Dasselbe oder nicht?

Lass mich Dir eine Geschichte erzählen.

Coversum – das Original von Servier enthält den aktiven Wirkstoff Perindopril angehängt an das Molekül Arginin als Gegen-Salz (Leute die Chemie hatten erinnern sich an der Stelle daran, dass ein positiv geladenes Teilchen ein negativ geladenes Teilchen als Gegenstück hat).

Aber Arginin war nicht immer das Gegenstück-Salz. Relativ kurz bevor Coversum sein Patent verlor, wechselte Servier das zu dem – vorher war das Perindopril Erbumin.

Perindopril Erbumin (Coversum 4mg) vorher, Perindopril arginin (Coversum 5mg) nachher.

coversum

Wir in der Apotheke durften dann den Leuten erklären, dass das immer noch dasselbe ist … vom effektiven Wirkstoff her – und dass Plasmaspiegel und damit Wirkung gleich sind. Darin wurden wir mit Infomaterial von der Firma unterstützt.

Die Leute mussten das gezwungenermassen akzeptieren – vor Patentablauf gab es ja keine Alternative für den Wirkstoff.

Man fragt sich natürlich: Wieso macht die Pharmafirma das?

Nun, es geht hier wieder darum, möglichst lange von einem patentierten Wirkstoff (und damit Medikament) profitieren zu können.

Die ganzen Generika, die danach in den Handel kamen enthielten nämlich das alte Perindopril erbumin –und waren mit 4mg angeschrieben.

Deshalb hat es auch eine ganze Zeit gebraucht, bis unser Computersystem (und ich nehme an nicht nur unseres – die basieren ja praktisch alle auf dem Galdat-Grundstamm) die Perindopril 4mg wirklich als Generikum von Coversum 5mg angezeigt hat. Ich konnte das nicht richtig als „Ersatz“ eingeben – auch wenn ich WUSSTE, dass es das war.

Das sind Monate in denen die Pharmafirma weiterhin vom Verkauf des Originals profitieren konnte, obwohl faktisch Generika im Handel waren.

Noch schwieriger war es fast, dass den Leuten klar zu machen.

Ist es immer noch, wenn ich darüber nachdenke.

Pharmama: „Ich sehe, der Arzt hat Ihnen Coversum 5mg aufgeschrieben. Darf ich ihnen das durch das Generikum ersetzen?“

Kunde: „Ich hatte bisher immer die Coversum – was ist denn das Generikum?“

Pharmama: „Perindopril – zum Beispiel von … das ist derselbe Wirkstoff und es ist XY Franken günstiger!“

Kunde; „Und das wirkt gleich?“

Pharmama: „Ja.“

Kunde: „Okay.“

Ich gebe ihm also das Perindopril Sandoz ein.

perindopril

Kunde (sieht die Packung): „Da steht aber drauf 4mg – ich hatte immer 5mg!

Pharmama: „Ja, das liegt daran, dass da ein anderes Salz angehängt ist am Wirkstoff, aber sie wirken gleich.“

Kunde: „Aber 4mg sind nicht 5mg!“

Pharmama: „Ich weiss. Das ist weil …“

Kunde: „Nein. Ich nehme die 5mg wie bisher. Ich will nichts anderes!“

… und vergisst dabei, dass er das eigentlich schon hatte.

Clevere Pharmafirma.

Aber es wäre doch schön, wenn manche Leute dem Apotheker gegenüber mehr Vertrauen würden – und Danke an die, die das getan haben, auch zu einem Zeitpunkt, wo ich praktisch das Computersystem bescheissen musste um das einzugeben. Und nicht mal etwas bekommen habe für die ganze Arbeit – ansonsten wird eine Erstsubstitution nämlich vergütet.

Übrigens: es gibt inzwischen auch Generika, da steht 5mg drauf … da ist allerdings nochmal ein anderes Salz vom Perindopril drin …

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Über Pharmama

Wie bringt man die Arbeit in der Apotheke und die Familie unter eine Haube? Mit viel Humor natürlich! Ich bin Apothekerin aus der Schweiz schreibe über Interessantes und lustiges in und um die Apotheke. unter: Pharmama.ch

Veröffentlicht am 06/05/2014 in Apotheke und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Als Chemiker kann ich nur sagen: Mit Stoffmengen (oder Wirkstoffäquivalenten) wäre das nicht passiert. 9µmol oder 9 Äquivalente oder so auf die Packung schreiben und fertig 🙂

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  2. Danke für diesen kleinen feinen Hintergrundbericht!
    Es ist immer wieder faszinierend womit die Pharmafirmen durchkommen.

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  3. Ein ähnliches Spielchen treiben die Firmen mit Ibuprofen. Da wird mal der reine Ibuprofengehalt dick aUf die Packung gedruckt oder der Ibuprofenlysingehalt, der natürlich eine höhere Zahl gibt, aber bei einer Firma tatsächlich weniger reines Ibu ergibt (500mg Ibulysin sind weniger als die 400mg Ibu von anderen Herstellern). Besonders doof sieht man dann aus, wenn der Kunde Ibu 600 verlangt und höher, daß die Rezeptpflichtig sind und dann wütend die Apotheke verläßt um später mit der Ibu-Lysin Ra**** 625 mg zurückzukommen und einem die triumphierend unter die Nase reibt…….
    Manchmal macht es die Pharmaindustrie echt schwer Sie zu verteidigen……

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  4. Das haben die sich aber clever ausgetüftelt. Ich kann verstehen, daß man als chemisch nicht bewanderter die mg Diskrepanz nicht aus dem Kopf bekommt!

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  5. Arginin ist aber doch eine Aminosäure – wie liegt das in dem Medikament als Salz vor?

    Erklärt mir das bitte jemand?

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    • Falls Du chemischen Hintergrund hast: Protonierter Stickstoff (also NH3+) oder deprotonierte Carboxylgruppe (COO-). Die Guanidingruppe lässt sich auch protonieren, so dass sie positiv geladen vorliegt.

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  6. Irgendeine

    Das selbe ja schon mal sowieso nicht! Höchstens das gleiche.

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    • Da das Schweizerdeutsche diesen Unterschied nicht macht, ist es ein typisch schweizerischer Fehler, das zu verwechseln. (Ich hätte es bestimmt auch falsch geschrieben… Ich muss mir jedes Mal überlegen, was noch mal der Unterschied war, und welches nun das richtige Wort ist.) Ist das Gleiche mit „exakt“ und „genau“. Ein Wert kann sehr exakt sein, aber ungenau und auch umgekehrt…

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