
Das war ein seltsames email, das wir in der Apotheke vor ein paar Tagen erhalten haben. Absender: eine offenbar auf Testosteron-Therapie spezialisierte Online-Seite in der Schweiz.
Im email der Kommentar, dass das Rezept von einem Arzt mit Schweizer Berufsbewilligung ausgestellt wurde, eine Kopie des Arztausweises sei angehängt. Falls man Fragen habe, solle man sich direkt an den Arzt (Adresse verlinkt) wenden. Das Rezept ist mit „Privatrezept“ gekennzeichnet und wird nach Aussage in der Apotheke bezahlt.
Auf dem Rezept Testosteron-Gel. (nicht überraschend)
Da gingen bei mir gleich mehrere Alarme ab. Ich klicke sicher nicht auf irgendeinen Link in einer komischen mail! Kommt das Rezept überhaupt von einer HIN-gesicherten Adresse? Gibt es den angegebenen Arzt wirklich?
Also kurz nachgeforscht: HIN-gesichert? Nein. Gut, das „muss“ nicht sein, aber es beruhigt meine Zweifel nicht.
Arzt existiert? Ja, den gibt es. Laut Medizinalpersonenverzeichnis hat er seine Ausbildung iin Deutschland gemacht, hat aber eine Schweizer Zulassung, eine Berufsausübungsbewilligung. Das erklärt dann auch das „Privatrezept“ – ein Ausdruck, den ich als Schweizer Apothekerin nur von deutschen Apothekenblogs kenne. Im Endeffekt bedeutet das hier nur: der Patient muss zahlen, das geht nicht über die Krankenkasse.
Er darf also Rezepte ausstellen. In der Schweiz geht das nur nach „direktem Kontakt mit dem Arzt“, was hier wohl via Videokonsultation erfolgt ist. Eine Konkordatsnummer hat die Online-Praxis nicht, das bedeutet, es kann nichts mit der Krankenkasse abgerechnet werden.
Ich bin gespannt, ob der Patient noch kommt oder sich sonst meldet, denn, nach dem was auf dem Rezept steht, wohnt der im Ausland. Weit weg. Er war noch nie bei uns – und ich wundere mich immer noch, wieso das Rezept zu uns gekommen ist. Also spezifisch zu uns, denn elektronisch dem Patient übermittelte Rezepte sollen die Apotheken allgemein nicht annehmen, also muss der Patient die Apotheke, in der er es abholt angeben bei Rezeptbestellung.
Erst später hab ich noch gesehen: Irgendwo auf dem Rezept steht bei sehr genauem Hinschauen etwas von wegen „zusenden“. Ah. Nö. Wir sind keine Versandapotheke. Er ist kein Patient von uns. Und ohne zu zahlen (hier, in der Apotheke) bekommt er es auch nicht. Ganz sicher verschicke ich das nicht auf Verdacht und gegen Rechnung irgendwohin.
Aus Interesse habe ich mir später dann die Online-Seite für die TRT-Therapie mal genauer angeschaut. Das ist eine echte Geldmachmaschine, wenn da Nachfrage dafür existiert (was der Fall zu sein scheint). Erstkonsultation CHF 200. Setup-Paket CHF 500 (Aufklärungsgespröch, Konsultationen im ersten Monat, sowie 2 Rezeptausstellungen). Follow-up CHF 100 (Laborwerte Besprechung, Therapieanpassungen, Folgerezepte). Dazu kommen Laborkosten – und ganz am Schluss die Medikamentenpreise. Im ersten Jahr also über CHF 2000 total. Dafür kommt man super-einfach an Testosteron.
Irgendwo im Text steht noch, dass eine Voraussetzung eine gültige schweizerische Krankenversicherung ist. Ich … bezweifle, dass der Patient die hat, aber vielleicht täusche ich mich. Ausserdem steht da, dass sie vor allem mit Spritzen arbeiten … und ich hab hier Gel auf dem Rezept? Vielleicht wollten sie ihm keine Spritzen rezeptieren?
Ich finds immer noch verdächtig. Vielleicht war das ein Test?
Online scheint das ein echter Hype zu sein. Viele Influencer versprechen, dass man mit Testosteron-Ersatztherapien (TRT) Müdigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsschwächen und Libidoverlust behandeln könne.
– Wenn ich mir die Auflistung so anschaue … das könnte ich auch gebrauchen. Leider dürfte das bei mir als Frau ein paar Nebenwirkungen mehr haben. Gibts sowas auch für Frauen? Ich meine – mit so einfachem Zugang. Das würde ich auch selber bezahlen.

„Das würde ich auch selber bezahlen.“
Die Erstberatung kostet aber 750 Franken und ich verwende das kostenlose ChatGPT, um profitabler zu arbeiten…
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