Ein Fall einer Fehldosierung hat es in den letzten Tagen wieder in die Medien geschafft. Es ging dabei um ein 4 Monate altes Baby, dem ein Antibiotikasirup in zu hoher Dosis verschrieben / abgegeben wurde. Das ist wirklich nicht gut. Bemerkenswert daran ist für mich als Apothekerin, dass das nicht abgefangen wurde in der Apotheke.
Zur Erinnerung: jedes Rezept, das in der Apotheke ausgeführt wird, wird validiert. Das bedeutet, es muss kontrolliert werden, ob es das richtige Medikament, für den richtigen Patient in der richtigen Dosierung ist. Egal, wer das Rezept ausführt, es wird vor Ausgabe von einer Apothekerin noch einmal angeschaut. Neben diesem 4-Augen-Prinzip schaut bei uns am nächsten Tag ausserdem noch die nächste Apothekerin das Rezept an, bevor es eingesendet wird – also faktisch 6-Augen-Prinzip.
Im Artikel der 20 Minuten „Verrutschen Ärzte bei der Dezimalstelle, wirds für Babys heikel“ steht dann auch, dass das nicht ganz so selten vorkommt: es ist von 14% Fehlerquote bei Rezepten die Rede. Das kann ich bestätigen. Die allermeisten Fehler sind aber nicht schwerwiegend, 70% davon müssen aber (in irgendeiner Form) in der Apotheke korrigiert werden. Was hier für mich eher herausragend ist, ist dass dieser Fehler nicht erkannt wurde in der Apotheke und das Medikament tatsächlich so die Apotheke verlassen hat … und die Eltern das gefunden haben.
Gut, gerade Antibiotika-Sirupe sind sehr sicher und selbst so eine Überdosis, wie im Artikel beschrieben, hätte das Leben des Babies wohl nicht gefährdet. Gesund ist es allerdings auch nicht (Darmflora ade). Aber ja, die verschriebene (und angeschriebene) Dosierung liegt schon sehr ausserhalb des vernünftigen Bereiches – das hätte in der Apotheke auffallen müssen.
Bei Antibiotika-Sirupen müssen wir immer kontrollieren, ob die Dosierung vernünftig ist. Das beinhaltet hier mehr rechnen, als bei Tabletten, da in Milliliter umgerechnet werden muss anhand des Körpergewichtes.
Pharmawiki zeigt hier an einem Beispiel, wie:
5 ml einer Antibiotikasuspension enthalten 200 mg Wirkstoff. Das Kind muss einmal täglich 150 mg des Wirkstoffs einnehmen.
Wie viele Milliliter müssen die Eltern abmessen?
Dazu rechnet man einen Dreisatz, oder so:
Wie viele Milliliter der Suspension enthalten 1 mg Wirkstoff? 1 mg sind in 5 ml / 200 (mg) enthalten. Dies entspricht 0.025 ml.
Wie viele Milliliter der Suspension enthalten 150 mg? 150 mg x 0.025 ml/mg = 3.75 ml
Lösung: Für 150mg Wirkstoff müssen 3.75 ml des Sirups eingenommen werden.
Die Ärzte verschreiben oft die Menge ml, die eingenommen werden muss – und in der Apotheke müssen wir zurückrechnen, ob das einer vernünftigen Dosierung entspricht. Tägliche Arbeit für uns. Und Zeitaufwändig.
Da vermisse ich meinen Antibiotikarechner. Die meisten, die das lesen, werden sich nicht mal mehr daran erinnern, aber … ich habe 2017 zusammen mit einem österreicherischen Apotheker (Viktor Hafner) einen Rechner lanziert für Schweizer Antibiotikasirupe. Er sollte genau das erleichtern: Die Kontrolle, ob eine verschriebene Antibiotikadosierung vernünftig ist. Er war sehr simpel: verschriebenen Sirup auswählen und auf dem Schieber oben das Körpergewicht des Kindes einstellen – und es gab eine Spannweite aus für die Dosierung.
Für den im Artikel erwähnten Sirup sieht das dann so aus:

Eine Einzeldosis von 7ml liegt (wenn das Kind 6 kg schwer ist), ausserhalb. Einfach, rasch erkannt.
Ich hab den Rechner als Tool allen Interessierten gratis zur Verfügung gestellt online. Und dann kam im Oktober 2021 die Swissmedic und hat mir eröffnet, dass der Rechner als Medizinprodukt eingestuft wurde. Als solches fällt das unter ihre Kontrollaufsicht und sie wollten eine Tonne Unterlagen (Konformitätserklärung, -Bescheinigung, Klassifizierung und Produktekennzeichnung, Lizenzvereinbarung etc.). Das war für mich als Privatperson (und dazu noch alleine) unmöglich zu liefern. Weitere Bearbeitungsgebühren in unbekannter Höhe konnte ich mir auch nicht unbedingt leisten. Ich hab mich deshalb schweren Herzens entschlossen die Seite vom Netz zu nehmen.
Persönlich nutze ich sie allerdings weiterhin. Es ist auch wirklich eine Zeitersparnis und Erleichterung, auch wenn ich sie wieder mal überarbeiten sollte … manche Dosierungsempfehlungen haben in den Jahren geändert (wenn auch eher nach oben).
Ich habe auch gesucht, ob jemand anders das übernehmen würde. Leider hat sich bei uns in der Schweiz niemand gefunden – im Gegensatz zu Österreich, wo sich glaub der dortige Apothekerverein eingesetzt hat, dass der Rechner in Apotheken weiter verwendet werden kann.
Im Artikel wird auf eine Webapplikation für Fachpersonen hingewiesen, die zur Dosierungsberechnung (nicht Kontrolle?!) benützt werden kann. Ohne Name, aber ich habe sie gefunden: Es ist PEDeDose. Info auf der Seite:
„Wir haben anfangs 2019 das innovative, webbasierte Tool «PEDeDose» lanciert, dessen Software seit Dezember 2020 als Klasse IIa Medizinprodukt zertifiziert ist. PEDeDose unterstützt Gesundheitsfachpersonen in der Entscheidungsfindung bei Medikamentendosierungen und sorgt damit für einen sicheren Arzneimitteleinsatz.“
Das Tool ist nicht gratis – für 1 Apotheker kostet es pro Jahr 275 Franken. Laut Seite spart das einem aber Geld, da es Zeit einspart bei der Validation. Wenn ich 10 Rezepte pro Tag damit berechne, spare ich ca. 6500 Franken pro Jahr … sagen sie.
Wir in der Apotheke kontrollieren die Dosierungen noch gerne anhand swisspeddose.ch . Das ist für Fachpersonen, gratis, sehr ausführlich … aber es gibt auch nicht die Dosen grad in ml …
Was nutzt ihr in der Apotheke?

Ich hab mal eine Frage: in meiner Apotheke (Deutschland) ist es so wenn ich ein teures Medikament abhole es nicht von der PTA abgegeben wird sondern nur vom Apotheker. Sollten nicht alle Medikamente genau überprüft werden? Denn auch ein günstiges kann bei dem falschen Medikament ja schaden.
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ALLE Medikamente die rausgehen werden von einem Apotheker vorher kontrolliert. Das siehst du als Patient / Kunde vielleicht nicht. Ist aber so in der CH, in D und in A.
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Danke, beruhgrnt zu wissen. ich sende meine Rezepte mittlerweile immer digital a die lokale Apotheke.
Ich kann mir gut vorstellen das es beim legen ins abhollager immer kontrolliert wird. Zusätzlich werden die Codes beim ausgeben auch nochmal gescannt.
bei dem einen Medikament (3 spritzen Ajovy Listenpreis rund 1300€) muss in der Apotheke immer ein Apotheker noch beim abgeben seinen Mitarbeiter Ausweis scannen. Dann ist das wohl nur noch eine zusätzliche Kontrolle, die zumindest bei diesem Medikament immer nochmals gemacht wird.
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Hallo Pharmama, unser Projekt mit dem Antibiotikarechner war wirklich toll. Leider wurde ich in Österreich auch abgemahnt und musste es einstellen. Selbst die Apothekerkammer hat sich vor den hohen Kosten der Zulassung als Medizinprodukt gescheut. Daher nur mit Geheimcode nutzbar (den gerade DU aber sicher erraten wirst :-)
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Oh, wie schade, dass das bei euch auch so war. Das Tool ist ja wirklich nützlich.
Wie man sieht, gibt es ja auch kostenpflichtige Anwendungen. Wenn man deren Preise anschaut… wieviel haben die wohl für die Zulassung bezahlt?
(Mal schauen, ob ich mit dem PW reinkomme :)
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