Idiopathisch

Heute habe ich eines meiner medizinischen „Lieblingswörter“ auf einem Rezept gesehen: idiopathisch.

Genau genommen stand auf dem Rezept für einen Mann unter dem Imodium Dauerrezept:

Idiopathische Diarrhoe

Ich musste schmunzeln. Die Person hat also Durchfall … und der Arzt gibt mit dem Wort praktisch zu, dass er keine Ahnung hat, was die Ursache sein könnte.

von griechisch: idios – selbst und  pathos – Leiden

Idiopathisch bedeutet „ohne bekannte Ursache“ oder „als selbstständiger Krankheitszustand“.

Momentan geht ja wieder das Norovirus um – viele Leute haben deswegen Erbrechen und Durchfall, einige (vor allem Kinder) landen deswegen gar im Spital. Aber bei dem Mann muss da ein anderes Problem sein.

Vorwirkende Nebenwirkung?

Freitag nachmittag. Telefon. Eine Frau ruft an. Die Pharmaassistentin nimmt ab.

Nach ein paar Minuten reicht sie sie mir mit den Worten: „Sie glaubt mir nicht, dass man für Novalgin ein Rezept braucht.“

„Pharmama am Telefon?“

Frau: „Ja – ich weiss nicht, ob ihre Kollegin ihnen erzählt hat, um was es geht … ich habe mir vor 2 Monaten den Arm gebrochen, dann war ich dafür im Spital, wo sie operieren mussten. Das ist jetzt gut, jedenfalls haben sie mich nach Hause geschickt, ich habe aber immer noch Schmerzen. Zuhause habe ich noch Novalgin gefunden, das habe ich vor ein paar Jahren einmal bekommen … das ist aber noch gut, also habe ich das genommen. Jetzt kommt das Wochenende und ich habe Angst, dass sie nicht reichen. Ihre Kollegin will mir aber keine geben.“

Das hat sie nicht gesagt, erst mal nur dass es rezeptpflichtig ist. Aber … Detail … wegen dem muss ich ja jetzt mit ihr reden.

Pharmama: „Okay. Sie haben das also vor ein paar Jahren schon gehabt und vertragen?“

Frau: „Ja.“

Pharmama: „Was haben sie Ihnen im Spital für Schmerzmittel gegeben?“

Frau: „Gegen Ende auch Novalgin, glaube ich.“

Pharmama: „Und Sie haben bei der Entlassung kein Ausgangsrezept dafür bekommen?“

Frau: „Nein, ich habe ihnen gesagt, ich habe noch etwas zu Hause und die Idee war, dass ich bald danach zum Arzt gehen würde, aber das habe ich noch nicht geschafft. Und jetzt ist er sowieso nicht da.“

Pharmama: „Okay, ich denke am besten mache ich ihnen einen Vorbezug für die Novalgin und sie nehmen nach dem Wochenende mit dem Arzt Kontakt auf, damit er ein Rezept dafür ausstellt.“

Frau: „Die Packung kostet nur etwas über 5 Franken! Weshalb braucht das ein Rezept?!“

Pharmama: „Ah, aber der Preis eines Medikamentes hat keinen Zusammenhang mit seiner Wirkung. Das Novalgin ist rezeptpflichtig, weil es eine seltene, aber schwerwiegende Nebenwirkung hat, auf die man achten muss. Agranulocytose. Das kann Blutbildveränderungen machen.“

Frau: „Oh, und wie äussert sich das?“

Pharmama: „In Hautproblemen und Übelkeit erst mal.“

Frau: „Oh. Ist mir vielleicht deshalb nicht so gut?“

Pharmama: „Seit wann ist ihnen nicht gut?“

Frau: „Seit heute morgen ist mir schwindelig und so.“

Pharmama: „Und seit wann nehmen Sie die Novalgin?“

Pharmama: „Seit heute mittag.“

(!) … ich brauche einen Moment, damit ich ruhig genug weiterreden kann. Nicht dass sie merkt, dass ich jetzt innerlich lache.

Pharmama: „Dann kommt das aber nicht vom Novalgin.“

Frau: „Nicht?“

Pharmama: „Nein, Nebenwirkungen treten erst auf, nachdem man das Medikament genommen hat.“

Frau: „Aha. Dann kann ich das also nehmen?“

Pharmama: „Ich denke ja. Ich mache ihnen also einen Vorbezug für eine kleine Packung und sie telefonieren am Montag mit dem Arzt und besorgen ein Rezept?“

Umtausch / Retouren von Medikamenten (Sampler)

Öfters gestellte Frage: „Was ist eigentlich, wenn ich ein Medikament in der Apotheke bekommen habe, es dann aber doch nicht brauche – kann ich es dann zurückbringen?“

Für Medikamente, die auf Rezept abgegeben wurden ist die Gesetzgebung sehr deutlich: So steht es z.B. auch auf der Seite der Santesuisse (der Vereinigung der Krankenkassen):

Darf der Arzt/Apotheker ein Medikament, dass vom Patienten „ungebraucht“ retourniert wurde, dem Patienten voll in Rechnung stellen?

Nach erfolgter Abgabe weiss der Arzt/Apotheker in der Regel nicht, was mit dem Medikament in der Zwischenzeit geschehen ist. Es könnte schädlichen Einflüssen ausgesetzt worden sein (blieb beispielsweise lange an der Sonne liegen usw.). Aus Gründen der Qualitätssicherung darf daher ein solches Medikament nicht mehr zurückgenommen werden.

Das (ungebrauchte) Medikament wird dem Patienten voll in Rechnung gestellt. Ein Weiterverkauf ist nicht HMG (Heilmittelgesetz) – konform.

Also, das einzige, was ich mit so einem Medikament noch machen kann ist … es entsorgen.

Aber auch, wenn es sich nicht um Medikamente sondern um Nahrungsergänzungsmittel, Kosmetik, medizinische Hilfsprodukte oder ähnliches handelt … ich bin einfach nicht dafür, alles einfach so umzutauschen, nur damit der Kunde zufrieden ist.

Natürlich ist die Kundenzufriedenheit wichtig … und wenn es einen triftigen Grund für die Retoure / den Umtausch gibt, dann mache ich das auch gerne. Darunter fallen z.B. Allergie gegen die Hautcreme, Defekte Produkte, das Verfalldatum ist zu knapp, das Produkt ist Verfallen verkauft worden (sollte zwar wirklich nicht passieren, aber … eben), manchmal auch noch: es wurde das falsche Produkt gekauft (und das alte ist ungeöffnet, sieht noch einigermassen aus und das ist nicht ewig und drei Tage her…), sogar wenn dem Kunden aktiv etwas empfohlen wurde und es nicht „das richtige“ war … das ist alles ok. Ausserdem sollte das Produkt auch nachgewiesen von uns sein … dazu gibt es Kassabons und die Preisetikette auf der Packung.

Und dann gibt es die Situationen, wo ich finde, dass ein Umtausch einfach nicht angebracht ist. Wenn man immer alles macht …das ist doch nur ein weiterer Schritt, dem Menschen die Eigenverantwortung abzusprechen. Ich meine … wenn das Problem eindeutig nicht bei mir oder dem Produkt selbst liegt, wieso soll ich und das Geschäft dann den finanziellen Verlust dafür tragen?

Also: kein Umtausch …

Wenn der Geschmack nicht so ganz ankommt – oder machen Sie das beim Käse im Supermarkt auch so?

Von Produkten, die vor über einem Jahr extra für den Kunden bestellt wurden und die man sonst nicht mal an Lager hat,

Wenn der Verfall angeblich zu kurz ist – wie lange nach dem Kauf? Oder das Produkt gar woanders gekauft wurde.

Dito vom Ferienmitbringsel – das verfallen ist

Oder von etwas, das man vom selbst-dispensierenden Arzt bekommen hat … – gehen Sie mal bei ihm fragen.

Von Hygieneartikel und ähnliches nicht weiterverwendbares – oder würden Sie das nachher kaufen wollen?

Häufig ist es auch gar nicht nötig – wenn es wieder eine Verwechslung von EXP und MFD ist.

oder das Produkt doch noch funktioniert, wie es soll

Manchmal kommt man sich wirklich vor, als denken die Leute man sei die Medikamentenvermietung.

Aber auch wenn es zum entsorgen ist … Wir bekommen gelegentlich interessante Sachen zurück, die nicht von uns stammen:

aus China

aus den USA

Einmal habe ich bei einem Patienten angerufen, weil ich wissen wollte, weshalb der Medikamentenabfall bei ihm so hoch ist- das war … lehrreich.

Über Blutzucker, BZ-Geräte und Diabetespatienten (Sampler)

Diabetes nennt man es, wenn der Blutzucker krankhaft erhöht ist. Das hat Folgen, wenn man nichts macht: der Zucker verstopft auf Dauer die kleinen Gefässe, das führt zu Nierenproblemen, zu Sehstörungen bis zum Erblinden, zu sehr schlecht heilenden Wunden (bis zum Punkt, wo man das Bein abnehmen muss, da es zu schlecht durchblutet wird) und einer Vielzahl Probleme mehr.

Erhöhter Blutzucker wird vom Körper mittels Insulin gesenkt – dessen Entdeckung ist noch spannend zu lesen.

Es gibt 2 Arten von Diabetes: Typ 1: meist schon im Jugendalter auftretend, wobei die Insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse aus unbekannten Gründen, oder weil das fehlgeleitete Körpereigene Immunsystem sie kaputt macht zu Grunde gehen; Und Typ 2: der darauf beruht, dass der Körper nicht genug Insulin produzieren kann, zum Beispiel, weil die zu regulierende Masse zu gross ist oder als Alterserscheinung. Während Typ 1 zwingend Insulin von aussen zur Behandlung benötigt, kann man bei Typ 2 neben Insulin-anregenden Medikamenten durchaus noch etwas selber machen um das zu verhindern oder zu mindern.

Aufklärung darüber was Diabetes ist und was es anrichten kann, ist enorm wichtig. Das ist nicht alles nur eine abgekarterte Sache der Pharmafirmen, wie diese Frau hier gerne gedacht hätte: Die Blutzucker-Verschwörung:  Damit zusammenhängend: Früher war alles besser? Ein Fall aus meiner Familie.

Wenigstens das: Diabetes ist nicht ansteckend.

Diabetes-Patienten müssen eine gute Übersicht und Wissen um die Krankheit, ihre Körperfunktionen und die richtige Behandlung haben. Wenn das alles stimmt, können sie damit sehr gut leben. Im Alter wird das schwieriger, da ist es manchmal gut, wenn man sich Hilfe holt. Eine Rundumversorgung durch die Familie ist dabei aber meist nicht nötig.

Auch wenn es hilft, wenn die Familie mit unterstützt, gerade bei eher unwilligen Patienten, Freundschaftsrezepte sollte man trotzdem nicht ausstellen.

Die Erstinstruktion und wie man mit Gerät, Insulinpen etc. umgeht, passiert heute häufig in spezialisierten Kliniken oder Kursen. Das hat einen Grund.  Problematisches kurz vor Ladenschluss – Ich mache wenig Erstinstruktionen und dafür brauche ich einfach mehr Zeit!

Was war da noch? Weshalb ich jemanden mit einem Blutzuckergerät direkt ins Spital verwiesen habe.

Um zu wissen, wie hoch der Blutzucker ist und (entsprechend) wieviel Insulin man geben muss, oder zum schauen, dass die Behandlung mit Medikamenten genügend anschlägt, gibt es einige  Blutzuckermessgeräte (und dazu gehörige Teststreifen) : Wer die Wahl hat.

Wir haben gelegentlich Blutzuckermessgeräte zum gratis umtauschen. Leider gibt es da Leute, die sind einfach nur gierig.

Manchmal bekommt man das auch vom Arzt – dann soll der sich aber auch drum kümmern, wenn etwas nicht stimmt: Doch kein Umtausch.

Beratung zu den Blutzuckermessgeräten kann gelegentlich direkt komödiantisch sein. Und nicht immer ist das Gerät wirklich defekt, wie behauptet wird.

Von fehlerhaften Blutzuckermessgeräten. Die schaue ich mir an, ich mache auch eine Vergleichsmessung – es könnte aber etwas kosten, vor allem, wenn es nicht von uns ist.

Blutzucker-Messgeräte-Service: oder weshalb es doch besser sein kann, wenn man sein BZ-Gerät nicht direkt von der Firma bekommt.

Wenn das Gerät die Funktion verweigert – liegt’s eventuell an den Streifen.

Der Finger-pieck zum messen des Blutzuckers ist (noch) nötig, aber vielleicht nicht immer so oft. Wenn man das macht, sollte man die Nadel regelmässig wechseln. Das ist dann weniger schmerzhaft und es verhindert Vernarbungen.

Wir helfen Diabetes-Patienten bei ihrer Behandlung, allerdings lasse ich mich ungern unter Druck setzen, vor allem wenn der Blutzucker aus eigener Unterlassung Im Moment ausser Kontrolle ist.

Bei einer Unterzuckerung gibt es bei uns Traubenzucker. Oder ein Glas Wasser mit etwas Zucker drin. Ich finde es richtig, dass man etwas macht. Nicht wie hier: hätte da der Apotheker nicht helfen müssen?

(Disclaimer: Ja, ich weiss, das ist hier nur sehr grob zusammengefasst und es gäbe darüber noch viel mehr zu schreiben und zu wissen. Ich bewundere die Patienten, die mit Diabetes leben, die sich um ihren Körper so viel mehr kümmern (müssen) als wir, bei denen das alles so wunderbar und ohne unser zutun abläuft. Das braucht Motivation und Einsatz und das täglich. Hier ein kleines Hoch auf Euch!)

Dialoge aus der Apotheke / 12

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Kunde: „Ich möchte gerne mit dem Chef reden. Sie wissen schon: dem Mann.“

Apotheke denkt: „Das ist der Lehrling …“

Nicht gerade aktuell, da Urs kein Lehrling ist, aber … hatten wir auch schon. Öfter. Da ist es offenbar noch nicht angekommen, dass heute etwas andere Zeiten sind. Es sind zwar immer noch viele Chefs Männer, auch in der Apotheke (und Drogerie), aber das scheint eher eine aussterbende Spezies zu sein. Frauen übernehmen im Gesundheitssystem inzwischen so ziemlich jede Rolle – und das ist gar nicht schlecht. Beispiel: Ärztinnen. Laut einer Studie haben deren Patienten die (etwas) bessere Überlebenschance. Das mag an deren etwas anderen Herangehensweise an ein Problem liegen … oder an besserer Kommunikation. Interessant.

Life, uh … finds a way

Finde ich doch erstaunlich, dass ich heute noch einer erwachsenen Frau erklären muss, dass „herausziehen“ keine adäquate Verhütungsmethode ist und sie trotzdem schwanger werden kann.

Eigentlich war sie ja nur hier, um von mir als medizinische Fachperson die Bestätigung zu holen, dass sie die Pille danach in dem Fall nicht braucht. Nur … die konnte ich ihr nicht geben.

Nachdem ich ihr also dreimal erklärt habe, dass auch in den sogenannten Lusttropfen schon Sperma drin sein kann und dass sie (bei einigermassen regelmässigem Zyklus) sich gerade in der kritischen Phase des Zyklus befindet Und sie nicht verhütet hat (nochmals: herauziehen zählt nicht als verhüten), Und auch wenn das bisher gut gegangen ist (keine Ahnung, weshalb sie dieses Mal die Bestätigung braucht) … habe ich sie vor die einfache Wahl gestellt:

„Es ist ihre Entscheidung. Wenn Sie ganz sicher nicht schwanger werden möchten, dann empfehle ich ihnen die Pille danach.“

Danach hatten wir dann das normale Pille danach Gespräch und sie hat die Pille danach bekommen und genommen.

Wobei ich noch anmerken möchte, im Zweifelsfall gebe ich auch kurz nach der Periode die Pille danach – ich halte mich da an Dr. Ian Malcolm aus Jurassic Park (gespielt von Jeff Goldblum): „Life finds a way “*. …

Immer gern erinnere ich mich da an die Geschichte des Frauenarztes in der einen Weiterbildung: Frau mit Status nach Entfernung wegen Zysten mit nur noch einem Eierstock (auf der linken Seite) und einer Eileiter (auf der rechten Seite) … eigentlich hat man ihr gesagt, da sei es unmöglich, dass sie noch schwanger wird. Nun … stellt sich heraus, dass die Eileiter ziemlich beweglich sind im Körper und bei der richtigen chemischen Anregung (nach Eisprung) auf die Suche nach dem Ei gehen. Ja – sie wurde schwanger. In dem Fall war das eine freudige Überraschung – die Frauen, die zu mir in die Apotheke kommen, wollen das wohl eher nicht.

* Aus Jurassic Park (Film):

Dr Ian Malcolm: „John, the kind of control you’re attempting simply is… it’s not possible. If there is one thing the history of evolution has taught us it’s that life will not be contained. Life breaks free, it expands to new territories and crashes through barriers, painfully, maybe even dangerously, but, uh… well, there it is.“

John Hammond: [sardonically] „There it is.“

Henry Wu: „You’re implying that a group composed entirely of female animals will… breed?“

Dr. Ian Malcoml: „No. I’m, I’m simply saying that life, uh… finds a way.“

Wollt ihr mehr lesen über die Pille danach in (Pharmamas) Apotheke?: