Der „grosse Bruder“ ist gestorben

Zuerst hoffte ich auf einen (schlechten) Aprilscherz, als wir in der Apotheke die Nachricht bekommen haben: Grand Frère gibt’s nicht mehr. Leider ist das so – ein weiterer Ausdruck der missgeleiteten Sparpolitik.

Dabei war das eine gute Regelung – und wirtschaftlich. Das sollen wir ja doch sein als Apotheke.

Kleine Erklärung: „Grand frère“ = Grosspackung eines SL-Produkts. Wir haben die SL (Spezialitätenliste), auf ihr befinden sich die Medikamente, die von der Grundversicherung der Krankenkasse übernommen werden müssen. Was da nicht drauf steht, kann ein NLP sein – ein nicht-listen-pflichtiges Medikament, das von der Zusatzversicherung übernommen werden kann. Wenn man denn eine hat.

Es gibt Medikamente bei denen nur die kleine Packungsgrösse auf der SL ist – aber die grössere Packung ist NLP.
Das ist doof – ABER bisher war es so, dass die Krankenkasse die grössere Packung auch in der Grundversicherung übernommen hat – WENN die grosse Packung wirtschaftlich günstiger war. Beispiel: Wenn die kleine Packung mit 20 Stück 3 Franken kostet und die grosse Packung mit 100 Stück 10 Franken kostet (weniger als 3×5=15), dann wurde auch die grosse Packung von der Krankenkasse bezahlt. Das ist dann ein sogenannter Grand Frère – unser Computer zeigte uns das auch an, man musste aber gut aufpassen, wenn es da Preiserhöhungen gab (bei NLP gut möglich und öfter) und das auf einmal nicht mehr stimmte.

Nun also nicht mehr. Es schreibt die Ifak:

Wir müssen Sie darüber informieren, dass die Concordia per 1. April 2019 Grand-Frère Medikamente sowie dazugehörende LOA-Leistungen nicht mehr aus der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) vergüten wird.Die Forderung, nur noch die Artikel welche in der SL gelistet sind aus der OKPzu vergüten, wurde ausdrücklich vom BAG verlangt. Daher ist stark anzunehmen, dass sich weitere Krankenversicherer diesem Vorgehen anschliessen müssen.

Und weil die Zusatzversicherung an sich schon selber bestimmen kann, was und wieviel sie von den NLP-Medikamenten bezahlt, ist möglich (wahrscheinlich), dass auch sie das nicht mehr so übernimmt

Uns bleibt also in der Apotheke nichts übrig als neu nur noch die kleinen (teureren) Packungen abzugeben – ausser wir riskieren Rückweisungen sowohl von der Grund- als auch der Zusatzversicherung. Ich bin sicher, das kommt bei den Patienten nicht gut an.

Ich habe mich mal an einer Zusammenstellung versucht – bitte ergänzt sie in den Kommentaren, wenn Euch noch eines einfällt.

  • Aerius 90 Tabletten -> Aerius 50 Tabletten
  • Becozym 50 Tabletten -> Becozym 20 Tabletten
  • Excipial U Hydrolotio 500ml -> Excipiel U Hydrolotio 200ml
  • Excipial U Lipolotio 500ml -> Excipiel U Lipolotio 200ml
  • Livial 3×28 Tabletten -> Livial 28 Tabletten
  • Perenterol 20 Tbl -> Perenterol 10 Tbl
  • Perenterol 20 Beutel -> Perenterol 10 Beutel

Passend dazu übrigens auch die Meldung, dass die Krankenkassen Colchicin Tabletten auch nicht mehr übernehmen möchte. Die Tabletten mit dem Gift der Herzzeitlosen gegen Gicht ist ein Medikament das es in der Schweiz gar nicht mehr vertrieben wird – aber noch häufiger gebraucht wird. Bisher haben sie das übernommen, der Wirkstoff steht noch in der ALT. Also, wenn wir in der Apotheke selber wieder Colchicin Kapseln herstellen würden (was nicht ganz ungefährlich ist und ungleich teurer), das würden die Krankenkassen dann bezahlen.

Vergleichsweise:

  • Import Colchicin 0.5mg/Tbl aus Deutschland oder Frankreich – 50 Tabletten kosten etwa 30 Euro (max).
  • Eigenherstellung Kapseln in der Apotheke: 50 Stück (grob überschlagen): Colchicinum Ph. Eur 25mg plus Füllstoff z.Bsp Mannitol ca. 2.0.- * / Pulver mischen: 12.- / Absieben 12.- / Abfüllen bis 25 Kapseln 24.- / je weitere 25 Stück 12.- / Kapseln 2×25 Stück 2×1.7 = 65.40.-
  • * Preis laut ALT – und es bleibt noch offen, wo ich das in der gewünschten Reinheit überhaupt herbekomme. Das letzte Mal habe ich nichts passendes gefunden …

Und wer kümmert sich morgen um Ihre Gesundheit?

Dass die Politik vorhat noch mehr an den Grundversorgern zu sparen (lies Apotheke und Hausarzt) und weiterhin fast ausschliesslich bei den Medikamentenpreisen ansetzt – habe ich schon beschrieben (siehe hier). Dass diese Pflästerlipolitik ernsthaft unser Gesundheitssystem untergräbt ist Tatsache – schon jetzt sind über 20% der Apotheken akut gefährdet, dass sie eingehen … und das betrifft bei weitem nicht nur die auf dem Lande.

Deshalb: Bitte schaut den Film an, den Pharmasuisse (unser Apothekerverband) als Erklärung aufgeschaltet hat – und vor allem: Unterschreibt die Petition! Hier: Auch morgen medizinisch gut umsorgt

Deshalb:

Das hat auch unter anderem das Ziel dieses elende geplante Referenzpreissystem zu stoppen – also: liebe Hausärzte (hier auch die mit Selbstdispensation): das ist auch für Euch und Eure Patienten. Also … bitte macht mit.

Wer kann unterschreiben? Jeder, der in der Schweiz wohnt, auch noch nicht volljährige, auch nicht Schweizer-Bürger. Online mit dem Link oben, oder auf Unterschriftenbögen die in Deiner Apotheke ausliegen.

Ich zähle auf Euch.

Jetzt Unterschreiben. Damit Deine Apotheke auch in Zukunft für Dich da sein kann.

Die bessere Alternative zum Referenzpreissystem

Wer die letzten beiden Artikel durchgearbeitet hat, weiss, dass die Apotheke in der Schweiz ein Problem hat. Mit dem aktuellen System laufen schon 20% der Apotheken an der Existenzgrenze. Und es soll weiter gespart werden an uns.

Bei sehr günstigen Medikamenten verdienen wir fast nichts, weil da der Vertriebsanteil (die Marge) von Personal-, Lager- und Logistikkosten gefressen wird. Ich erinnere an den Paracetamolsirup für nicht mal 3 Franken, der auch von der Grundversicherung übernommen wird. Auch rezeptpflichtiges fällt da – Preissenkungen sei Dank – immer mehr darunter. Bei denen bekommen wir immerhin die Pauschalen, aber die 7 Franken sind für die ganze Arbeit, die wir dafür machen nicht deckend.

Bei sehr teuren Medikamenten (so ab 2750.-) machen wir gar ein Verlustgeschäft, wegen den noch höheren Zuschlägen des Zwischenhandels und den Zinsen, die wir für das Vorausstrecken (bis die Kasse das nach Monaten zurückbezahlt) leisten müssen.

Bleiben nur noch die Medikamente im mittleren Preissegment. Bei der Abrechnung an die Krankenkasse sind wir eingeschränkt in der Menge / Grösse, die wir abgeben dürfen durch die Dosierung auf Rezept. Und da gibt es doch einige Generika (günstige Nachfolgeprodukte) die wir aktiv empfehlen / wechseln sollen … auch wenn wir immer noch einen Anreiz haben, die teureren zu nehmen. Ich mache das trotzdem, da ich den Einsatz von Generika sehr sinnvoll finde. Es gibt aber einige (medizinische) Gründe, das nicht immer zu machen: Generika, eine Betrachtung 4.

Also, was tun, damit A) die Kosten im Gesundheitssystem nicht weiter steigen und B) die Apotheken und damit einer der wichtigsten Grundversorger erhalten bleiben?

Den Vorschlag des Gesundheitsdepartements mit dem Referenzpreissystem und der Senkung des Vertriebsanteils auf 9% (siehe voriger Post) lehnen die Apotheker klar ab. Und mit ihnen die Parteien BDP, CVP, FDP, GLP, SP, SVP, die Verbände Economiesuisse, Gewerbeverband, Gemeindeverband, Vips, Intergenerika, SVKH, ASSGP, Sciencesindustries, Pharmalog, IG e-Health, die Versicherer curafutura und Santésuisse sowie das Konsumentenforum.

Damit werden nämlich die negativen Anreize bei Abgabe und Verkauf von Arzneimitteln eher erhöht: Generika / günstigere Medikamente allgemein / mehr Medikamente / Mengen.

Statt dessen schlägt der Apothekerverein pharmasuisse zusammen mit curafutura (Krankenkversicherer) folgende nachhaltige Lösung vor:

Statt 6 Preisklassen nur noch 1.

Ein Fixzuschlag je Packung für verschreibungspflichtige Arzneimittel in Höhe von CHF 14.85. Der beeinhaltet dann alle Leistungen der Apotheke und ist inklusive Personalkosten und und Grossistenkosten und kann noch sinken, wenn die Personalkosten mit der LOA Pauschale entschädigt werden.

Der Vertriebsanteil wird auf 3% festgelegt (für verschreibungspflichtige Arzneimittel). – das ist ein grösserer Abschlag als das von Herrn Berset geforderte.

Maximal darf der Zuschlag je Packung CHF 300 betragen – egal, wie teuer das Medikament ist. Diese Plafonierung ist eigentlich betriebswirtschaftlich nicht zu rechtfertigen, erlaubt es aber Kosten zu senken – die entstehen ja mit den 2% Hochpreisern die 60% der Kosten ausmachen (!)

Das Ziel ist es, die Leistungen der Apothekenteams unabhängig vom Fabrikabgabepreis und Preisklasse fair zu entgelten. Zudem unterstützt dieser Vorschlag die Förderung von Generika, weil für Originalprodukte und Generika gleiche Voraussetzungen geschaffen und falsche Anreize abgeschafft werden.

Es ist klar und gewollt, dass mit dem neuen Modell tiefpreisige rezeptpflichtige Medikamente teurer werden. Denn die Kosten bei den tiefpreisigen Medikamenten müssen jetzt unbedingt und rasch den realen Kosten angepasst werden: Ob ein Medikament CHF 10 Millionen oder CHF 2 kostet – das Wissen und die Logistikkosten unterscheiden sich nicht, einzig das Risiko. Es ist zudem nachvollziehbar, dass ein Arzneimittel nicht so billig wie ein Kaugummi am Kiosk sein kann. Die wahren Kosten entstehen dem Gesundheitssystem bei den Medikamenten momentan mit den Hochpreisern.

Für die Apotheker stehen die medizinische Grundversorgung und die Patientensicherheit im Vordergrund. Bereits jetzt führt der Preisdruck zu Lieferengpässen und gefährdet die medizinische Grundversorgung und auch die rentable Herstellung von einzelnen Spezialitäten. Aktuell gibt es bei mehr als 500 Medikamenten Lieferengpässe – mitunter eine Folge, da für gewisse Spezialprodukte zu wenige Anreize einer Lagerhaltung bestehen. Es ist Aufgabe des Bundesrats, jetzt eine Lösung zu finden, die die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung und die Patientensicherheit auch weiterhin gewährleisten. Es gilt, die Hausärzte und Apotheker aus dem Schussfeld zu nehmen.

Quelle: Positionspapier Pharmasuisse

Deine Apotheke – Schweizermeister im Sparen im Gesundheitssystem

Die Kosten im Gesundheitssystem steigen stark an. Das ist eine Tatsache – die sich für jeden in den steigenden Prämien reflektiert.

Vor 6 Jahren meinte Alain Berset dass im schweizerischen Gesundheitswesen 20 Prozent der Kosten eingespart werden könnten. Leider hat sich da nicht sehr viel getan – was daran liegen mag, dass vor allem der Apothekenkanal zum Sparen verdonnert wurde. Und der Anteil der Apotheke an den Gesundheitskosten beträgt gerade mal 6.4% (siehe vorheriger Post).

Die Spitäler verursachen die meisten Kosten – wurden bisher aber noch überhaupt nicht angepeilt, vielleicht weil die meisten den Kantonen gehören. Beim zweitgrössten Kostenblock, den Ärzten wurde schon zwei Mal in den Abrechnungstarif (Tarmed) eingegriffen. Die Ärzte haben die tieferen Tarife aber ausgeglichen, indem mehr abgerechnet wird (Mengenausweitung).

Am einfachsten angreifbar sind die Medikamentenpreise. Die Preise für patentgeschützte Medikamente werden vom BAG festgelegt und alle drei Jahre überprüft – und gesenkt. Preissenkungsrunden haben zu Einsparungen von 720 Millionen Franken geführt – Bei uns in der Apotheke merken wir das jeweils an den Lagerverlusten, wie wir da mittragen. Bei den sehr preiswerten Medikamenten verdienen Apotheker zudem kaum etwas: Lager- und Logistikkosten machen den Vertriebszuschlag gerade wieder zunichte.

Auf der anderen Seite haben wir in den letzten Jahren vermehrt sehr teure neue Medikamente – für Therapien wie HIV, Hepatitis, Krebs und rheumatische Erkrankungen (über 10 000 Franken), die auch von der Krankenkasse übernommen werden. Das sind nicht viele Medikamente, aber die rund 2% machen fast 60% der allgemeinen Medikamenten-Kosten aus! Für die Apotheken bringen teure Medikamente keine Gewinne. Im Gegenteil – die Abgabe sehr teurer Arzneimittel ist für die Apotheke ein Verlustgeschäft. Der Zwischenhandel verlangt einen deutlich höheren Zuschlag (wegen der hohen Lagerrisiken, höhere Lager-und Transportkosten bei Kühlware) und zwischen Einkauf des Medikamentes durch die Apotheke und Rückerstattung durch die Krankenkasse können einige Monate vergehen – dadurch steigen die Zinsen. Ab einem Fabrikabgabepreis von 2570 Franken ist die Marge bei 240 Franken plafoniert – und die teilen sich Grossisten und Apotheker.

Leistungsorientiertes Abgeltungsmodell (LOA): In der Apotheke bin ich deshalb froh, werden wir seit 2001 kaum mehr über die Marge eines rezeptpflichtigen Medikamentes abgegolten, sondern über Pauschalen. Obwohl es schwer ist, dem Patienten zu kommunizieren, dass damit unsere Arbeit bezahlt wird und das nicht ein ungerechtfertigter Aufschlag ist. Im Gegenteil: bis 2017 wurde so nach Schätzungen über eine Milliarde Franken gespart.

Effizienzbeitrag: Jährlich haben Rabatte der Apotheker an die Krankenver­sicherer zu Einsparungen von rund 60 Millionen Franken geführt. Von 2007 bis 2017 also 628 Millionen Franken. Der Rabatt von 2,5% wird an die Krankenversicherer bei allen kassenpflichtigen Medikamenten der Spezialitätenliste (SL, Abgabekategorien A und B) sowie allen Impfstoffen und Immunologika gewährt und ist Teil der LOA.

Wie man sieht, sind die Ausgaben eines Haushalts an den Medikamenten nicht besonders hoch – sie liegen knapp oberhalb dem, was für Alkohol und Tabak ausgegeben wird. Soviel zu den Apothekenpreisen.

Generika (also günstigere Nachfolgerpräparate) sind eine weitere Möglichkeit zu sparen – und nun nächstes Ziel von Herrn Berset. Es stimmt, hierzulande sind Generika vergleichsweise immer noch teurer als im Ausland (gut 50%) – und es werden (ebenfalls vergleichsmässig) weniger abgegeben. Das hat verschiedene Gründe – das liegt nicht daran, dass ich in der Apotheke (etwas) mehr verdiene am teureren Original oder teureren Generikum. Manche Patienten kann ich einfach nicht davon überzeugen ein Generikum zu wählen. Es gibt auch weniger Generika in der Schweiz. Nimmt man nur die zwanzig umsatzstärksten Wirkstoffe, bei denen das Patent abgelaufen ist, beträgt deren Anteil bei der Abgabe hohe 73 Prozent. Bei umsatzschwächeren Wirkstoffen lohnt sich der Markteintritt nicht: Die Generika-Industrie beklagt sich über die hohen Kosten für Prüfung und Registrierung von Medikamenten bei Swissmedic und beim Bundesamt für Gesundheit.

Kommen wir zu den Zukunftsaussichten – die es meiner Meinung nach zu bekämpfen lohnt:

Der Gesundheitsminister Alain Berset schlägt ein Referenzpreissystem vor. Damit würde nur ein bestimmter Preis pro Generikum von den Kassen übernommen. Wäre das gekaufte Medikament teurer, müsste der Patient die Differenz bezahlen. Das ähnelt den Rabattmodellen, die sie in Deutschland schon haben – und die Erfahrungen damit sind (ausser für die Kassen) schlecht. Es steht zu befürchten, dass Patienten wiederholt auf das Medikament eines anderen Herstellers umsteigen müssen, um keinen Zuschlag bezahlen zu müssen – Das ist dann ein Problem die Übersicht zu behalten, es gibt vermehrt Anwendungsfehler oder die Medikamente werden einfach nicht mehr genommen. Dann wird die Medikamentenversorgung gefährdet, weil sich Hersteller wegen tieferer Preise aus dem Markt zurückziehen könnten, ein Phänomen, das wir jetzt schon beobachten können nach den Preisabschlägen. Die damit erhofften Einsparungen bewegen sich zwischen 300 und 800 Millionen Franken in 10 Jahren. Die Einsparungen könnten aber langfristig verschwinden, wenn etwa statt der günstigen Generika teure Originalpräparate abgegeben würden. Da der Schweizer Markt klein ist und das Referenzpreissystem bloss gilt, wenn drei oder mehr Produkte verfügbar sind, hängt viel davon ab, wie sich die Hersteller verhalten …

Dann will der Bundesrat die Apothekermarge verändern. Je teurer das Medikament, desto höher aktuell die Marge. Nach oben ist sie eh schon plafoniert – (siehe oben bei den teuren Medikamenten). Er will sie von 12 auf 9 Prozent senken.

Der schweizerische Apothekerverein (die Pharmasuisse) ist gegen die Einführung des Referenzpreissystems (wie die SD-Ärzte übrigens auch) und hat einen Gegenvorschlag gemacht, der sogar noch eine höhere Senkung der Marge beinhaltet – neben anderem. Davon später mehr.

Quellen: https://www.pharmasuisse.org/data/docs/de/4301/dosis-Medikamentenpreise-Ja-zu-Reformen-Nein-zur-Gef%C3%A4hrdung-der-Versorgungssicherheit-Nr-74-September-2016.pdf?v=1.0

https://www.pharmasuisse.org/data/docs/de/19076/Fakten-und-Zahlen-2019.pdf?v=1.0

Die Situation der Apotheken in der Schweiz

2011 habe ich die letzte Übersicht gemacht – wie steht es aktuell um die Apotheken in der Schweiz? Daten entnommen aus Fakten und Zahlen Schweizer Apotheken 2019

In der Schweiz gibt es 1800 öffentliche Apotheken. Das ist ziemlich stabil – 8 Apotheken mehr als im Vorjahr – da aber die Bevölkerung zunimmt, sind das tatsächlich im Verhältnis weniger Apotheken: Im Jahr 2007 kamen auf 100 000 Einwohner 22,4 und im Jahr 2017 nur noch 21,2 Apotheken. Daneben haben auch viele Drogerien schliessen müssen. Es fällt zudem auf, dass neue Apotheken an stark frequentierten Orten wie Bahnhöfen, Einkaufszentren und in der Innenstadt öffnen. Um­gekehrt erfahren Stadtquartiere und ländliche Gebiete gera­de das Gegenteil. Das wird zunehmend ein Problem der fehlenden Grund-Versorgung.

Mit 21 Apotheken pro 100 000 Einwohner liegt die Schweiz unterhalb des europäischen Durchschnitts. Die Mitgliedstaaten der europäischen Union weisen eine durchschnittliche Apothekendichte von 31 Apotheken pro 100 000 Einwohner auf.

Dagegen gibt es 413 Ärzte pro 100 000 Schweizer Einwohner.

Die Anzahl Kettenapotheken hat von 517 (2016) auf 539 (2017) um 4.3% zugenommen. Dazu gehören Amavita, Coop vitality und Sunstore (alle zur Galenica Gruppe gehörend), Apotheken Drogerien Dr. Bähler, Benu, Topwell, pill apotheken, Pharmacie Populaire.

Die Anzahl Apotheken in Gruppierungen hat von 1029 (2016) auf 1049 (2017) um 1.9% zugenommen. Z.B. Toppharm, Feelgood’s, Rotpunkt Apotheken, fortis, Spaziosalute, automedication.ch Salveo, Pharmavital, pharmapartners, und neu: pharmactiv

Die Anzahl nicht im Gruppierungen oder Ketten organisierten Apotheken hat von 246 (2016) auf 212 (2017) abgenommen: das sind 13.8% weniger.

Damit setzt sich der Trend fort, den man schon vor 10 Jahren erkennen konnte. Das hat verschiedene Ursachen. Damit man im schwierigen wirtschaftlichen Umfeld bestehen kann, ist es nötig den Einkauf zu optimieren – das geht besser, wenn man gemeinsam einkaufen und Verträge aushandeln kann. Gemeinsame Werbung und Aktionen schaffen mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Daneben verschärfen sich auch die gesetzlichen Vorgaben in einem Masse, die es der einzelnen Apotheke sehr schwierig machen das alles umzusetzen (Qualitätsmanagementsystem, korrekte Etikettierung von Chemikalien, Good Manufacturing Practice, etc.).

21 700 Personen verdienen in der Schweiz ihren Lohn in der Apotheke. Darunter sehr viele Frauen. Jedes Jahr ermöglichen Apotheken rund 1000 Lernenden den Start ins Berufsleben. Apotheken bieten zudem beliebte Modelle für Teilzeitarbeit.

Pro Jahr finden 102 054 400 Patientenkontakte in Schweizer Apotheken statt – oder 340 181 pro Tag.

Im Schnitt besucht ein Schweizer Einwohner 12,2 Mal pro Jahr eine Apotheke – und 4.3 Mal pro Jahr einen Arzt. Man geht also „lieber“ in die Apotheke als zum Arzt, auch als erste Anlaufstelle bei einem Gesundheitsproblems. Dadurch trägt die Apotheke dazu bei das Gesundheitssystem zu entlasten (triviale Fällen von Hausarzt und Notfall fernzuhalten) und die Eigenverantwortung der Patienten zu stärken.

Die Apotheke bietet neben Beratung und Dienstleistungen rund um akute Probleme auch Dienstleitungen im Bereich der Prävention und der Betreuung von chronisch Kranken an.

Die Beratungsdienstleistung ist der grösste Trumpf in der Apotheke – und der ist personalintensiv. Dazu kommen längere Öffnungszeiten – deshalb steigt der Personalaufwand in der Apotheke jährlich an. Dagegen steht ein steigender Warenaufwand sowie stetig sinkende Margen. Im Endeffekt macht eine mittlere Schweizer Apotheke am Ende einen durchschnittlichen Gewinn (vor Abschreibungen und Steuern) von 6,7%. Das kann nach Grösse, Standort und Umfeld der Apotheke allerdings stark variieren. Ein Teil des Gewinnes muss in Software, Infrastruktur und Fortbildung reinvestiert werden. Dadurch sind heute bereits rund 20% (jede 5. Apotheke) in einer schwierigen Wirtschaftlichen Lage und von der Existenz bedroht.

48,8% aller Medikamente zulasten der Grundversicherung werden in Apotheken abgegeben. Den Rest verkaufen die Ärzte und Spitäler.

Die Medikamentenabgabe wird durch die kantonalen Gesundheitsgesetze geregelt. Während die Selbstdispensation (also der Verkauf von Arzneimitteln durch Ärzte) in allen Westschweizer Kantonen, im Tessin, in Baselstadt und im Aargau nur in Ausnahmefällen zugelassen ist, ist sie in vielen Deutschschweizer Kantonen verbreitet. Bern und Graubünden haben eine Mischform. In Europa ist die Selbstdispensation verboten. Zu den klassischen Problemen wie dem eventuellen finanziellen Anreiz bei der Therapiefestlegung durch den Arzt, der fehlenden Qualitätssicherung der Medikation durch den Apotheker wird in den SD-Kantonen deswegen zunehmend die Infrastruktur der Apotheken zerstört. Die Versorgungssicherheit ist vor allem in Randzeiten sowie an Sonn- und Feiertagen nicht mehr gegeben. Das kombiniert mit dem Hausarztmangel und der fehlenden Nachfolge in vielen Praxen gefährdet in Zukunft vermehrt die Gesundheitsversorgung der Patienten – vor allem auf dem Land.

Auf der anderen Seite arbeiten die Apotheken mit den Ärzten zusammen: netCare ist ein System, das die Erstberatung in der Apotheke mit der Möglichkeit einer Arztkonsultation via Videoverbindung kombiniert. 25 verschiedene Krankheiten können so unkompliziert in der Apotheke abgeklärt werden. Weitere ähnliche Systeme sind im Entstehen. Die Krankenversicherer bieten alternative Versicherungsmodelle basierend darauf an: Swica (Medpharm), Sympany (Casamed Pharm) und ÖKK Basis (Casamed Select).

Der Apotheker kann unter Dokumentationspflicht vermehrt Medikamente der Liste B abgeben – auch ausserhalb netCare. Zu den häufigsten gehören Augenentzündungen, Blasenentzündung, Hautausschläge, Halsentzündungen.

Das dazu nötige Wissen muss in vorgeschriebenen Weiterbildungen erworben und erhalten werden. Dafür bekommt die Apotheke neue Kompetenzen, wie die Erlaubnis zu impfen. 2007 durften wir das noch gar nicht. 2018 kann schon in 19 Kantonen durch den Apotheker ohne Arztrezept geimpft werden. Im Tessin mit Arztrezept.

In Qualitätszirkeln Arzt-Apotheker beraten Apotheker die Ärzte zur Optimierung der Verschreibungsgewohnheiten. Dadurch wird die bestmögliche Medikation zum angemessenen Preis gefunden – das senkt die Kosten.

Nur 6.4% der gesamten Gesundheitskosten fallen auf Apotheken!

Alle Zahlen und Fakten und Statistiken findet ihr in der Broschüre der Pharmasuisse Fakten und Zahlen Schweizer Apotheken 2019 .


Immer mehr: die Krankenkasse will das nicht bezahlen!

Oder: Bürokratie vor gesundem Menschenverstand (und wahrer Wirtschaftlichkeit)

Als Apotheker hat man die Aufgabe die Bevölkerung mit der richtigen Medikation zu versorgen. Die Krankenkassen bezahlt das anhand der Verträge, die sie gemacht haben. Da wären die Leistungen anhand der LOA, die Medikamente anhand der Spezialitätenliste SL, Nicht-Medikamente wie Verbandmaterial, Inkontinenzprodukte etc. anhand der Mittel-und Gegenstände-Liste MiGeL und hergestellte Rezepturen anhand der Arzneimittel-Liste mit Tarif ALT.

Es zeigt sich, dass die Krankenkassen diese Verträge vermehrt eng nach Wortlaut auslegen – das Ziel: Nicht bezahlen müssen. So geschehen schon bei mir in der Apotheke mit für den Patienten auf Arztrezept hergestellte Salbe deren einer Bestandteil nicht in der ALT war. So geschehen im letzten Jahr vermehrt mit Material das auf der MiGeL ist, aber von Pflegepersonal angewendet wird (im Heim oder zu Hause).

Herr Martinelli berichtet von zwei Fällen aus der Spitalapotheke, bei der die Krankenkasse etwas nicht zahlen wollte. In dem Fall betrifft es den „Off-Label“ Bereich, also einen Einsatz von zugelassenen Medikamenten ausserhalb der in der Packungsbeilage beschriebenen Anwendung.

Fall Eins: Ein Medikament gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, das aus dem Ausland importiert werden muss und deshalb Off-label ist. In so einem Fall muss man bei der Krankenkasse anfragen, ob sie das Medikament dann auch bezahlen (Kostengutsprache). Eingesetzt werden sollte ein Generikum, also ein günstigeres Nachfolgerpräparat. Die Antwort der Krankenkasse war etwas überraschend: Das (günstigere) Generikum wird nicht bezahlt, da sie keinen Vertrag betreffend einer Rückvergütung mit dieser Firma hätten. Sie haben aber einen mit dem Originalhersteller, dieses würde übernommen.

Für mich hört sich das stark nach den Rabattverträgen der Krankenkassen in Deutschland mit verschiedenen Firmen an. Sehr seltsam ausserdem, dass das in dem Fall mit dem Original gemacht wurde – wo bleibt denn da die Wirtschaftlichkeit?? Die ausführende Apotheke kann das nicht wissen. Wenn in diesem Fall die dringend nötige Behandlung schon mit dem Generikum angefangen wurde, hätte die Apotheke die Behandlung dann auch total (!) nicht erstattet bekommen.

Fall Zwei: Ein Medikament gibt es nicht in der gebrauchten Dosierung. Es handelt sich um 25mg Tabletten, gebraucht würden 5mg. Die Anwendung ist deshalb „Off label“, weil es im Spital in der Dosierung zur Beruhigung eingesetzt wird und nicht bei Shizophrenie / manisch-depressiven Episoden. Die Lösung hier: Man stellt Kapseln her. Das können wir in der Apotheke, indem wir die vorhandenen Tabletten pulverisieren, strecken und auf die Kapseln in der richtigen Dosierung verteilen – das ist ziemlich arbeitsaufwändig. Im Spital wird das Medikament recht viel gebraucht, weshalb sie es extern in Auftrag geben. Der Lohnhersteller macht die Kapseln mit dem Wirkstoff selber und ist günstiger. Nun kommt die Krankenkasse und will die Kapseln nicht (mehr) bezahlen – da der Wirkstoff zwar auf der SL ist, aber nicht in der ALT steht. Wenn die Kapseln aus den Originaltabletten (teurer) hergestellt werden würden, dann würden sie es bezahlen!

Hier steht noch aus, ob sich die Krankenkasse überzeugen lässt, das zu übernehmen. Wenn nicht, werden die Kapseln in Zukunft wieder aus den Originaltabletten hergestellt auch wenn das wirtschaftlich unsinniger ist.

Ich sehe da eine deutliche Entwicklung, dass die Krankenkassen zumindest bei den Apotheken immer genauer hinschauen, was sie bezahlen, respektive Wege suchen, das nicht (mehr) zu tun – und das, obwohl der Anteil der Gesundheitskosten, die durch die Apotheken verursacht werden bei nur 6.4% liegt (siehe hier S. 71). Die Medikamentenpreise (und damit die Apothekenleistungen) sind halt der am leichtesten beeinflussbare Faktor. Die Sparmassnahmen (aktuelle und geplante) haben inzwischen gravierende und negative Auswirkungen auf die Apothekendichte und unsere Arbeit. Wie das oben. Der Mehraufwand der damit verbunden ist (Telefonate, Abklärungen, Dokumentationen) wird nämlich überhaupt nicht vergütet und hält uns vermehrt von der eigentlichen Arbeit (Patienten richtig beliefern und beraten) ab