Hausarztmangel als Chance

Ich will es mir sicher nicht mit den Hausärzten vertun, deren Arbeit ich wirklich essentiell und wichtig finde. Aber … es zeichnet sich auch in der Schweiz ein Hausärztemangel ab, der in den kommenden Jahren noch zunehmen wird. Die Ursachen sind vielfältig.. Es ist sowiso schwieriger selbst eine Arztpraxis zu eröffnen, da man während dem Zulassungsstopp nur eine bestehende Praxis übernehmen kann. Andererseits sind viele Hausärzte heute in einem Alter, wo sie eigentlich jemanden suchen, der ihre Praxis übernimmt. Demgegenüber stehen die besseren Verdienstmöglichkeiten durch eine Spezialisierung,  sowie etwas geregeltere Arbeitszeiten. Man muss nicht selbst dem Geld nachrennen, wenn man angestellt ist – Wie auch immer. Es wird weniger Hausärzte geben.

Für die Apotheker kann das allerdings eine Chance sein.

Wir haben die Ausbildung zur Triage – also abzuklären, welche Krankheiten wir mit OTC (rezeptfreien) Medikamenten selbst behandeln können und welche Probleme zum Arzt gehören: Zum Hausarzt, zum Spezialist oder in den Notfall. Dadurch profilieren wir uns als die „erste Anlaufstelle“ im Gesundheitssystem, die wir ja eigentlich schon sind. Dadurch helfen wir auch das Gesundheitssystem erschwinglich zu halten. Dadurch entlasten wir auch die Notfallstationen – damit sie auch für die wirklichen Notfälle Zeit haben und nicht in Patienten mit Bagatellsachen wie Erkältungskrankheiten versinken.

Apotheken finden sich überall. Sie sind leicht zugänglich und manche an zentralen Stellen haben sehr lange Öffnungszeiten – den Notfalldienst nicht zu vergessen.

24 Kommentare zu „Hausarztmangel als Chance

  1. An und für sich eine gute Idee – aber können Apotheker und Patient auch zuverlässig die Bagatelle (Erkältung) von Ernsterem (Lungentzündung) unterscheiden? Welcher Apotheker zückt schon das Stetoskop? Ich hab da so meine Zweifel….

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  2. In Deutschland ist diese Unterscheidung zwischen Bagatelle und Notfall das Hauptkriterium, wenn man an den „Heilpraktiker“-Titel kommen will.
    Wenn die das schon draufhaben (sollen), wird man das in einer Apotheke wohl erwarten können, oder?

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    1. Grins, gebe Dir vollkommen recht.
      Vielleicht sollte man das noch mal konkreter sagen:
      In Deutschland kann JEDER OHNE AUSBILDUNG sich Heilpraktiker nennen, wenn er eine kurze Prüfung vor dem Gesundheitsamt bestanden hat. In dieser Prüfung geht es grob darum, dass der Prüfling grob nachweisen muss, wo die Organe im menschlichen Körper sind und wann ein Heilpraktiker den Patienten zum Arzt schicken muss, weil Pendeln, Apparate mit wissenschaftlich klingenden Namen oder Milchzuckerkügelchen mit positiven Energien nichts mehr helfen werden. Und das wars dann auch…

      So, liebe Heilpraktiker, und jetzt steinigt mich! ;-)

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  3. Eine typische Lungenentzündung macht dermassen unangenehme Symptome – und das rasch, dass man das kaum mit einer normalen Erkältung verwechselt. Schwieriger ist die atypische, die fängt langsam an – dort dürfte es aber meist daran erkennbar sein, dass es nicht besser wird nach einer gewissen Zeit, Nur aus „Verdacht“ bei einer anfangenden Erkältung zum Arzt zu rennen, oder gar in den Notfall – ja, genau *das* belastet das Gesundheitssystem unnötig.

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    1. Naja, Erkältung/Lungenentzündung ist ja nur EIN Beispiel… Man denke an diverse Hautausschläge, Schmerzen, Halsweh… ach, so vieles, das einfach einmal abgeklärt gehört… und Apotheker untersuchen den Patienten nun mal nicht, und ohne Untersuchung kann man das eine oft schlecht vom anderen unterscheiden…

      Ich gehe zu 90 % zum Arzt, um mir sagen zu lassen, dass es was banales ist und alles von alleine wieder wird. Und darauf möchte ich auch nicht verzichten. Worauf ich gerne verzichten kann ist das ständige verschreiben von irgendwelchen Mittelchen, die nicht wirklich nötig sind…

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      1. Es gibt so viele Sachen, wo wir die Mittel haben etwas dagegen zu unternehmen – und Hautausschläge (solange sie nicht seit Monaten vorhanden sind) gehören genau dazu. Da schreiben die Ärzte oft auch nichts anderes auf als ich empfehle – und manchmal brauchen auch sie 2, 3 Anläufe.
        Wegen Halsweh oder gelegentlich auftretenden Kopfschmerzen gleich zum Arzt zu rennen ist sowas von unnötig. Und wenn man mal beim Arzt ist, dann *muss* der fast was aufschreiben – man zahlt also (zumindest hier in der CH) für Besuch, Beratung und Rezeptausstellen plus für das Mittel – weil man die Franchise wahrscheinlich noch nicht erreicht hat. Dagegen zahlt man in der Apotheke gegebenfalls nur für das Mittel – die Beratung ist gratis.

        Und doch: ich schaue Hautausschläge an – und Wunden – und kontrolliere den Blutdruck, den Blutzucker … und ich befrage die Patienten – das ist doch auch eine, wenn auch vereinfachte Untersuchung.

        Und ich kenne meine Grenzen. Wenn ich nicht weiterkomme oder etwas verdächtig ist, dann schicke ich die Leute zum Arzt.

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  4. Hier habe ich leider oft das Gefühl, dass man versucht, mir in Apotheken unnötog teure Medikamente zu verkaufen, auch wenn es eine günstigere Alternative gibt. Sonst wäre ich davon begeistert in die Apotheke gehen zu können, und nicht für jede Kleinigkeit sicherheitshalber zum Arzt zu müssen (teilweise mit monatelanger Wartezeit auf einen Termin).

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      1. Das führt dann zu einem klaren und deutlichem
        Nein, aber wir können eines bestellen, dass ist dann morgen Abend da. Und selbst bei Medikamenten die von der Krankenkassen zu 100% übernommen werden wird man in D noch in der Apotheke beschissen.
        Am selben Tag holen meine Frau und Ich bei der selben Apotheke ein Identisches Antibiotikum. Meine Verpackung ist Größer und Bunter und kostet mich 5€, die meiner Frau ist nicht so bunt und kostet sie nix. Sie ging nur eine 1 Stunde später hin, der selbe Wirkstoff die selbe Menge und wir sind in der gleichen Krankenkasse.

        Wenn ich eine ehrliche Antwort will ob es was ernstes ist oder ich einfach 2 Aspirin nehmen soll und mal Ausschlafen müsste dann immer immer immer zu meiner Hausärztin.

        Ganz gewiss nicht in die Apotheke wo der Apotherke davon lebt mir jeden Preis, je höher je besser, etwas zu verkaufen. Es gibt einen Grund warum in D das Wort Apothekerpreise für unsinnig überhöte Preise genutzt wird.

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        1. 1.) „Beschissen werden“: Wenn Du in der Apotheke, in die Du gehst, beschissen wirst: Warum gehst Du dann noch hin und suchst Dir nicht ne andere? Oder sind die Apotheker alle Verbrecher?
          2.) „ehrliche Antwort“: Der Arztbesuch steht Dir doch frei, ist ein freies Land! Ich hab mich in meiner Zeit in der Apotheke jedenfalls immer gefreut, wenn jemand mit nem Rezept über ein Nasenspray vom Arzt kam. Wer wegen nem Schnupfen nen Arzt aufsucht, 10 Euro Praxisgebühr bezahlt, sich dann 30 Minuten ins Wartezimmer setzt, dann 10 Minuten Visite hat, um abzuklären, ob der Schupfen lebensbedrohend ist und um dann mit nem Privatrezept über ein Nasenspray in die Apotheke zu gehen, der hat keine anderen Sorgen oder Probleme.
          3.) „Apothekenpreise“: Tabletten sind keine Smarties, sondern Chemikalien, die erst mal entwickelt, zugelassen und dann hochrein hergestellt werden müssen.
          Und ja: Das kostet Geld.

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  5. Prinzipiell finde ich das ja garnicht so verkehrt. Was mich daran allerdigns stört, ist der die mangelnde Privatsspähre in der Apotheke. Zumindest in DE ist es so, dass es sich meist um einen Raum mit einer Theke handelt, und dass jeder andere Kunde die Gespräche des Nachbarn mithören kann.

    Ausserdem habe ich auch schon recht grenzwertige Empfehlungen in der Apotheke bekommen. z.B: Otriven gegen Hausstaubmilbenallergie; „Rennie ist viel besser als Pantozol“ oder neulich „Wenn Ihnen Lorano nicht hilft, dann können sie sich vom Arzt Aerius verschreiben lassen. Das hilft viel besser, hat aber viel mehr Nebenwirkungen.“ (Wobei es sich praktisch um den selben Wirkstoff handelt).

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    1. Ja, die Privatsphäre ist manchmal schon ein Problem – allerdings ist es zumindest hier so, dass wir einen kleinen Beratungsraum haben. Für die extra empfindlichen Themen. Erkältungen, Allergien und so zähle ich zwar nicht unbedingt zu den empfindlichen Themen und das ist so das, was am häufigsten in der Apotheke vorkommt. Aber auf Wunsch würde ich auch dann in das Räumlein gehen.
      Zu den grenzwertigen Empfehlungen: gute Beispiele, schlecht beraten auf jedenfall, ja. Aerius ist ja wirklich nur die eine Form des chiralen Wirkstoffes von Lorado – und wurde entwickelt weniger Nebenwirkungen zu haben (was sich aber wohl nicht bewahrheitet hat).
      Pantozol und Rennie sind so unterschiedlich, da fällt mir jetzt ein Vergleich schwer – allerdings schreit man bei beiden, dass man es nicht langfristig ohne Arzt nehmen soll – wegen den Reboundeffekten… und Otrivin bei Allergie, da züchtet man den nächsten Nasensprayabhängigen. :-(

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      1. Sorry, wenn ich da kleinlich bin, aber ich glaube du verwechselst gerade Loratadin/Desloratadin (aktiver Metabolit, in Aerius) mit Cetirizin/Levocetirizin (in Xusal).

        Nichts für ungut und viele Grüße :-)

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        1. Du hast recht ich habe sie verwechselt- wobei Loratadin in der Leber in das Desloratadin umgewandelt wird – und es darum nicht wirklich *besser* ist in Wirkung und Nebenwirkung. Ich glaube ich habe die beiden einfach unter „Weiterentwicklung ohne wirkliche Verbesserung“ abgespeichert. Danke fürs Melden!

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    2. Das Problem sind die Mitmenschen. Am Geldautomaten hält jeder Abstand – in der Apotheke drängeln sich alle vor. Wir haben auch schon vieles ausprobiert: Hinweise auf dem Boden, Schütten anders gestellt…
      Ansonsten ist es täglich meine Aufgabe zu entscheiden, ob Arztbesuch nötig oder SM möglich ist.
      Otriven ist bei Allergien sicher nicht dauerhaft sinnvoll, kann aber im akuten Fall helfen. Rennie hat den Vorteil, dass es im Gegensatz zu Pantozol sofort hilft- besser ist so eine schwammige Aussage.

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  6. Weniger Arztbesuche mangels Ärzten wäre ein Vorteil, weniger Verschreibungen, weniger Überweisungen. Denn wir wissen: jede Niederlassung macht Kosten, auch wenn niemand kränker geworden ist und niemand deswegen länger oder gar besser lebt. In den Industrieländern ist längst das Gefühl für den Unterschied zwischen „damit muss ich zum Arzt“ und „das ist Kleinkram“ verloren gegangen. Ob das aber durch weniger Ärzte zurück kommt, das bezweifle ich. Eher wird das Jammern unerträglich werden.

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  7. Mal eine Frage am Rande:

    Als Arzt kann man sich natürlich selbst rezeptpflichtige Arzneimittel aus der Apotheke, nach Vorlage des Arztausweises, besorgen. „Darfst“ du das als Apothekerin eigentlich auch? Ich meine klar, es bekommt natürlich keiner mit wenn du es tust und du wirst ja auch meistens selbst wissen, was du nehmen kannst und was nicht. Aber wie sieht das rechtlich aus? Darfst du offiziell rezeptpflichtige Arzneimittel ohne Rezept aus deiner Apotheke mitnehmen?

    Greetz

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    1. Nun, das Gesetz sagt in der Schweiz, dass die Abgabe auch rezeptpflichtiger Medikamente im Ausnahmefall erlaubt ist (sofern ausreichend dokumentiert etc.) also … darf ich das in dem Rahmen auch für mich.

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      1. Falls sich die Frage auch auf Deutschland bezieht.
        In Deutschland ist das nicht erlaubt. Explizit nur Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte. Und ein Zahnarzt nur Mittel, die in sein Fachgebiet fallen, also: Schmerzmittel ja, Pille nein.
        Und ein Tierarzt nur Mittel für die Tiere. Wobei: wenn der Tierarzt versichert, dass die Human-Pille mit menschlichen Hormonen für nen Hamster ist, dann ist das – laut Gesetz – möglich.

        Allerdings würde ich mich mit dem Kollegen mal unterhalten, der mir als Apotheker ein Antibiotikum nach Vorlage meines Apothekerausweises verweigern würde.

        @Pharmama: Wenn ich Dein Blog so lese, hab ich irgendwie immer mehr so das Gefühl, dass gewisse Dinge in der Schweiz einfach wirklich realitätsnaher ausformuliert sind.

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        1. Ja und Nein. Ein paar Beschränkungen was die Abgabe von Benzodiazepinen angeht, fände ich hier noch sinnvoll (keine Dauerrezepte dafür und so).
          Aber der Teufel liegt im Detail. Ich bin grad dabei zu versuchen einen Artikel über die Unterscheidung von Heilmitteln – Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln zu schreiben. Schrecklich, echt.

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        2. Das mit der Beschränkung der Benzos ist vielleicht nicht schlecht. Bin mir aber nicht wirklich sicher, ob das was bringen würde. In D gibts keine Dauerrezepte, dennoch gibts extrem viele Schlafmittelabhängige (Typ: weiblich, 45+, Kombination mit Antidepressive. Medikation: Oxazepam morgens, Diazepam abends und wenns ganz schlimm wird, Flunitrazepam). Die Ladies umgehen das gerne damit, dass man mehrere Ärzte aufsucht, die voneinander nix wissen.

          Dein Artikel: Viel Spaß! In Zeiten, in denen Halbfettmargarine das Cholesterin senkt, Actimel gegen Erkältungen hilft, Yogurette eine gesunde Alternative zu Schokolade darstellt und Zimt entweder ein leberschädigendes Teufelszeug oder ganz wichtig zur Bekämpfung des Diabetes dient, wird der Artikel sicher nicht einfach.

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  8. Erinnert mich daran, daß ich kürzlich von einem niedergelassenen Facharzt in Deutschland hörte, der seine gutgehende Praxis verkaufen wollte… keinen Käufer fand… schlußendlich wollte er sie verschenken (!), hat deutschlandweit inseriert… und fand niemanden… der Fachärztemangel (dazu gehören auch Hausärzte!) kommt….

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  9. Dieses interessante Konzept (Apo als Erstversorger) wird nun seit Herbst 2015 mit Toppharm-Apotheken in Zusammenarbeit mit SWICA angeboten. Weisst du – liebe Pharmama – etwas darüber, ob geplant ist, dies auch in einer Apo anbieten zu können, die nicht einer „Kette“ angehört? Dies wertet den Berufsstand schon deutlich auf, wie ich finde, auch wenn die Erstversorgerrolle primär auch heute schon zu gewissem Masse in der Apo ist. Ich muss zugeben, dass ich dies so bewusst früher auch nicht wahrgenommen habe und bei einfachen Leiden statt einer Beratung schon öfter ein Schmerzmittel in die Hand gedrückt bekam. Ich habe aber auch schon das Gegenteil erlebt, wo sich ein Apotheker richtig ins Zeug gelegt hat, ein eingehendes Gespräch führte, rückfragte, informierte und das richtig toll machte – das begeistert und macht doch sicher auch dem Apotheker mehr Spass.

    Vielen Dank für deinen tollen Blog – ich interessiere mich für den Hausarzt- sowie den Apothekerberuf und möchte nächstes Jahr ein Studium (2. Bildungsweg) beginnen – ich durfte hier viele tolle Informationen zum Alltag und Problemstellungen im Apo-Leben finden.

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    1. Es ist tatsächlich so, dass da auch andere Apotheken inzwischen mitmachen können. Die Voraussetzung ist, dass es sich um eine netcare Apotheke handelt. Da die Toppharm da offenbar geschlossen dabei ist, sind sie die ersten gewesen – aber das steht (jetzt) auch anderen offen. Die Antwort ist also: JA!
      Netcare entwickelt sich zur „Zertifizierung“, da damit auch ziemlich Weiterbildung geleistet werden muss, aber das wird noch für einige Apotheken mehr kommen.
      Schon jetzt aber können die Patienten in der Apotheke profitieren … und zwar nicht nur die SWICA Versicherten: wir können jetzt schon (und noch mehr in Zukunft) gewisse rezeptpflichtige Medikamente in Ausnahmefällen ohne Rezept abgeben. Das bedeutet aber, dass da einiges mehr abgeklärt werden muss. Netcare Apotheken lassen sich das dann honorieren, andere werden das auch bald machen. Die nötigen Kompetenzen für das zu „erwerben“ braucht ziemlich Zeit und Geld. Es reicht nicht, da bei Blasenentzündung einfach ein Antibiotikum über die Theke zu reichen. Man muss Anamnese machen (wie ein Arzt), Warnsignale und andere Medikation miteinbeziehen…
      Es wird grundsätzlich spannender.
      Für was auch immer Du Dich aber entscheidest: Arzt oder Apotheke – viel Erfolg damit!

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