Unwirtschaftliche Medikamente

Die Preisgebung von Medikamenten ist immer eine Diskussion wert. Vor ein paar Jahren habe ich mal die Frage gestellt, was einem ein schmerz-/Fiebersirup für Kinder wert ist. Wieviel darf ein Medikament kosten?

Da ging es um Dafalgan-Sirup. Das ist ein Sirup, aromatisiert, 90 ml Inhalt in einer Glasflasche, er enthält den Wirkstoff Paracetamol, den man gegen Schmerzen und Fieber einsetzt. Zur korrekten und einfachen Dosierung gibt es dazu ein Messlöffel aus Plastik, der graduiert ist nach dem Körpergewicht des Kindes. Packungsbeilage (wie bei uns üblich) in drei Sprachen (D,F,I) gibt es dazu sowie eine farbige Umverpackung.

Das Teil kostet überaschende CHF 2.55.- Ein Grund für den (fast abstrakt) tiefen Preis ist, dass das Medikament auf der Spezialitätenliste steht. Das bedeutet, es wird von der Krankenkasse-Grundversicherung übernommen. Das Bundesamt für Gesundheitswesen redet bei der Preisbildung dieser Medikamente mit. Trotzdem konnte es auch ohne Rezept in der Apotheke bezogen werden. Das es auf der Spezialitätenliste steht bedeutet dann aber auch, dass dafür keine Werbung gemacht werden darf.

Über die Jahre habe ich mich schon gewundert, ob sich die Herstellung und der Vertrieb dieses Medikamentes für die Firma noch lohnt. Die Schweiz ist ein kleiner Markt. Dass etwas ausser Handel ging aus „wirtschaftlichen Gründen“ hatten wir immer wieder mal. In letzter Zeit sogar öfters. Von manchen Mitteln gibt es wenig Generika (deshalb?) und dazu gehören inzwischen auch Sirupe mit Paracetamol. Den Ben-U-Ron Sirup gibt es nicht mehr, da haben sie das ganze Sortiment (samt Zäpfchen) eingestellt. Der Dafalgan Sirup ist also aktuell der einzige Paracetamol-Sirup in der Schweiz.

Was machen wir, wenn die Herstellerfirma entscheidet, da lohnt sich die Herstellung nicht mehr? Den Fall hatten wir tatsächlich schon mal – bei einem Antibiotikumsirup. Nachdem der Bactrim-Sirup aus „wirtschaftlichen Gründen“ vom schweizer Markt zurückgezogen wurde, war der Nopil Sirup der einzige Sirup mit diesem Wirkstoff in der Schweiz. Er steht auf der Spezialitätenliste und als das BAG da eine Preissenkung gefordert hat, hat die Firma verkündet: … der Nopil Sirup wird aus dem Markt gezogen, da die vom BAG verordneten ex-factory-Preise unter den Herstellungskosten liegen … . Zum Glück hatte das BAG dann ein Einsehen und der Preis dafür wurde wieder angehoben (auf CHF 9).

Bei Dafalgan hat die Firma jetzt scheints einen anderen Weg gefunden. Sie machen jetzt von manchen Formen zwei Varianten: Eine, die auf der Spezialitätenliste steht und von der Krankenkasse übernommen wird (mit vom BAG vorgeschriebenem Preis) und eine, die nicht auf der Spezialitätenliste steht, die grundsätzlich dasselbe enthält (eventuell mit unterschiedlicher Grösse/Menge) und für die Werbung gemacht werden dard UND wo sie den Preis selber bestimmen dürfen. So passiert bei den Dafalgan Tabletten – die jetzt freiverkäuflich Dafalgan Dolo Tabletten heissen und fast doppelt soviel kosten wie vorher (um die 6 Franken statt 3 Franken). Und nun auch für den Dafalgan Sirup.

Bis zu einem gewissen Grad kann ich das verstehen. Was mich aktuell daran aber nervt: Der neue Dafalgan Dolo Sirup mit neu 150ml und ebenfalls fast verdoppeltem Preis ist lieferbar. Der von der Kasse übernommene Dafalgan Sirup mit 90 ml fehlt … bis März! Das ist Mist. Das ist speziell Mist, wenn man wie hier Kinderärzte hat, die das oft verschreiben – und die Kinder keine Zusatzversicherung haben. Dann kann ich zwar schon auch den Dolo abgeben, aber der Sirup muss bezahlt werden in der Apotheke.

Also bin ich etwas hin-und her-gerissen. Froh, dass es noch Paracetamol-Sirup gibt. Sauer, dass er teurer geworden ist und nicht für alle auf Rezept abgegeben werden kann.

Und bei dem feilscht man um wenige Franken. Es gibt wahnsinnig teurere Mittel, die … nicht so wichtig sind, die einfach übernommen werden von der Krankenkasse (ich schau in Richtung Abnehm-Spritzen).

Ein Kommentar zu „Unwirtschaftliche Medikamente

  1. Oh jaaa… diese Fantasiepreise.

    Ich bin ja regelmässiger Thrombozytenspender und habe das Problem, dass ich in den Tagen vor einer Spende kein Ibuprofen nehmen darf. Und das Ibu nimmt ja genau diese entzündlichen Schmerzen sehr gut weg… sonst würde ich ja Paracetamol nehmen.

    Die Spende zu verschieben ist ja bei mir immer mit ziemlichen, arbeitsbezogenen Problemen verbunden.

    Also: Mich durch ellenlange Richtlinien ausländischer Blutspendedienste wühlen, Gegenchecks mit dem Kompendium, der Wikipedia und medizinischem Publikationen, und am Ende den Spendedienst fragen: Darf ich Metamizol nehmen so kurz vor der Spende? Ist gut.

    Dann meinen ehemaligen Arzt um ein Rezept gefragt. Ist auch gut.

    Nur diese Fantasiepreise: Es gab Metamizol 10 x 500 mg für rund 10 Franken… und es gab damals auch 50 x 500 mg für rund 12 Franken. Ich erhielt die Familienpackung…

    Also, äh. Wer auch immer die Preise festlegt, läuft als Xena oder als Hulk auf einem Fantasy-Fest herum.

    (Bei den Recherchen erfuhr ich übrigens, dass Metamizol bei vielen älteren Patienten zu Todesfällen geführt hatte. Bis man herausfand, dass Metamizol die Blutgerinnsel-hemmende Wirkung von Aspirin komplett aufheben kann. Die Fragen der Pharma-Assistentinnen haben immer einen guten Grund…)

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