Ich hab‘ sie auch nicht!

„Könnten Sie mir davon noch einen Ausdruck machen?“ fragt mich der Patient mittleren Alters und hält mir eine Quittung von einem Rezeptbezug unter die Nase von vor 2 Monaten.

„Ich kann Ihnen nach der Zeit keinen Kassabon mehr ausdrucken, aber ich kann ihnen einen Ausdruck machen, dass Sie das bezogen haben mit Preis, Datum etc, auf einem A4 Blatt – das können Sie auch verwenden. Sie brauchen das für die Krankenkasse, oder?“

„Ja.“

Er schaut skeptisch, aber ich mache ihm das.

Er: „Und dann bräuchte ich auch noch die Kopien von den Rezepten.“

Oh weh.

„Sie sind bei der Assura versichert – ich habe keine Kopien von Ihren Rezepten da, die bekommen Sie immer gleich mit der Quittung mit, damit Sie das ihrer Krankenkasse einschicken können.“

Er: „Aber ich habe sie verloren.“

„Ich kann Ihnen wie oben einen Ausdruck machen mit allem, was sie in diesem Jahr bezogen haben bei uns, dann können Sie versuchen das einzuschicken.“

Er: „Aber ich brauche die Rezepte dazu!“

„Ja, ich weiss, die Krankenkasse verlangt meist die (Original-)Rezepte dazu. Wenn wir direkt mit der Krankenkasse abrechnen, dann behalten wir die nach Abgabe hier und schicken diese an die Kassen. Die kann ich später auch wieder aus dem System holen, da sie dabei eingescannt werden. Aber wenn sie eine Kasse haben wo sie in der Apotheke bezahlen müssen, dann bekommen Sie die Rezepte auch direkt wieder mit. Ich mache davon keine Kopien, ich habe dann nur noch die Information, die drauf war im Computer.“

Er: „Aber weshalb? Wenn die Kasse doch die Rezepte will?“

„Ja – und ihre Kasse will, dass Sie die Rezepte mit den Quittungen selber einschicken. Ihre Kasse hat keinen Vertrag mit den Apotheken gemacht, die es mir ermöglicht direkt mit ihnen abzurechnen. Sie übernehmen einen Teil der Arbeit für die Kasse, indem Sie die Rezepte zahlen, sammeln müssen und dann einschicken. Das ist auch der Grund weshalb diese Kasse so günstig ist.“

Er: „Aber ich habe die Rezepte nicht mehr!“

„Das ist ungeschickt. Ich habe sie auch nicht.“

Er: „Was mache ich denn jetzt?“

„Ich kann ihnen einen Ausdruck ihrer Bezüge machen. Ich stemple sie ab und Sie schicken sie ein und hoffen, dass das reicht.“

Wie ich diese Billig-Krankenkassen hasse. Nicht nur, dass ich jedes Jahr wieder ein paar Patienten habe, die nach dem Wechsel TOTAL überrascht sind, dass sie auf einmal in der Apotheke alles bezahlen müssen, Nein, am Ende des Jahres habe ich dann die, die nicht auf ihre Unterlagen achten können und denen ich dann auch noch helfen muss (unentgeltlich natürlich), damit sie eventuell Geld zurück bekommen.

23 Kommentare zu „Ich hab‘ sie auch nicht!

  1. Nun, es gibt eine ganz einfache Lösung für dieses Problem: alle Selbstzahler-Rezepte werden kopiert und alphabetisch abgelegt. Wird ja auch bei allgälligen Kontrollbesuchen der Heilmittelkontrolle (o.ä.) so verlangt. Ganz kleiner Aufwand aber in obengenannten Fällen Gold wert.

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    1. Ob das tatsächlich so möglich ist, finde ich fraglich. Zum einen fielen dann pro Jahr hunderte Rezepte an, die sicher verwahrt werden müssen, von denen am Ende des Jahres vielleicht 10-20 gebraucht werden. Daraufhin muss der ganze Rest ja auch sicher entsorgt werden. Außerdem frage ich mich, wie es an der Stelle mit dem Datenschutz aussieht und einfach so Kopien hergestellt werden dürfen.
      Wir reden hier immerhin von erwachsenen Menschen, die sich diese Versicherung bewusst ausgesucht haben. Wer sich vorher einen rechtlich bindenden Vertrag nicht durchliest, bevor er ihn unterschreibt, ist meiner Meinung nach auch selber Schuld, wenn er dann Verluste zu ertragen hat.

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    2. Bei der Lösung brauche ich jedesmal 3 Minuten länger für ein Rezept*, muss die kopierten Rezepte danach (alphabetisch und wiederfindbar) über Jahre aufbewahren, dann schreddern … und das für die paar, die nicht auf ihr Rezept aufpassen können?
      Merke: Betäubungsmittelrezepte habe ich auch jetzt schon einen Durschschlag hier und die Information was auf den Rezepten stand, die habe ich im Computerdossier des Patienten.
      (Bei nur 10 solchen Rezepten, sind das 30 Minuten pro Tag, mal 300 Tage … für etwa 5 Leute pro Jahr … und natürlich alles kostenlos für den Patienten)

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  2. Tja, die Billigkassen.
    Trotzdem wählen die Leute die Billigkassen selbst aus. Dass da ein Haken ist, sagt ihnen nur niemand. Hier gibts das bei den Privatkassen: Basistarif schimpft sich das, ergo zahlen die Kassen nur einen bestimmten Satz (Steigerungsfaktor). Ärzte sind aber nicht verpflichtet, ihre Rechnungen unter Wert zu setzen. Das sorgt oft für Ärger.

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    1. Das mit dem „unter Tarif“ gibt es hier gelegentlich auch. Selbes Problem.
      (aber ich dachte immer, die Privat versicherten seien besser versichert?)

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      1. Nein sind sie in vielen Fällen einfach nicht.
        Ich kann da aus Erfahrungen in einer Physiotherapiepraxis in .de schreiben.
        Wir haben regelmäßig 3-4x im Monat mit privat versicherten Patienten Diskussionen, weil ihre Kassen nur 50% oder weniger der Rechnung erstatten, aber wenn man sie dann bittet den Vertrag mitzubringen um nachzusehen, stellt man fest, das hier mal wieder nur nach dem Preis und nicht nach der Leistung, der Tarif ausgewählt wurde.
        Wenn dann für Physiotherapeutische Maßnahmen nur 50% übernommen werden ist das nicht unser Problem. Man muss sich ja nicht alles gefallen lassen nur weil Patienten versuchen ihre Einsparungen zusätzlich auf unsere Kosten zu erhöhen.

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  3. Überall heisst es jeweils im Herbst wir würden alle zu viel für die Krankenkasse bezahlen und seien zu faul zum wechseln etc…wir haben schon lange nicht mehr gewechselt mir reicht zum Sparen die maximale Jahresfranchise.

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    1. Nunja, eine gute Freundin von mir spart nächstes Jahr 1500 Franken durch einen Wechsel der Versicherung und des Versicherungsmodells.

      Nunja, ich befürworte eine vollständige Finanzierung des Gesundheitswesens durch die Steuern – dies verstärkt die demokratische Kontrolle über das Gesundheitswesen eher, als dass sie geschwächt wird. Unter einem neuen KVG soll man aber nach wie vor von Rabatten profitieren, wenn man sich etwa vor Arztbesuchen telefonisch beraten lässt.

      Den Pseudo-Markt im Gesundheitswesen können wir getrost auf den Müll werfen. Aber solange diese Spielregeln gelten, müssen wir mitspielen.

      Ich kenne übrigens einen Softwareentwickler aus Kalifornien, der sich trotz etwa 300’000 Dollar Jahreseinkommen nur dank Obamacare versichern lassen kann. Im ansonsten freien Versicherungsmarkt der USA ist man praktisch unversicherbar, wenn man eine „pre-existing illness“ hat. Erleidet man eine teure Geschichte wie etwa Leukämie, prüfen die Versicherungsanwälte als Erstes die Unterlagen, die man bei Vertragsabschluss eingeschickt hat. Hat der Patient irgendeine bedeutende Krankheit verschwiegen? Falls ja, Jackpot! – und die Versicherung spart Hunderttausende von Dollars.

      Die Republikaner sind vor Obamacare auch auf abenteuerliche Ideen gekommen, um unversicherbare Patienten abzudecken. Hey, wir können ja den Leuten steuerbegünstigte Sparkonten anbieten, damit sie im Falle einer Krebserkrankung die Behandlung bezahlen können. Gute Idee. Nicht.

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    2. Du kannst sparen mit Versicherungswechsel, Franchise erhöhen, Wahl von einem Hausarzt-modell etc.
      Aber manchmal muss man das einfach machen. (Und wissen, auf was man sich beim Versicherungsmodell einlässt)

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  4. Ja es ist echt schwierig den Leuten das richtig zu erklären. Die Krankenkassen könnten aber auch mehr dazu beitragen etwas Licht ins Dunkel zu bringen!

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  5. Man kann ja so manches gegen gewisse Krankenkassen vorbringen – aber dass die Kunden ‚überrascht‘ sind, dass sie selber bezahlen müssen, nur weil sie ich nicht informiert haben, und dass die Kunden ihre Unterlagen verlieren und deswegen dann in der Apotheke aufkreuzen… das kann man nun wirklich nicht den Kassen anlasten!! So fair muss man dann doch noch sein.

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    1. Das war (und ist) ganz klar ein Problem der Kunden selber. Aber ehrlich … ein bisschen besser informieren könnten sie. Such‘ Du mal auf der Assura Seite die Information, dass die keinen Vertrag mit den Apotheken gemacht haben und du deshalb selber die Medikamente in der Apotheke selber gleich zahlen musst … es sei denn, du gehst in die eine Kette, wo sie das anbieten?

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        1. Ich hab 5 Minuten gesucht. Und ich wusste, wonach ich suche. Ich halte das für eine wichtige Information und nicht wirklich einsichtig. Und: ja, die Erfahrungen Anfang Jahr zeigen, dass da jährlich einige „reinfallen“ und dann sehr überrascht sind.

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          1. Dass es Leute gibt, die das nicht merken vor Versicherungsabschluss, das glaube ich sofort! Aber da wärs mal noch interessant zu wissen, wieviel Zeit und Mühe diejenigen, die dann ‚überrascht‘ sind, investiert haben, um die Krankenkasse auszuwählen. Denn es würde mich auch nicht wundern, wenn da mehrheitlich Leute drunter sind, die nicht viel mehr als einen Prämienvergleich angeschaut haben… Denn es ist ja keineswegs so, dass die Vorgehensweisen von solchen Billigkassen nicht bekannt wären… ein wenig Googeln würde dazu ja schon reichen…

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  6. Macht ihr (=Apotheker) eigentlich auch Krankenkassenberatung?
    Als Fachfremde (und Deutsche, daher ist das ja alles nicht eins zu eins übertragbar) finde ich es eigentlich furchtbar, dass die Krankenkassen überhaupt unterschiedliche Leistungen bieten und Beiträge nehmen dürfen. Woher soll ich wissen was ich brauche/ möchte? Ich bin, nachdem ich eine eigene Krankenkasse brauchte, einfach bei der geblieben, bei der ich mit meiner Mutter versichert war, denn es gab nie Probleme. Aber ich muss auch gestehen, um mich da ernsthaft zu informieren fehlt mir häufig das Fachwissen und auch der Überblick. Wenn man erstmal weiß, welche Leistungen man braucht, ist es ja meistens schon zu spät, dann will einen auch keiner mehr.

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    1. Apotheken bieten keine Krankenkassenberatung an (man würde dir evtl regional von einigen abraten, aber das ist nun wirklich keine Beratung). Grundsätzlich sind bei deutschen (nicht privaten) Krankenkassen die Leistungen, die erbracht werden müssen, gesetzlich vorgeschrieben und daher bei allen gleich. Wenn du zu einer gKV wechseln willst, muss sie dich nehmen, da gibt es ihrerseits kein wollen. Was sie nicht tun müssen, ist dich in zusätzliche Spezialtarife aufnehmen. Es gibt im Internet Leistungsvergleiche der Krankenkassen, die bieten einen guten Überblick über die jeweils abweichenden, freiwilligen Leistungen der Kassen.

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      1. Da muß ich doch mal wiedersprechen, bei den Arzneimitteln mag das (begrenzt) stimmen (Zuzahlungsfreiheit oder nicht…), aber schon bei Hilfsmitteln = s.B. Inhalationsgeräte, Blutdruckmeßgeräte oder Inkontinenzvorlagen bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen seeeehr unterschiedlich…
        Ob man für 29 € (AOK) oder für 19 € (BEK) pro Monat Windeln bekommt, macht einen sehr großen Unterschied!
        Aber der Informationsdschungel ist nicht besser durchdringlich als in der Schweiz, da bin ich sicher.

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  7. Bin ich froh, dass ich als gesetzlich Versicherte beim Arzt und in der Apotheke nur meine Karte auf den Tisch legen muss und gut ist. Und auch das nur einmal im Quartal. Da ich auch noch von der Zuzahlung befreit bin, muss ich fast nichts bezahlen bzw. vorstrecken.
    Sehr angenehm.

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