Die wahren Abzocker im Gesundheitswesen

Ein Gastbeitrag von Deborah Court, zuerst erschienen auf dem Blog der Bahnhof Apotheke Seligenstadt als Reaktion auf die heute überall in den Medien erschienene … ich kann’s nur Apothekenbashing nennen …in der „Welt“ und „Bild“ und mehr.

„Millionenbetrug in Apotheken mit Luftrezepten“ – so lautet heute eine große Schlagzeile der Sonntagszeitungen. Da ist mir doch fast mein Muttertagsfrühstück im Hals stecken geblieben. Ärzte und Apotheker machen angeblich gemeinsame Sache und bereichern sich gemeinsam an gefälschten „Luftrezepten“. „Die Welt“ zum Beispiel behauptet nicht nur, dass Betrug mit solchen eingereichten und nicht belieferten Rezepten existiert. Nein, ist es ist sogar von „hohen Dunkelziffern“ die Rede, die Krankenkassen ermittelten lt. Artikel in fast allen Bundesländern.

Einige Kriminelle gibt es sicher in jedem Berufsstand. Wie die ein solches Vorgehen überhaupt bewerkstelligen, ist mir ein Rätsel, wenn man die engmaschige Kontrolle bedenkt, die im Gesundheitssystem üblich ist. Ärzte müssen Verordnungen, besonders kostspielige, vor den Krankenkassen verantworten und ein Budget einhalten. Der Apotheker hat die Pflicht zur unverzüglichen Belieferung und dazu noch möglichst wirtschaftlichen Abrechnung. Der Bezug teurer Medikamente wird durch Rechnungen, die bei Bedarf vorgezeigt werden müssen, nachgewiesen, häufig müssen vor Belieferungen des Rezeptes Kostenvoranschläge eingereicht werden. Bei regelmäßigen teuren Verordnungen werden viele Versicherte von ihren Krankenkassen kontaktiert, der Erfolg kostspieliger Therapien muss durch den Arzt belegbar sein. Wie sollte ein solcher Betrug in großem Stil überhaupt stattfinden können, ohne aufzufallen? Es steht außer Diskussion, dass Betrug und Mißbrauch des berufseigenen Verantwortungsbereiches – besonders im Gesundheitswesen – aufgedeckt und geahndet werden müssen. Für wenige schwarze Schafe darf jedoch kein gesamter Berufsstand in den Dreck gezogen werden, nur weil es an sonnigen Frühlingswochenenden nichts Aufregendes zu berichten gibt. Ein Schelm, wer sogar geschickte Manipulation der Presse dabei vermuten sollte.

Die Krankenkassen werden sich gewiß über solche Schlagzeilen freuen, lenkt diese doch von der aktuellen Diskussion ab, warum es möglich ist, dass Apotheken ordnungsgemäß belieferte Medikamente der Versicherten aufgrund kleinster Formfehler auf dem Rezept – meist vom Arzt versehentlich nicht ganz korrekt ausgestellt – selbst nach Monaten komplett gestrichen und nicht erstattet werden. Im Fachjargon der Krankenkassen nennt man dieses Vorgehen „Nullretax“. In der Praxis bedeutet es, dass der Apotheker das Arzneimittel aus eigener Tasche bezahlen muss, obwohl der Versicherte es nach Einreichen des Rezeptes, genau wie vom Arzt verordnet, erhalten hat. Nach so langer Zeit – die Krankenkassen dürfen nämlich selbst nach Monaten oder sogar Jahren nachträglich noch Rezepte streichen, im Gegensatz zum Apotheker, der innerhalb von 4 Wochen abrechnen muss – kann natürlich kein Geld von den Patienten zurückgefordert werden. Dies wäre auch gar nicht zulässig. Also bleibt die öffentliche Apotheke auf den Kosten sitzen.

Natürlich können die Versicherten selbst nichts dafür, dass die Kassen mittlerweile externe Abrechnungszentren beschäftigen. Deren Mitarbeiter stürzen sich wie hungrige Geier auf minimalste Formfehler der Verordnungen, um hier und da noch ein paar Euro abzwacken zu können. Obwohl kein Fehler bei der Belieferung vorliegt, muss die Apotheke das volle finanzielle Risiko tragen, da sie prüfen muss, ob Rezepte ordnungsgemäß ausgestellt wurden. Oft handelt es sich jedoch lediglich z.B. um ein vergessenes Kreuz auf dem Formular, eine nicht angegebene Telefonnummer des Arztes, oder um ein ergänzendes Ausrufezeichen bei Mehrfachverordnungen. Wie gesagt, diese Rezepte wurden zu 100% korrekt beliefert; die Patienten haben die Medikamente genau wie vom Arzt verordnet erhalten. Erstattet werden sie dem Apotheker dennoch nicht, und selbst rechtliche Schritte sind nur selten erfolgreich.

Diese und zahlreiche weiter finanzielle Einsparungen auf Kosten der Patienten, Apotheken, Ärzte und anderen Leistungserbringer im Gesundheitswesen sind es, was wirklich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestellt werden sollte.

Blogparade Update 3: letzte Beiträge und Zusammenfassung

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Junge Ärztin berichtet auf Alt, krank, Rhein wofür sie die Apotheke braucht, im Beruf und privat.

Und auch Zorgkooperations erzählt von den zwei Typen Apothekern, mit denen sie zu tun hat … (aber das mit dem immer zum Arzt schicken … ist das üblich in Deutschland?)

Ulrike vom Bambooblog berichtet über ihre amüsante Erfahrung (und eine Verwechslung) in einer chinesischen Apotheke

Beim Zwetschgenmann erfährt man, dass er sein Leben der Apotheke zu verdanken hat und von seinen Kindheitserinnerungen.

Hermione vom Rescue Blog schreibt nicht über ihr (eines) negatives Praktikum, das sie in der Apotheke erleben musste, sondern die vielen kleinen positiven Erfahrungen sonst.

Xayriel vom 9er Blog beschreibt, weshalb sie eine der (vielen) Apotheken in ihrer Gegend definitiv vorzieht – und es ist nicht das Fachwissen :-)

Auf den letzten Drücker meldet sich noch Medizinstudentin kiki von mumnmedizine von ihren Apotheker-Eltern und Kindheitserinnerungen.

Und natürlich hatten wir noch Gast- Beiträge hier auf dem Blog – nachzulesen diese Woche, der letzte heute morgen.

Insgesamt war das eine erfolgreiche Blogparade, mit insgesamt 17 Beiträgen auf anderen Blogs und 9 Gastbeiträgen hier. Danke Euch allen für’s mitmachen!

Nachlesen kann man alles bei meinem Original-Aufruf (hier zu finden)  und hier findet ihr Update 1  und Update 2.

Die angekündete Verlosung meiner 4 Bücher findet am Wochenende statt und ich kontaktiere dann die Empfänger per mail.

Unterstützung gegen die Krankenkasse

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Ein Beitrag zur Blogparade von Sabine:

Unser jüngster Sohn kam im März 2003 zur Welt. Erst war alles normal. Er wurde voll gestillt. Dennoch hatte er Durchfälle, die nicht normal waren. Er magerte ab und trocknete aus. Wir waren dann etwa 1 Jahr mehr in der Klinik als Zuhause. Seine Nahrung wurde immer spezieller und immer teurer. Er vertrug nichts.
Kurz nach seinem 1. Geburtstag im Krankenhaus waren wir bei einer Spezialnahrung angelangt, die nur noch im Darm aufgenommen werden musste. Alle Nährstoffe waren bereits aufgespalten. Es war die erste Nahrung, mit der unser Kleiner keine Durchfälle mehr hatte und endlich zunahm. Die Rettung!
Doch dann wollte die Krankenkasse nicht zahlen. 500 Euro im Monat für diese Nahrung waren für uns nicht tragbar. Der Kinderarzt und der Klinikarzt schrieben Gutachten. Aber erst, nachdem unser Apotheker sich engagierte, gab die Krankenkasse nach und bezahlte diese teure Spezialnahrung, ohne die unser Kind gestorben wäre. Danke nochmal an dieser Stelle <3

Später (2010, nach vielen Krankenhausaufenthalten und unzähligen Untersuchungen) stellte sich heraus, dass unser Sohn NF1 als Neumutation hat. Seine anfänglichen Schwierigkeiten zählen bisher nicht zum Krankheitsbild. Aber diese unbekannte Erkrankung ist noch sehr wenig erforscht. Dabei ist sie so häufig, wie Trisomie 21.
Wir sind unserem Apotheker unendlich dankbar, dass er für uns mit der Krankenkasse gekämpft und gewonnen hat.

NF1 … Ich lerne jeden Tag etwas neues. Nicht das mit der Hilfe bei der Krankenkasse: es kann wirklich etwas bringen, wenn man sich da für den Patienten engagiert … und bei dem ist das auch sinnvoll.

Frage der Tages

junge Frau in der Apotheke: „Was ist besser gegen Übelkeit, meine Kolleginnen und ich sind uns da nicht einig. Cola rot – also das normale, oder das grüne?“

Pharmama: „Umm – dass Cola gegen Übelkeit hilft, entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Wenn Sie das dagegen nehmen wollen, müssen Sie es wohl ausprobieren.“

(Und ansonsten habe ich hier Medikamente, die wirken.)

Tierische Probleme

Frau in der Apotheke:

„Wir hatten eben erst Welpen, jetzt komme ich nach Hause und sehe die beiden Hunde schon wieder am … … jedenfalls – haben sie die Pille danach? Ich möchte nicht noch mehr Welpen!“

„Was nicht? Ich habe aber gehört, man bekommt die Pille danach in der Apotheke!“

Ja – die ist für Menschen. Keine Ahnung ob das bei einem Hund auch funktionieren würde, damit kenne ich mich nicht aus (aber ich vermute mal eher nicht).

Ab zum Tierarzt?!

(mehr Tierisches aus der Apotheke hier nachlesen)

Ein Sau-glatter Einsatz

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Danke für diesen Blogparadenbeitrag von Judi – wer noch mitmachen möchte kann das: bis am 5. Mai!

Ich habe viele gute Erfahrungen mit Apotheken gemacht, diese hier war wohl die eindrücklichste und ist mir aber auch nachfast 28 Jahren sehr positiv  im Gedächtnis.

Es war Weihnachten, meine Oma bei uns über die Feiertage zu Besuch, 60 km entfernt ihrer Heimatstadt, ihres Arztes und ihrer Stammapotheke. Am 1. Feiertag bekam sie furchtbare Schmerzen im Bein – kompletter Venenverschluss. An einem normalen Tag kein Problem – Krankenwagen rufen und alles geht seinen Weg. Nun hatte es vormittags geregnet und dann gab es einen Temperatursturz – Blitzeis, die komplette Landschaft war mit einem massiven Eisfilm überzogen, der Winterdienst funktionierte nicht, mehrere Krankenwagen hatten beim Ausfahren Unfälle, Straßen waren dicht etc. . Man sagte uns beim Alarmieren, solange es nicht hochlebensbedrohlich wird müssten wir uns auf lange Wartezeiten einrichten, ein Notarzt sei gerade nicht verfügbar weil es zwei Massenkarambolagen gegeben hatte und der Heli würde für schwere Notfälle gebraucht.

Meine Oma wurde von uns ins Bett verfrachtet, ich setzte mich zu ihr und nahm den Fuß auf die Schulter. Sie wimmerte nur noch immer wieder „Lieber Gott, hol mich, damit die Schmerzen aufhören“.

Mein Vater rutsche zu unserem Hausarzt, der ein paar Häuser weiter wohnte. Er hatte keinen Dienst sondern saß  mit seinen Lieben beim Weihnachtsessen, kam aber trotzdem sofort – allerdings ohne Medikamente, die lagen unerreichbar bei ihm in der Praxis etwas weiter weg, ebenso wie die BTM-Rezepte.

In unserer Gegend gab es nur eine einzige Apotheke die bei solchen Bedingungen irgendwie erreichbar war. Die Apothekerin wohnte über der Apotheke,  hatte aber keinen Dienst, der Arzt nutzte die Privatnummer – und auch die Apothekerin ließ ihre Familie beim Weihnachtsbraten alleine um uns zu helfen. Der Arzt setze anstelle das Morphiums ein Mittel aus Hustensaft (Codein?) und einem Zusatzmittel zusammen, außerdem orderte er Heparin.

Trotz der Glätte und der inzwischen sehr unwirtlichen Wetterbedingungen hat die Apothekerin den Weg zu uns auf sich genommen. Sie kam zu Fuß, Auto war für den Weg (durchgehend bergauf) nicht denkbar, sie selbst hangelte sich wohl eine halbe Stunde lang an Gartenzäunen entlang. Obwohl der Arzt es nicht „bestellt“ hatte, brachte sie auch noch alles Mögliche an „Werkzeug“ mit – Spritzen, Kanülen für einen Zugang, auch alles nötige für eine Infusion zur Kreislaufstabilisierung – und die war wirklich nötig, als sie dann bei uns ankam.

Wer weiß, wie es ohne die Hilfe dieser beiden tollen Menschen mit meiner Oma weitergegangen wäre. Klar wäre sie an dem Verschluss an sich nicht verstorben, aber der Stress durch die Schmerzen nahm sie so sehr mit, dass es wirklich „spitz auf Knopf“ stad.

Irgendwann kam dann der RTW und der Spuk nahm ein Ende – Arzt und Apothekerin blieben bei uns, bis sie da waren. Seit diesem Weihnachtsfest waren die beiden für mich „Helden des Alltags“ und ich bin ihnen noch heute dankbar.

Mal abgesehen von Schmerzhaft ist so eine Venenverschluss auch potentiell ziemlich gefährlich, weil sich daraus ein Blutgerinsel (Thrombose) lösen könnte – und die landet dann am Normalfall in der Lunge. Aber Super Einsatz von Arzt und Apotheke!