Wer bin ich, dass ich die Entscheidung eines Arztes bezüglich Medikamente anzweifle?

Das ist gelegentlich die Einstellung, die man von frischen Studienabgängern erhält. Unsicherheit.

Schliesslich hat der Arzt das Rezept genau so ausgestellt. Dann wollte er es wohl auch so.

Wahrscheinlich war ihm die Wechselwirkung bewusst.

Vielleicht hat er absichtlich die Dosis vom letzten Mal geändert.

Eventuell hat er bewusst eine andere Einnahme aufgeschrieben, als die Fachinformation vorgibt.

Er hat wohl extra nur die kleine Packung aufgeschrieben, obwohl die Behandlungsdauer dafür eigentlich nicht ausreicht.

Das mit der (Kreuz)Allergie ist vielleicht gar nicht so schlimm in diesem Fall.

… Immerhin hat der Arzt das Medikament so verschrieben.

Wer bin ich, dass ich die Entscheidung eines Arztes bezüglich Medikamente anzweifle?

Darauf gibt es verschiedene Antworten (wenn man eine richtige Apothekerin ist):

Ich bin die Apothekerin – die Spezialistin, was Medikamente und ihre Anwendung angeht. Wenn ich hier ein Problem sehe, dann ist es meine Aufgabe das zu lösen.

Ich kann die Person sein, die verhindert, dass der Patient an einer möglichen Wechselwirkung leidet / stirbt / einen Herzinfarkt bekommt / verblutet / dehydriert etc….

Ich bin die Person, die zur Verantwortung gezogen wird – durch den Patient, wenn er nicht die richtige Menge erhält und vielleicht auch durch andere, wenn die Art oder die Dosierung des Medikaments nicht stimmt.

Natürlich ist es so, dass mit der Praxis auch eine gewisse Sicherheit kommt. Vor allem aber lernt man das: Auch der Arzt ist nur ein Mensch. Seine Arbeit ist die Diagnose und Behandlung von Krankheiten. Auch er kann dabei Fehler machen. Auch er ist von dankbar bis genervt, wenn man ihn auf einen möglichen Fehler hinweist oder nachfragt bei Unklarheiten. Letztendlich ist das aber seine und unsere Arbeit. Es geht dabei um das Patientenwohl.

Darum habe ich heute auch kein Problem mehr das im Laufe meiner Arbeit zu machen. Bei jedem einzelnen Rezept.

Das, liebe neue Apothekerin, ist jetzt auch Deine Verantwortung und Deine Arbeit. Ich glaube an Dich und dass Du das kannst und machst.

19 Kommentare zu „Wer bin ich, dass ich die Entscheidung eines Arztes bezüglich Medikamente anzweifle?

  1. Liebe Pharmama,
    ich verfolge dein Blog schon lange und bin sehr begeistert! Hier nun also mein erster Kommentar :) Tja, wie kommt überhaupt irgendjemand dazu, die „Götter in Weiss“ in irgendeiner Weise zu kritisieren? Als Apothekerin/Sanitäterin/Polizistin o.ä ja vielleicht gerade nich denkbar, wobei auch hier die allermeisten auf taube Ohren stossen? Aber als Patientin? no way. Natürlich sind Ärzte auch nur Menschen, aber ich finde gerade deswegen sollte man auf normaler Ebene miteinander kommunizieren können! Gottseidank weiß ich, das nicht alle Mediziner so gestrickt sind und sich viele die Aussagen ihrer Patienten zu Herzen nehmen, aber Ausnahmen gibt es leider immernoch :(

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    1. Danke V.A. – ich finde noch nicht mal, dass das von mir eine „Kritik“ ist, wenn ich da wegen einer Nachfrage anrufen muss. Also – im Normalfall nicht. Meine Absicht ist nur Sicherheit für alle Beteiligten.

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  2. Auch der Herr bzw die Frau Doktor kann sich mal versehen, oder die Sprechstundehilfen haben sich in der Zeile vertan. Es kann immer was passieren.

    Naja… es sei denn natürlich..

    Ich erinnere mich noch an einen Fall, bei dem ich bei der Praxis angerufen habe, weil mir die Dosierung für ein Neugeborenes viel zu hoch erschien und dann den Herrn Doktor am Telefon hatte und mich von ihm anschreien lassen durfte… Zitat: „Wenn Doktor XYZ das so aufschreibt, dann meint Doktor XYZ das auch so und wenn wir dann dereinst im Himmel vor Gericht stehen, dann kommen Sie eben rein und ich muss draußen bleiben!“ *Knallt den Hörer auf*
    Joah… keine Fragen Euer Ehren.

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    1. genau so und nicht anders! Elementare Berufsgrundlage. Das Wohlergehen des Patienten ist top 1. Nix anderes.

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    2. Bei den achso geliebten Plausibilitäten kann man sich dann anhören: „Das kommt von der Haut/Uni/sonstwo-Klinik, das muss so sein“….auch wenn jede nur mit geringstem pharmazeutischem Verstand ausgestattete Seele sofort erkennt, dass die Rezeptur die physikalisch-chemische Stabilität eines Eiswürfels in der Wüste hat….

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    3. Was hast du damals gemacht? Darfst du die Dosierung eigenmächtig ändern, auch wenn der Doc was anderes sagt?

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      1. Wenn Arzneimittel falsch dosiert, unplausibel oder sonst irgendwie bedenklich sind, ist die Abgabe vom Gesetz her verboten.

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  3. Pharmama, Du sprichst mir aus der Seele! Ich habe mehrere Semester studiert, ich besuche Fortbildungen, ich investiere in eine gute EDV, weil genau ich derjenige bin, der die Entscheidungen des Arztes anzweifeln kann, darf und muss – ist in D in der ApoBtrO expliziet geregelt!

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    1. genau so und nicht anders! Elementare Berufsgrundlage. Das Wohlergehen des Patienten ist top 1. Nix anderes.

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  4. Mein alter Chef musste sich mal von einem Arzt anschnauzen lassen, als er diesen auf sehr bedenkliche Wechselwirkungen bei einer Kundin hingewiesen hat. Wenn er das so aufschreibt, dann denkt er sich was dabei und wir sollen gefälligst wegen sowas nicht mehr bei ihm anrufen, er habe schließlich noch nen Haufen andere Patienten zu versorgen.
    Chefs Antwort: „Na, dann kommt es auf eine weniger ja nicht an.“

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  5. Bei uns hat mal eine Apotheke angerufen und nachgefragt. Assistenz im Zimmer ist in der Zeile verrutscht, Arzt hat im Treiben nicht weiter draufgeschaut.. bäm. Da ist der Fehler passiert. Nichts großartiges, aber eben was verkehrtes. Da waren wir doch froh, dass noch jemand drittes auf die Medis schaut.

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  6. Danke liebe pharmama, dass du an mich glaubst!
    Ich freue mich schon auf die vielen kommenden Herausforderungen.
    Deine bald-Kollegin

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  7. Sie wissen doch in egal welchem Fall sowieso alles besser.
    Wenn Sie es auch nicht in gutem Deutsch ausdrücken können.

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  8. Beeindruckendster Fall: Ein Rezept aus einer Frauenarztpraxis über Mucosolvan-Infusion, leider nicht lieferbar und keine Alternative. Der Anruf in der Praxis brachte Klarheit, es sollte das Inhalat sein. Husten bei der Mutter statt Lungenreifung bei drohender Frühgeburt.
    Der Pari war natürlich auch nicht aufgeschrieben und ich brauchte eine gefühlte halbe Stunde um den Vater zu beruhigen. Nein, da gab es einen Fehler, mit dem Baby ist alles in Ordnung, nein, kein Frühchen, machen Sie sich keine Sorgen… Der Ärmste :(

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