Reine Gewohnheitssache

Kunde kommt am Abendverkauf: Haben sie die kurzen braunen Nadeln?“
(ja, wofür wohl?)
Pharmama: „Ich zeige ihnen mal, welche wir hier haben“ -sage ich und halte ihm eine hin.
Kunde: „Oh, das sind die langen. Die kurzen finde ich besser. … ach, wenn man mal was gewöhnt ist …. Dann nehme ich halt ein braunes Flash-Pack.“
Dazu sage ich erst mal gar nichts – was soll ich da auch sagen? und nehme das Flash-Pack raus. Aber er überlegt wohl was er grad gesagt hat und meint:
„Also nicht grad gewöhnt …. ich meine, so oft brauche ich sie ja nicht …“
… Ich lese das Flash Pack ein …
Kunde: „Wissen sie, ich mache ja eigentlich Pause … das heisst … im Moment mache ich Pause von der Pause ….“ verlegenes Lachen.
Pharmama: „Uhumm …. das macht 3 Franken 50.“

Je mehr er gesagt hat, desto mehr hat er sich in die Bredouille geredet. Ehrlich, ich weiss schon, dass sie die Nadeln nicht für Insulin oder anthroposophische Krebstherapie brauchen und mehr muss ich gar nicht wissen.

Das hier ist übrigens ein Flash-Pack. Ein oranges – Unterscheiden tun sie sich durch die enthaltenen Nadeln.

Im Prinzip ist es das „Fixer-Notfallset“:

Es enthält 2 Spritzen 1ml mit Filter, 2 Kanülen 0.5 x 16mm,, 2 Alkoholtupfer, 2 Trockentupfer, Ascorbin 2x 0.5g, 2x 1.5ml NaCl 0.9% (Trägerlösung für Medikamente).

Ausserdem steht da drauf:

Warnung des Bundesamtes für Gesundheitswesen: Der Konsum von verbotenen Drogen kann ihre Gesundheit gefährden und ist strafbar.

und

Filterung: Lösung von Kokain und Heroin unbedingt gut erhitzen.

Achtung: Überdosis vermeiden. Der Reinheitsgrad des Stoffes ist immer unterschiedlich, darum langsam konsumieren. Bei Überdosis Sanität rufen Tel. 144.

Und das verkaufen wir in der Apotheke, ja.

36 Kommentare zu „Reine Gewohnheitssache

  1. Also einerseits finde ich das ja gut, dass dieser „Drögeler“ seine Spritze in der Apotheke holt.

    Andererseits aber bin ich total erstaunt, oder besser: „empört“ darüber, dass das Bundesamtes für Gesundheitswesen ja quasi dazu animiert, Kokain und Heroin zu spritzen…

    Also ich hab halt sowieso ein Problem mit Drogen: Mein Onkel starb mit 24 an AIDS… er hatte mit 12 angefangen zu rauchen, mit 14 zu spritzen… Resultat: er infizierte sich mit AIDS (hätte er Flash+ gehabt, wär das vielleicht nicht passiert ?!)… und das war damals in den Anfängen als man öffentlich von AIDS sprach. Ich war 10 als er starb und ich hab ihn immer sehr gemocht – manchmal fehlt er mir heute noch…!

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  2. Keiner animiert hier zum Drogen spritzen. Genau so wenig, wie kostenlose Kondome dazu animieren Sex zu haben. Im Gegenteil, ich finde es sehr wichtig das es so etwas gibt, man kann die Menschen nicht von ihrer Sucht abbringen. Aber man kann dafür sorgen, dass sie sich wenigstens nicht umbringen oder andere gefährden. Meiner Meinung nach sollten diese Flashpacks kostenfrei sein.

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    1. Ob es das in der Form so auch gibt, weiß ich nicht, aber in jeder größeren Stadt gibt es eigentlich irgendwo mindestens einen Spritzenautomaten. Für kleines Geld kann man da saubere Spritzen ziehen. Was da noch alles dabei ist, weiß ich nicht, hab es noch nie ausprobiert ;)

      Und ja: ich find’s gut.

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      1. Spritzen und Kanülen hat eigentlich jede Apotheke vorrätig. In der Apo, in der ich früher gearbeitet habe, haben wir sterile Spritzen und Kanülen ausgeeinzelt und für ne Spritze und ne Kanüle jeweils ca. 5-10 cent verlangt.
        Sollte eigentlich für jeden bezahlbar sein.

        Und hier gings wirklich nicht darum, schnelles Geld zu machen: Junkies gehen weniger wegen des Heroinkonsums, sondern eher durch Sekundärinfektionen (besonders Hepatitis, HIV) aufgrund einer gemeinsamen Nutzung von Spritzen zugrunde.

        Finde es aber gut, dass es in der Schweiz die ganze Geschichte als Set gibt.

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  3. Find ich auch gut. Solang einer noch in die Apotheke geht und sich clever genug ist, sich frische Spritzen zu kaufen ist eigentlich alles – relativ – gut.
    Wer Flash-Packs kauft ist ohnehin nicht mehr so einfach zu bekehren, denke ich.

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  4. Nach dem ersten Schock, als ich das gelesenhabe, fällt mir auf, wie GUT es ist, dass man solche Spritzen in der Apotheke kaufen kann.

    Ein Süchtiger wird auf seinen Stoff nicht verzichten. Wie gut, dass man da Spritzen kaufen kann – wenn auch teuer bei der Finanzlage der Süchtigen. Ich wünsche mir, dass die Leute immer genügend Geld in der Tasche haben, damit sie nicht die Spritzen der Anderen mitbenutzen. So haben sie wenigstens die Chance, schlimmen Infektionskrankheiten bis hin zu Aids zu entgehen.

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  5. Ich finde auch, dass es richtig und wichtig Drogenabhaengigen den Zugang zu sauberen Spritzen zu verschaffen. Wie thinkDJ angemerkt hat, fuehrt das nicht zu mehr Drogenabhängigen. Gesellschaftlich gesehen ist es sowieso guenstiger dafuer zu sorgen, das Schwerstabhängige mit Stoff versorgt werden (nicht bei jedem klappt der Entzug auf Null, egal wie motiviert) bzw. in Entzugsprogramme kommen, als Fixerstuben usw. zuzumachen. Erstens stecken sich die Abhaengigen ohne saubere Spritzen leicht mit Krankheiten an und zweitens fuehrt Beschaffungskriminalität auch nur zu Problemen für alle (angefangen bei den Kosten im justizwesen).
    Und, nein, ich glaube nicht, dass die Entkriminalisierung von Drogen automatisch zu mehr Konsum fuehrt, vorrausgesetzt es wird auch ein verantwortlicher Umgang damit thematisiert. Zumal wohl kaum ein Drogenabhaengiger (egal ob Alkohol, Tabak oder sonstwas) wirklich abhaengige sein will.

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  6. Eine absolut gute Sache!

    Es gibt Spritzen mit Filter? Wie funktioniert das? Soll das wie ein feines Sieb Schwebstoffe rausfiltern?

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    1. Die nennen sich Spritzenvorsatzfilter und werden vorne auf die Spritze draufgesteckt, bzw. zwischen Spritze und Kanüle gesteckt.
      Die Porengröße liegt bei 200 nm (das sind 0,0002 mm), der Sinn liegt wirklich darin, Schwebstoffe rauszufiltern.
      Ausserdem ist die Porengröße so klein, dass auch Bakterien rausgefiltert werden (Viren (wie z.B. HIV) sind aber so klein, dass sie durchgehen), so dass die filtrierte Lösung steril ist.

      Diese Filter sind in jedem Klinikum Standard.

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  7. Na, das ist auch eine sinnvolle Verwendung für die 2-3 Franken, die ich hie und da den Bettlern am Spalenberg gebe „für die Notschlafstelle“.

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      1. Die am Spalenberg sind normalerweise sehr nett und höflich und werden auch nicht unangenehm wenn ich sage „heute nicht“. Sind so 2-3 „Stammkunden“, die auch nach Ladenschluss dort noch ihr Glück versuchen. Ich denke immer, mein Obolus hilft, dass sie keinen überfallen. Und manch einer schläft vielleicht wirklich in der Notschlafstelle, v.a. bei der Kälte wie heute Nacht. Und ausser übers Geld freuen sie sich auch über ein paar freundliche, normale Worte.
        Einem hab ich mal auf dem Markt Essen gekauft, ich hatte schon lange keinen mehr gesehen, der sich über Äpfel so sehr gefreut hat.

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  8. Ich hab mich auch im ersten Augenblick erschrocken, aber sinnvoll ist es. In D kenn ich so etwas nicht, wir einzeln aber auch Nadeln und Spritzen aus (ich kenne andere Apotheken, die geben keine Spritzen und Kanülen ab).
    Teilweise können wohl an den Drogenberatungsstellen kostenlos Spritzen und Kanülen eingetauscht werden: gebraucht gegen neu

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  9. Ich habe auch schon einmal einen Spritzkolben – also das Plastikding ohne Nadel – in der Apotheke gekauft.
    Wie sonst könnte ich für meine selbstgeklöppelten Lieblingspralinen Mascarponecreme in Himbeeren füllen?

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    1. … und jetzt läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Sag mal … wenn ich dich mit Spritzen beliefere … bekomme ich dann auch ein paar Pralinen ab? :-)

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      1. Bei der Entfernung würden die Himbeeren qualitativ sicher nicht besser.
        Einfach selber machen:
        Eine Mascarponecreme solange schicken Gewürzen wie gemahlener Vanilleschote, Zimt o. ä. zusammenrühren, bis sie total lecker ist, mit der Spritze in die Himbeeren füllen, die Himbeeren in flüssige Schokolade nach Gusto tunken, abkühlen und erstarren lassen, mampfen – fein war ’s.

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  10. Ich find es klasse, dass es bei euch solche Packs zu kaufen gibt…hier in D ist mir sowas noch nicht untergekommen.
    Wir geben halt auch einzelne Spritzen + Nadeln für ein paar Cents raus.

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  11. In meiner Apotheke in England geben wir ‚Needle Exchange Packs‘ kostenlos an Drogensüchtige ab. Die Beutel enthalten 10 Spritzen, entweder 1ml oder 2ml, Alkohltupfer, Zitronensäure und eine verschliessbare Plastikbox zur sicheren Entsorgung der Spritzen.
    Die Apotheke wird bezahlt für jedes abgegebene Pack und für die Rücknahme der Plastikbox.
    Das Programm wird auf jeden Fall rege benutzt und ich denke es leistet auf jeden Fall einen Beitrag zur Prävention bei den Süchtigen.
    Hehe, einer alten Dame habe ich mal ein Pack abgegeben die mit den Spritzen bei kleinen Pflänzchen die Wurzeln behandeln wollte…?

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  12. Mit einer 2ml-Spritze und Nadel fülle ich Tintenpatronen nach… beide habe ich in der Apotheke gekauft, aber da war ich auch seit Jahr und Tag bekannt!

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    1. Ich hatte auch mal so einen Drucker und hatte die Nadeln dann in ’ner fremden Apotheke kaufen wollen. Die Helferin schaute sehr skeptisch, als ich mir verschiedene Spritzen zeigen ließ (weil ich nicht genau wußte, was ich will). Irgendwann wurde es ihr zu viel, sie glaubte mir nicht und rief ihren Chef. Dem das erklärt, der schaute mich mit großen Augen an, ging in’s Hinterzimmer, kam zurück mit einem Zettel, hielt mir den vor die Nase und fragte „geht das auch für den?“
      Hab‘ dann ’ne große Packung umsonst bekommen …

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  13. Die vielen erschreckten Kommentatoren wundern mich. Ich habe mich nicht erschrocken, weil ich die Abgabe von sterilen Spritzen durch Apotheken für selbstverständlich halte.

    Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: auch die Abgabe von Betäubungsmitteln an Süchtige durch Apotheken sollte möglich sein. Das derzeitige Betäubungsmittelstrafrecht ist ein wunderbare Arbeitsbeschaffung für Polizisten, Staatsanwälte und Verteidiger, kostet die europäischen Staaten ein Heidengeld und sichert der organisierten Kriminalität gigantische Gewinnspannen, die u.a. der internationalen Terrorfinanzierung dienen. Hinzu kommt, dass viele Süchtige minderwertige, verunreinigte Substanzen konsumieren müssen. Das sollte dringend geändert werden.

    Die eingesparten Mittel könnte man dann für eine deutlich verstärkte Suchtprävention verwenden. Hier wäre m.E. dringend ein Politikwechsel notwendig.

    (Disclaimer: Der Autor ist Anwalt, gehört einer bürgerlichen Partei an und hat in seinem ganzen Leben noch keine illegalen Drogen konsumiert. Die übliche „Linker-langhaariger-Bombenleger“-Argumentation funktioniert bei mir also nicht.)

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    1. In Deutschland werden Betäubungsmittel durchaus durch Apotheken legal an Süchtige abgegeben.
      Das wird als Substitution bezeichnet.

      Der (zur Substitution berechtigte) Arzt verschreibt auf BTM-Rezept das BTM und der Patient kann es dann in einer Apotheke, der Arztpraxis oder einer Pflegeanstalt abholen, bzw. dort einnehmen.
      Zur Substitution werden folgende Stoffe benutzt:
      Levomethaton, Methadon, Buprenorphin, Codein, Dihydrocodein, Diamorphin und andere zur Substitution zugelassene Arzneimittel.
      Diese Stoffe dürfen allerdings nicht gespritzt werden, sondern dürfen nur oral appliziert werden (daher wird den Mittelchen noch ein Citrat zugegeben, das brennt bei ner Injektion).

      Geregelt ist das ganze (für Dich als Anwalt vielleicht interessant) in §5 Betäubungsmittelverschreibungsverordnung. Das übergeordnete Gesetz ist das Betäubungsmittelgesetz.

      Nebenbei:
      Bei der Substitution wird der Patient nicht von seiner Sucht kuriert. Er bleibt weiterhin süchtig. Aber die Beschaffungskriminalität, die Verunreinigungen bei der Injektion und die Entzugserscheinungen fallen weg. Des Weiteren ergibt sich dabei kein „Kick“ wie er bei einer Injektion der Mittel auftreten würde.
      Man versucht dadurch zu erreichen, dass die Leute trotz ihrer Sucht wieder „funktionieren“.

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      1. Korrigier mich gerade selber, da ich die Verordnung nochmal kurz gelesen hab:
        Hab gerade geschrieben, dass die Mittel nicht parenteral (intravenös) gegeben werden dürfen.

        Das ist nicht ganz korrekt:
        Levomethaton, Methadon, Buprenorphin, Codein, Dihydrocodein und andere zur Substitution zugelassene Arzneimittel dürfen nicht parenteral gegeben werden.
        Diamorphin darf parenteral gegeben werden.

        Der Arzneistoff Diamorphin ist umgangssprachlich als Heroin bekannt.

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  14. Eine (vielleicht etwas dumme) Frage hab ich da an Pharmama: Warum sind in diesem Set eigentlich Ascorbinsäureampullen dabei?
    Als Antioxidans/Konservierungsmittel kann ich mir das Zeug irgendwie zu diesem Zweck nicht vorstellen, um die Vitamin C-Versorgung wirds wohl auch nicht gehen und als Trägerlösung dient wohl die Kochsalzlösung alleine.

    Warum also Ascorbinsäure?

    Die Frage hab ich aus purer Neugierde.

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    1. Heroin wird vor dem Spritzen mit Ascorbinsäure (oder Zitronensaft) vermischt und erhitzt – und so flüssig. Es sind auch nicht Ampullen, sondern wirklich das Ascorbinsäure-Pulver, die drin sind.
      Die Säure bewirkt beim Aufkochen die für die intravenöse Injektion notwendige Bildung eines wasserlöslichen Heroinsalzes.

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  15. ich habe bei meiner besten freundin in ihrem schrank so eine verpackung gefunden auf der flah draufsteht, nur war die verpackung nicht orange oder braun, sondern blau und nur flash und nicht flash plus….jetzt möchte ich wissen, ob dies das gleiche ist, oder ob die blaue verpackung vielleicht nur für vitamin c mangel ist????

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