Weshalb sind die Medikamente in der Schweiz teurer?

Lassen wir mal die Erklärung mit dem höheren Lohnniveau und den höheren Lebenshaltungskosten allgemein zur Seite, hier eine neue (und überraschende) Erklärung, warum in der Schweiz die Medikamente teurer sind als in anderen Ländern:

Damit die Medikamente in anderen Ländern billiger sein können.

Huh? Lies hier:

http://www.aargauerzeitung.ch/wirtschaft/schweiz-finanziert-medikamente-der-nachbarlaender-mit-124530479

Sinken in der Schweiz die Medikamentenpreise …  leide das ganze Geschäftsmodell der Pharmaindustrie. Die grossen Firmen würden eine Mischkalkulation betreiben. Länder mit hohen Medikamentenpreisen finanzierten Länder mit niedrigen Preisen mit.

Wir „subventionieren“ also mit unseren Preisen Länder wie Deutschland mit. Das betrifft anscheinend vor allem die Generika, weil da in Deutschland ein (Zitat) ruinöser Wettbewerb für die Pharmafirmen läuft.

Was zum Geier? Vor allem, wenn man dann weiss, wie die Medikamentenpreise bisher „gemacht“ wurden:

Medikamentenpreise (wir reden hier von denen, die von der Grundversicherung übernommen werden) sind keine Marktpreise, sondern werden staatlich festgesetzt. Der Publikumspreis eines kassenpflichtigen Medikamentes setzt sich zusammen aus dem Fabrikabgabepreis und den Vertriebskosten. Der Fabrikabgabepreis wiederum wird aufgrund eines therapeutischen Quervergleichs und eines Auslandpreisvergleich bestimmt.

(Quelle BAG)

Wir haben ja einen sehr starken Franken, da „lohnt“ sich der Vergleich mit dem Ausland und eine Anpassung des Preises. Bisher war der Umrechnungskurs für die Medikamente auf CHF 1.53, neu soll er CHF  1.23 sein (die Anpassungen erfolgen hier nur alle 3 Jahre, darum ist das noch so hoch).

In der Schweiz zahlen Patienten für kassenpflichtige Mittel laut Krankenkassenverband Santésuisse aktuell im Schnitt 20 Prozent höhere Preise als in den sechs Vergleichsstaaten. … Bei den Generika fällt diese Rechnung noch gravierender aus.

Das sind übrigens die 6 Vergleichsstaaten: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, die Niederlande und Österreich.

22 Antworten auf „Weshalb sind die Medikamente in der Schweiz teurer?

    1. Das zu lesen hatte mich auch schockiert.

      Ich weiss nicht, was verwerflicher ist: Dummdreist zu behaupten, für die Schweizer Konsumenten würden wir eine hohe Qualität garantieren, oder unser relativ hohes Lohnniveau abzuschöpfen, um im Ausland konkurrenzfähig zu bleiben.

      Grossunternehmen können problemlos die Zweigstelle in einem Land schliessen, Konsumenten können meist nicht nach D oder F reisen, um sich mit Medikamenten einzudecken.

      Es sind gerade leider Liberale und Verfechter der *hüstel* freien Marktwirtschaft, welche Parallelimporte nicht erlauben wollen. Seufz.

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      1. „Es sind gerade leider Liberale und Verfechter der *hüstel* freien Marktwirtschaft, welche Parallelimporte nicht erlauben wollen. Seufz.“

        Es gibt keine Liberalen und Verfechter der Marktwirtschaft. Nur Unternehmen, die ihren Gewinn maximieren wollen… (Jedenfalls nicht in der heutigen Politik.)

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        1. Auf der Plus Seite dagegen, dass wir keine Parallelimporte haben – bei uns kommt es einfach nicht vor, dass Fälschungen von Medikamenten in den Apotheken auftauchen und vertrieben werden. In Deutschland haben sie das Problem (schon).

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      2. HAST DU EINE AHNUNG WAS FÜR EIN SCHWACHSINN PARALLELIMPORTE SIND?
        Wir müssen hier in Deutschland mit diesem Unsinn leben.
        Lieferbarkeit von Importen: ca. 20-30%
        Arbeitsaufwand in der Apotheke: extrem, da bis zu einem Dutzend Importeure abgefragt werden müssen (und doch nicht liefern).
        Importeure haben die Lizenz zum Gelddrucken, da sie einen GARANTIERTEN Umsatzanteil haben.
        Marktwirtschaft funktioniert nicht in einem strikt staatlich regulierten Gebiet. Die Parallel- und Reimporte kommen aus Ländern, wo die Vergleichspreise mit einem verordnetem (!) Abschlag (ca. 20-25%) versehen werden.
        Neben den unterschiedlichen Sozialsystemen spielt für den Endverbraucherpreis auch die Mehrwertsteuer eine Rolle als Marktverzerrung.
        Frei ist der Markt nirgends und wenn man darüber länger nachdenkt ist das auch besser so. Wichtiger ist die Frage, ob die Regulierung effektiv ist und nicht durch Überbürokratisierung an anderer Stelle versteckte Kosten produziert, wie in D durch Importanteil und Rabattarzneimittel.

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        1. DANKE vielmals für diese Erklärung. Ich habe mir so was schon gedacht, aber war mir nicht sicher.
          Irgendwo habe ich mal gehört/gelesen, dass ihr auch noch die Medikamente auf ihre „Echtheit“ testen sollt. Was nur mit teuren Geräten (und extremem Mehraufwand) möglich ist. Stimmt das?

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          1. Die Medikamente? Ich weiß nur, dass die Packungen geprüft werden sollen. Und zwar ab etwa 2017 in der ganzen EU, Direktive 2011/62/EU. In Deutschland wird dazu kommendes Frühjahr ein Pilotprojekt anlaufen unter dem Titel securPharm. Aber weder Geräte noch Mehraufwand sind jetzt sonderlich erwähnenswert.

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      3. Lustig, dass Du auf die Marktwirtschaftler schimpfst, weil Du in einem Land, dessen Medikamentenpreise vom Staat vorgegeben werden, mehr zahlst als in einem Land, in dem sich die Generikahersteller „einen ruinösen Wettbewerb“ liefern.

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  1. Das hat alles seine 2 Seiten, denn die Preise für Neuentwicklungen, mit denen ein ganz erheblicher Teil des Umsatzes der Pharmaindustrie gemacht wird (ca. 60%), sind in Deutschland deutlich teurer als im angrezenden Ausland inklusive Schweiz, und zwar nicht nur im Durchschnitt um die 20% sondern erheblich mehr. Zum Beispiel kostet der Impfstoff für Basisimmunisierung gegen Gebährmutterhalskrebs in der Schweiz 314 EUR in Deutschland dagegen 477 EUR.

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      1. Sinnvoll wären schlicht und ergreifend möglichst einheitliche Kriterien zur Preisfindung europaweit (und eigentlich noch weiter). Aber da sehe ich in den nächsten 200 Jahren wenig Licht am Horizont, schon weil die Versicherungssysteme so unterschiedlich sind.

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  2. „Damit die Medikamente in anderen Ländern billiger sein können.“ Mag sein, ich habe vor Jahren bei einer Radiodiskussion auf DRS 1(?) folgende Begründung für die höheren Buch- und Zeitschriftenpreise in der Schweiz gegenüber D und A gehört: (Bitte hinsetzen, festschnallen und tief Luft holen) „Wir müssen [müssen!] uns an das höhere Preisniveau in der Schweiz anpassen.“ Auf gut Deutsch: Eine dämliche Begründung jagt die nächste.

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      1. Ja, dieses Wort „müssen“ erbost mich noch heute. Leider habe ich vergessen von welchem Verlag die Frau war, die die Preise anpassen „musste“.

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  3. Naja hier in D ist Asperin teuerer als z.B. in GR (zumindest damals vor der Kriese). Dabei wird das Zeug in D hergestellt und dann dahin transportiert.

    Außerdem leben in der Schweiz auch nur deutsche Steuerflüchtige, die haben es ja ;)

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    1. In der Logik der BWLer sind ja Gewinne ein Teil der Kosten einer Ware. In ihrer Märchenwelt sorgt dann der Markt dafür, dass die Gewinne in akzeptabler Höhe bleiben.

      Das ganze funktioniert bei Medikamenten aber höchstens da, wo die Einstiegshürden für Konkurrenten niedrig ist. Für spezielleres oder patentverkrustetes kann es mangels Markt nicht funktionieren

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  4. Also bei uns in Deutschland jammern wir ständig über hohe Medikamentenpreise und dass die bösen Pharmakonzerne dem armen hilflosen Staat die Preise diktieren. Wobei sich das nach einer der letzten Gesundheitsreformen wohl geändert hat oder haben soll.

    Wenn ich allerdings an spanische Preise für frei verkäufliche Schmerzmittel denke, dann kommen mir die Tränen. Ich decke mich im Sommerurlaub mit einem Jahresvorrat Ibuprofen ein (30 Stück à 600 mg zu 1,50 Euro).

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  5. Ich staune ebenfalls, denn ich erlebe regelmäßig, dass für Medikamente in Deutschland Mondpreise beispielsweise im Vergleich zu den Niederlanden verlangt werden. Und da ist es dann in der Schwiz noch teurer? Da kann ich nur den kopfschütteln.

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  6. In der Schweiz, gefolgt von Irland und Deutschland, sind Medikamente am teuersten. In Deutschland ist das vorrangig der Mehrwertsteuer zu verdanken, viele andere Länder haben da ermäßigte Sätze (D hat mit 19% nach Dänemark mit 25% und Bulgarien mit 20% den höchsten AM-MwSt.-Satz in der EU). Zum Vergleich: In der Schweiz werden nur 2,5% (soweit ich weiß) auf Medikamente erhoben (normal sind 8%), in Irland für Medikamente zur oralen Anwendung sogar 0% (nicht-oral voller Satz von 23%).
    Wer billige Medikamente will (und zwar auf Kosten der Hochpreisländer), sollte sich in Griechenland – Vorvergangenheit: hätte sich in Griechenland umschauen müssen, da gibt’s ja kaum noch Medikamente… -, Frankreich, Italien, Belgien oder Spanien umschauen. Zumindest was den Vor-Ort-Kauf angeht.

    Versand ist eine andere Sache. Da „profitiert“ der Kunde vom (und leidet die örtliche Apotheke unter dem) niedrigeren MwSt.-Satz im Herkunftsland.

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