Die nächste „neue Dienstleistung“? orale Kontrazeptiva verschreiben?

Es liegt vielleicht nicht weit oben auf meiner „Wishlist“ für die Apotheke, aber es ist eine Möglichkeit, die aktuell diskutiert wird: Apotheker sollen als neue Dienstleistung die oralen Kontrazeptiva verschreiben / abgeben dürfen.

Mara hat mich kontaktiert, da sie als Apothekerin und Doktorandin an einem Projekt dran ist, ein Teilprojekt ihrer Dissertation ist eine Umfrage, ob Schweizer Apotheker/innen interessiert sind, die Dienstleistung «Verschreibung von hormonellen Kontrazeptiva» anzubieten. Sie sucht weiterhin Apotheker*innen, die an der Umfrage teilnehmen, damit sie auch Aussagekräftig ist – ihr findet sie im aktuellen Pharmajournal (oder schickt mir rasch eine mail an pharmama08(at)gmail.com für den Link dazu).

Grundsätzlich finde ich das interessant – in anderen Ländern (wie den UK, den USA, Neuseeland, tatsächlich laut WHO in 35 von 147 Ländern) wird das schon praktiziert und angeblich sind nach Umfragen auch eine Mehrheit der deutschen Ärzte einem Klassenswitch der oralen Kontrazeptiva nicht abgeneigt. Die „Pille“ gehört neben dem Kondom (immer noch) zu den meistverwendeten Verhütungsmitteln … und auch ich hatte in der Apotheke schon Situationen, wo ich froh gewesen wäre, wenn ich das hätte anbieten können. Im Rahmen des „Pille danach“ Gespräches zum Beispiel. Ausserdem weiss ich, wie lange es dauert, wenn es kein Notfall ist, einen Termin beim Frauenarzt zu bekommen. 3-4 Monate (meinen Juni Termin habe ich im Februar abgemacht).

Aber zuvor brauche ich etwas mehr. Wenn ich als Apothekerin so etwas machen soll, dann gilt das wie für die anderen neuen Dienstleistungen und Kompetenzen, die man erwerben kann: ich muss das nötige Wissen dafür haben (zum Teil auch neu lernen: es ist schon etwas her, seit meiner Ausbildung und es hat doch einiges geändert).

Dann fände ich Richtlinien gut, anhand derer man die Abgabe macht.

Dokumentation – im Rahmen, aber für die Absicherung finde ich das sinnvoll. Ich gebe ja auch kein Viagra ab, ohne das zu machen …. Oh, das habt ihr noch nicht mitbekommen? Sildenafil ist seit neustem auf der Liste der rezeptpflichtigen Medikamente, die die Apotheke ohne Rezept abgeben darf. Bevor jetzt mitlesende interessierte Männer die Apotheke stürmen: Eine vorhergehende Abklärung ist nötig (und sinnvoll – ich will den Patienten ja nicht ins Grab bringen, weil er nicht selber erwähnt, dass er auch Nitrate nimmt) und die Zeit und der Aufwand dafür ist nicht gratis. Günstiger vielleicht als beim Arzt, aber ich bin danach auch eingeschränkt in der Menge, die ich abgeben darf – 4 Tabletten einmalig.

Jedenfalls zurück zu den oralen Kontrazeptiva ohne Rezept direkt in der Apotheke: Wär das was? Unter welchen Voraussetzungen?

12 Antworten auf „Die nächste „neue Dienstleistung“? orale Kontrazeptiva verschreiben?

  1. Angesichts der lausigen Versorgungssituation in Deutschland wäre ich schwer dafür. Die Frauenarzt-Praxis bei der ich lange war hat vor einem dreiviertel Jahr zu gemacht und in meiner Stadt nimmt keine Praxis mehr Patientinnen an. Demzufolge habe ich seit Monaten keine Möglichkeit an ein Folgerezept für die Pille zu kommen.Derzeit telefoniere ich die Praxen im Landkreis durch, die Situation ist aber immernoch sehr schwierig und freie Kapazitäten sind rar gesät. Und für so etwas „Normales“ wie Verhütung mehrere Dutzend Kilometer zu fahren und teilweise ein dreiviertel Jahr oder länger voraus zu planen ist schon etwas ätzend, zumal es ja wirklich zum Alltag gehört.

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    1. Ui. Das hört sich aber nicht gut an. Und so etwas wie eine offizielle „Familienplanungsstelle“ oder öffentliche Sprechstunde im Spital gibt es auch nicht?

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  2. Die Pillenfresserei ist Mord auf Raten. Wird natürlich keiner zugeben.
    Ich hab 3 Wochen die Pille genommen, dann hatte ich einen Diabetes Typ1 an der Jacke. Freundin (nur kurz, kann das nicht weiter hinterfragen) vom Sohn hat nach Einnahme einen bleibenden Hörschaden. Ohne Ende Thrombosen und Gefäßverschlüsse anderer Art gehen auf das Konto. Trotzdem wird bedenkenlos verschrieben. Egal ob die Mädels rauchen ect. Auch mit Diabetes hätte ich jederzeit ein Rezept bekommen. Die Jungs verargumentieren das so, als solle man (Frau) Smarties essen. An dieser Stelle würde ich gern das Bewusstsein der Konsumentinnen und Nutznießer davon schärfen… und nicht die Verfügbarkeit erhöhen.
    Viele Grüße Miki
    (Die Pille danach sehe ich etwas anders, da muss die Frau halt das Risiko eingehen, das sollte ja eine einmalige Ausnahmesituation sein. Außerdem weiß ich da nichts über die Gefahren).

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    1. @ Miki:

      „Ich hab 3 Wochen die Pille genommen, dann hatte ich einen Diabetes Typ1 an der Jacke. Freundin (nur kurz, kann das nicht weiter hinterfragen) vom Sohn hat nach Einnahme einen bleibenden Hörschaden.“

      In beiden Fällen würde mich das Alter bei Ersteinnahme interessieren. Und ob der Zusammenhang mit der Einnahme und dem Folgeschaden zweifelsfrei nachgewiesen ist, oder es sich nur um eine Vermutung handelt. Korrelation bedeutet keine Kausalität!

      „Ohne Ende Thrombosen und Gefäßverschlüsse anderer Art gehen auf das Konto.“

      Na, bei wieviel Prozent der Frauen, die die Pille nehmen, tritt das denn auf?

      „Trotzdem wird bedenkenlos verschrieben. Egal ob die Mädels rauchen ect.“

      Was wäre die Alternative? Immerhin ist die korrekt angewandte Pille die sicherste Verhütungsmethode.
      Dann sollen sie doch bitte das Rauchen lassen. Ist a) allgemein gesünder und b) sehr gefässschonend.

      „Die Pillenfresserei ist Mord auf Raten. Wird natürlich keiner zugeben.“

      Steile These. Leider ohne brauchbare Belege.

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    2. Das mit dem Thromboserisiko ist so: das ist vorhanden – und die Pille war deshalb in den letzten Jahren gelegentlich in den Schlagzeilen. Trotzdem: das Risiko unter der Pille eine Thrombose zu machen ist immer noch kleiner als in der Schwangerschaft eine Thrombose zu machen. Da ist das nämlich auch erhöht – aus denselben Gründen: die Hormone.
      Eine Abklärung vor der Abgabe sehe ich aber auch als unerlässlich an – und dass Frauen, die wegen dem Rauchen an einem erhöhten Risiko leiden nicht einfach „irgendeine mitgegeben“ bekommen auch.

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  3. Schwierige Sache. Ich würde eine Vorabklärung bzgl. Risikofaktoren voraussetzen. Und evtl. nur das weiterausgeben, was die Patientin schon hatte, sozusagen Folgerezepte.
    Ansonsten bin ich da zwiegespalten…

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  4. Ach so, was die Frage angeht: grundsätzlich fände ich eine Abgabe ohne Rezept gut, nur sollte vor dem allerersten Bezug eine Untersuchung und Beratung beim Gyn stehen. Vor allem, weil nicht jede Pille für jede Frau gleich gut geeignet ist. Und um auf Risikofaktoren hinzuweisen.

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    1. Ja – oder eben die Abklärung und Beratung muss in vernünftigen (und ausführlich genug) Rahmen stattfinden können. Das darf (von mir) auch in der Apotheke sein. Dafür bräuchte ich jetzt aber noch etwas mehr … Info / Weiterbildung / Ausbildung vorher.

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  5. @Der Flo
    Ich war 17, hab 3 Wochen die Pille genommen, in der Pausenwoche hat sich der Diabetes manifestiert, bis zur Diagnose hat es noch einen Augenblick gedauert…Krankenhaus und großes Kino. Im Beipackzettel stand es als seltene NW drin. Als Diabetikerin ist die hormonelle Verhütung schwierig, wird abgeraten. Ich hab es auch trotzdem versucht (mir wurden sogar Bedenken ausgeredet), aber nur 2 Monate, der Insulinbedarf hat sich verdreifacht.
    Es ist eine tolle Möglichkeit, wird aber zu bedenkenlos verschrieben. In den Köpfen kommt nicht an, dass es ein ordentlicher Eingriff in die Physiologie ist. Das ärgert mich und tut mir für die Mädchen leid.
    Dann dachte ich, die Präparate sind inzwischen besser verträglich, diese Meinung habe ich revidiert, nachdem ich das von der Freundin meines Sohnes (also eine Generation später) gehört habe. Da war es nachgewiesen, aber ich hab das Mädel nur 1x gesehen, hat sich nichts entwickelt mit meinem Sohn.
    Neulich (paar Jahre?) ist ja ein Präparat (in D) vom Markt genommen worden, nachdem es durch Gefäßverschlüsse und die Folgen aufgefallen ist.
    Es ist ja nicht mehr mein Thema (ich hab mich am Ende sterilisieren lassen), aber bitte Augen auf; nicht „mal eben“ nehmen, weil es alle so tun. Dann besser die Hormonspirale, z.B., Kondome und sowieso die Männer mehr in die Verantwortung. Und nicht gleich lospoppen… ;-)
    Leider werden die Gynäkologen ihrer Verantwortung nicht immer gerecht. Sind oft selbst zu unkritisch oder auch resigniert, weil Kundinnen ja nichts anderes wollen, als den Freifahrtsschein. Schwierig.Weiß ich auch.

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  6. Ich schreibe jetzt mal als Apotheker für Deutschland: Wenn Apotheken hierzulande die Pille ohne Arzt abgeben würden, würde das so laufen, dass das Ding einfach verschreibungsfrei werden würde. Ich selbst würde da natürlich beraten und viele engagierte PTAs ebenfalls.

    Ich sehe aber hier die deutliche Gefahr, dass es gerade in Großstadtapotheken, die Medikamente eh eher im Durchlauf zu billigen Preisen verkaufen, keine Beratung mehr geben würde. Ich kenne da beispielsweise eine mir ehemalig unterstellte PTA, deren einzige Frage bei der Pille danach es war, ob es die PIDANA oder die EllaOne sein solle: die eine kostet 20 Euro, die andere kostet 30 Euro. Diese PTA hatte auch keine Motivation, sich auch nur ansatzweise irgendetwas zur Funktionsweise der Pille danach anzulesen.

    Weiterhin gibt es auch Kundinnen, die ja beratungsresistent sind. Mir selbst fällt da als Extremfall eine junge Dame ein, die sich regelmäßig die Pille danach holt; etwa zehnmal innerhalb der letzten beiden Jahre. Den Ratschlag, sich von einem Frauenarzt zum Thema Verhütung generell mal einfach beraten zu lassen, schlägt sie in den Wind. Was will man da als Apotheker machen?

    Von daher bin ich da fachlich nicht dafür, dass Apotheken in Deutschland die Pille ohne Rezept abgeben sollten.

    Wenn, dann nur Folgeverordnungen und an Personen über 18, 21 oder 25 Jahren. Ich denke, dass für eine vernünftige Anamnese in der Apotheke bei einer Erstberatung keine Zeit ist. Ich habe leider auch keine Zeit, mich mit einer jungen 15jährigen Frau hinzusetzen und dieser die verschiedenen Möglichkeiten zu erläutern, welche verschiedenen Möglichkeiten es zur Kontrazeption gibt. Das wird so in Deutschland nicht bezahlt.

    Ich bin durchaus der Ansicht, dass deutsche Apotheken einen guten Job machen. Aber die Abgabe der Pille ohne Rezept sehe ich sehr kritisch.

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  7. Ich halte das für keine gute Idee. Es geht hier nicht um harmlose Hustenzuckerls sondern um ein Medikament das einer gründlichen Vorabklärung und regelmäßiger Kontrolle bedarf. Bei meiner Gynäkologin (und ich nehme an das gilt für ganz Österreich) bekomme ich das Rezept für 1 Jahr. Dann muss ich wieder zur Untersuchung. Das finde ich gut so – viele Frauen würden ohne solchen Zwang nie hin gehen.
    Abgesehen davon dass sie die Situation ja auch ändert, der gesundheitliche Zustand ändert sich, es kommen neue Präparate und Verhütungsmittel auf den Markt. Ich finde um da den Überblick zu behalten braucht es die SpezilaistInnen (=GynäkologInnen), das kann die Apotheke nicht im selben Umfang leisten. Von Fragen die sich bei der Untersuchung spontan ergeben gar nicht zu reden.

    Die Wartezeiten (auch in Ö 3-4 Monate) sind natürlich elend, aber gerade bei der regelmäßigen jährlichen Besuchen kann man den nächsten Termin gut rechtzeitig planen.
    Was ich wichtig finde/fände: Die rezeptfreie Abgabe von 1 Monatsration durch die Apotheke im Notfall. Es kann passieren dass man sich verschaut, einen Blister verliert, den Termin krankheitsbedingt nicht wahrnehmen kann, usw. Das sollte nicht zu einer Unterbrechung beim Schutz führen.

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  8. Im Großen und Ganzen bin ich absolut dafür. Es ist schon arg lästig, dass ich nach Jahren der Pilleneinnahme immer noch alle paar Monate zum Arzt rennen muss (nehme die Pille im Langzeitzyklus, brauche daher mehr als eine Packung alle sechs Monate) nur für das Rezept.
    Sinnvoll wäre hier eine Bestätigung, die jeweils ein Jahr gültig ist und die bei einem Kontrolltermin beim Gyn erneuert werden kann, dass man die Pille nimmt und aufgeklärt worden ist. Dann liegt die Verantwortung nicht mehr beim Apotheker, ich muss aber auch nicht extra der Arztpraxis Aufwand machen für ein Rezept für ein Medikament, dass ich seit 15 Jahre nehme.

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