Ausschwemmen bis Austrocknen …

Es ist Samstag nachmittag. Ich bekomme ein Rezept über Lasix 200mg.  Keine Dosierung.

Pharmama: „Oh – das habe ich nicht hier, das muss ich erst bestellen.“

Frau, die mir das Rezept gereicht hat: „Was haben Sie denn hier?“

Pharmama: „Lasix 40mg.“

Frau: „Dann kann ich ja von denen nehmen – wieviel? Fünf?“

Pharmama: „Jaaah, aber …“ (200mg für die Person, die da vor mir steht: eine ansatzweise mollige Frau nur wenig älter als ich??) „… für was nehmen Sie das denn?“

Merke: 200mg ist nur für Spezialindikationen, wie zum Beispiel kurz vorherstehendes Nierenversagen. Danach sieht sie jetzt nicht aus – aber ich bin ja auch kein Arzt.

Frau: „Oh, ich habe etwas Wassereinlagerungen und die will ich loshaben, zum Abnehmen. Da habe ich den Arzt gefragt, was ich da machen soll und er hat mir das aufgeschrieben.“

Hmmm – ich finde die Dosierung ist etwas sehr hoch dafür. Mal abgesehen, dass das nicht ganz die gedachte Anwendung ist – aber Bodybuilder „missbrauchen“ das ja auch dafür. Und ausser dem 200mg hat er nicht mal aufgeschrieben, wie sie die nehmen sollen.

Pharmama: „Das hatten Sie also noch nie?“

Frau: „Nein, wieso? Ist das nicht für das?“

Pharmama: „Das ist ein Diuretikum – das wirkt Wasseraustreibend, aber mit 200 mg … da verbringen sie den Rest des Tages auf der Toilette, das könnte zu viel sein für sie, da trocknen Sie noch aus. Soll ich nicht lieber erst beim Arzt anfragen?“

Frau: „Er ist nicht mehr da – und ich wollte das eigentlich heute noch ausprobieren.“

Am Schluss haben wir uns darauf geeinigt, dass sie die (normalen) 40mg nimmt und es am Morgen erst mal mit einer Tablette versucht. (Das ist übrigens etwas, was man auch den Patienten sagen sollte die das normalerweise nehmen: nicht am Abend, sonst haben sie eine sehr … unruhige Nacht.“

Und dass sie mit dem Arzt Rücksprache nimmt.

200mg!?

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Über Pharmama

Wie bringt man die Arbeit in der Apotheke und die Familie unter eine Haube? Mit viel Humor natürlich! Ich bin Apothekerin aus der Schweiz schreibe über Interessantes und lustiges in und um die Apotheke. unter: Pharmama.ch

Veröffentlicht am 11/05/2016 in Apotheke und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 21 Kommentare.

  1. ich so, nach hysterektomie, wie üblich von den schmerzmitteln leicht aufgeschwemmt, im krankenhaus lieg, zu arzt sag: wie schon angekündigt krieg ich von tramal et al. ödeme, hier bitte: arm herzeig.

    arzt so, zur krankenschwester: OH! wieso sagt mir das denn keiner früher!

    ich so: steht in meinem krankenblatt.

    arzt so: äh …

    ich so: den schwestern hab ich es auch schon gesagt und gezeigt.

    arzt so, zur krankenschwester: geben sie der frau ein grosses lasix in die infusion.

    ich so, ohne brille, denke: ok, klein: 20 mg, gross: 40 mg. lasix kenn ich aus dem büro, das ist eines der „babys“ für die ich in der zulassung zuständig bin. passt.

    krankenschwester hängt fläschchen zur infusion.

    ich so zu mir selber: uuups, da ist schon fast kein kreislauf mehr, und das harnsackerl ist auch gerade geplatzt, da stimmt was nicht …

    ich – ohne brille – sah schlecht, aber zur betreuung der zulassung gehörte auch die druckfreigabe, und gott sei dank hatten die diversen dingenser nicht nur verschiedene aufschriften, sondern auch verschiedene farben, dazu reichte es auch ohne brille.

    ich hab gerade noch die infusionsnadel aus dem arm gekriegt, bevor ich bewusstlos wurde. unter „grosses lasix“ hatte die schwester nämlich die 250 mg verstanden, und mir die mit schmackes und vollem tempo in die vene gerammt. letztere ist heute, nach bald dreissig jahren, immer noch beleidigt, die wunde nekrotisierte damals ein wenig, eine venenentzündung vom feinsten folgte.

    ich gehe einmal davon aus, dass der arzt 20 mg meinte, und die null einfach zu viel war, mit verlaub. 200 mg oral bei einem ansonsten gesunden menschen sind schon ziemlich gefährlich, wenn ich mir die feststellung erlauben darf. da braucht es nur noch ein bisserl zu wenig trinken oder was falsches essen oder wetterumschwung oder ärger oder stress dazu, und schon wird mensch ohnmächtig und schlägt sich den kopf blutig, oder schlimmeres. meine güte, mir wird ganz übel wenn ich mir das vorstell‘.

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    • Flush und weg?
      Infusionen sind nicht ganz ohne: drin ist es schnell … und dann?

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      • ich hab nicht alles abgekriegt, gott sei dank, aber abgesehen von flutsch und weg mit meinem bewusstsein hat es das angehängte harnsackerl zerrissen, mit einem lauten platsch, wie mir die bettnachbarin berichtete. es war tatsächlich einen tag nach der grossen op, da geht es einem sowieso noch so mittelprächtig schlecht bis ganz schlecht.

        dann natürlich musste wieder eine infusion rein in mich, auf der anderen hand, weil venen in der ellbeuge eher suboptimal. das war dann aber nur flüssigkeit und keine schmerzmittel mehr, die hab ich verweigert aus gründen der kontrolle des rundumgeschehens. wäre ich nicht so schnell gewesen damals, tja. und natürlich hätte keiner den grund gefunden für mein jähes abkratzen.

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  2. nachsatz: ich nehm manchmal auch lasix, wenn ich ein paar tage hintereinander tramal gebraucht und entsprechend wasser eingelagert habe. die hälfte einer 20 mg – tablette bereinigt das problem innerhalb allerkürzester zeit, ich darf halt nur nicht aus dem haus gehen ein paar stungen lang.

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  3. Uff, 200mg hab ich noch nie auch nur ansatzweise in einen Patienten gekippt. Da hätte ich wohl sicherheitshalber erstmal gar nichts abgegeben vor der Rücksprache, das hier ist ja keine akute Indikation. Bevor die nmoch auf die Idee kommt sich doch fünf davon einzufahren.

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  4. s'gramselet

    Jaja, die wäre dann Sonntag Nachmittag mit der Ambulanz auf den Notfall gekommen mit „Kreislaufkollaps“ oder „unklarem Schwindel“ oder „AZ-Verschlechterung“ und sie wäre eine Nacht geblieben zur Rehydrierung, und am nächsten Tag wäre sie heim gegangen und der Hausarzt hätte einen Bericht mit einer schnippischen Bemerkung bekommen 😉

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    • 🙂 Ihr schreibt schnippische Bemerkungen in die Berichte?

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      • s'gramselet

        Es sind eher so passiv-aggressive Formulierungen. Hier hätte das vielleicht so aussehen können:
        Diagnose: Exsikkose nach Lasix-Überdosierung
        Anamnese: Die Patientin berichtet, sie habe sich vom Hausarzt etwas zum „Ausschwemmen“ gewünscht, da sie gerne überschüssiges Gewicht verlieren möchte. Dieser habe ihr Lasix 200mg verschrieben und gesagt, sie solle es damit versuchen. Am zweiten Tag der Therapie habe sie plötzlich Schwindel verspürt und sei synkopiert.
        Therapie: Lasix stop bei fehlender Indikation. Rehydrierung mit Ringer-Acetat. Ernährungsberatung.

        Vielleicht finde ich bei Gelegenheit mal ein besseres Beispiel 🙂

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  5. Unglaublich – benutze seit 20 Jahren Lasix als Arzt – aber auf solche Ideen wäre ich nie gekommen.

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  6. Ein Schleifendiuretikum zum abnehmen. Sehr beliebt bei Boxern vorm Wiegen – nur so kämpft man eine Gewichtsklasse tiefer (und deshalb stehts auch auf der Dopingliste). Klassischer Off-Label-Use. Wäre was passiert, hätte der Arzt sich eine nette Erklärung einfallen lassen müssen…

    Ich wollte das heute noch ausprobieren. Jaja, Arzneimittel sind wie Haushaltsgeräte. Erst holt man die sich, und dann „probiert man die aus“. Ne 100er Packung „Furosemid 40mg“ bekommt man in D ab 13,77€ Da frage ich mich, ob die nicht ein mehrfaches kosten müssten, um so einen Unsinn einzudämmen. Über Logik erreicht man die wenigsten Menschen, über den Geldbeutel erstaunlicher Weise aber die meisten… (nur meine Erfahrung).

    Immerhin konnte es hier noch „gerade gebogen“ werden. Und – meine sarkastische Seite schlägt grad wieder durch – wird sich die gute Frau in Zweifelsfall schon bei den 40mg umschauen… (nich nur nach dem nächsten WC). In D habe ich ja nicht mal einen Ermessensspielraum. Ganz oder gar nicht! Alles andere, auch wenn es zum Nutzen des Patieten ist, ist apothekerlich schlicht und ergreifend strafwürdig; und darf deshalb nur vom Arzt entschieden werden…

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    • Und wenn du das Rezept aus Sicherheitsgründen vorerst zurückhältst, um mit den Arzt Rücksprache zu halten?
      Also zum Patienten klar sagst: „Ich kann Ihnen das bestellen, würde aber gerne nochmal mit den Arzt Rücksprache halten. Die Dosierung ist ungewöhnlich hoch.“
      oder Alternativ:
      „Das kann ich Ihnen gerne zu morgen bestellen. Gegen 11 Uhr können Sie es abholen.“ und eben dann vor 11Uhr Rücksprache halten?

      Also jetzt ernsthaft gefragt. Eine Apotheke hat mal so reagiert, als eine Kollegin ein Rezept über Predni 50mg anstatt 5mg und einer Anfangsdosis von 10 Tabletten pro Tag (mit Reduzierung alle zwei Tage um je eine Tablette bis zur Dauermedikation von 2,5mg oder so) ausgegeben hat. Auch da war es nur einmal in der Zeile verrutscht und niemanden ist es aufgefallen, weil es ein furchtbarer Tag war. Das Rezept war vom Freitag, gemeldet hatten sie sich dann Montag früh (Patient war entsprechend übelst gelaunt).

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      • Deine letzten Sätze bezeichnen das Problem: Der Patient war übelst gelaunt. Nicht, weil die Apotheke ein Problem entdecke und für ihn selbstsändig löste – nein, weil sie sich erdreistete, so lange zu brauchen, bis die Arztpraxis wieder anwesend ist. Dass ich als Apotheker in D da gar nichts entscheiden darf ist den Patienten nicht bewußt aber dafür herzlich egal.

        Dass mir bereits – selbst bei sinnvollen Entscheidungen für den Patienten – von manchem Arzt schon die Ohren lang gezogen wurden (weil ich als dummer Apotheker da gar nichts zu entscheiden habe, lieber soll der Patient hat Schaden erleiden) steht auf einem anderen Blatt…

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        • Äh… der Patient war eher unbegeistert von uns und nicht vom Apotheker. Das hat er uns am Telefon sehr ausführlich in reichlich bildhaften Worten klar gemacht.

          Und mir ist durchaus bewusst, dass „die Apotheke ist scheiße,die kann gar nichts!“ in den Köpfen der Leute rumspukt, wenn ihr… öh… vorweg greifend lebensrettende Maßnahmen einleitet und Pat. (oder Arzt oder MFA) das intellektuell nicht verstehen kann (wobei die Beiden in Klammern haben ganz andere Probleme).

          Mir ging es jetzt um die rechtliche Frage. 🙂

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  7. Ich weiss noch, wie meine Oberärztin auf Visite Bauklötze staunte, als der Chefarzt meinte „na, also mit den 10er und 20er Lasix kommen wir bei Herrn Meier und seinen Lungenproblemen echt nicht weiter. So. Jetzt mal richtig“ und schreibt „250mg“ aufs Verordnungsblatt. Ne Stunde später waren die Atembeschwerden von Herrn Meier weg – allerdings musste das Bett einige Male frisch bezogen werden.

    Als „ich hab schwere Beine“-Lifestyle-Medikament würd ich mir ne 200er Dosis echt nicht einfallen lassen. Allerdings bin ich eh weniger der Freund von „Abnehmen mit Diuretika“, da kann schnell was schief gehen – und werden sie abgesetzt, lagert sich das Wasser auch schnell wieder ein. Bindegewebe ist doof.

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  8. Schade dass der Arzt sowas mitmacht. Wahrscheinlich hat sie so lange genervt bis er aufgegeben hat.
    Aber dieses Thema hält sich offenbar hartnäckig. Dabei ist es sehr einfach darzulegen, dass man definitiv nicht wirklich abnimmt, sondern Wasser ausscheidet. Da verliert man kurzfristig tatsächlich etwas Gewicht, nur halt kein Fett. Nutzlos für alle die kein echtes Ödemproblem haben.

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  9. Klaus Throphobie

    Ich werd die Assoziation mit einer Rezeptfälschung nicht los.

    Viel zu hohe Dosierung („Viel hilft viel!“), eine Patientin die genau weiß wie der Arzt arbeitet, bzw. erreichbar ist und dann auch noch pronto – mir ist das suspekt.

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  10. Seeeeehr fragwürdige Indikation…

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