Seltene Krankheiten oder: Wieviel ist ein Menschenleben wert?

In der Schweiz wissen wir das – zumindest, wenn es um Medikamente geht. Es sind 100’000 Franken pro gerettetes Menschen-Lebensjahr.

Das sagt das Bundesgerichtes im sogenannten Myozyme Fall.

Bevor wir aber dazu kommen, ein paar Dinge zur Einführung.

Seltene Krankheiten nennt man so, wenn bis zu 5 von 10‘000 Menschen betroffen sind. Es handelt sich dabei meistens um vererbte Stoffwechselkrankheiten. Man kennt heute zwischen 6000-8000 seltene Krankheiten … geben tut es sicher einige mehr.

Wirksame Medikamente gibt es nur für rund 60 davon. Und die Behandlungskosten betragen zwischen 200‘000 und 600‘000 Franken pro Jahr und Patient. Die Forschung für seltene Krankheiten läuft allerdings weiter und man kann mit neuen medikamentösen Therapien rechnen.

Das Problem liegt auf der finanziellen Seite – die Belastung für die Grundversicherung steigt. Man redet von zusätzlichen 90 Milliarden Franken – zu den 60 Milliarden, die das System heute schon kostet.

Letztes Jahr hat sich in der Schweiz das Bundesgericht eingeschaltet und eine Obergrenze für die von der Krankenkasse zu übernehmenden Therapiekosten genannt: nicht mehr als 100‘000 Franken pro Jahr, wenn die entsprechenden Medikamente nicht auf der Spezialitätenliste aufgeführt sind.

Und das sind viele nicht – weil sie z.B. off label so angewendet werden, (also ausserhalb der Indikation die in der Packungsbeilage beschrieben ist) oder weil sie nur im Ausland hergestellt und erhältlich sind. Oder weil sie nicht genug Studien haben, dann sind sie auch nicht auf der SL-Liste, sondern der NLP … so wurden sie bisher nicht bezahlt – oder nur nach langen Verhandlungen mit den Kassen.

Das Problem ist auch, dass es keine Kriterien für ein Kosten-Nutzen Verhältnis im Off-label-Bereich gibt. Das sind Fragen, die tief in den Bereich der Ethik gehen – was darf wieviel kosten? Was, wenn es nicht Lebensnotwendig ist, aber eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringt?

Der Myozyme Fall ist ein Beispiel für die Problematik und die Grundlage für den Entscheid des Bundesgerichtes:

Zusammengefasst: Eine Patientin hat Morbus Pompe (eine seltene Krankheit). Sie bekommt Myozyme als Medikament – was jährlich CHF 600’000 kostet. Myozyme ist nicht in der Spezialitätenliste – es steht allerdings auch keine Alternative zur Verfügung. Myozyme ist aber als orphan drug ine einem vereinfachten Verfahren zugelassen worden.

Für die Patientin hat das Mittel folgende Auswirkungen: es stabilisiert die Befunde, steigert die Lebensqualität, mit Medikament braucht sie nachts keine Beatmung und kann bis 30m (mehr) selbst laufen.

Die Frage ist nun: reicht das / rechtfertigt das derart hohe Therapiekosten?

Es ist klar: die Frau leidet unter ihrer Krankheit. Mit Medikamente leidet sie … ein bisschen weniger. Sie stirbt aber nicht, wenn sie das Medikamente nicht bekommt.

Das Bundesgericht hat in diesem Fall entschieden, dass das Ergebnis dem finanziellem Aufwand nicht gerecht wird und sagt:

„Die Kostenfrage kann auch nicht auf die Seite ge- schoben werden mit der blossen Behauptung, es sei ethisch oder rechtlich unzulässig, Kostenüberlegungen anzustellen, wenn es um die menschliche Gesundheit gehe. Die finanziellen Mittel, die einer Gesellschaft zur Erfüllung gesellschaftlich erwünschter Aufgaben zur Verfügung stehen, sind nicht unendlich. Die Mittel, die für eine bestimmte Aufgabe verwendet werden, stehen nicht für andere ebenfalls erwünschte Aufgaben zur Verfügung. Deshalb kann kein Ziel ohne Rücksicht auf den finanziellen Aufwand angestrebt werden, sondern es ist das Kosten-/Nutzen- oder das Kosten-/Wirksam- keitsverhältnis zu bemessen. Das gilt auch für die Gesundheitsversorgung und die obligatorische Krankenpflegeversicherung, sowohl im Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Aufgaben als auch im Verhältnis zwischen verschiedenen medizinischen Massnahmen (…).»

Da steht dann auch:

„… untersucht der Myozyme- Entscheid rechtsvergleichend und unter Beizug gesundheits- ökonomischer Überlegungen, wie viel finanzieller Aufwand im Hinblick auf die Rettung eines Menschenlebens verhältnismässig ist. Er kommt zum Ergebnis, dass Beträge in der Grössenordnung von maximal CHF 100’000 pro gerettetes Menschenlebensjahr noch als angemessen betrachtet werden. Das Bundesgericht sieht diese Angaben dadurch bestätigt, dass die in der Schweiz maximal zugelassenen Therapiekosten in der Onkologie CHF 84’000 betragen.“

Das sagt also das Bundesgericht.

Ich lasse das mal so stehen.

Man kann jetzt darüber diskutieren, inwiefern sich die Regierung da einmischen soll. Auf der anderen Seite … Die andere Variante ist, dass die Krankenversicherungen selbst entscheiden, wieviel sie an den orphan drugs zahlen möchten.

Und das ist im Moment der Zustand:

Da steht in Art 71b 4 der Verordnung über die Krankenversicherung:

Die zu übernehmenden Kosten müssen in einem angemessenen Verhältnis zum therapeutischen Nutzen stehen. Der Versicherer bestimmt die Höhe der Vergütung.

Ist das besser?

(Quelle: http://www.physicianprofiling.ch/PompePolednaJusletter022011.pdf und admin.ch)

27 Kommentare zu „Seltene Krankheiten oder: Wieviel ist ein Menschenleben wert?

  1. Das ist wirklich ein schwieriges Thema. Vor allem, wenn es darum geht, Grenzen zu ziehen. 100 000 für ein Menschenleben pro Jahr erscheint mir wenig. Aber sicher, es summiert sich, und die Kassen müssen wissen, was sie überhaupt leisten können, bevor sie in anderen Bereichen streichen müssen, die vielleicht billiger sind, aber dafür einer Verbesserung der Lebensqualität von sehr vielen Menschen dienen.

    Was das Beispiel angeht: Über eine halbe Million pro Jahr für eine Person ist ein ganz ordentlicher Happen. Wenn ich diese Person wäre, wäre es mir unangenehm, das Geld (bzw die Leistung) anzunehmen? Wenn es die Kasse nicht zahlt, wäre es mir die Verbesserung auch wert, das Geld selbst aufzutreiben, allen Besitz der Familie zu verkaufen, an allem anderen zu sparen und Schulden zu machen, Zeit zu opfern und um Spenden zu bitten, damit vielleicht ein Jahr etwas Bewegungsfreiheit für mich herauszuschlagen und dann im nächsten dazustehen mit dem selben Problem und meinen Angehörigen einem riesigen Berg Schulden zu hinterlassen?

    Unsere Gesellschaft trägt die Schwachen so weit mit, wie sie kann. Aber ich denke, auch die Schwachen müssen einsehen, dass irgendwo eine Grenze ist, was man der Gesellschaft abverlangen sollte.

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  2. Ja, schwieriges Thema. Und noch sehr sehr viel komplizierter, als es auf den ersten Blick (sowieso schon) scheint. Ich stelle mir da z.B. auch die Frage, ob ein weiteres angenehmeres KINDER-Lebensjahr mehr Wert ist als etwa ein weiteres RENTNER-Lebensjahr… Hat jemand, der sich nach Kräften bemüht, gesund zu werden und mitzuarbeiten mehr Anspruch auf teure Therapien als jemand, der trotzdem weiter raucht/trinkt/unvernünftig lebt? Sollte ein Familienvater, der Verantwortung für vier Kinder trägt, mehr Therapie bezahlt bekommen als ein Single, der voraussichtlich auch keine Kinder (und somit Leistungserbringer für die Gesellschaft) mehr bekommen wird? Im Prinzip könnte man ähnliche Kriterien wie bei der Organvergabe anlegen….

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    1. Hmmm … aber bei der Organtransplantation werden die Spenderorgane (so ich weiss von einem Computer) an die Empfänger nach Wartezeit, Blutgruppe, Antigenen und Dringlichkeit vergeben … eben *nicht* nach Lebenswandel, Alter etc.

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      1. Wenn solche Krieterien angelegt würden, müsste ich meine Bereitschaft zur Organspende überdenken. Es heißt nicht umsonst SPENDE, und das hat für mich was mit bedingungslos zu tun. Ich möchte, dass meine Organe, soweit brauchbar, ohne Vorbedingung jedem zur Verfügung stehen, der sie braucht. Die Entscheidung, wer ein Organ bekommt ist ohnehin schon nicht einfach.

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  3. Könnte es sein, daß eine Begrenzung der Kosten – möglichst europaweit – dazu führt, daß die Pharmakonzerne ihre Medikamente billiger anbieten? Es wird immer damit argumentiert, daß die Entwicklungskosten immens sind, aber stimmt das wirklich? Manchmal habe ich das Gefühl, daß die Werbungskosten Unsummen verschlingen, was letztlich auch über Krankenkassenbeiträge finanziert wird.

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      1. Eine Idee ist – der Staat soll aus eigener Kasse die Forschungs- und Entwicklungskosten bezahlen.

        Und dann den Wirkstoff ganz ohne Patent- und sonstigen Schutz freigeben. Die 1 Milliarde Franken ist durch Einsparungen im ganzen Gesundheitswesen schnell wieder reingeholt – aber Mut muss man für so einen Schritt schon haben.

        Denn es ist nicht möglich, dass die marktwirtschaftlich orientierte Pharmaindustrie alle Kundengruppen zufriedenstellt – vor allem wenn sie nicht zahlungskräftig ist, oder wenn sie aus der Dritten Welt stammt. Aber wenigstens kann der Staat völlig andere Prioritäten setzen und auch Minderheiten dabei berücksichten.

        Das ist noch ziemlich lesenswert:

        http://www.forbes.com/2010/02/19/expensive-drugs-cost-business-healthcare-rare-diseases.html

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    1. Nicht zu vergessen: Wenn die Entwicklungskosten nicht wieder eingeholt werden können, werden auch kaum mehr Anstrengungen unternommen, neue Medikamente zu finden. Das gilt speziell für solche seltenen Krankheiten – da ist der Absatzmarkt enorm gering.
      Da denke ich nicht, dass das einen Einfluss haben wird, die Medikamente noch billiger anzubieten, höchstens weniger Medikamente zu entwickeln und herzustellen.

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      1. Ja, und weil der Absatzmarkt so klein ist, sind die Kosten pro erkrankter Person so hoch. Andererseits glaube ich nicht, dass von allem beliebig viel hergestellt werden kann. Nochmal mein persönliches Beispiel: Medikament ist ein Blutplasmaprodukt, erforscht, entwickelt, hergestellt in den USA. Mehrere tausend Plasmaspenden ergeben ca. eine Charge (wieviel das ist, weiß ich aber nicht). Nur eine einzige Firma stellt dieses Medi her, der Markt dafür ist so klein, dass es nicht über Apotheken abgegeben wird sondern direkt vom Hersteller bezogen wird.
        Um ein Argument von weiter oben wieder aufzugreifen: Wie sollte so etwas der Staat regulieren? Und: Welcher Staat überhaupt?

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        1. Der Staat muss regulierend eingreifen, weil das Recht auf Leben nicht marktwirtschaftlichen Zwängen unterworfen sein darf. Ein Pharmaunternehmen will ein HIV-Medikament für 1500 $/Jahr verkaufen. In Industrieländern, ja. Das ist vertretbar. Aber auch in Entwicklungsländern? Nee, das betreffende Land muss die Produktion des Arzneimittels selber in die Hand nehmen und es zum Selbstkostenpreis abgeben.

          Und schliesslich ist der Staat (zumindest in der Theorie) dem Wohlergehen seines Volkes verpflichtet. Die Grundrechte schützen die Menschen und seine Gesundheit, aber es gibt aus gutem Grund kein einziges Grundrecht, das von einem (Pharma-)Unternehmen in Anspruch genommen werden kann.

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          1. Wir sprechen hier von seltenen Krankheiten, also auch von Medikamenten, die nicht jede Firma herstellt. Diese (angenommen) eine einzige Firma bezahlt Forschung, Produktion usw. allein. Was willst du da regulieren? (Für „mein“ Medikament gibt es nur Bedarf in Nordeuropa und teilweise Nordamerika. Geschätzt ist einer von 7000 Deutschen krank, davon sind im Moment 600 registriert.) Solche Fälle gibt es bestimmt mehr. Wie willst du da regulierend eingreifen? Ich fände es auch besser, es wäre weniger teuer, obwohl meine gesetzliche Krankenkasse ohne Umstände bezahlt. Anscheinend lohnt sich eine Produktion in Deutschland noch nicht. (?)
            Dein Argument „Grundrecht nicht für Pharma-Unternehmen“ liest sich gut, erschließt sich mir aber nicht.

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    2. Für die verschreibungspflichtigen Medikamente sind die Möglichkeiten zur Werbung massiv eingeschränkt. Zumindest in Deutschland. Ein wenig Spielraum, das noch weiter einzuschränken, ist sicher da. Aber das reisst es nicht raus.
      Für die nicht verschreibungspflichtigen: So what? Wenn die Bürger über den Kauf selbst entscheiden? Das belastet nicht die Solidargemeinschaft.

      Bei der Entwicklung und Herstellung zeigt sich aber ein Paradox: Die Arzneimittelkosten sollen auf Politikerwunsch immer weiter sinken, gleichzeitig steigen aber – zum Schutz der Bürger – die gesetzlichen Anforderungen, um überhaupt ein Arzneimittel zuzulassen und herzustellen. Es werden z.B. immer aufwendigere klinische Prüfungen gefordert und bei der späteren Herstellung muss der Hersteller immer mehr Punkte der gesamten Lieferkette vom Rohstoff bis zum Versand aufwendiger überwachen (Validierungen, Audits, …). Das Ganze muss dann noch in etlichen Dokumenten nachgewiesen und in weiteren Dokumenten zusammengefasst werden.

      Die Ausbeute bei der Suche nach neuen Arzneistoffen ist in den letzten 20 Jahren immer schlechter geworden. Pro Jahr wird ca. die gleiche Anzahl neue Arzneimittel zugelassen, der dafür betriebene Aufwand ist aber explodiert. Und diese Kosten müssen wieder rein.

      Dazu kommt, dass die Herstellung immer komplexer wird. Die Tendenz geht immer mehr Richtung biotechnologisch hergestellter Arzneimittel. Da dies häufig komplexe Moleküle sind (z.B. Proteine), kann man die oft nicht über eine einfach hergestellte Tablette verabreichen, sondern muss eine steril hergestelt Fertigspritze nutzen. Die Herstellkosten sind extrem grösser als simple Tabletten.

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      1. Hast (wie so oft) Recht. Der Fairness halber muss man aber sagen, dass auch bei den verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ein großer Posten fürs Marketing draufgeht. Das ist dann zwar nicht das Marketing beim Endkunden, sondern eher das Marketing bei Ärzten.über Pharmareferenten, Messen, Fachzeitschriften, Seminare, etc. Manchmal muss man extra dafür auch noch eigene Studien anfertigen (wenn Du beispielsweise bei einem Antibiotikasaft für Kinder den „guten Geschmack“ herausstellen möchtest –> für Mütter und Kinderärzte ist das ein wesentliches Argument).
        Dieser Teil nimmt einen hohen Anteil an den Gesamtausgaben ein.
        @Filinchen: Diese Kosten für das Marketing sind aber notwendig. Es bringt wirklich nichts, wenn man ein super Medikament entwickelt, es dann aber nicht verschrieben wird, weil es keiner weiß. Da müssen die Kollegen aus dem Marketing auch saubere Arbeit leisten, Ärzte von der Überlegenheit des eigenen, neuen Produkts zu überzeugen.
        Man kann darüber sicher geteilter Meinung sein, aber wir leben in einer Marktwirtschaft.

        Auch Apple kann noch so tolle und schicke Produkte entwickeln. Wenn das Marketing versagen würde, verkaufen sich die Teile einfach nicht. Ist bei Arzneimitteln genauso.

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  4. Du meine Güte, das ist eine der schwierigsten Fragen, und egal was man entscheidet, man ist auf jeden Fall der „Böse“. Es wäre mMn aber unethisch, sich dieser eben nicht anzunehmen. Es gibt keine „richtige“ oder „falsche“ Antwort darauf. Die Wahl der Kriterien und Kostengrenzen müssen wir selber treffen, anhand dessen, was wir uns leisten können, aber auch wollen.

    Ich denke, es ist wichtig, auch die Lebensqualität in betracht zu ziehen. Was bringt es, ein Leben um ein Jahr zu verlängern, wenn dieses mieserabel ist? Wäre es der/dem Betroffenen vielleicht nicht lieber, nur ein halbes Jahr in Autonomie zu gewinnen (mir: ja)? Palliativpflege sollte vielleicht auch in Betracht gezogen werden, da wo es mit „lebensrettenden“ Massnahmen sowieso kaum etwas zu gewinnen gibt.

    Zum Glück gibt es Leute, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Ich habe grossen Respekt vor ihnen.

    Um zu den Fragen zu kommen: da die Krankenversicherung für jeden eine staatliche Anordnung ist, sollte auch der Staat und keinesfalls die Krankenkassen über so ein Thema entscheiden.

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    1. … und was ist mit den Ländern, wo die Krankenkasse nicht obligatorisch ist? Da ist eine solche Krankheit praktisch ein sicheres Todesurteil … wer hat schon so viel Geld?

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  5. Achtung, subjektiv: Nachdem ich drei „Leistungserbringer“ ins Leben entlassen hatte, wurde ich selber chronisch krank – mit genau so einer der genannten „seltenen Krankheiten“. Ich koste meine deutsche Krankenkasse jeden Monat etwa 8.000 Euro, bekomme jede Woche eine teure Infusion. Diese steht nur denjenigen zu, deren Messwerte sich zu Therapiebeginn in einem genau definierten Bereich befinden, weil es darüber eine oder zwei erfolgversprechende Studien gibt. Ich bin Mitte 50 und arbeite noch voll – das würde ich auch gerne weiterhin. Und, ganz ehrlich, wenn/falls durch diese Therapie mein allmähliches Ersticken gebremst werden kann, bin ich gottfroh. Wer möchte jetzt vielleicht entscheiden, ob sich dieses vielleicht für mich nicht lohnt?

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    1. Gudrun, das tut mir leid zu hören, dass Du da auch zu den Betroffenen zählst. Aber … mit 8000 pro Monat wärst Du noch innerhalb der angerissenen Grenze. (Aber nochmal: ich wollte das auch nicht entscheiden wollen).

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  6. Medikamentenpreise finde ich sehr schwer einzuordnen. Dass eine personal- und maschinenintensive Behandlung im Krankenhaus teuer ist, kann man überschlagen mit Einkaufspreisen für Maschinerie, Stundensätzen von Spezialisten etc. Was aber die Grenzkosten für eine Tagesdosis eines Medikaments sind – also die auf die Packung heruntergebrochenen Herstellungs- und Vertriebskosten inkl. Steuern etc., ohne die Entwicklung einzupreisen, ist für mich schon in der Grössenordnung schwer einzuschätzen: Packung „Aspirin“-Äquivalent in England für umgerechnet unter 1 Euro, in Deutschland mehrere Euro – und an Forschung kann ja bei Aspirin nicht mehr viel abzubezahlen sein.

    Wieviel Forschung (und damit Geld) einmalig in einem Medikament steckt und auf welchen Stückzahl-Umsatz man diese Zahlen, die eher wie Telefonnummern aussehen, dann umrechnen muss, ist mir erst recht nicht klar.

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    1. Die Kosten für ein neu entwickeltes Medikament sind nur schwerz zu beziffern. Seriöse Quellen setzen Werte von 500 Mio Dollar bis deutlich über eine Mrd. Dollar. Die meisten Zahlen liegen im Bereich 800 Mio bis 1 Mrd. Dollar.
      In notwendige Stückzahlen ist das kaum umzurechnen, denn es kommt auf die Krankheit an. Je gängiger die Krankheit, desto eher macht’s die Masse. Ein neues teueres Blutdruckmedikament gibt es für 100-300 Euro für 100 Tabletten. Ein neues Krebsmittel hat Therapiekosten im 5-stelligen Bereich pro Jahr. Mittlerweile ist für diverse Medikamente der 6-stellige Bereich locker geknackt:
      http://www.medicalbillingandcoding.org/blog/the-11-most-expensive-medicines-in-america/

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  7. Ich denke, einfach eine bestimmte Summe für ein Lebensjahr anzusetzen ist definitiv zu kurz gedacht. Seltene Erkrankungen sind nun mal teurer zu therapieren als häufigere. Ein neues Chemotherapeutikum für einen häufigen Tumor mag auch immesn hohe Entwicklungskosten haben, aber die Chance diese bei moderaten Preisen wieder hereinzuholen sind erheblich größer als bei Therapien für seltene. Sollen Patienten mit seltenen Erkrankungen dafür bestraft werden? Warum sollten sie schlechtere Chancen haben als andere mit ebenfalls schweren oder lebenbedrohenden aber häufigeren Krankheiten.

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    1. schwierige diskussion, wahrlich. auf der einen seite stimmt es, ein system kann nicht unendlich viel geld für sehr wenige leute ausgeben. aber ich als angehöriger dieser seltenen erkrankungen muss es zwangsläufig aus der individuellen perspektive sehen. Weiter oben wurde die Frage aufgeworfen: Wäre es unangenehm, diese Leistungen anzunehmen? Nein, denn wenn du an diesem Punkt einer Erkrankung bist, an dem du nur noch für jeden Cent kämpfen musst, verändert sich die sichtweise sehr schnell und deutlich. in der spezialstation, auf der ich bin, werden pompe-patienten behandelt und es ist beeindruckend, welche erfolge es den leutem bringt.

      in einer welt, wo (in deutschland zumindest), privat versicherte, wenn sie älter werden und höhere beträge zahlen immer irgendwie ein schlupfloch in die gesetzliche finden und leistungen beziehen, für die sie nie gezahlt haben, in einer welt wo jeder seine gesundheit individuell kaputt machen darf mit alk und nikotin – in der welt finde ich es nicht in ordnung, preise für menschenleben festzulegen. auch wenn es wirtschaftlich notwendig ist.

      wir blasen so unendlich viel geld für unsinn raus als gesellschaft, warum ist es dann nicht möglich, geld für die wirklich wichtigen dinge zu haben?

      pharmaunternehmen tragen natürlich horrende kosten für die entwicklung von medikamenten gegen seltene erkrankungen und sehen nicht viel davon wieder. aber warum auch? mit aids, krebs etc. lässt sich besser geld verdienen, es verkauft sich in der PR besser es ist das bessere Geschäftsmodell.

      wenn ihr das nächste mal mit pr-aktionen konfrontiert seid (die ja gut und wichtig sind), dann fragt euch, warum selten krankheiten auf der agenda stehen, die es auch gibt, die aber fast keiner hat und deswegen weniger wichtig sind.

      so. genug verschwurbeltes zeug geredet. ein schlusssatz noch: als gesunder mensch lässt es sich vortrefflich darüber rational und gesellschaftlich diskutieren. wie es sich dann am ende anfühlt, ein nicht lohnendes modell zu sein und keine besserung/linderung/heilung zu erfahren, obwohl es möglich wäre – DAS ist eine ganz andere nummer….

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  8. Hier muss man daran erinnern, dass die Bundesverfassung die Menschenwürde sowie die Gleichheit aller Menschen festschreibt. Das führt unter anderem zum Quantifizierungsverbot, d.h. dass man ein Menschenleben nicht quantitiativ oder qualitativ gegen ein anderes Menschenleben aufrechnen darf.

    Deshalb ist es auch umstritten, ob die Polizei einen Geiselnehmer erschiessen darf, um die Geiseln zu retten.

    Genau so eine Aufrechnung des einen mit einem anderen Menschenleben aber findet statt, wenn man den Behandlungskosten eine Grenze setzt.

    Für meine eigene Arbeit musste ich mich in die QALY- und DALY-Konzepte einarbeiten. Beides sind Kennzahlen, mit deren die Lebensqualität von Menschen berechnet wird. Und beide wurde dazu erschaffen, um mit möglichst geringem finanziellen Aufwand möglichst möglichst viele QALYs (Pluspunkte, da allgemeine Lebensqualität) zu erzielen oder möglichst viele DALYs (Negativpunkte, da krankheitsspezifische Behinderungen) zu verhindern.

    Wenn die Bekämpfung einer Krankheit zuviel kostet, wird ganz simpel darauf verzichtet, und der finanzielle Aufwand wird zugunsten einer anderen Krankheit erbracht. Und die WHO richtet sich nach diesen QALYs und DALYs, wenn sie die finanziellen Mittel zuteilen muss.

    Es ist oft nicht möglich, chronisch Kranke Menschen zu heilen. Man kann oft nur deren Lebensqualität verbessern. Und das ist entsprechend teuer – bei einem Akutpatienten kann man die volle Lebensqualität schnell und recht günstig wieder herstellen. Dasselbe Problem gibts bei den seltenen Krankheiten.

    Und auch sind die QALYs und DALYs auf eine seltsame Weise kultur-unabhängig. Erstens, indem dieselbe Krankheit gemäss DALY-Zahl bei verschiedener Versorgungslage (Diabetiker in Europa und Diabetiker in einem Entwicklungsland) als gleich schlimm angesehen wird. Und zweitens, indem der durchschnittliche Aborigine aus Australien gemäss den Befragungen eine höhere QALY-Zahl erreicht als der vom materiellen Wohlstand verwöhnte, aber doch gestresste und herzinfarktgeplagte Europäer, wird eine sonst objektive Zahl auch wieder pervertiert. So erscheint der Europäer als jener, dessen Lebensqualität zu verbessern als dringlicher erscheint.

    Es ist auch für mich schwierig, eine eigentlich sehr ausgereifte Methode anzuwenden, und gleichzeitig weiss ich, dass sie gegenüber einer Minderheit von Menschen sehr ungerecht ist.

    Dasselbe passiert bei den Gesundheitskosten. Irgendwo muss man mit einer Rationierung der Leistungen anfangen, da es in der heutigen Medizin nicht genug Geld gibt, um alle Menschen zu heilen bzw. ihre vollständige Lebensqualität wieder herzustellen.

    Und irgendwie muss man auch das Gesundheitswesen hinterfragen, denn es kann ja nicht sein, dass unsere Pro-Kopf-Gesundheitskosten deutlich höher sind als jene in Deutschland, und trotzdem leben wir nicht länger als die Deutschen. Da werden gewiss massive finanzielle Mittel frei, mit denen viel Lebensqualität geschaffen werden können.

    Bei den beiden grossen Basler Spitälern, das Universitätsspital und das Bruderholz sehe – beide sind durch einen offiziellen Wanderweg verbunden, etwa eine Stunde zu Fuss – da kriege ich jeweils Kopfschmerzen…

    Weiterer Lesestoff zu den DALY und QALY: http://de.wikipedia.org/wiki/DALY

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  9. Hier in Deutschland gibt es die Pro Kopf Pauschale.

    Das heißt im Falle eines Unfalls mit Schädel-Hirn-Trauma und multiplen Verletzungen bekommt das Krankenhaus 40 000 Euro für diesen Patienten. Wenn er lebend eingeliefert wird und dann nach wenigen Minuten stirbt, bekommt das Krankenhaus diese 40 000 Euro. Wenn er aber überlebt, zigfach operiert wird und eine sehr aufwendige Behandlung bekommt, deren Kosten dann schnell in die 100tausende geht, bekommt das Krankenhaus auch eine Pauschale von 40 000 Euro. Dies hat dann zur Folge, das Polytrauma Patienten mit der Ausrede abgelehnt werden, die Ops seien z.Z. alle besetzt und man könne den Patienten nicht versorgen. Das Krankenhaus bleibt auf dem Minus sitzen, denn die Kosten können natürlich auch nicht dem Patienten zur Last gelegt werden. Also müssten nun auf einen intensiv betreuten Polytrauma Patienten zehn Polytrauma Patienten kommen, die lebend eingeliefert werden und dann gleich versterben, damit das Krankenhaus kein Minus macht.

    Bei Medikamenten, Krankengymnastik, Röntgenbildern, MRT etc. ist es das Selbe.

    Weiterhin wird dem Arzt vorgeschrieben, wie viele Patienten er im Quartal behandeln darf. Mein Chef könnte mindestens14 Tage im Quartal die Praxis schließen, weil er dann kein Geld mehr für seine geleistet Arbeit von der Krankenkasse bekommt.

    Die Krankenkassen haben sogar Verträge mit den Pharmafirmen und die wechseln ständig, so dass man da nicht mehr durchsteigt, wem man was bei welcher Kasse noch aufschreiben darf.

    Also hat man nicht nur die Probleme mit den seltenen Krankheiten, sondern es fängt ja schon im Kleinen an… …Immer mehr Kassenbeiträge immer kleinere Leistungen… …und die Manager haben schöne Gehälter und sind Privat versichert…

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