Tuben in Blind

Zu unseren Kunden gehören auch ein paar sehbehinderte und blinde Personen. Und ich muss sagen, ich finde es bewundernswert, wie diese ihr Leben meistern.

Dass das gerade mit Medikamenten nicht gerade einfach ist, kann man sich vorstellen. Heute finden sich zwar auf manchen Packungen Angaben mit Blindenschrift, aber bei weitem noch nicht auf allen.
Und ganz schwierig wird es mit Salbentuben, wie ich letzthin gemerkt habe.

Der freundliche blinde Mann, blieb wie gewohnt am Eingang stehen, damit wir ihn bedienen können.
Pharmama: „Was darf es denn sein?“
Mann: „Eine Tube Zahnpasta und eine Handcreme“.
Wir fanden rasch etwas passendes und gehen zur Kasse, da fragt er mich:
„Welche von denen ist die Zahnpasta?“
Ich schaue die Tuben an … und dabei geht mir das Problem auf: beide sind natürlich nicht in Kartons verpackt, keine ist mit Blindenschrift angeschrieben. Beide sind diese neueren Kunststofftuben …
Pharmama: „Diese hier (drücke sie ihm in die Hand), ist die Zahnpasta. Sie ist etwas schmaler und länger und hat einen Drehverschluss – die Handcreme ist etwas kürzer und breiter und hat einen Klappdeckel.“
Er hat sie beide in die Hände genommen und gut „angeschaut“ – na ja, angefühlt. Man muss sich das mal vorstellen: Wieviele Tuben hat man zuhause? Und was ist da alles drin? Von Zahnpasta über Senf bis Fusscreme – Verwechslungen wären teilweise fatal – und wenn man etwas neues kauft, muss man das erst mal wieder memorisieren.


Aber mir ist wieder einmal mehr bewusst geworden, wie abhängig ich von meiner Sehkraft bin. Selbst in so kleinen Dingen. Und meine Arbeit, die könnte ich blind nicht erledigen. Da bin ich grad wieder froh über meine Sehkraft. Trotz Brille.

12 Kommentare zu „Tuben in Blind

  1. Ja, das habe ich auch vor ein paar Wochen gedacht; eine PharmaAssistentin hat gerade erfahren, dass sie ohne Operation erblindet… Und da dachte ich mir, dass ohne Augenlicht in der Apotheke nichts funktioniert! Man kann kein Rezept lesen, den Computer nicht bedienen, die Packungen nicht lesen… Man ist arbeitsunfähig! Ganz abgesehen von den alltäglichen Problemen wie ein Glas Wasser einzuschenken oder das Ablaufdatum der Milch checken…
    Wenn man es sich überlegt hat, so ist man wieder richtig dankbar für sein Sehvermögen, auch wenn man zum Autofahren eine Brille aufsetzen muss.

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    1. Der Computer ist das kleinste der Probleme. Es gibt inzwischen gute Vorleseprogramme, oder auch die Möglichkeit, den Computer über eine Braille-Zeile zu bedienen (ein Zusatzgerät, das den Text auf dem Bildschirm in Blindenschrift anzeigt).

      Es ist sogar so, dass in Zeiten der Computerisierung blinden Menschen wesentlich mehr Lesestoff zur Verfügung steht als vorher – denn fast alles was online ist, kann auch durch entsprechende Programme angezeigt werden, während Blinde bisher auf Hörbücher und spezielle Druckerzeugnisse in Blindenschrift angewiesen waren.

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  2. Es gibt doch diese kleinen mobilen Schriftbanddrucker (weiß jetzt nicht, wie diese Geräte genau heißen) – wo nach der alten Technik die Buchstabenform aus einem stabilen Kunststoffband die Buchstaben herausgeprägt werden, diese erscheinen dann weiß auf dem einfarbigen Band.

    Das wäre dich ideal mit der Brailleschrift. Gibts das noch nicht? So ein Gerät kann man ja fast schon in der Hosentasche mitführen und so gleich fühlbare Beschriftungen auf verwechslungsgefährdete Verpackungen kleben.

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    1. doch, so etwas gibt es.

      Wir haben während der Ausbildung den Blindenverband hier in der Stadt besucht und es ist erstaunlich, wie viele kleine Helfer es für Sehbehinderte Menschen gibt.

      Tuben kann man anhand des Verschlusses und der Größe, des Materials mit etwas Übung ja noch auseinander halten, aber was ist mit Dosen?

      Da sehen Aprikosen, Sauerkraut etc. alle gleich aus…
      Der Mann, der uns damals alles erklärt hat hat erzählt, er beschriftet sich die Dosen immer mit eben so einem Gerät, das Text in Blindenschrift ausdruckt.

      Es gibt auch Bibliotheken für Bücher in Blindenschrift… da hat dann z.B. der 7. Harry Potter 12 Bände. :-)

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    1. Hallo Ichbines,

      das kannst Du bei „Dialog im Dunkeln“ in etwa nacherleben. Diese Ausstellung gibt es z.B. in Hamburg oder Wien. Es werden Alltagssituationen wie Marktstände, Strassenszenen etc. nachgestellt in absolut dunkler Umgebung. Als Gästeführer führen Blinde die Menschen durch die Szenen und erklären, wie ein Blinder sich zurecht findet.
      Interessant fand ich auch die Bar im Dunkeln – wir haben dort Getränke bestellt und es war gar nicht so einfach, das Geld passend herauszusuchen und dann das Glas zu nehmen, ohne es umzustossen.

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    2. Ich habe vor ein paar Monaten mit meinem Freund ein Dunkeldinner besucht, die gibt es glaub ich vielen etwas größeren Städten (wir waren in Freiburg, das ist nicht sooo groß).
      Das war ziemlich eindrucksvoll. Man kann absolut wirklich gar nichts sehen, in den Raum kommt nicht der kleinste Lichtstrahl. Man verliert sofort jede Vorstellung von der Größe und Form des Raumes, man weiß nicht so richtig wer neben einem sitzt, man erkennt das Essen nur wenn man es vorher schon oft gegessen hat am Geschmack, Getränke musste man sich selber einschenken etc. .Bei uns war das noch in Verbindung mit einem „Fühlkrimi“ bei dem Geschichten erzählt wurden und Sachen im Raum rumgeflogen sind (Kühlpacks und Unterwäsche z.B.). Als hinterher das Licht angegangen ist hat kein einziger im Raum die Situation/Positionen vorher richtig eingeschätzt. Kann ich nur empfehlen als kleine Reise in die Welt der Blinden.

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  3. @thorsten und julia: JA JA JA und danke für das wasser auf meine mühlen.

    als die lustige eu nach mehreren vorwürfen seitens der blindenverbände die ebenso lustige verordnung herausgab, dass die „umkartons“ (welch unwort!) von medikamenten name und stärke des jeweiligen medikamentes in braille-schrift eingedruckt haben müssten, da war ich ja aber sowas von dagegen.

    verstehen sie mich nicht falsch: nicht wegen der exorbitanten kosten, und auch nicht, weil mir die blinden oder sehbehinderten gleichgültig wären.

    aber meinen unmassgeblichen recherchen zufolge behelfen sich viele patienten eben mit so einer beschriftungsmaschine, und alleine schon kostenmässig wäre es viel besser gewesen jedem der es möchte eine derartige maschine zu geben, mitsamt allem drumherum. da hätten die patienten nämlich eben dieses von pharmama beschriebene problem nicht gehabt, und auch andere dinge beschriften können. all die dinge des täglichen gebrauchs die aufgrund der globalisierung in einheitlich geformten flaschen oder tiegeln mit einheitlichen schraubverschlüssen abgepackt sind: wo ist da die sehbehindertengerechte bschriftung, hä??? schon mal darüber nachgedacht, liebe eu???

    auf dauer wäre das für die patienten – meiner unmassgeblichen meinung nach, aber natürlich habe ich einige viele leute gefragt – viel besser und handhabbarer gewesen. und den apothekern, die dann bei der abgabe freundlicherweis die beschriftung der tuben, blister, dosen, was auch immer, vorgenommen hätten, denen hätte man doch ohne weiteres den mehraufwand entsprechend abgelten können.

    wäre für industrie, gesetzgeber, besonders aber für die betroffenen, immer noch einfacher, sicherer und günstiger gewesen, dies alles in beliebiger reihenfolge.

    leider konnte sich die österreichische vertretung im entsprechenden gremium nicht durchsetzen. aber ich habe diese idee mehrfach und vor zeugen laut kund zu wissen getan.

    und wenn jemand die idee hier aufgreift und durchrechnet und umsetzt: das wäre mir eine freude. vor allem aber vielleicht ein angebot an sehbehinderte, das denen wirklich helfen kann im alltag. danke für ihre aufmerksamkeit.

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  4. Da finde ich es gut, dass es in D seit etwa 5 Jahren Vorschrift ist, dass Fertigarzneimittel auf ihrer Verpackung den Namen des Medikaments in Brailleschrift stehen haben müssen. Ist zumindestens ein Anfang…

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  5. Die Apothekerkammer meines Bundeslandes hat die Apotheker über folgende Homepage informiert:
    http://www.patienteninfo-service.de/
    Dort findet man die Gebrauchsinformation von Arzneimitteln in 4 Formaten:
    „- als Normaldruck, das heißt zweispaltiges DIN A4 Format,
    – als Großdruck speziell für Sehbehinderte,
    – als Website, die auch abschnittsweise elektronisch vorgelesen werden kann,
    – als Datei im DAISY-Format zum Download, wobei DAISY
    für „Digital Accessible Information System“ steht und ein
    navigierbares Hörbuchformat bezeichnet.“
    Die Pharmafirmen beteiligen sich freiwillig, deswegen sind bisher „nur“ etwa 1000 Arzneimittel dort erfasst. (immerhin ein Anfang, finde ich)
    Als Apotheker kann man den Kunden also anbieten, nach Gebrauchsinformationen dort zu suchen, den Sehbehinderten die großformatigen Hinweise auszudrucken oder ggf. digital in diesem DAISY-Format abzuspeichern. Ich weiß leider nicht, wie verbreitet ein DAISY-Player unter den Blinden und Sehbehinderten ist, man kann damit wie bei einem Hörbuch navigieren, mit normalen mp3-Playern ist das wohl bei diesem Format nicht/ nur eingeschränkt möglich.

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  6. Schön, dass es diese Geräte wirklich gibt. Allerdings hätte es mich schon was gewundert, wenn man bedenkt, für welche sinnvolle und sinnlose Zwecke es Helferlein gibt.

    @ kelef:
    Ein interessanter und nachvollziehbarer Gedankengang. Schade, dass die Politik hier nicht den praktisch sicher effektiveren Weg mitgegangen ist. Auch wenn es natürlich schön ist, gleich eine Braille-bedruckte Umverpackung zu erhalten und sich das nicht selber schreiben zu müssen. Aber es sind dann ja nur entsprechende Medikamente mit Umverpackung – und davon auch nur die Umverpackung. Zumal ich mir denke, dass mit der Zeit durch die häufige Benutzung das ziemlich flott gehen wird – vergleichbar mit SMS-Tippen. Wenn ich zurückdenke, wie das damals gedauert hat anfangs bei meinem ersten Handy (noch ohne T9). Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und mittlerweile (nach T9 eines mit QWERTZU-Tastatur) geht das ratzfatz, zum Teil auch „blind“ – dank echter Tasten, habe bewusst keinen Betatsch-Screen gewählt.

    @ Daniela:
    Eine schöne Idee, auch wenn eine umfassende Umsetzung natürlich schwierig ist, solange es freiwillig ist. Wobei ich spontan meinen würde, dass vielen schon damit geholfen ist, wenn eine digitale Version (in einem offenen Format wie HTML) bereitsteht. Daraus kann man doch heutzutage schon viele Zwecke bedienen? Auch wenn es natürlich schöner ist, wenn die verschiedenen Formate bereits angeboten werden und diese sich nicht jeder selbst aus der offenen digitalen Form erstellen muss.

    @ naschbaer und schmasi:
    Ich hab bisher immer nur von dem Dinner im Dunkeln gehört – und hab bis gerade gedacht, dass genau das der „Dialog im Dunkeln“ sei. Aber dass dabei verschiedene alltägliche Situationen im Dunkeln dargestellt werden, macht das Ganze ja noch ungemein interessanter. Danke also für den Hinweis :)

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  7. Na ja, in meiner Stadt ist blind sein quasi Alltag und Stadtbild, weil sich hier das einzige Internat (Gymnasium) für Blinde in Deutschland befindet…Die ganze Stadt ist quasi drauf eingerichtet…
    Unsere Ampeln haben alle unterschiedliche Pieptöne..Außerdem vibrieren die Schalter, sodass man auch nochmal überprüfen kann welche Ampel gerade grün ist…Die Busfahrer sagen ganz automatisch, wenn ein Blinder vorm Bus steht, die Nummer des Buses an… 4 oder 7 etc…Und jeder Einkaufsladen bietet Einkaufsbegleitung für Blinde an…Wir haben sogar sprechende Bankautomaten…Allerdings sagen die auch den KONTOSTAND an…, daher meide ich die Dinger…

    Und einen Astrologielehrpfad in Blindenschrift haben wir auch…

    Nervig kann es im Kino sein, wenn du quasi neben dem Betreuer mit den blinden Schülern sitzt, denen der ganze Film nochmal erzählt wird: Und jetzt sieht man ein Pferd auf der Wiese…etc…(klar, ich bin tolerant…und finde es auch irgendwie witzig, aber man kann dann dem Film nicht mehr so ganz wie gewohnt folgen, weil alles gleich in Worte gefasst wird…Ist also schon enorm, wie unterschiedlich man denkt::.)

    Ich habe auch schon mal ‚Mob‘ (Mobilitäts und Orientierungs) Training mitgemacht…Also es wird immer mal wieder was angeboten, wo Sehende die Welt der Blinden gezeigt bekommen und die Bedienung eines Blindenstocks fand ich ECHT fast nicht machbar…Also ich bin im Nirvana gelandet…
    Ähnliches haben sie auch mal in den Kassematten des Schloßes gemacht…Da ist es echt einfach nur dunkel und du kannst als Sehender nicht betrügen…Da haben manche Leute Panik bekommen..Und die Blinden ihnen erfolgreich den Weg gewiesen..

    Und zum thema Weg:

    Blinde mögen es übrigens gar nicht, wenn man sie versucht über eine Ampel zu zerren…Die meisten können sich prima selbst orientieren…und wenn sie doch mal Hilfe brauchen…, haken sie sich bei dir am Ellebogen ein..Also nicht einfach an ihnen rumreißen…

    Andererseits gibt es auch Schüler mit eigenartigem Humor, die ihre Blindenstöcke fast als Waffen gegen Passanten einsetzen…Die amüsieren sich kräftig, dass man sich bei IHNEN entschuldigt..

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