Noch ein Argument gegen selbstdispensierende Ärzte

Selbstdispensation nennt man es, wenn der Arzt die Medikamente, die er verschreibt auch gleich selbst verkauft.

In der Schweiz ist das (leider) in einigen Kantonen generell erlaubt – selbst in den Gross-städten, wo es Apotheken in unmittelbarer Nähe hat.

Für den Arzt ist das ein Hochseilakt zwischen seiner Verantwortung als Monopolinhaber des Verschreibungsrechts und seinem Interesse an einem wachsenden Einkommen.

Arztapotheken sind zudem nicht öffentlich zugänglich und jeder Bezug in der Arztapotheke bedeutet eine Konsultation nach Tarmed (dem Abrechnungssystem der Ärzte), also massive Kosten in der Prämie.

Täglich finden über 300’000 Gespräche in der Apotheke statt (es gibt gut 1700 Apotheken in der Schweiz). Werden nun 10% davon in die Arztpraxis verlagert, wäre mit neuen Kosten von 1‘000‘000 (1 Million) Schweizerfranken pro Tag zu rechnen!

Denn die Beratung in der Apotheke ist (immer noch) gratis – und auch wir sind Fachpersonen des Gesundheitssystems und ausgebildet in der Triage – d.h. wenn es etwas ist, was weitere Abklärung oder Behandlung braucht, dann schicken wir die Leute zum Arzt … und sonst nicht.

15 Kommentare zu „Noch ein Argument gegen selbstdispensierende Ärzte

  1. Ich habe wirklich wieder etwas gelernt.

    Bislang dachte ich immer, so ein Apotheker verkauft mir Aspirin und hat einfach nur alle Beipackzettel vorher gründlich gelesen und im Gegensatz zu mir auch verstanden.
    Dass da viel mehr hintersteckt, wird mir über deinen Blog auf humorvolle Art immer deutlicher.

    Ich finde es toll, dass du Fachbegriffe erklärst. Das ist total interessant.

    Liebe Grüße, Svenja

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  2. Genau deshalb ist in Deutschland den Ärzten das Dispensieren ja grundsätzlich verboten.
    Was auch wieder seine guten und schlechten Seiten hat: Da macht man im Notdienst bei Nacht und Nebel einen Hausbesuch irgendwo in der Wildniss und dann muss der Patient irgendwen finden, der bei Nacht und Nebel zwanzig Kilometer weit bis zur diensthabenden Apotheke fährt. Und wenn er keinen findet… Pech gehabt. Den Ärger kriegt der Arzt ab!
    Oder dieser Zirkus von wegen dass wir im Krankenhaus bei Entlassung den Patienten keine Medikamente mitgeben dürfen… aber die strenge Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektor, das ist wieder ein anderes Thema…

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  3. eben, eben… es ist echt nicht leicht zu begreifen dass man(n) jetzt mit 40Grad Fieber, und und und… in die nächste grosse Stadt fahren soll (knapp eine Stunde von hier aus) um dort in die Notfallapotheke zu gehen (wenn man schon beim Doktor war!!!) Wie käme der Vorschlag „Ärzte dürfen nur auf Hausbesuchen Medis abgeben“ bei euch ApothekerInnen an? Gibt ja immerhin einen Grund, dass jemand nicht mal in die Praxis kommen kann. Ergo ist diesen PatientInnen der Gang zur Apotheke auch nicht zuzumuten…
    Andererseits ist es naiv anzunehmen dass „wenn wir alle nur gut mitmachen und sparsam sind mit Arztbesuchen“ sich das Gesundheitskostenproblem aus der Welt schafft. Also werden alle diese unbequemen Entscheide wohl nötig sein – und ich bin froh jung, mobil und nie krank zu sein.

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  4. Also ich finde: bei Ärzten die wirklich „im Juhee“ draussen arbeiten, wo der Zugang zu einer Apotheke sehr erschwert ist – dort sollen die Ärzte doch eine (kleine) Hausapotheke haben und abgeben dürfen. Aber in den Städten zieht so ein Argument einfach nicht. Da ist es reine Gewinnmache.

    Ich wäre auch sehr einverstanden, wenn ein Arzt im Notdienst ein kleines Sortiment für die wichtigsten Dinge dabeihat (Schmerz- Fiebermittel, Antibiotika) aber eher nicht so Sachen wie Cholesterinsenker, Alzheimermedis und so. – Dafür gibt es die Apotheken und Lieferservice.

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  5. Klar, bei Blutdruck-, Cholesterin- und anderen Senkern, Insulin, Blutverdünner und was sonst noch alles dauernd genommen werden muss, da kann man sich ja eine Möglichkeit raussuchen um an die Medis zu kommen. Gibt ja alles, von Fahrdiensten bis per Post schicken lassen oder von Nachbar/Angehörigen bringen lassen. Da bin ich völlig mit dir.

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  6. in österreich funktioniert das mit hausapothekenführenden ärzten auch. genehmigung bekommen aber nur die ärzte, die das auch begründen können, wie eben ländlicher raum und die nächste apotheke in st. kuckuck am arsch, ohne öffentliche verkehrsanbindung.

    da dauert es dann oft drei tage, bis ein medikament nach verschreibung durch den arzt eingetroffen ist und abgeholt werden kann, was wiederum da hat der blöde spruch mit „brauchen wir eben einen neuen patienten“ dann oft einen schalen beigeschmack. und was ist generell mit z.b. alleinstehenden müttern, die für hochfiebernde kinder ein medikament vom notarzt verschrieben bekommen? müssen die dann den sechsjährigen im winter bei nacht und nebel und minus 10°C anziehen und über die schulter werfen und durch den schnee in die nächste nachtapotheke latschen (oder mit dem taxi fahren, kommt ja auch nicht umsonst), um dort dann zu erfahren dass das eine lagernde präparat X gerade vor 10 minuten von einer anderen mutter geholt worden ist? fahren wir eben in die nächste apotheke

    ich denke, die gängigsten präparate resp. die, die er normalerweise rezeptiert an „notfallpräparaten“ sollte ein arzt durchaus lagernd haben und abgeben dürfen. früher regelten die klugen ärzte das über ärztemuster, seit diese nur mehr so beschränkt abgegeben werden dürfen ist das ein wenig problematisch.

    rezeptfrei erhältliche präparate gegen fieber und schmerzen etc. sollte jeder patient für den notfall zu hause haben, ebenso wie medikamente die über längere zeit genommen werden müssen wie blutdrucksenker etc., damit diese debakel gar nicht erst entstehen.

    es gab einmal vor vielen jahren eine erhebung bei der festgestellt wurde, dass der durchschnittliche arzt im durchschnitt 45 medikamente verschreibt – die hälfte davon ist im notfall angezeigt, warum soll er die nicht dabei haben? die neuen drei-tage-antibiotika wirken schnell, wenn man umgehend mit der einnahme beginnt. auch hier wäre das am-abend-verschreiben und dann am nächsten tag erst in der apotheke bekommen können für den patienten zumindest nicht sehr gut.

    ansonsten gehören medikamente aller art natürlich in die apotheke, aus alen möglichen gründne, ein grund der dagegen spräche fällt mir wirklich nicht ein.

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  7. Ich habe in der Apotheke noch nie eine Beratung erhalten, die Medikamente werden abgegeben und fertig.
    Einmal habe ich nach Wechselwirkungen gefragt – ratloses Gesicht auf der anderen Seite. Dann las die Dame etwas an der Kasse ab, nachdem sie die Medinamen eingegeben hatte und wartete ein Weilchen, bis das Display scheinbar die Informationen ausspuckte. SO fühlte ich mich auch nicht so toll beraten. Ablesen kann ich auch.

    Im Übrigen ging es vor einiger Zeit durch die Presse, dass die Pharmafirmen grosse Rabatte (auch in Natural) an die Apotheken einräumen, die verkaufen diese Medikamente zum gleichen Preis wie die üblich bestellten, geben also ihren Rabatt nicht an die Patienten weiter.

    Ehrlich gesagt hätte ich nichts dagegen, wenn ich meine Medis bei meinem Hausarzt erhielte, dem ich sehr vertraue, bei den finanziellen Schwierigkeiten, die die Ärzte hier in Deutschland immer beklagen, gönne ich ihm ein Zubrot wirklich von Herzen.

    Bei ihm bekomme ich die Beratung, die ich brauche und er ist an der Quelle (meiner Krankheit) – die Apotheke gibt nur ab und kassiert. Wenn ich diesen Umweg einsparen könnte, wäre das für mich nicht schlecht,

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  8. Hevora: dann kann ich dir nur raten die Apotheke zu wechseln. Es gibt mehr als genug Apotheken, die beraten können und das auch tun.

    Was die Rabatte angeht: es existiert ein Gesetz, dass diese an die Kunden weitergegeben werden müssen. Wer das nicht macht, macht sich strafbar. Aber: diese Rabatte gibt es auch für Ärzte und diese erhalten ausserdem noch sogenannte „Ärztemuster“ gratis zum abgeben. Ich habe schon von Fällen gehört, wo diese verkauft wurden. Auf die Diskussion von wegen „Manipulation durch Ärztemuster zur Abgabe des neuen, teuren Medikamentes“ will ich hier nicht mal anfangen.

    Laut Statistiken ist es so, dass in Selbstdispensationskantonen der Franken pro Patient tatsächlich höher ist als in Nicht-Selbstdidpensations-Kantonen. Also erzähl mir keiner, dass das nicht ausgenutzt wird. Ausserdem nimmt man dem Patienten hier wieder eine Wahlmöglichkeit – nämlich die verschriebenen Medis halt mal NICHT einzulösen. Wer kann schon gegenüber seinem Arzt „Nein“ sagen? Dass man die so erhaltenen Medis dann halt einfach nicht nimmt, sehe ich dann wieder, weil ich sie in der Apotheke zum entsorgen zurückbekomme – mit Etikette vom Arzt drauf, darum weiss ich das.

    Ich bin sehr dafür, dass die Ärzte für ihre Arbeit richtig entlöhnt werden. Aber nicht, dass sie das via Verkauf von Medikamenten tun. Wer verschreibt verkauft nicht! Da gibt es einfach zuviel Missbrauch.

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  9. In Deutschland ist es den Ärzten zwar verboten, aber die Musterregelung macht das oft wett. Manche Ärzte werden dermaßen mit Mustern versorgt, dass sie verhältnismäßig vielen Patienten kein Rezept mehr ausstellen brauchen. Die Patienten freut es natürlich wegen der gesparten Zuzahlung.

    Hauptproblem bei der Selbstdispensation ist aber neben der Gefahr, dass der Arzt zu viel und zu teuer verschreibt, dass es keine Sicherheitskontrolle und Beratung mehr durch eine zweite fachkundige Person gibt. Dem Apotheker können noch Verschreibungsfehler auffallen, außerdem hat er oft den viel besseren Überblick, welche Medikamente der Patient von verschiedenen Ärzten erhält oder sich selbst kauft und kann vor Wechselwirkungen warnen.
    Im Übrigen ist das Wissen so mancher Ärzte über Arzneimittel, naja – beschränkt. Die haben ihre eigene Palette an einem Dutzend Standardmitteln, mit denen sie ihren Praxisalltag meistern; wird’s mal komplizierter, geht das große Raten los und es werden Fehler gemacht.

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  10. @Knaller: absolut korrekt.
    Ich würde zwar sagen etwa 20 Standardmittel pro Arzt (je nach Fachgebiet unterschiedliche) und eben, wenn sie ausserhalb von diesen verschreiben, wird es komplizierter. Ich begreife das: Man kann einfach nicht alles wissen.

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  11. Sag sie mal, Phamama, wie stehen sie dann eigentlich zu Tierärzten?
    Die verkaufen ihre Medikamente schließlich, bzw, leben zum Teil vom Medikamentenverkauf, Großtierpraktiker zum Beispiel.
    Auch wenn es in Deutschland wohl mittlerweile eine Diskussion darüber gibt, da die Apotheken das natürlich nicht so dolle finden.
    Aber wenn sich das durchsetzten würde, gäbe es ne Menge Tierärzte die dicht machen würden.
    Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, wie weit da was durch gesetzt ist. Vielleicht wissen sie ja mehr.

    Liebe Grüße

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  12. Hallo Pharmama,

    danke für die Antwort. Ich habe all die Jahre nur einen Hausarzt bis heute. Wenn es sich anbietet und ich brauche ein Medikament, das er vorrätig hat – als Ärztemuster – so händigt er mir das immer kostenlos aus(Erkältungsmittel beispielsweise).

    Angeboten haben mir die Fachärzte (Augenarzt) immer wieder ärgerliche IGEL-Leistungen, wenn ich abgelehnt habe, weil sie mir überflüssig erschienen, wurde ich mit – sagen wir mal – großer Distanz behandelt; ist eben kein gutes Geschäft mit mir zu machen….

    Nach wie vor – wenn ich Medikamente aus der Apotheke geholt habe, gab es nie eine Beratung. Vier verschiedene liegen allein auf meinem Nach-Hause-Weg, ich kann also wählen. Bei einer gibt es immer wieder mal ein Goddie, alles andere findet nicht statt. Die hätten auch keine Zeit, sind immer hektisch.

    Vielleicht ist das in der Schweiz anders und nicht nur ein Lippenbekenntnis?

    Allerdings fällt mir ein, dass einmal ein Apotheker mir ein anders Medikament gegeben hat als das, was auf dem Rezept stand. Er hätte eine Wahlmöglichkeit bzw. die Krankenkasse würde das vorschreiben? Nach Einnahme dieses Medikamentes bekam ich dann allerdings Sehstörungen – ich leide unter Narkolepsie.

    Jetzt bekomme ich VIGIL und kann wenigstens wach sein. Nach dem, was auf dem Beipackzettel steht, sollte ich mir vielleicht Sorgen machen, aber bei mir wirkt es so, dass ich nur wach sein kann… ich nehme das erste Mal neben Thoraxin ein weiteres Medikament, ich hasse es, aber ich habe wohl keine andere Wahl.

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  13. @Polly Oliver: Ja, das mit den Tierärzten. Dieselbe Diskussion hatten wir in der Schweiz auch. Am Schluss wurde entschieden, dass ihr Monopol, Tiermedikamente zu verkaufen widerrechtlich sei … nach einiger Zeit nun, kann ich auch Tiermedikamente bestellen (vorher bekam ich sie einfach nicht, nicht mal Liste C abwärts) und verkaufen.
    Das bedeutet aber für die Apotheke auch einiges an Arbeit. Es braucht spezielle Weiterbildungen (Tiere sind keine Menschen), spezielle Dokumentation, oft müssen die Medikamente direkt beim Hersteller bestellt werden, die Apotheken, die sich darauf spezialisieren (bis jetzt nicht überwältigend viele), nehmen dann auch ein Sortiment an Lager. Trotz aller Befürchtungen und Gejammer der Tierärzte habe ich nicht von einem einzigen Fall gehört, wo einer schliessen müsste. Sie dürfen ja auch weiterhin ihre Medikamente verkaufen – nur wir halt jetzt auch.

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  14. Ja, wenn es bei einem auch bleibt, ist es wahrscheinlich nicht so das Problem.
    Ich hab mit einer Freundin darüber geredet, deren Vater Großtierpraktiker ist und da ging es darum, dass sie meinte, die Tierärzte dürften dann eben nicht mehr selbst verkaufen. Und das wäre eben das Problem. Aber wie gesagt, ich hab mich so genau damit noch nicht befasst.
    Zu den Weiterbildungen hab ich erst was in meinem Kommentar geschrieben, es dann aber wieder rausgelöscht.
    Ich fands ganz lustig, dass ein Apotheker, der uns auch kennt, sich irgendwann mal für mich ne halbe Stunde lang ans Telefon gehangen hat, um mir eine Salbe (Socratyl, war es, glaube ich) fürs Pferd zu besorgen.
    Er hatte da irgendwie Spaß dran und es war auch grade nichts los. Und er hat sie sogar bekommen. :)

    Liebe Grüße

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