Von Spinat und Rüebli – und von unbeabsichtigter und absichtlicher Misinformation

Im Spinat ist gar nicht so viel Eisen drin, wie früher angenommen wurde – das ist inzwischen bekannt. Aber wie kam man eigentlich darauf?

Angeblich wurde bei der Analyse und der anschliessenden Berechnung des Eisengehalts um 1870 von Dr. E. Wolf ein Dezimalfehler gemacht (er setzte einen Punkt falsch) wodurch dem Spinat ein zehnmal höherer Eisengehalt als tatsächlich vorhanden zugeschrieben wurde. Eine zweite Version erzählt davon, dass getrockneter Spinat von einem Von Bunge auf den Eisengehalt untersucht wurde und der Fehler darauf beruht, dass er den Gehalt nicht auf das frische Gemüse zurückrechnete.

Um 1940 kam man dem Fehler in Deutschland auf die Spur, aber die Missinformation hält sich hartnäckig.

Aber Rüebli – Karotten sind gut für die Augen, oder? Auch das habe ich früher öfters gehört. „Iss deine Rübchen, dann siehst du besser und du brauchst keine Brille“. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das funktioniert nicht. Meine Mama hat, als sie mit mir schwanger war viel Karotten gegessen. Soviel, dass es Fotos von mir gibt gleich nach der Geburt, auf denen ich einen deutlichen Orangestich habe – der nicht ein Film-fehler ist. Rüebli waren auch für die Schweiz klassischerweise das erste Gemüse (in Breiform natürlich), das ich bekam. Trotzdem habe ich heute eine Brille.

Aber woher kommt diese Aussage eigentlich?

Im zweiten Weltkrieg wurde diese Aussage von Englands Luftabwehr bewusst in die Welt gesetzt um zu erklären, warum sie auf einmal einen derartigen Erfolg hatten Nachts Nazi Bomber schon von weitem anfliegen zu sehen.

Speziell ein Flight Lieutnant John Cunningham wurde dafür verantwortlich gemacht. Man nannte ihn „Cat Eyes“ aufgrund seiner ausserordentlichen Nachtsicht, die er auf seine Vorliebe für Karotten zurückführte. Man forderte andere Soldaten auf, möglichst viel von diesem Gemüse zu essen, um denselben Effekt  zu erreichen.

Die Fehlinformation war so erfolgreich, dass auch viele in der Bevölkerung anfingen Karotten zu essen – es konnte ja nur helfen, wenn mal wieder ein Stromausfall war oder die Lichter absichtlich nicht eingeschaltet werden durften wegen Angriffsgefahr.

Die Wahrheit hinter dem Erfolg der Luftabwehr waren aber nicht die durch Karotten verbesserte Nachtsicht der Soldaten sondern ganz profan der neu und im geheimen entwickelte Airborn Interception Radar. -Die Täuschung war erfolgreich – und die Nachwirkungen „spüren“ wir bis heute.

Lustigerweise ist aber zumindest ein Körnchen Wahrheit an der Geschichte mit den Karotten und den Augen:
Karotten sind eine gute Quelle von  Beta-Carotin, das ein Vorläufer von Vitamin A ist- einem Vitamin, das wichtig ist für ein gesundes Augenlicht, die Haut, Wachstum und Widerstandskraft gegen Infektionen. Trotzdem verbessert das Essen der Karotten das Sehen an sich nicht.

Wer an Nachtblindheit (nyctanopia) leidet, also wer schlecht sieht bei wenig Licht, dem kann zumindest ein bisschen geholfen werden, wenn er Karotten zu seinem Essen hinzufügt, denn er leidet wahrscheinlich an Vitamin A Mangel.

Das Beta Carotin kann auch helfen das Risiko von grauem Star und Makuladegeneration (Augenkrankheiten, die die Sicht behindern) einschränken. Allerdings sind Studien, die auf eine solche Verbindung deuten mit viel höheren Dosen gemacht worden, als man durch normales Karottenessen aufnehmen kann. Es ist aber auch keine gute Idee zuviel zu essen – grosse Dosen Vitamin A können giftig sein – wie alles, was man zuviel nimmt. Vitamin A als fettlösliches Vitamin sammelt sich im Körper an. Und zuviel Betacarotin gibt carotenemie – eben das von mir erfahrene gelb-orange werden der Haut. Das ist zumindest reversibel.

Im übrigen: Spinat enthält einiges mehr Betacarotin als Rüebli, wegen der grünen Farbe sieht man das Orange einfach nicht – und ist darum ein besserer Vitamin A Lieferant. Und das war auch der Grund, warum Popeye Spinat isst – nicht wegen dem Eisen – sondern wegen dem Vitamin A –Gehalt.

Quellen: http://www.snopes.com/food/ingredient/carrots.asp
Internetjournalofcrimonology (Das ist mal ein interessanter Artikel)

13 Antworten auf „Von Spinat und Rüebli – und von unbeabsichtigter und absichtlicher Misinformation

  1. Ich habe als Kind von meiner Mutter immer ganz viel Möhrensaft zu trinken bekommen. Mindestens eine halbe Flasche pro Tag. Und jetzt trage ich auch eine Brille ;)
    Wobei ich, glaube ich zumindest, dass nicht bekommen habe, weil davon die „Augen besser werden“… aber jetzt ist es zu spät um nachzufragen.

    Aber dadurch hatte ich auch diesen Orangestich. Zum Glück sichtbar nur an der Innenseite der Hände. Aber er war da!

    Liken

  2. Mein kleiner Bruder hatte in Breizeiten einen durch Kürbis verursachten orangestich… :D

    Hm, Spinat gehört aber trotzdem zu den eisenreicheren Gemüsen, oder? (irgendwie habe ich „je dunkler grün/rot desto mehr Eisen“ im Kopf… oder ist das völliger Blödsinn?)

    Liken

    1. Ja, Spinat gehört *trotzdem* zu den eisenreichen Lebensmitteln – wie alle grünen Gemüse. Es ist nur nicht wahnsinnig eisenhaltiger als andere. Und je bunter desto besser – sagt zumindest die Mittelmeerdiät – das hängt sicher auch mit dem Betacarotin zusammen.

      Liken

  3. also, liebe Pharmama, jetzt hast Du mich aber einer Illusion beraubt: und ich glaubte bisher Popeye .. :-(
    aber mal was Anderes: bei Spinat fällt mir ein, dass das auch als Entschuldigung (vor Gericht) gelten kann: „er musste als Kind Spinat essen“ ;-)

    Liken

  4. Hi Pharmama,

    danke für die interessante Info. Immer wieder spannend zu lesen, wie manche Dinge zustande kommen.
    Allerdings ist die Info zum Beta-Carotin und Vitamin-A Vergiftung nicht ganz korrekt. Es ist nicht mit Vitamin A (Retinol) gleichzusetzen, sondern Beta-Carotin ist eine Vorstufe, also ein Provitamin A, d.h. im Körper wird es erst zu Vitamin A (Retinol) umgebaut. Laut DGE in den Mengen, wie der Körper das Vit. A braucht. Das heisst, bei einigermaßen guter Vitamin A Versorgung nimmt die Umwandlung von Beta-Carotin zu Vitamin A ab und umgekehrt. Mit Beta-Carotin allein ist damit eine Vitamin-A Vergiftung schwer zu erreichen. Anders natürlich, wenn man Vitamin A direkt aufnimmt.

    Grüsse Naschi

    Liken

  5. wiedermal was gelernt!
    interessant wie das gerücht um die karotten & augen zustande gekommen ist;)
    das die haut bei übermäßigem genuss sich verfärben soll, habe ich zwar mal gehört, aber die dosis müsste wohl gewaltig sein.
    immerhin besteht mein mittagessen 4 (arbeits)tage die woche zu 90% aus karotten und trotzdem bin ich käsig-bleich wie es sich für den winter gehört. glück gehabt;)

    Liken

Was meinst Du dazu? (Wenn Du kommentierst, stimmst Du der Datenschutzerklärung dieses Blogs zu)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.