Ein Erfahrungsbericht von“gepflegter Krätze“

Leserin Johanna hat meinen letzten Krätze-Artikel zum Anlass genommen, von ihrer eigenen Erfahrung damit zu schreiben. Interessant dabei, dass es nicht der „typische“ Fall ist – vielleicht etwas, das man in der Apotheke im Hinterkopf behalten sollte:

Meine Familie hatte vor ca. 10 Jahren die Krätzen(Skabies), allerdings in Deutschland.

Der Artikel ist lang, daher das Wichtigste zuerst:
Bei neuem Juckreiz am Körper, der
– vor allem auftritt oder zunimmt, wenn man zur Ruhe kommt,
– nachts im Bett beginnt oder dort nochmal stärker wird,
– durch nichts zu lindern ist,
– im Laufe der Zeit (Wochen) langsam an Fläche und Intensität gewinnt,
ist unbedingt die Diagnose Krätze (Scabies) in Betracht ziehen. Auch wenn man „kaum was sieht“. Geht zum Hautarzt, wird Euch nicht geholfen, zum nächsten. Lasst Euch nicht abwimmeln. Ich würde sogar so weit gehen, im Zweifelsfall trotz negativer Diagnose einen Versuch der Eigenmedikation zu unternehmen.

Unsere Geschichte:

Die Ansteckung von Familienmitglied Nr.1 erfolgte im Rahmen eines Klinikaufenthaltes. Da dieser sehr lang war, brach die Krankheit auch dort aus, und wurde anschließend fehlbehandelt. Unseren Bitten und Aufforderungen, einen Hautarzt hinzuzuziehen, wurde nicht entsprochen.

Zwei Monate nach Familienmitglied Nr. 1 trat der Juckreiz bei mir auf, es folgte der Rest der Familie. Die richtige Diagnose erhielten wir weitere 2 Monate später, insgesamt 4(!) Monate nach Ausbruch der Krankheit. Dabei wurden in diesem Zeitraum permanent Ärzte konsultiert, die Klinik um entsprechende Ursachensuche und Behandlung gebeten, aufgefordert, etc.

Unsere Erfahrungen:

Der Juckreiz ist unvorstellbar schrecklich. Sobald man zur Ruhe kommt, vor allem abends und nachts im Bett, wird er stärker, mit Fortschreiten der Krankheit immer unerträglicher.

Nichts hilft, kein Kratzen, kein Baden, keine Körperlotion. Ein Kind verwendete Coolpacks und Kühlakkus, diese verschafften neben „Blutigkratzen“ für kurze Zeit Linderung.

Ich war 1,5 Monate nach dem ersten Auftreten des Juckreizes bei mir so sehr am Ende, dass ich mich am liebsten in ein künstliches Koma hätte versetzen lassen, so stark war die Beeinträchtigung, so aussichtslos die Situation.

Der Juckreiz zu Beginn der Erkrankung fühlt sich an wie das leicht ziehende Jucken der Haut ein paar Tage nach einem starken Sonnenbrand.

Nach einiger Zeit juckt nicht nur die Fresstätigkeit der Milben unter der Haut, nach dem ihrem Ableben verbleiben die Milben dort, die Reaktion der Haut bzw. des menschlichen Körpers auf die „Milbenleichen“ führt ebenfalls zu Juckreiz.

Niemand in unserer Familie hatte die klassischen, im Netz zu findenden Krankheitszeichen: Wir hatten kaum Pusteln, kein Sekundärekzem, 2-3 „Milbengänge“ wurden zwar beobachtet, jedoch nicht als Anzeichen von Krätze identifiziert. Im Grunde genommen stimmten unsere Krankheitszeichen kaum mit dem überein, was im Netz zu finden war. Daher las ich auch unzählige Male über Krätze (Scabies) hinweg.

Es gibt eine sogenannte „gepflegte Scabies“. Bei Menschen, die ihren Körper intensiv pflegen, sind die typischen Krankheitszeichen nur schwach ausgeprägt. Meines Erachtens betreiben und betrieben wir keine überdurchschnittliche Körperpflege, jedoch war es offensichtlich eine „gepflegte Scabies“.

Nach unserer Diagnose sprach ich einzelne Leute in meinem Umfeld darauf an, dass sie möglicherweise angesteckt sein könnten (Kinder hatten gespielt, gekuschelt). Man beschrieb auf Nachfrage genau das Hauptsymptom, nämlich Juckreiz, welcher in Ruhe auftrat, nachts im Bett zunahm und durch nichts zu lindern war. Trotz entsprechender Hinweise erhielten diese Leute teilweise erst beim 3. Hautarzt Hilfe, manche kauften sich die Medikamente nach mehreren erfolglosen Arztbesuchen selbst, worauf die Symptome dann auch abklangen.

  • Bei uns ging man tatsächlich nach einer Weile von psychosomatischen Ursachen aus und wollte uns tatsächlich weismachen, der Juckreiz übertrüge sich psychisch auf die anderen Familienmitglieder, so wie man sich auch gleich den Kopf kratzt, wenn man hört, dass jemand Läuse hat. Wir schliefen schlecht, waren gequält durch den permanenten Juckreiz, die Kinder waren blutig gekratzt, wir wussten nicht, ob und wann das je vorbei sein würde, und dann durften wir auch noch rätseln, welch gravierendes psychisches Thema dafür verantwortlich war.

Behandlungsversuche der Ärzte bei uns und Bekannten bzw. Historie:

  1. Arztbesuch wegen Juckreiz. Allgemein- oder Hautarzt stellt trockene Haut fest, verschreibt Creme und ordnet weniger Baden und Duschen an. (Achtung: Hauttrockenheit oder scheinbare Hauttrockenheit kann bereits Symptom sein).
  2. Arztbesuch ein bis zwei Wochen später, da keine Besserung. Verschreibung des ersten Antiallergikums.

  3. Arztbesuch ein bis zwei Wochen später. Inzwischen statt Besserung Verschlimmerung. Verschreibung des zweiten Antiallergikums. Evtl. Allergietest, welcher negativ ausfällt.

  4. Ein bis zwei Wochen später, also 4-8 Wochen nach dem ersten Juckreiz, hat der Patient Glück, wenn er zum Hautarzt geschickt wird und dieser die Krankheit korrekt diagnostiziert.

  5. Nachdem bei Familienmitglied Nr.1 die Diagnose endlich erfolgt war, ging ich ebenfalls zu einem Hautarzt, beschrieb unsere Krankheitsgeschichte, sagte ihm, dass ich die Krätze habe, worauf er grinste und meinte, genau das habe er sich gedacht, der Verlauf und die bis dato erfolglosen Behandlungsversuche seien klassisch. Ich war nicht die Erste mit diesem Leidensweg.

Nach der Diagnose waren wir erleichtert, aber das Leiden war noch nicht vorbei. Medikamente töten die Milben, aber die „Milbenleichen“ verbleiben in der Haut, bis diese sich erneuert hat, d.h. der Juckreiz bleibt in verminderter Form bestehen. Aus diesem Grund war ich mir nie sicher, ob wirklich alle Milben tot waren, nahm der Juckreiz zu, brach ich in Panik aus. Ich wiederholte die Standardbehandlung mehrfach, da ich sonst nicht zur Ruhe kam. Die Vorstellung, Milben in der Haut zu haben war unerträglich.

Die Erkrankung an Krätze, weist ähnlich wie ein Befall mit Läusen, nicht auf mangelnde Körperpflege hin. Trotzdem reagiert das Umfeld, als wäre dies so.

Ich informierte das Gesundheitsamt, dort wurde nichts unternommen. Man kuckte mich nur teilnahmslos an, ja, das sei bekannt, Scabies gäbe es wieder.

In der Klinik gab es meines Wissens auch keine gezielten Maßnahmen wie z.B. spezielle Information des Personals und ehemaliger Patienten, was ich unverantwortlich fand, denn es quälten sich inzwischen mit Sicherheit noch weitere Leute und warteten auf Besserung durch Eincremen, Nichtbaden und Antiallergika.

Die für die monatelange Fehlbehandlung verantwortliche Klinikärztin hatte keinen Schneid, mich anzurufen und sich zu entschuldigen, auch die anderen Ärzte, die den Rest der Familie fehldiagnostiziert hatten, äußerten weder Bedauern noch Entschuldigung.

Manchmal ärgere ich mich auch heute noch darüber, dass ich damals auf die Ärzte nicht mehr Druck gemacht habe bzw. nicht einfach noch weitere Ärzte aufgesucht habe, dann wären unserer Familie insgesamt einige Monate Juckreiz erspart geblieben.

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Über Pharmama

Wie bringt man die Arbeit in der Apotheke und die Familie unter eine Haube? Mit viel Humor natürlich! Ich bin Apothekerin aus der Schweiz schreibe über Interessantes und lustiges in und um die Apotheke. unter: Pharmama.ch

Veröffentlicht am 21/10/2016 in Apotheke und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Guten Tag,
    das ist ein sehr interessanter Bericht, besonders für Menschen, die mit vielen Menschen zu tun haben und somit auch mit vielen gesundheitlichen Beschwerden.
    Es gibt einige Diagnosen, die nicht einfach zu stellen sind. Bei mir war es im letzten Jahr eine Trigeminusneuralgie, die auf Grund der anfangs noch fehlenden sichtbaren Zeichen eines Herpes Zoster in der rechten Gesichtshälfte erst nach sechs langen qualvollen Tagen mit vielen ergebnislosen Arztbesuchen bei diversen Ärzten gestellt werden konnte. Und dabei bin ich selbst in der Krankenpflege tätig….
    Gruß, Schäufele

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    • Gibt halt Krankheiten, die erwartet man nicht. Ist mir mal mit Rhabdomyolyse passiert. Hätte ich mich da nicht selbst (fachkundig, Pubmed, nicht Google) informiert, hätte mich mein Hausarzt mit Antibiotika auf Blasenentzündung behandelt („Sie haben Blut im Urin“ – „Nein, habe ich nicht, Ihr Teststreifen reagiert auf Myoglobin“ – „Oh, wirklich?“).
      Aus dem Krankenhaus musste ich mich trotzdem noch am gleichen Abend selbst entlassen, weil die einfach nicht behandelt haben. Keine Diurese, und CK auch nicht mal durchgemessen um Veränderungen feststellen zu können (bei 20000 aufgehört zu verdünnen). Eigentlich nicht mal nen Arzt gesehen, außer den Assistenzarzt bei der Aufnahme.
      Lief am Ende darauf hinaus, dass ich über ein langes Feiertagswochenende mit Rezepten und Blutabnahme aus dem hausärztlichen Notdienst selbst Laborwerte geholt habe, Urin-pH gemessen und Diurese oral gemacht.

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    • Hallo,
      ich hatte mal einen Patienten, der aufgrund eines Leberzell Karzinoms einen stark ausgeprägten Ikterus (Gelbsucht) und dadurch einen quälenden Juckreiz hatte.
      Das einzige was der Ärztin zur „Behandlung“ einfiel, um den Juckreiz zu lindern, war Fenistil (Antiallergikum) en masse zu verordnen. Dieses Medikament hilft aber nur gegen Juckreiz, wenn dieser allergiebedingt ist. Wenn die Ursache eine Gelbsucht ist, nützt es rein gar nichts.
      Da helfen symptomatisch nur physikalische Methoden, wie eben kühlen, massieren/drücken statt kratzen, Baumwollhandschuhe u.ä.
      Davon war die Ärztin allerdings partout nicht zu überzeugen, sie hat sich nur gewundert, dass das Medikament nicht half…

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  2. Sehr wertvoller Erfahrungsbericht, danke für die Mühe!

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  3. Unglaubliche Geschichte. Mir ist das aber mal genau andersherum passiert: Ich war 22 und hatte bis dahin keine Windpocken, obwohl die natürlich im Kindergarten, Schule und später auch bei meinen Babysitterkindern umgingen. Damals habe ich ab und zu in einem Kiosk gearbeitet, so auch kurz vor einem Windpockenausbruch. Etwa eine Woche später hatte ich eine seltsame kleine Pustel am Arm. Am nächsten Tag auch im Gesicht und am restlichen Körper, aber eben sehr klein und nicht direkt als Windpocken zu erkennen, außerdem hatte ich Fieber. Somit bin ich zum Hausarzt, der aber keine Diagnose stellen wollte und mich zum Hautarzt überwies. Dort wurde ich erstmal eine Stunde weggeschickt und dann kam der Knaller: „Nein, sie haben keine Windpocken, sie haben Krätze.“ Klar, ist ja auch total naheliegend. Gut, also Medikament geholt etc. Nach zwei Tagen tat sich nichts, außer dass ich immer noch Fieber hatte und immer mehr Pusteln bekam. Also bin ich wieder zum Hausarzt. „Ja, sie haben Windpocken, aber ich habe die Diagnose nicht gestellt. Da müssen sie nochmal zum Hautarzt.“ Der hat das dann auch „akzeptiert“.

    So viel zu „es gibt halt Krankheiten, die erwartet man nicht“ 😉

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  4. Vielen Dank für den Erfahrungsbericht!
    In dem ersten KKH, in dem ich gearbeitet habe, wäre das warscheinlich nicht so passiert (Kooperationsvertrag mit niedergelassenem Dermatologen, Wehwehchen bis ernstzunehmende Probleme der Haut wurden nach spätestens 3 Tagen angeguckt). Außerdem bestand dort eine hohe Sensibilität bezüglich Krätze, da gefühlt die Hälfte der pflegenden Belegschaft sich mit dem Zeug rumärgern musste. Eine Schwester steckte sich bei der Patientin an (hier keine gepflegte Krätze) entwickelte gepflegte Krätze, dadurch Verschleppung der Diagnose und schwupps – die Hälfte der Pflege hatte das Zeug. (Die danach folgende Suche, ob sich ein Patient angesteckt hatte, blieb übrigens unauffällig. Das wurde als gute Hygienemaßnahmen den Patienten gegenüber gewertet und gelobt. Also konsequentes Kitteltragen beim Patienten waschen etc. pp.; wurde alles gut aufgearbeitet. Fand ich gut.)
    In dem Zweiten Haus wäre das gut möglich gewesen, denn wenn ich da mal – ich kleine Assistenzchirurgin – ein dermatologisches Konsil haben wollte, musste ich erst die Erlaubnis vom Oberarzt und Chef einholen (diese mussten dann die Erlaubnis von der Klinikleitung einholen) damit ich danach rumtelefonieren konnte, welcher der niedergelassenen Dermatologen sich bereit erklären würde ein Konsil bei uns durchzuführen (und bitte nicht erst in 3 Wochen). Dann kam dann irgendwann so zwischen gleich und 3 Tage nach Entlassung des Patienten der Konsilarius… AAAAAAhhhh Bin ich froh, dass ich nicht so oft Dermatologen brauche. Die meisten Probleme mit der Haut haben meine Patienten dadurch, dass die an der anzuguckenden Stelle ab oder durchgeschnitten und zusammengenäht (operiert) ist. Das kann ich selbst 😉

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  5. Ich hatte auch mal Krätze:
    – der Frauenarzt, bei dem ich zu einem Routinetermin war, diagnostizierte eine Allergie gegen ein neues Kleidungsstück,
    – ein befreundeter Internist mutmaßte eine Entzündung der Schweißdrüsen.
    – die Hautärztin diagnostizierte richtig und verschrieb mit die richtige Behandlung, ging aber mit mir um, als wäre ich asozial oder würde mein Geld auf dem Strich verdienen.
    Wo ich mich angesteckt hatte, habe ich nie herausgefunden.

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  6. wolframcgn

    „Witzig“. Fast der gleiche diagnostische Irrweg bei mir und meinem Freund vor kurzem (D + NL).

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