Mikromanager

Kundin, die nach einigen Ausrutschern laut Arzt jetzt nur noch alle X Tage Y Tabletten von ihrem Beruhigungsmittel haben darf, und nun eine Packung verlangt, die über ihr „Kontingent“ geht,

Sie verlangt die Apothekerin zu sprechen (in dem Fall mich) und fängt, kaum dass sie mich sieht an mit: „Hören Sie auf, mich zu mikromanagen! Ich bin doch nicht süchtig!

Nun, ich sage zum „süchtig“ gar nichts … was sollte ich auch. Wenn sie immer noch nicht selber merkt, wie abhängig sie ist – gerade wenn sie sich so verhaltet, kann ich das nicht ändern. Aber erkläre ihr nochmals die Abmachung, die wir mit dem Arzt treffen mussten (weil sie ansonsten unkontrolliert und häufig Packungen bezieht).

„Die Maximaldosierung pro Tag ist laut Rezept und Arzt bei Ihnen 4 Tabletten. Mit den 3 Packungen zu 50 pro Monat sollten Sie gut auskommen UND noch Reserve haben. Es gibt keinerlei Ausnahmen mehr, ausser der Arzt bewilligt das.“

Ihr Kommentar?: „Ich komme mir ja vor wie im Gefängnis!“

Pharmama: „Das tut mir leid zu hören, aber so sind die Regeln jetzt. Sprechen Sie mit dem Arzt direkt ab, wenn Sie mehr brauchen und er schickt uns dafür dann ein Rezept, Dann können Sie es holen.“ 

Inzwischen hat sich das wieder etwas eingespielt … vorletzten Monat brauchte sie auch „nur“ noch 10 Tabletten extra – auch eine vom Arzt bewilligte Ausnahme. Letzten Monat ging es tatsächlich ganz ohne. Diesen wahrscheinlich nicht – immerhin ist Weihnachten. Das stresst noch eine Menge Leute.

Aber auch sonst: natürlich ist es sie, die am Ersten des Monats vorbeikommt und „Meine (sic) Temesta, bitte!“ verlangt. Und sie ist es auch, die, sollte der Erste des Monats auf einen Sonntag fallen, die Tabletten am Samstag schon „braucht“.

Ich find’s leicht tragisch, wenn jemand so abhängig ist, dass sich ein Grossteil des Lebens nur noch darum dreht, dass man möglichst früh an möglichst viele Tabletten kommt.

Und für diejenigen, die vielleicht denken: Was soll der Aufstand? Kann mir ja egal sein, was die ältere Frau mit den Tabletten macht.

Kann mir nicht. In der Berufsbeschreibung steht auch drin, dass ich für die korrekte Anwendung der Medikamente besorgt sein muss und Missbrauch entgegen zu treten ist. Und auch persönlich finde ich, dass man mit etwa 60 noch nicht so alt ist, dass man sagen sollte: das macht jetzt auch nichts mehr, soll sie doch schlucken was sie will …

9 Kommentare zu „Mikromanager

  1. Tja den Fall hatten wir auch. Das war eine Patientin, die dem Tod sprichwörtlich von der Schippe gesprungen ist, die Abhängigkeit entstand in der Phase, wo man ärztlicherseits dachte, das Sie eh nicht mehr lange zu leben hätte.
    Sie war ungefähr 2,5 Jahre schwerst abhängig und verbrauchte 6 Tabletten Oxazepam pro Tag. (Das war die abgesprochene Höchstdosis mit dem Arzt.) Natürlich brauchte Sie mehr.
    Das ging soweit, das ich meinen Kollegen die Packung gezeigt habe, welche ich in die Botentüte legte. („Nur das Ihr gesehen habt, das ich die Oxazepam mitschicke.“) Prompt klingelte abends das Telefon, wo Sie behauptete, die Packung würde fehlen.
    Glücklicherweise nimmt meine Geschichte ein gutes Ende.
    Irgendwann fiel uns auf, das wir ja schon lange nichts mehr für Frau X hatten.
    Den Sohn habe ich dann bei seinem nächsten Besuch in der Apotheke gefragt, wie es seiner Mutter gehen würde und er erzählte dann, das Ihr das selber nicht mehr gepasst hätte, mit der Abhängigkeit. Sie hat sich selber und freiwillig in einer Entzugsklinik begeben und hält bis zum heutigen tage durch. Das ist nun schon mehrere Jahre her.
    Ich bin da wirklich Stolz auf Sie, ein Benzodiazepinentzug ist nämlich kein Zuckerschlecken.
    lg
    Boreal

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    1. Ja und nein … früher dachte ich 60 ist uralt, heute hat sich das verschoben. Da finde ich 90 uralt, darunter … mmmnnnneee, da geht noch was?

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  2. Ja sowas ähnliches habe ich auch erlebt. Allerdings in einer Arztpraxis, wo die entsprechende Dame schon beim Einkommen durch die ganze Praxis brüllte: „Louise (Arzthelferin) ich brauche sofort mein Rezept für meione Gelonida!“ und dann immer das handeln anfing, weil der Arzt nur eine Packung mit 20 Tabletten aufschrieb und sie unbedingt mehr wollte, wiel sie doch solche Schmerzen hatte.

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  3. Tja, die guten Benzos. Da steht man in der Apotheke immer kurz davor, mit dem Gesetz in den Konflikt zu kommen. In Deutschland und der Schweiz gelten offenbar ähnliche prinzipielle Anforderungen, den Missbrauch von Arzneimitteln aktiv zu verhindern. Das ist sicher dehnbar, aber bei Benzodiazepinen schnell der Fall.
    Deshalb ist es auch sicher richtig, sich in so einem Fall genau an die Absprachen mit dem Arzt zu halten. Eine hochdosierte Benzo-Dauermedikation ist schon traurig genug, aber im Einzelschicksal rechtfertigbar.

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    1. Einzelschicksal – ja. Sie ist ein bisschen die Ausnahme, was die Dosierung angeht, aber nicht, was die Dauermedikation angeht … das sehe ich hier (viel zu) häufig.

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  4. Man gibt zu Weihnachten zusätzliche Beruhigungstabletten ab, einfach weil es dann etwas stressiger ist?! Und ich dachte immer, Medikamente seien dazu da, um Krankheiten zu behandeln… Weihnachtsstress ist doch ein gesellschaftliche Phänomen und keine Krankheit!

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