünftiger das grad einmal für die 5 Tests zu machen als 5 x einzeln.

Kann ich mehr Tests bekommen, wenn ich selber bezahle? Nein.

Kann ich Tests vor- oder nachbeziehen? Nein. 5 Tests pro Monat, wenn man sie einmal nicht gebraucht oder geholt hat, kann man sie nicht nachbeziehen. Auch nicht früher beziehen und die Apotheke rechnet das dann im nächsten Bezugsmonat ab. Start der Abgabe ist der 7.4.2021 – nicht vorher!

Hilft die Apotheke mir bei der Durchführung der Tests? Nein. diese Dienstleistung können wir nicht anbieten. Es wird wegen der Testabgabe ein enormer Mehraufwand erwartet und das liegt einfach nicht drin. Der Test ist aber sehr einfach, so dass man ihn sehr gut selbstständig durchführen kann. Nur ein Tipp von mir zur Durchführung: verwende eine Wäscheklammer als Halterung für das Röhrchen mit Extraktionspuffer.

Können mit den Tests die bestehenden Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen gelockert werden? Nein. Der Selbsttest ist kein Ersatz für Hygiene-, Abstands-und Verhaltensregeln und bestehende Schutzkonzepte.

Wann ist ein Selbsttest sinnvoll? Bei Personen ohne Symptome und ohne Kontakt zu Covid-19-Fällen, die einen Test zu Hause vornehmen möchten. Zum Beispiel vor einem Besuch von der Familie oder Freunden.

Wann sollte kein Selbsttest gemacht werden? Bei Personen, die Krankheits-Symptome haben. Diese sollten einen PCR-Test oder Antigen-Schnelltest in einem Spital, einer Arztpraxis, einem Testcenter oder einer Apotheke durchführen. Ebenfalls kein Selbsttest vor einem Besuch von besonders gefährdeten Personen und Gesundheitseinrichtungen wie Altersheim oder Spital – der Selbsttest zählt da nicht.

Zählt der Selbsttest als Covid-Test vor einer Reise? Das lässt sich leider nicht verbindlich beantworten, aber meist werden PCR Tests verlangt. Bitte schau dir die Angaben für das Reiseland auf deren Botschaftsseite an oder die Übersicht auf der offiziellen BAG Seite.

Was mache ich bei einem positiven Resultat des Selbsttests? Nach Anweisung des BAG: Isolation. Ausserdem muss zur Bestätigung des Resultates ein PCR-Test durchgeführt werden. Der Test wird dann auch vom BAG bezahlt und kann in den Testzentren durchgeführt werden.

Was mache ich bei einem negativen Resultat des Selbststests? Das Testresultat ist nur am Testtag gültig. Hygiene-, Abstands- und Verhaltensregeln des BAG müssen weiterhin befolgt werden.

Das ist alles, was ich bis jetzt darüber weiss. Ich hoffe, es hilft.

Assistenzzeit (2) Erste Wochen

Schon ein Monat vorbei und ja, wir sind einiges vorwärts gekommen. Unserer Assistentin das Computerprogramm mit dem wir arbeiten näher gebracht, so dass sie die Kasse bedienen und auch schon Rezepte eingeben kann. Wir fangen klein an, indem wir sie ausserhalb der Sicht der Patienten üben lassen: erst mal Rezepte lesen (bei gewissen Arztschriften braucht das Jahre Übung, aber andere gehen zum Glück besser). Dann Sachen zusammensuchen lassen. Dann selber gefaxte oder gemailte Rezepte vorbereiten und eingeben lassen.

Daneben gehen wir zu Randzeiten die wichtigsten Medikamente zu den aktuell wichtigsten Indikationen durch. Sachen, die OTC (freiverkäuflich) sind und auch rezeptpflichtige Sachen. Wir fangen an mit Schmerzmitteln und dann mit Allergien.

Ich mache das gerne mit einer Auslegeordnung auf dem Tisch: Wirkstoffe gruppieren und ob rezeptpflichtig oder nicht … und dann erzähle ich dazu etwas und stelle Fragen. Optimalerweise weiss die Assistentin am Schluss, wann man was einsetzen kann (Schwangere, Kinder, Empfehlungen OTC, wann darf ich rezeptpflichtiges auch ohne Rezept abgeben?).

Ich staune über die Lernmethode meiner Assistentin. SIe ist sehr organisiert und benutzt ein iPad. Dort hat sie zu so Indikationen ein Riesen-Spread-Sheet wo alles festgehalten wird. Ich hätte das *damals* vielleicht auch so gemacht – ich bin jemand, der sehr „optisch“ lernt, also viel indem ich es aufgeschrieben habe, dann zusammengefasst, dann Kärtchen … So geht es sicher schnell(er) – vor allem macht sie von manchen Sachen einfach mal ein Foto und schreibt dann dazu.

Nach den ersten 2 Indikationen haben wir sie dann auch schon auf die ersten Patienten losgelassen. Dabei stehen wir natürlich anfangs noch nebenbei und machen es gemeinsam, dann unter Aufsicht, dann stehe ich in den Hintergrund. Funktioniert auch ganz gut, jedenfalls so lange es nicht grad ein Ansturm an Patienten ist vorne.

Mit der aktuellen Zugangsbeschränkung geht das … ich habe ein bisschen Bammel, dass sie nächste Woche nicht untergeht, wenn der Ansturm auf die „Gratis-Selbsttests“ losgeht. Momentan sind wir am Abfüllen derselben im Labor – 5 Stückweise in Mingripps jeweils mit Bedienungsanleitung. Eine ganze Pallette will abgepackt sein. Abgabe nur gegen Krankenkassenkarte. Merke: gratis ist nie gratis, jemand zahlt immer – wir mussten die Dinger auch einkaufen. Und der Grosshändler Migros beklagt sich, weil nur Apotheken die Tests abgeben dürfen. Nun, ich denke, dass sie die verkauft hätten, nicht abgegeben – und jetzt ist das auch uninteressant für sie weil sie das nicht abrechnen können. Ob uns der Aufwand (jetzt schon gross und ab dem 7. April schwer einschätzbar) dafür irgendwie entgolten wird, weiss ich immer noch nicht. Der Apothekerverband spricht von einem Ansehensgewinn für die Apotheke und Chance die Apotheke als erste Anlaufstelle im Gesundheitswesen weiter zu positionieren.

Nun, Ein Anlauf wird das geben….

Assistenzzeit in der Apotheke (1)

Die erste Woche mit der neuen Apothekerin im Assistenzjahr ist vorbei – und ich bin sehr zufrieden. Gut gewählt oder Glück – wir haben wieder jemanden sehr engagierten und aufmerksamen bekommen.

Was macht sie bei uns? Die Assistenzzeit ist Bestandteil des Masterstudiums und bietet die Gelegenheit, die praktische Arbeit in der Offizin- und Spitalapotheke kennen zu lernen.

Montag morgen Arbeitsbeginn, Schurz, Namensschild und Spind / Fächli sind vorbereitet. Nachdem ich sie den Mitarbeitern vorgestellt habe, zeige ich, was wo ist; Toilette, Wareneingang, Büro, Verkaufsraum – davon wird sie vorerst nicht allzu viel sehen, da die erste Zeit mehr hinten gearbeitet wird. Es dauert noch etwas, bevor ich sie auf die Kunden und Patienten loslassen kann. Wie lange kommt auf sie an. Die mutigeren lasse ich unter Aufsicht bald mal nach vorne, andere brauchen mehr Sicherheit und Hintergrundwissen.

Dann folgt auch schon das erste längere Gespräch, oder vielleicht besser Monolog von mir –

Thema 1: Das Patientengeheimnis. Die Kurzfassung ist: Apotheker unterstehen dem Berufsgeheimnis. Patientendaten sind besonders schützenswert. Darunter fällt so ziemlich alles, was wir in der Apotheke erfahren, eigentlich sogar „dass“ jemand bei uns Patient ist. Wenn sie für die Uni Kopien oder derartiges machen muss, müssen die Patientendaten entfernt werden. Wir sammeln und vernichten/enstorgen Dokumente mit Patientendaten darauf separat. Wir sind vorsichtig bei Anfragen nach Auskünften.

Thema 2: Eigenverantwortung der Assistentin. Das ist etwas, was schon beim Bewerbungsgespräch angesprochen wurde, aber weil es so wichtig ist, wiederhole ich das hier jeweils noch einmal. Wir als Ausbildungsapotheke sind dazu da, der Assistentin jegliche Möglichkeiten zu bieten, damit sie lernen kann, was es heisst, eine Apothekerin zu sein. Wir bieten Infrastruktur (Apotheke, Labor, Geräte, Bücher, Programme …), das Wissen langjähriger Mitarbeiter (teils mit Ausbildnerweiterbildung), die Zeit bei uns und die Selbstlerntage (zum Teil zu Hause). Aber lernen muss die Assistentin selber. Ich bringe ihr gerne bei, was ich weiss und wie es in der Apotheke läuft: all die praktischen Dinge über Medikamente, Beratung, Anwendung von Gesetzen und Vorschriften, die Anwendung der verschiedenen Programme, Herstellung von Rezepturen im Labor … Ich werde Vorschläge machen, wenn von ihr nicht selber etwas kommt (welche Themen als nächstes angeschaut werden, was für Aufgaben sie übernehmen kann um zu profitieren), aber ich finde es grundsätzlich besser, wenn von der Assistentin selber die Themenvorschläge kommen. Sie weiss besser, was gerade an der Uni Thema ist, das hilft beim Verküpfen der Informationen von verschiedenen Seiten. Am Schluss der Assistenzzeit sollen dann möglichst viele, wenn nicht alle der Themen durchgegangen worden sein. Ich mache auch keine Vorträge über Wirkungsmechanismen, nur über Beratung und Triage, halt das was ich in der Apotheke „brauche“. Ich warne die Assistentin auch, dass es sein kann, dass wir viel zu tun haben und sie dann wirklich aktiv kommen muss, wenn ich oder jemand anders etwas erklären soll – und nicht warten, bis wir auf sie zu kommen. Ich weiss, es ist viel – und es ist auch nicht die Idee, dass man das grad sofort alles kann oder sofort alles macht, aber: am Schluss sollte möglichst viel davon bekannt und gemacht sein.

Pharmasuisse (der schweizerische Apothekerverband) stellt auf ihren Seiten einige Hilfsmittel zur Verfügung. Sie können hier angeschaut werden. Dazu gehört:
Checkliste Arzneimittel und Rezeptvalidierung (Das sind die verschiedensten Indikationen und Medikamente und ihre Anwendung am Patient)
Checkliste Triage (dazu gehört die Beratung bei verschiedenen Gesundheitsfragen, das Erkennen von Krankheiten, Anamnese und Umgang mit Patienten)
Checkliste Herstellung in kleinen Mengen (Von Arzneimitteln natürlich: Rezeptur und Defektur)
Checkliste Apothekenbetrieb und Berufsausübung (Gesetze, Vorschriften, Krankenkassen, Abrechnung, Lagerhaltung, Wirtschaftlichkeit etc.)

Ich bin hocherfreut, als ich feststelle, dass die Studenten dieses Jahr die 300er Medikamente schon lernen mussten. Das ist eine Liste von Medikamenten, die häufig gebraucht werden: Inhaltstoffe, Indikationen, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen inklusive. Das ist ziemlich beeindrucken und hilft doch sehr, auch wenn natürlich jetzt noch bei weitem nicht alles sitzt und die Informationen rein theoretischer Natur sind. Aber für die Praxis sind wir jetzt ja da.

So eine Apothekerin im Assistenzjahr hat eine etwas kuriose „Stellung“ in der Apotheke. Sie kommt mit ziemlich viel theoretischem Wissen, auf dem man aufbauen kann, so dass sie eigentlich rasch „aufsteigt“. Sie beginnt wie ein Lehrling, geht über Pharmaassistentin zu Apothekerin unter Aufsicht – und das Ziel ist, dass sie am Schluss selbständig als Apothekerin in der Apotheke steht, und genug weiss und kann, dass sie verantwortungsvolle Entscheidungen treffen kann. Bis jetzt haben wir das noch mit jeder geschafft und es ist immer eine Freude, dieser Entwicklung zuzusehen.

Meine stürzt sich auf die Arbeit … vielleicht ist sie auch nur einfach froh, mal wieder „raus“ und unter Leute zu kommen. Die Corona-Zeit und Home-Schooling hängen auch bei den Studenten langsam an. Ich übergebe sie dem Lehrling die ihr zeigt, wie der Wareneingang funktioniert und wie und wo man die Sachen dann versorgt. Auch hier sehe ich wieder ihr Engagement: sie nimmt einzelne Medikamente in die Hand und schaut was drin ist – und geht teils nachschlagen im Computer und ihren Büchern. (WOW!)

Rezeptur, Die verlorene Kunst

Ich finde es ja persönlich schade, aber es ist eine eindeutige Entwicklung (zumindest in der Schweiz): die Kunst der Rezeptur geht zunehmend verloren. Die Rezeptur, also die individuelle Herstellung eines Arzneimittels aufgrund eines verordneten Rezeptes nimmt seit Jahren ab. Das hat verschiedene Gründe:

Es gibt (mehr) Spezialitäten, die Herstellungen ersetzen. Das stimmt nicht für alles, gerade im Bereich Arzneimittel für Kinder herrscht hier immer noch ein Defizit, aber die Tendenz ist zunehmend.

Die Herstellung ist nicht günstiger als eine mögliche alternative, existierende Spezialität. Das mag in Deutschland noch anders sein, aber dort werden Rezepturen hauptsächlich durch die PTAs hergestellt (und nicht durch die Apotheker, wie hier) und sehr schlecht abgegolten.

Die Krankenkassen schauen bei Rezepturen immer genauer hin und zahlen sie teils nicht mehr – zum Beispiel, wenn sich ein Inhaltsstoff nicht in der ALT (der Arzneimittel-Liste mit Tarif) findet. Egal, ob er zu neu dafür ist aber offiziell schon zur Therapie zugelassen. Dasselbe gilt für Mischungen mit Salben oder Herstellungen mit Tabletten, die nicht auf der Spezialitätenliste sind, die die Krankenkasse bezahlt.

All das habe ich schon 2018 geschrieben: Weshalb die Rezeptur in der Schweiz ausstirbt

Aber es gibt noch einen Grund, den ich damals nicht erwähnt habe: Das Wissen der Ärzte zu den Rezepturen nimmt ab. Ich denke von den neueren wissen schon eine Menge nicht mehr, dass das überhaupt eine Möglichkeit ist, noch wie man das richtig verordnet. Dabei stammt der Name Rezept genau von dieser Kunst ab. Auch ein Arzt-Rezept war früher faktisch eine „Kochanleitung“, einfach zur Herstellung eines Arzneimittels. Und den Pharmazeuten oblag es dann, daraus ein funktionierendes Mittel zu machen. Das ist auch eine Kunst: Wirkstoffinkompatibilitäten, Löslichkeit des Wirkstoffes, Stabilität der Grundlage, Konservierung, Alkoholmischtabellen, Isotonisch machen von Augentropfen … all das will bedacht sein und umgesetzt.

Im Studium habe ich all das (und mehr) gelernt, brauchen tu ich es zunehmend weniger (was ich schade finde) … und deshalb muss ich heute teils mehr nachforschen, bevor ich eine Rezeptur herstelle. Dass Nivea Creme trotz des Namens keine Creme ist, sondern eine Salbe und ich deshalb eine Cortison Salbe nehmen muss zum mischen, weiss ich. Das war früher eine beliebte Mischung, respektive einfache Verdünnung. Heute wird das kaum mehr gebraucht, vielleicht auch, weil die Hautärzte gelernt haben mehr mit den verschiedenen Cortison Klassen zu „spielen“ und deshalb keine Klasse III (stark) mehr verdünnen lassen müssen um ein mittelstarkes zu erhalten, da nimmt man grad eine Klasse II in Salbenform. Beim Dexeryl, das es noch nicht so lange gibt und das vermehrt für Rezepturen verschrieben wird, muss ich nachschauen gehen, was ich da am besten dazunehme: Elocom in Creme oder Salbe. Offenbar ist hier die Empfehlung auch die Creme zu nehmen – nach der Herstellung bin ich aber nicht wirklich glücklich mit dem Resultat, es scheint zwar stabil zu bleiben, trennt sich nicht, hat aber auch nach mehrmals mischen auf der Salbenplatte immer noch eine … ansatzweise inhomogene Qualität. Das nächste Mal versuche ich es mal mit der Salbe.

Dennoch, eine Rezeptur vom Kinderspital für „Elocom-Dexeryl 1:1“ oder 1:2 kann ich herstellen. Da weiss ich, was ich machen muss. Mehr Mühe habe ich mit Rezepten wie diesem hier:

Also auch wenn wir mal davon absehen, dass der Hautarzt noch nicht mitbekommen hat, dass es die Aknemycin Emulsion nicht mehr gibt, das untere ist eine Herstellung für die ich zuwenig Angaben habe. Hautspiritus 2%. Hautspiritus ist einfach eine Mischung mit Alkohol für die Haut. Das 2% dürfte sich dabei kaum auf den Alkohol beziehen, sondern auf einen Wirkstoff … der leider nicht spezifiziert ist. Was darf’s denn sein? Salicylsäure? Menthol? Polidocanol? Etwas anderes? Wenn ich raten müsste, würde ich auf Salicylsäure tippen, aber ich soll nicht raten bei Rezepten. Also frage ich bei der Praxis nach. Und deren Antwort hat mich etwas brüskiert: ich soll das doch bei (andere Apotheke) bestellen, die haben das schon hergestellt. Was genau drin ist könne sie mir auch nicht sagen. – Es war dann ein Salicylsäure-Hautspiritus, mit 2% Salicylsäure und 70% Alkoholgehalt. Und ich habe ihn nicht bestellt, sondern selber hergestellt. Ich kann das nämlich auch.

Noch mehr Mühe hatte ich mit dem Rezept:

Feigensirup / Paraffin 1:1 1000 ml.

Ich meine: schon klar, es soll etwas zum abführen sein. Feigensirup gibt es als Spezialität (wird von der Krankenkasse nicht übernommen, es sei denn, es handelt sich um Verstopfung wegen Opioiden Medikamenten). Paraffin ist ein inertes Öl, das aus der Erdölindustrie stammt und das man auch zum abführen verwendet hat (es wird theoretisch nicht aufgenommen vom Körper) heute wird es pur kaum mehr verwendet, es findet sich noch in Spezialitäten wie Paragol. So wie der Arzt es aufgeschrieben hat, kann ich das aber unmöglich herstellen. Wenn man das einfach zusammenmischt, trennt sich das sofort: Man denke an Salatsauce nur aus Essig (Feigensirup) und Öl (Paraffin). Ich müsste versuchen eine Emulsion herstellen, ähnlich wie der Paraffinöl-Emulsion der Pharmakopoe und dabei die wässrige Phase durch Feigensirup ersetzen. Das fällt für mich schon unter hohe Kunst – und (ausser dass mir dafür die Inhaltsstoffe wie die Emulgatoren und Stabilisatoren fehlen) ich bin nicht sicher, wie stabil das werden würde. Auch die Mischung der fertigen Spezialitäten wie Zeller Feigensirup und Paragol wäre ein Experiment mit reichlich unsicherem Ausgang (und Geschmack). Da könnte der Patient auch beide Sachen einzeln nehmen … Nach Rücksprache mit dem Arzt (der reichlich erstaunt war, dass wir das nicht grad „sofort einfach machen“ können), hat die Patientin dann ein einfaches Abführmittel bekommen, das im Handel ist. Das hat auch funktioniert.

Also Rezeptur ist eine Kunst, sowohl für den Verschreiber (Arzt), als auch den Hersteller (Apotheker). Wenn ihr so etwas verschreibt, dann bitte mit möglichst genauen Angaben, bei Unsicherheiten ob etwas geht, oder ob Alternativen bestehen, kann auch die Apotheke kontaktiert werden. Wir wissen das (noch).

Für historisch interessierte: Hier ein Leitfaden von 1936 zur Ausstellung von Rezepten:

Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (1) Einleitung
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (2) Zusammenarbeit mit Apotheken
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (3) – wie sieht das Rezept aus?
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (4) – Anwendung und lateinische Formulierung
Wie stelle ich ein Rezept aus – anno 1936 (5) – Dosierungsangaben und Aufschreiben von Arzneistoffen / Spezialitäten
Wie stelle ich ein Rezept aus – Anno 1936 (6) – wie finde ich die richtige Dosierung
Wie stelle ich ein Rezept aus -Anno 1936 (7) – Dosierung bei Schwangeren und Kindern

Blau, Blau, Blau …

Bild: blaue Kapseln in Hand mit blauem Handschuh

Wir richten in der Apotheke Wochen-Dosette und verblistern Medikamente um den Patienten zu helfen ihre Medikation richtig zu nehmen. (Genauerweise lassen wir verblistern, aber das ist ein Thema für ein anderes Mal).
Die letzten paar Wochen waren hart – mit vielen Wechseln in der Medikation unserer Dosett-Patienten. So hat einer gerade eine Pause des Blutverdünners Pradaxa verordnet bekommen vom Spital – und ich habe sie umgehend aus dem Dosett entfernt. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Kapseln genau dasselbe blau haben wie die Handschuhe aktuell. Cool.

Die Handschuhe sind nur aktuell blau – wir müssen nehmen, was wir kriegen können. Bei den Masken hat sich die Situation sehr beruhigt, aber bei den Handschuhen sieht es immer noch nicht wirklich gut aus mit der Verfügbarkeit. So haben wir in den letzten Monaten und Wochen weisse, schwarze, pinke, blaue gehabt, gepudert oder nicht, Latex, Vinyl oder Nitril – hauptsache die Grösse (und die Qualität) stimmt. Mit den blauen hier bin ich nicht sonderlich zufrieden, sie sind steiff, ungepudert (schnell klebrig innen) und gehen rasch kaputt. Aber wie gesagt: wir nehmen, was wir bekommen. Es sieht da übrigens nicht so aus, als würde das hier bald besser, im Gegenteil. Gerade letztens habe ich gelesen, dass in Malaysia, wo offenbar die Mehrheit der Handschuhe, die weltweit verfügbar sind hergestellt werden, wegen Corona einige Fabriken schliessen mussten.

Die Pradaxa Kapseln (Dabigatran) hatten wir tatsächlich ausgeblistert im Dosett. Bevor jetzt der Aufschrei meiner Mit-Fachpersonen kommt: ich weiss, dass das nicht ideal ist. Tatsächlich schreibt die DAZ, dass Dabigatran Kapseln bis zur Einnahme in der Originalverpackung aufbewahrt werden und nicht in Wochendispenser umgefüllt werden sollen. Der Grund: der Wirkstoff ist Feuchtigkeitsempfindlich und kann sich leicht abbauen. Bei uns sind die Kapseln deshalb in Packungen mit speziellem Blister, wo sie nicht mal rausgedrückt werden können – man muss sie einzeln aufpriemeln von der Seite … oder man benutzt dieses Ding, das wir mal vom Vertreter bekommen haben:

Wie man sieht, ist das eine praktische Methode, wenn man grad mehrere Kapsel ausblistern muss – wie zum Wochendosette richten.

Soll ich jetzt ausblistern, oder nicht? Wir haben uns bei dem Patienten entschieden, sie offen ins Dosett zu rüsten (nur für je 1 Woche im Voraus). Denn:

  • er selber ist nicht in der Lage die Kapseln aus den Blistern zu bekommen,
  • im Dosett gerüstet nimmt er sie auch (vorher war das allgemein ein Problem),
  • die Kapseln sind maximal 10 Tage ausgeblistert, bis sie eingenommen werden,
  • so schnell gehen die Zersetzungsprozesse dann auch nicht,
  • in den USA sind die Kapseln lose in Dosen verpackt, nicht verblistert. Die Haltbarkeit darin geben sie mit 30 Tagen nach dem Öffnen an (!). Das heisst, die Dose wird während 30 Tagen täglich 2 x geöffnet (und zieht Feuchtigkeit).
  • das Dosett (oder halt die Dose) muss halt trocken und vor Hitze geschützt aufbewahrt werden. Also Tipp: NICHT im Badezimmer.

Dann denke ich, das geht so. Die Kapseln oben habe ich nach dem aus dem Dosett nehmen direkt entsorgt.