Unausstehliche Nebenwirkung

Mutter in der Apotheke: „Ich habe da eine Frage. Sind sie die Apothekerin?“

Pharmama: „Ja.“

Mutter: „Also, mein 7 Jahre alter Sohn hat eine Halsentzündung – Streptokokken … und er muss zuhause bleiben. Im Moment ist er wirklich anstrengend und unausstehlich …. Ich denke, das liegt daran, dass der Arzt das Antibiotikum falsch dosiert hat.“

Pharmama: „Ich bin ziemlich sicher, es liegt daran, dass er krank ist, dass er gereizter reagiert.“

Mutter: „Denken sie?“

Pharmama: „Ja. … macht meiner auch, wenn er krank ist.“

Mutter: „Oh, gut. Danke vielmals.“

… Tatsächlich kann ich mich erinnern, dass ich selber auch so war. Ich weiss nicht mehr, was ich hatte … ziemlich sicher etwas mit Fieber, das hatte bei mir den Effekt, dass ich einfach gar nichts mehr machen wollte ausser rumzuhängen und schlecht gelaunt zu sein. Und dann gibt es so Momente, da hat man als Kranke/r zum Beispiel etwas im Kopf, das man will (noch einen Film anschauen, etwas spezielles zu trinken, dass Mama nicht jetzt gerade rausgeht zum Einkaufen). Und das will man dann nicht nur, das WILL man, Muss man haben. Jetzt. Gleich. … und wenn man in einem klarerem Moment zurückblickt, denkt man: „Das war jetzt irgendwie total unrational und übertrieben so zu reagieren.“

Also .. verstehe ich den Jungen.

Nicht alles ist ein Problem von den Medikamenten.

Medikamentennamen sind schwierig (5)

Gestern zu einem Patienten mit Rezept:

Pharmama: „Ja, ich sehe auch, dass der Arzt „geben Sie ihr ein Generikum“ auf das Rezept geschrieben hat. Leider bedeutet das nicht, dass es für das Medikament auch schon ein Generikum gibt.“

… das erinnert mich an eine Situation, die mich letzthin schmunzeln lies. Schreibt der Arzt auf das Rezept:

Atova (durchgestrichen)

Atrova (nochmals durchgestrichen) …

das Generikum von Sortis!

Ja, neu gibt es auch Generika vom Sortis – und Ja, Medikamentennamen sind schwierig. Das geht den Ärzten nicht anders als uns. Richtig heisst es: Atorvastatin.

Medikamentennamen sind schwierig (1)

Medikamentennamen sind schwierig (2)

Medikamentennamen sind schwierig (3)

Medikamentennamen sind schwierig (4)

Wie sag ich’s meinem Patienten?

Immer schwierig: Wechselwirkungen. Noch schwieriger: Wechselwirkunge bei Medikamenten wie Antidepressiva und Antipsychotika.

Leider gibt es gerade bei den erwähnten Medikamenten häufig welche … auch „wichtigere“ wie Herzrhythmus-störungen und gegenseitige Wirkverstärkungen – letztere können auch gewollt sein, können sich aber auch in verstärkten Nebenwirkungen äussern.

Und viele, die das nehmen müssen haben schon eine kompliziertere Persönlichkeitsstruktur und Probleme mit Wechseln / neuen Medikamenten / Anpassungen und derartigem. Sie auf Wechselwirkungen aufmerksam zu machen (wie ich eigentlich sollte*) verwirrt sie oft noch mehr und verunsichert sie, so dass sie am Schluss die (nötigen) Tabletten doch nicht nehmen.

Was tun? Bisher habe ich es so gehandhabt, dass – wenn so etwas auftritt und das Medikament neu ist – ich dem Patienten erst mal sage, dass ich rasch noch etwas mit dem Arzt klären muss (ich sage nicht unbedingt was) … und dann das mache. Der Arzt soll dann – mit dem Wissen um die Wechselwirkung -entscheiden, wie wichtig es ist, dass der Patient informiert ist und ob er auf eine mögliche Wechselwirkung oder auch Nebenwirkung achten soll.

Also ist es ein bisschen ein Dilemma. Wie viel soll / kann ich sagen?

Und meine Kollegin ist da letztens ein bisschen „reingelaufen“. Sie hatte abends eine Patientin, die sich schon reichlich beunruhigt in der Apotheke präsentierte. Auf dem Rezept ein neues Antidepressivum zu ihren bereits vorhandenen. Bei Eingabe in den Computer zeigt dann auch eine schwerwiegende Wechselwirkung an – noch nicht kontrainduziert aber im Sinne von „von einer Kombination wird stark abgeraten“.

…. was soll ich schreiben? Den Rest könnt ihr dem Brief entnehmen, den ich dem Arzt auf dessen erboste Reaktion hin geschrieben habe. In seinem Brief  beklagt er sich darüber, wie wir die Patientin behandelt haben, speziell, dass wir ihr gesagt hätten, sie solle das Medikament nicht nehmen. Sie braucht für ihre Behandlung dringend das – und wie wir dazu kämen, sie zu verunsichern?

Sehr geehrter Herr Dr. …

Erstmals: vielen Dank für Ihren Brief. Ich nehme ihn als konstruktive Kritik gerne an.

Dann möchte ich mich entschuldigen, dass das so unglücklich gelaufen ist. Es liegt natürlich auch in unserem Interesse, dass die Patientin die bestmögliche Behandlung und Beratung bekommt.

Am betreffenden Tag arbeitete (meine Kollegin). Sie hat mir erklärt, dass die Patientin zu einem Zeitpunkt mit dem Rezept kam, an dem Sie nicht mehr erreichbar waren. Darum hat sie der Patientin erklärt, dass sie wegen einer Wechselwirkung erst mit Ihnen, dem Arzt Rücksprache nehmen möchte. Die Patientin hat darauf erklärt, dass sie das dann lieber selbst mit Ihnen besprechen möchte.

Wir haben also der Patientin nicht gesagt, dass sie das Medikament nicht nehmen soll. Wir haben ausserdem versucht, sie als verschreibender Arzt zu erreichen, respektive angeboten, es gleich am nächsten Tag abzuklären, was die Patientin abgelehnt hat.

Wir sind uns bewusst, dass ein sensibler Umgang vor allem auch mit depressiven Patienten wichtig ist und dass es wichtig ist, dass diese ihre Medikamente (regelmässig) nehmen. Leider können wir angezeigte Wechselwirkungen nicht vollständig ignorieren. In dem Sinne wäre es das nächste Mal vielleicht sinnvoll, etwas weniger Info an die Patientin zu geben – vor allem wenn der Arzt gerade nicht erreichbar ist.

Dennoch denke ich nicht, dass meine Kollegin falsch gehandelt hat. Falls Sie aber eine bessere Vorgehensweise vorzuschlagen haben, nehme ich diese gerne entgegen.

mit freundlichen Grüssen Pharmama

Vielleicht sage ich das nächste Mal in so einem Fall am besten „ich muss das Medikament erst bestellen, ab morgen habe ich es hier.“ ?

* mehr zum Thema: die Arbeit der Apotheke am Beispiel Wechselwirkungen