Samstag war sie wieder da. Ihr kennt vielleicht, wenn ihr im Detailhandel arbeitet, die Kunden, die immer wieder mal damit drohen, dass sie „nie mehr wieder hierher kommen!“. Das „immer wieder“ impliziert hier schon: die Drohung bleibt leer. Leider, muss man in manchen Fällen sagen. Eine Apotheke ist auch (nur) ein Detailhändler und auch wir haben diese Kunden und Kundinnen.
Wir haben als Apotheke und Mitspieler im Gesundheitswesen einen Versorgungsauftrag – wir schauen, dass die Patienten die richtigen Medikamente bekommen. Was wir in der Schweiz nicht haben, ist eine Versorgungspflicht. Das bedeutet, dass wir theoretisch auch Leute abweisen können. Oder problemlos Hausverbot verteilen, wenn sich jemand wirklich daneben benimmt.
Im Normalfall kommt das aber eher selten vor, dass wir Kunden „spicken“. Eine Apotheke lebt wie jeder Detailhändler vom Einkommen, das mit den Kunden generiert wird. Bei uns halt entweder von Medikamenten auf Rezept oder von Medikamenten und anderen freiverkäuflichen Sachen und Dienstleistungen rund um die Gesundheit. Und auch wenn die Apothekerinnen nicht so gut im Verkaufen sind, wie Pharmaassistentinnen, die Fachfrau Apotheke, oder der Drogist, sind wir auf Kundenfreundlichkeit getrimmt und meist sehr freundlich, höflich und dienstbereit. Wir wollen ja Medikamente abgeben oder verkaufen – dagegen stehen nur manchmal auch Gesetze und Regeln und zudem für unseren Beruf so wichtige Dinge wie Wechselwirkungen oder Gegenanzeigen oder Red Flags. Es hat meist einen guten Grund, wenn wir sagen: „das kann ich ihnen nicht geben“. Aber das ist jetzt nicht das Thema. Das Thema ist grad Patienten zu feuern.

Wir hatten da diese Patientin. Nennen wir sie Frau Impatiens (von lateinisch ungeduldig. Das Wort Patient stammt vom selben Stamm ab und bedeutet eigentlich ertragen, erdulden, leiden). Frau Impatiens war sicher leidend, im Sinne von: sie hatte Schmerzen. Man stelle sie sich als ältere Frau vor, trotz Schmerzen aber rüstig und mobil und ohne Probleme, sich mitzuteilen. Speziell, wenn ihr etwas nicht passte. Leider passte ihr vieles nicht. Sie war immer sehr fordernd – sie war auch diejenige in dem Blogpost (von Reklamationen und Forderungen), die von uns verlangt hat, dass sie, wenn sie kam, gleich sofort bedient werden würde. Wenn ich ihr das nicht garantieren könne… ja: „komme ich nie wieder“.
Ich konnte ihr das nicht garantieren.
Frau Impatiens war schon vor dieser Forderung bei uns bekannt. Mehr als einmal hat sie sich grob an wartenden Patienten und Kunden vorbeigedrängt mit „jetzt komme ich dran!“. Sie wünschte ausserdem häufig Hauslieferungen und hat dann versucht, unsere Azubis bei sich zu Zusatzarbeiten einzuspannen: Wäsche runtertragen, Einkaufen, Post raufholen. Spitex oder Haushilfe hatte sie keine und brauchte sie auch anscheinend nicht. Sie selber war auch öfters mal in der Stadt unterwegs.
Was ich persönlich sehr unangenehm an ihr fand, war ihre Angewohnheit, Leute gegeneinander auszuspielen. Beim Arzt erzählte sie etwas ganz anderes als bei uns in der Apotheke. Sie redete bei uns schlecht über die anderen Apotheken und sicher bei denen schlecht über uns. Zu den Angestellten war sie nachgerade herablassend, zu den Apothekern immer sehr fordernd. Eine ihrer Taktiken war es Notfälle zu produzieren, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen.
Gut in Erinnerung ist mir noch der Samstag, als sie bei uns in der Apotheke aufschlug, weil sie ein starkes Schmerzmittel (eigentlich ein Betäubungsmittel) wollte. Das wollte sie schon länger, aber ihr Arzt wollte ihr das offenbar nicht verschreiben. Deshalb ist sie auf die Idee gekommen, dass wir ihr doch einfach einen Vorbezug dafür machen sollten. Und welcher besserer Zeitpunkt dafür ist es das zu verlangen, als Samstag, wenn ihr Arzt nicht erreichbar ist. Als ich ihr mitteilte, dass ich dafür beim Erstbezug zwingend ein Rezept brauchte, versuchte sie mich erst damit unter Druck zu setzen, dass sie leide. Jetzt. Und jetzt etwas stärkeres braucht. Ich habe ihr dann den Notfall vorgeschlagen, denn: „Dafür brauche ich zuerst ein Rezept!“
Sie ging dann in den Notfalldienst und kam nach 2 Stunden wieder zurück in die Apotheke. Nicht sehr überraschend, musste sie im Notfall warten mit ihren (chronischen) Schmerzen. Das wurde ihr dann bald zu blöd, also versuchte sie es noch einmal bei uns. Das war immer noch ein „Nein“, da nicht wirklich ein Notfall.
Nach der Geschichte mit der „Immer sofort drankommen-Forderung“ (Oder: Ich will die VIP-Behandlung!) habe ich Frau Impatiens die bei uns laufenden Rezepte an eine andere Apotheke gesendet. Eine Zeitlang kam sie nur noch für die nicht-rezeptpflichtigen Sachen zu uns, bis ich einen Anruf der anderen Apotheke bekam, die versucht hat, einen Weg mit ihr als Patientin zu finden. Offenbar hat sie das mit dem gegeneinander ausspielen etwas übertrieben, so dass sich ihr Arzt und die neue Apotheke abgesprochen haben, dass sie (auch zu ihrer eigenen Sicherheit) alle Medikamente (und sonstiges) nur bei einer Apotheke bezieht … und nur bei einem Arzt. Die andere Apotheke war nicht ganz glücklich, dass sie das sein würden, aber informierten die anderen Apotheken über die Regelung.
Danach hat sie noch zwei Mal versucht, trotzdem mit Rezept zu uns zu kommen. Einmal eine Kopie vom Dauerrezept mit einem Medikament, dass die andere Apotheke grad nicht habe (stimmte nicht). Einmal wurde uns einfach das Rezept vom Spital zugefaxt – ich hab das dann an die andere Apotheke weitergeleitet … und sie dann auch, als sie anrief, um zu fragen, ob es gekommen ist.
Ein Jahr später ruft mich die andere Apotheke an. Es gehe um Frau Impatiens. Sie wolle unbedingt die Apotheke wechseln und man habe zugestimmt. Ob ich sie kenne? (ja) und ob ich einverstanden sei, dass sie zu uns komme? Wenn ja, würden sie alles zu uns senden – und sie würden den Arzt informieren und selber in Zukunft nichts mehr abgeben. Nach Absprache mit meiner Co-Betriebsleiterin, haben wir beschlossen anzunehmen – aber nur mit festen Vorgaben, die ihr auch mitgeteilt wurden.
Das waren die Vorgaben: Wenn sie kann, kommt sie die Medikamente selber holen. Hauslieferungen machen wir sonst zwei Mal pro Woche. Wenn es an einem anderen Tag sein sollte (für Notfälle), dann konnte sie bis 2 Uhr bestellen und es würde am Nachmittag geliefert. Wir schicken einen Kurier, der keine Extraaufgaben erledigt (nur die Medikamente überbringt).
Damit war sie einverstanden, also versuchten wir es wieder mit ihr. 3 Wochen ging das gut – nur dass sie am Telefon maximal unfreundlich war und an die Regelung erinnert werden musste. Dann bekam ich an einem Donnerstag morgen ein Rezept vom Hausarzt für Metamizol (ein Schmerzmittel) zugesendet. Übrigens: Das rezeptpflichtige Betäubungsmittel, das der Hausarzt ihr damals dann doch noch verschrieben hat, nahm sie nur sehr kurz, da es sie „müde und schwindelig“ machte. Seitdem habe ich nichts stärkeres mehr verschrieben gesehen – und es ging offenbar trotzdem. Jetzt also Metamizol. Proaktiv rief ich bei ihr an, dass ein Rezept für sie gekommen war. Sie war hocherfreut am Telefon und meinte auf meine Frage, wie es zu ihr finden würde, dass sie es abholen kommen würde noch am selben Tag.
Sie kam nicht.
Am nächsten Tag am Freitag Nachmittag um 16 Uhr erhalte ich einen Anruf von ihr. Sie sei heute schon draussen gewesen einkaufen und habe jetzt starke Kopfschmerzen und wir sollten ihr das Medikament sofort vorbei bringen (!) Heute käme sie nicht mehr raus. Das meinte ich mit Notfällen produzieren. Sie wurde dann rasch unerfreulich, als ich ihr mitteilte, dass die Zeit für die Kurierbestellung schon vorbei war und das Medikament am nächsten Tag zu ihr kommen würde. „Wenn der Kurier nicht mehr kann, dann schicken sie doch einfach eine Mitarbeiterin nach Ladenschluss bei mir vorbei“. Ja, nein. So einfach ist das nicht – zu dem Zeitpunkt hatten wir ausserdem mit mehreren Krankheitsausfällen zu kämpfen und wirklich niemand übrig quer durch die Stadt zu schicken. Ich habe das erklärt und gesagt, dass ich morgen jemanden schicke. Morgens ausnahmsweise. Sie hat mir das Telefon aufgehängt.
EIne halbe Stunde später oder so stand sie dann selber in der (sehr vollen) Apotheke: „Wegen ihnen musste ich noch einmal raus. Ich habe ein Taxi nehmen müssen! Geben sie mir das Medikament! Und drucken sie mir gleich noch alle meine Rezepte aus und löschen sie bei sich, zu ihnen komme ich nie mehr!“
Ich lasse mich nicht so erpressen. Das hat das letzte Mal nicht funktioniert und dieses Mal auch nicht. Also: „Natürlich, aber nicht jetzt. Sie können mir die Apotheke angeben – und ich schicke sie dahin. Danach können sie aber die Sachen nicht mehr bei uns beziehen.“
Frau Impatiens (nun etwas überrascht ob des geringen Widerstandes): „Ah, nein. Aber schicken sie sie mir direkt zu! EIngeschrieben.“
Ok, mach ich doch.
Danach war Ruhe. Ganze 4 Monate lang.
Und Samstag morgen bekommt unsere Azubi einen Anruf von Frau Impatiens. Zwei Sachen wollte sie wissen: Ob Bilastin dasselbe sei wie Bilaxten? (Ja – ein Generikum) und ob wir Aspirin cardio an Lager hätten (ja – welche Apotheke nicht?). Danke, *klick*
Da ich das am Rande mitbekommen habe, war ich seelisch vorbereitet, als ich Frau Impatiens wieder in die Apotheke laufen sah. Ich ging sie direkt in Empfang nehmen – während die anderen Mitarbeiter nach hinten flüchteten.
Pharmama: „Guten Tag Frau Impatiens.“
„Guten Morgen. Ein Aspirin cardio, das Rezept ist bei ihnen hinterlegt“.
„Ah – aber das ist es nicht mehr. Sie erinnern sich? Ich habe ihnen auf ihren Wunsch alle ihre Rezepte zukommen lassen. Ich habe nichts mehr für sie hier.“
„Was? Aber … ich brauche das Aspirin cardio, ansonsten mache ich einen Herzinfarkt. Machen sie mir einen Vorbezug!“
„Nein, dafür müssen sie in die Apotheke, wo sie das in der Zwischenzeit geholt haben, dort bekommen sie es.“
„Ich krieg das nicht von ihnen? Sowas! Zu ihnen komme ich nie mehr!“
Abgang.
Ob das jetzt stimmt?
