Patientenlogik

Ja klar. Wenn Ihr Arzt es verschrieben hat, dann muss es natürlich von der Krankenkasse übernommen werden.

Wenn das wahr wäre, würde ich mir vom Arzt ein Rezept ausstellen lassen für Schokolade, Kinotickets und eine thailändische Massage – all das stellt mich auf, wenn ich deprimiert bin – darum sind sie medizinisch notwendig.

Nicht?

Und was sollte für Euch über die Krankenkasse gehen?

Das ist nicht korrekt!

Heute hatte ich eine Kundin, die sich ganz offensichtlich von mir nicht richtig behandelt fühlte.
So ganz klar darüber, was für ein Problem sie genau hatte, bin ich immer noch nicht, aber ich versuche es mal zu erzählen.
Dass sie nicht gut Deutsch sprach, hat das Ganze wahrscheinlich noch verschlimmert.

Also von Anfang an:
Sie kommt mit einem Rezept in die Apotheke.
Da sie noch nie hier gewesen ist, verlange ich von ihr die Krankenkassenkarte und lese sie ein.
Das Medikament haben wir leider nicht an Lager – was ich ihr sage – und dass wir ihr das Medikament auf den Nachmittag bestellen.
Das Problem fängt an, als ich ihr den Abholzettel für die Bestellung gebe.

Kundin: „Ich hätte gerne das Rezept.“

Pharmama: „Tut mir leid, aber das brauche ich, damit ich kontrollieren kann, ob das richtige gekommen ist und um es der Krankenkasse zu verrechnen.“

Kundin: „Wie teuer ist das denn?“

Pharmama: „35 Franken 40 – ich kann es aber via Krankenkasse abrechnen“.

Kundin: „Aber ich brauche das Rezept.“

Pharmama: „Zum abholen brauchen sie nur diesen Zettel hier – das Rezept brauchen sie nur, wenn sie es selbst zahlen und selbst einschicken wollen.“

Kundin: „Das ist nicht richtig so. Es geht über die Krankenkasse, dafür haben sie meine Karte genommen.“

Pharmama: „Ja, und damit ich es über die Krankenkasse abrechnen kann, brauche ich das Rezept. Ich kann ihnen eine Kopie davon machen, wenn sie wollen …“

Kundin: „Nein, nein, eine Kopie habe ich schon von der anderen Apotheke!“

(?) … das Rezept das ich in der Hand halte, ist definitiv ein Original.

Pharmama: „Dann reicht doch der Abholzettel.“

Kundin: „Nein, nein, da steht nicht drauf, dass es bezahlt ist – es ist ja nicht gratis.“

Pharmama: „Nun, gratis ist ja nichts, es geht einfach über die Krankenkasse … aber sehen sie hier: Auf meinem Teil des Bestellzettels steht drauf, dass es ein Rezept ist und via Krankenkasse abgerechnet wird …“

Kundin: „Aber ich will nicht, dass sie es abrechnen, ich komme es holen!“

Pharmama: „Wollen sie es dann zahlen?“

Kundin: „Nein, ich will das Rezept mitnehmen!“

Rinse and repeat … ich erkläre noch etwa 3x, dass ich das Rezept hier brauche zur Kontrolle und zum Abrechnen – irgendwie kommt die Info nicht an. Sie erklärt mir, dass ich das nicht richtig mache – darauf bin ich dann doch etwas angemifft … immerhin mache ich das jetzt schon über ein Jahrzehnt so … und bisher gab das noch keine Reklamationen, weder von der Kasse noch von irgendwelchen Patienten. Ich bezweifle auch, dass das eine andere Apotheke so viel anders macht. Das unschöne ist, dass sie, obwohl ich wirklich ruhig und freundlich bleibe und es ihr nochmals erkläre immer aufgeregter und schriller wird – und lauter. :-(

Schliesslich bin ich soweit, dass ich sie frage: „Was wollen sie? Soll ich das ihnen jetzt bestellen, oder nicht?“

Kundin: „Doch, sie haben es ja nicht hier und ich brauche das! Aber ich finde, sie behandeln mich nicht korrekt!“

Pharmama (die jetzt langsam genug hat): „Sie können das Rezept mitnehmen, aber ich sage ihnen gleich: Wenn sie nicht mit dem Rezept kommen beim abholen, dann bezahlen sie es trotzdem – ich kann es nur mit Rezept der Kasse verrechnen. Und wenn sie nicht innerhalb von 3 Tagen kommen, schicke ich das Mittel zurück, es sei denn, sie lassen mir das Rezept hier.“

Was ich vermeiden will ist auch, dass sie in 3 Apotheken das Rezept vorlegt und das Zeug bestellen lässt – es ist zwar nichts, was missbraucht wird, aber … es ist auch ein Aufwand das zu bestellen, nur um es nachher mit Verlust zurückzuschicken. Ein Wiederholungs-Rezept ist es auch nicht.

Kundin: „Aber das ist nicht ok, es geht über die Krankenkasse.“

Pharmama: Nur. mit. dem. (zeigt) Rezept.“

Kundin: „Aber wenn ich es nicht holen komme, rechnen sie mir das ab! Ich habe ihnen meine Krankenkassenkarte und alles gegeben!“

Was denn? beschuldigt sie mich jetzt, dass ich sie betrügen will?

Pharmama: „Wenn sie es nicht abholen kommen, schicke ich es wieder zurück.“

Kundin: „Sie machen das einfach nicht richtig!“

Pharmama: „………………..“

Wartend. Jetzt habe ich langsam genug geredet.

Kundin: „Bis wann haben sie offen?“

Sie kam es dann mit Rezept abholen und ich durfte es über die Krankenkasse nehmen.

Seufz.

Merke …

Merke: Wenn ein hypochondrisch veranlagter Patient morgens in die Apotheke telefoniert um eine harmlose Frage zu stellen, dann sei darauf vorbereitet, dass der Arzt dieses Patienten uns später 3 Rezepte zufaxt und der Patient beim Abholen ebendieser unglaubliche Fragen über seltene Nebenwirkungen stellt, die ihm garantiert passieren – da er ja eine so angeschlagene Konstitution hat.

Das alles passiert natürlich um die Mittagszeit, wo Hauptbetrieb ist und weniger Personal.

:-(

Wie angemerkt wurde, ist das eigentlich ein typischer Fall von Murphys law – das sollte ich in meine Sammlung Murphys Law in der Apotheke aufnehmen …

Wessen Fehler ist das?

Die Patientin steht in der Apotheke und reklamiert, weil wir ihre Augentropfen falsch abgegeben haben. Sie hat nächstens eine Operation am rechten Auge und muss sie jetzt verschieben, weil wir die Tropfen falsch angeschrieben hätten, nämlich mit „am linken Auge anwenden“ –

Ich hole das Rezept wieder aus dem System (das ist toll mit den eingescannten Originalen) und da steht tatsächlich drauf:

„3 x täglich 1 Tropfen in das linke Auge geben anzufangen 3 Tage vor der Operation“

– und genau so haben wir es auch aufgeschrieben.

Also erkläre (und zeige)  ich ihr, dass wir das aufgeschrieben haben, was der Arzt auf dem Rezept vermerkt hat – es war nicht unser Fehler.

Und ehrlich: weiss sie denn selbst nicht, an welchem Auge sie die Operation hat???

Jedenfalls geht sie jetzt mit der Rezeptkopie zum Arzt reklamieren. Der will ich heute auch nicht sein.

Nein, das reicht NICHT!

Moderne Technik in allen Ehren, aber:

Ein Foto vom Arzt-Rezept auf einem Smartphone …

Nein, das reicht NICHT!

Ich brauche das Original hier – im Zweifel geht auch ein Fax direkt vom Arzt.

… Und: Nein, ich glaube auch nicht, dass das die „neue“ Methode des Arztes ist.

Problematisches kurz vor Ladenschluss

Im Normalfall instruieren die Ärzte, die den Patienten neu Insulin verschreiben, diesen über die Anwendung.
Eine gute Sache, denn so Spritzen sind schon eher furchteinflössend, vor allem, wenn sie neu sind.
Aber … es gibt Ausnahmen.

So wie letzthin, als ich spätabends ein – ich kann nur sagen – aufwändiges- Rezept für eine neu insulinpflichtige Diabetes Patientin bekommen habe.
Dass sie das neu hat, wusste ich am Anfang noch nicht.

Aber von vorne. Es ist eine halbe Stunde vor Ladenschluss als die Kundin mit dem Rezept in die Apotheke kommt.

Auf dem Rezept stehen Insulinpatronen für einen Pen, Messmaterial für den Blutzucker, Streifen, Nadeln für den Fingerpieks ..

Ich suche alles heraus, lege der Kundin ein Dossier im Computer an, checke die Krankenkasse, lege ihr alles angeschrieben hin und bin bereit abzuschliessen, da sagt sie: „Ist das alles? Wie spritze ich das?“
Pharmama: „Äh … sie haben das bisher noch nicht gemacht?“
Kundin: „Nein.“
Pharmama: „Also: Sie nehmen ihren Pen … – habe sie den dabei?“
Kundin: „Was für ein Pen?“
Pharmama: „Nun, der wo diese Patronen reinkommen.“
Kundin: „Ich habe keinen.“

Pharmama: „Oh, dann kann ich ihnen einen auf morgen bestellen.“
Kundin: „Waaas bestellen? Ich muss heute noch damit anfangen, hat der Arzt in der Klinik gesagt.“

Na gut … da gäbe es noch die althergebrachte Methode mit einer normalen Spritze und normalen Nadeln. Ich suche das Material heraus und demonstiere es ihr – das Insulin haben wir ja …
Das dauert, aber damit sind wir noch nicht fertig.

Denn ausser dem Pen und den Patronen braucht es noch ein paar Dinge mehr, dass das geht:
heraussuchen durfte ich noch passende Nadeln für den Pen, Alkoholtupfer waren auch nicht auf dem Rezept … die Anwendung des Blutzuckertests mussten auch noch gezeigt werden …

… und am nächsten Morgen die ganzen Erklärungen nochmals für den Pen.

Versteht mich nicht falsch: Ich instruiere die Leute sehr gerne über die Anwendung ihrer Medikamente, aber für manches – speziell für eine Ersterklärung der Anwendung von Insulinpens brauche ich mehr Zeit … und mich stresst das enorm, wenn ich das in ein paar Minuten vor Ladenschluss quetschen soll. Noch stressiger finde ich es, wenn dann das Rezept in dem Sinne nicht korrekt ist, dass nicht alles notwendige drauf ist … und ich dann noch kurzfristig (und in dem Fall eigenmächtig) für Ersatz sorgen muss – denn der Arzt ist dann schon lange nicht mehr erreichbar.