Kurze Aufregung

Die Stammkundin von der ich weiss, dass sie Antipsychotika nimmt, kommt an einem Freitag-morgen in die Apotheke.
Sie ist von oben bis unten mit halbgetrocknetem Blut besudelt.
Die Hälfte der Belegschaft und Kunden verschwindet als hätte sie etwas ansteckendes und ein Schild um, die andere Hälfte beobachtet mit offenem Mund, wie die Kundin zur Theke kommt.
Ich „übernehme“ sie.

Pharmama: „Guten Tag Frau A.P., was haben sie denn gemacht??“ – Manchmal ist es am besten, wenn man derartiges direkt anspricht.
Sie schaut an sich runter, als ob ihr das ganze Blut erst jetzt auffällt.
„Oh,“ sagt sie Ich bin in eine Glastüre gelaufen.“ …. dann stockt sie und sagt: „Das ist nicht ganz richtig. Ich habe eine Glastüre eingeschlagen. Ich war so sauer und musste mich irgendwie abreagieren.“
„Das sieht aber gar nicht gut aus“ sage ich „Soll ich mir das mal ansehen? Oder wollen sie hinten das Blut etwas abwaschen?“.
Kundin: „Nein danke, das geht so.“
Sie gibt mir eine Liste der Medikamente, die sie braucht. Ich suche sie heraus und gebe sie ihr.
Pharmama: Den Schnitt an der Hand würde ich aber anschauen lassen“.
„Ist ok,“ sagt sie, „das heilt wieder, das kenne ich schon.“

Sie geht wieder.

Das mag zwar nach aussen etwas seltsam ausgesehen haben, war aber eine ziemlich „harmlose“ Begegnung. In der Apotheke kommt man natürlich auch in Kontakt mit einigen psychisch Kranken Menschen – immerhin bekommen sie von uns ja auch die Medikamente für ihre Krankheit. Und manchmal (selten, denn auch hier sind die meisten recht nett) verlaufen dann diese Begegnungen nicht ganz so … ruhig.

10 Kommentare zu „Kurze Aufregung

  1. Vielleicht wären sie nicht rausgegangen, WENN sie ein Schild gehabt hätte (à la „keine Angst – ist nur mein Blut“).

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  2. Ich dachte erst daran, dass sie sich sich Verbandmaterial holen möchte, dabei wollte sie einfach nur ihre normalen Medikamente.
    In „unserer“ Apotheke gibt es oft als Beigabe ein Paket Pflaster, aber das hätte womöglich bei ihr wohl nicht ausgereicht.

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  3. Als ich in der Apotheke angefangen habe, hat mich extrem erstaunt, dass so viele Menschen starke Psychopharmaka nehmen. Man denkt erst, die müssen alle ein wenig seltsam sein, wenn auch nicht so extrem wie die Kundin von Pharmama.
    Die meisten aber scheinen ganz normal, bestimmt auch dank der Medikamente. Besonders erstaunt hat mich ein bekannter freundlicher Stammkunde, den ich meist von Rezeptbesorgungen für die Kinder kannte. Diese Person, mit der man immer ein paar Worte plaudern konnte, holte eines Tages für sich ein Rezept ab. Dort waren gleich 3 starke Psychopharmaka drauf vermerkt. Wusste bis dahin gar nicht, dass es sowas außerhalb von Psychatrie-Stationen gibt.

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    1. Ja, wenn die Medikamente richtig eingestellt sind, sollte man auch nichts merken. Aber bei jemandem gegeben, der das nicht braucht … ich habe schon ein paarmal gedacht, dass ich mit denselben Mitteln wahrscheinlich nur noch lächelnd und halbschlafend in der Ecke sitzen und summen würde ….

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  4. Ohja, Psychopharmaka abholen ist in letzter Zeit zu meinem absoluten Liebling avanciert.

    Ich habe – auf Anordnung meiner Ärztin und weil ich hier mitlese – mir eine Stammapotheke rausgesucht, einfach weil ich mich unwohl fühle wenn dauernd die Generika gewechselt werden.

    Seltsamerweise werde ich nie gefragt bzgl Einnahme oder habe je Hinweise zur Einnahme bekommen, vllt. halten sie mich aber auch nur für einen alten Hasen (*g*).

    Mein persönlicher Favorit war, als ich Frontline Spot-On eingekauft habe, im T Shirt (weil Hochsommer) und während ich noch „Spot-On für Katzen“ formuliere, bricht die scheinbar gelangweilte Kollegin einen Schalter weiter beim Anblick meines Oberarmes nur laut aus: „OH MEIN GOTT! Was halten sie denn? TIGER???“.

    Ich sehe ja ein, dass Narben nicht so häufig sind und ja, ich habe ein T Shirt getragen, aber es waren verdammte 38Grad draussen. Wenigstens war es ihr dann genauso peinlich wie mir.

    Zuletzt war ich in besagter Apotheke, um – wie immer – meine ADs abzuholen. Nun ging das Generikaspiel los – jedesmal will man mir was anderes andrehen. Diesmal war ich vorbereitet und habe mir den Hersteller gemerkt (Aliud) und gleich dazu gesagt, dass es die in rot-weisser Packung sind.
    Große Irritation, man will mir ein anderes geben.
    „Nein, bitte nur das Generika. Ich nehme noch andere Psychopharmaka und gerade so wie es ist komme ich gut klar.“

    Die Dame war dann doch sichtlich schlecht gelaunt und begann dann das Ratespiel. Aliud kenne sie nicht. AL vielleicht? Ich meine, dass das gut sein kann, in rot-weisser Verpackung. Ne, keine Ahnung.

    Wir haben dann AL bestellt und siehe da – es waren die die ich brauchte. Unter AL steht im übrigen Aliud und ist auch als Hersteller auf der Rückseite angegeben, aber gut *groll*.

    Ich werde ab jetzt die drei Meter weiter zu der kleineren Apotheke mit der älteren Dame gehen. Offen gestanden ist es mir 1 bisschen peinlich, besonders nach so Zwischenfällen wie oben, noch in die andere zu gehen. Und vielleicht habe ich dann da auch Glück mit den Generika.

    Zum halbschlafend in der Ecke liegen Pharmama: Als ich in die Klinik kam hat man mir Truxal, 75mg gegeben (30-15-30-0), da war ich auch erstmal ziemlich weggetreten, da stellt sich aber schnell eine Gewöhnung ein. Gru-se-lig!

    Liebe Grüße,

    Silberaugen
    ~Großstadtdschungeltier

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    1. Diese Apotheke würde ich auch knicken.
      Den Tiger-Kommentar kann man vielleicht noch als Ausrutscher werten, die Firma Aliud mit deren Abkürzung „AL“ und den rot-weissen Packungen nicht zu kennen ist schon ziemlich seltsam. Vielleicht bist Du da an eine „approbierte Helferin“ geraten, die eigentlich gar nicht zu Arzneimittel beraten darf.

      Spätestens aber bei Deinen Bedenken zu Generika hätte man Dich ernst nehmen sollen, wenn Du u.a. auch Antidepressiva nimmst. Je nach Produkt kann hier eine Substitution schwierig sein, z.B. bei retardierten Tabletten. Wenn das bei Deinem Medikament nicht der Fall ist, kann man das Dir zumindest vernünftig erklären.

      Das Problem Substitution mit Generika kann Dir häufiger passieren, besonders mit den diversen Rabattverträgen der Krankenkassen zu einzelnen Wirkstoffen. Das solltest Du dann mit Arzt und Apotheke offen ansprechen, evtl. sogar mit der Krankenkasse. Der Arzt kann auch bei Rabattverträgen Substitution im Einzelfall aus medizinischen Gründen ausschließen, muss das aber begründen!

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    2. Hallo Silberaugen – Mr. Gaunt hat ja schon eine Menge dazu gesagt – und eigentlich kann ich ihn nur zustimmen. Ich kenne mich zwar in den Generika und der deutschen Apothekenordnung nicht so gut aus – aber ich würde da seinem Rat folgen: sprich es beim Arzt an, wenn Du Probleme hast mit verschiedenen Generika. Es gibt Möglichkeiten – auch wenn die etwas aufwändiger sind.

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