Versicherungen und Versandapotheken

Ein beunruhigter Mann (und guter Kunde) bei uns in der Apotheke:

“Meine Versicherung möchte, dass ich die Medikamente per Post bestelle. Muss ich das wirklich? Ich habe das einmal gemacht und sie haben mir all meine Diabetes-medikamente spät geschickt!”

Sogar ich bekomme gelegentlich diese Aufforderungen von der Versicherung (mehr per mail als per Post, aber ich bin ja auch jünger) und das nervt  mich endlos. – Hallo! ich arbeite in einer Apotheke! Die wollen mir wohl meine Arbeit nehmen?

Und die Antwort ist: Nein. Muss er nicht. Es gibt hier so etwas wie die freie Wahl des Leistungserbringers – also hier der Apotheke !

Den Mann konnte ich beruhigen, aber ich frage mich immer, bei wie vielen diese -fast versteckte Drohung- zieht. Die Versicherungen geben ein Heiden-Geld dafür aus, Geld, das die Apotheke vor Ort nicht hat für dieselbe Art “Werbung”.

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Über Pharmama

Wie bringt man die Arbeit in der Apotheke und die Familie unter eine Haube? Mit viel Humor natürlich! Ich bin Apothekerin aus der Schweiz schreibe über Interessantes und lustiges in und um die Apotheke. unter: Pharmama.ch

Veröffentlicht am 23. November 2012 in Apotheke und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 8 Kommentare.

  1. Was soll denn das mit dem Bestellen bringen? Keine Ahnung wie das in der Schweiz ist, aber in Deutschland gibt es für rezeptpflichtige Medikamente eine Preisbindung.

    • DIe Preisbindung in Deutschland wird durch Arzneimittelversender, die sich sehr bewußt NICHT in Deutschland angesiedelt haben, um sowohl das Deutsche Recht (“Ich bin ja nicht in D!”) als auch das Recht des Niederlassungslandes (“Ich mach ja in diesem Land nichts!”) zu umgehen. Damit arbeiten diese Versender in einer rechtlichen Grauzone, und das seit über 10 Jahren, und größtenteils unbehelligt – und zum Teil von unserer Politik sogar bejubelt.
      Die riesigen Gewinne aus der Ausnutzung der Mehrwertsteuerdifferenz wird zu einem kleinen Anteil den Krankenkassen und den Patienten gut geschrieben – und so haben angeblich “alle was davon”. Dass die Krankenkassen auf diese Weise massiv “Stellen in öffentlichen Apotheken abbauen”, die dann als Einzahler ins Krankenkassensystem wegfallen, aber als Arbeitslose zum Sozialhilfeempfänger mutieren und somit der Krankenkasse zusätzlich auf der Tasche liegen, ist uninteressant. Man sollte aber nie vergessen: Diese Firmen sind Kapitalgesellschaften. Einer Kapitalgesellschaft (und deren Kapitalgebern) geht es hauptsächlich um Gewinnmaximierung. Der Kunde/Patient ist nur Mittel zum Zweck, wenn es Probleme gibt ist der Patient GANZ schnell abgeschrieben. (Und Bestellungen, die keinen Gewinn versprechen, werden wohlweißlich ignoriert – was der Vor-Ort-Apotheke übrigens verboten ist.)

      Eine ähnliche Problematik gab und gibt es in D immer wieder bei Dingen wie Blutzucker-Teststreifen. Da bekommt die Kasse das Angebot, Versender XY macht die 0,03€ billiger, und dann werden Versicherte massiv und illegal unter Druck gesetzt (z.B. mit solchen Briefen). Bei Hilfsmitteln (Inkontinezvorlagen, Kathetern, Inhaliergehäten usw.) sieht die Sache in der Zwischenzeit anders aus in D. Da viele Krankenkassen die Lieferverträge den öffentlichen Apotheken gekündigt haben, darf sich der Versicherte gern von seiner Kasse beraten lassen, wo er das nun herbekommt, wie lange das braucht (und leider oft auch, was für eine minderwertige Ware im da zum billigsten Preis geliefert wird). Das betrifft aber nicht nur die Apotheken, das betrifft auch die Sanitätshäuse. Ich kann da immer nur mit dem Kopf drüber schütteln….

  2. Oh, ja und wie das nervt. Meine Krankenkasse wirbt mit denen, mein Optiker schickt mir Flyer und auch sonst.
    Ich bin echt gespannt, ob sich da nun irgendwann mal etwas tut, nach all den Anzeigen und laufenden Verfahren oder ob wenigstens die Änderung im HMG zustande kommt.
    Rezepte erst nach der Bestellung auszustellen, kann nicht im Sinne der Patientensicherheit sein und Ärzte die Rezepte für Patienten ausstellen die sie weder gesehen haben noch kennen, das kanns ja wohl nicht sein – selbst wenn es “nur” um freiverkäufliche Medikamente (Liste C und D) geht und dann wird dem Patienten auch noch das Rezept verweigert.
    Alles klar illegal, aber da es Kosten senkt, wird es von den Behörden gedeckt. An die Folgekosten, die entstehen, wenn sich jeder einfach alles frei verkäufliche beliebig ins Haus liefern lassen kann, daran denkt jetzt niemand.

  3. Ich bekomme etwa 3x im Monat den Werbeflyer für das Bestellen in der Versandapotheke.
    Aber den Service von der Apotheke um den Ecken will ich nicht missen. Am morgen bestellt auf dem Nachhauseweg abgeholt – als Diabetiker hat das Vorteile…

  4. Vielleicht bin ich ja ein wenig naiv, aber das finde ich krass, dass der Herr von seiner Versicherung so eine Aufforderung bekommen hat. Finde ich persönlich unmöglich.
    Solche Aufforderungen können sich doch auch eigentlich nur auf Rezepte beziehen, die man nicht sofort braucht. Denn wenn man akut Medikamente braucht – wie ich heute – dann können die doch nicht ernsthaft meinen, dass ich das Rezept erst einschicke. Nee, nee.

    An dieser Stelle übrigens herzlichen Dank für dieses Blog, Pharmama. Seit ich hier mitlese, sehe ich Apotheken nochmal mit ganz anderen Augen
    Und gelernt hab ich auch das eine oder andere :)

    • Das Beispiel stammt zwar aus der Schweiz, aber dort dürfte bei den günstigen Versicherern ein ähnlicher Effekt auftreten wie in Deutschland bei der gesetzlichen Krankenversicherung: Es sind sämtliche Schamgrenzen bei diesen Krankenkassen gefallen.
      Das fängt bei harmlosen Dingen an wie die Patienten zu Versandapotheken zu drängen, geht weiter mit dem Ignorieren von Gesetzen, findet eine Fortsetzung bei der standardmässigen Ablehnung der Pflegestufe im ersten Anlauf und hört sehr traurig auf bei der Ablehnung von Therapie-Kostenübernahmen bis der Patient endlich das zeitliche gesegnet hat. :-(

  5. Jegliche Scham haben die deutschen Kassen eh schon lange abgelegt. Das sieht man an der aktuellen Verhandlungslage zum Kassenabschlag. (Für nicht Eingeweihte: Von den ~8 Euro pro rezeptpflichtigem Arzneimittel muss die Apotheke der Krankenkasse Geld abgeben – dafür, dass die Apotheke deren Papierschmonz und Inkasso erledigt.)

    Als die Kassen mal etwas klamm waren, gab es eine ‘solidarische Zwangsrunde’: Deutlich höherer Kassenabschlag. Jetzt geht es den Kassen wieder prächtig (auf wessen Kosten wohl?), aber auf den vorherigen Betrag wollen sie natürlich nicht zurück.
    Lieber verzögern sie das (für teure Gerichtskosten) wieder für viele Jahre.
    Und für nen Kaufmann, der am Ende des Jahres nicht ausrechnen kann, ob und wieviel Geld in der Kasse geblieben ist oder ob noch Nachforderungen kommen, ist das Hölle.

    • Das kann ich so nur unterschreiben. Und es ist sogar noch schlimmer. In D werden viele Krankenkassen-”Befehlsposten” von Ex-Politikern besetzt. Und welche nimmt man da wohl? Den, der “gegen” die Kasse gearbeitet hat?

      Die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) – ihres Zeichens diejenige, die ohne Not, mit Gewalt und gegen jeden Widerstand das Arzneimittelversandtverbot in D abschaffte – saß in ihrer Gesundheitsministerinnen-Zeit gleichzeitig in 8 (ja, acht!) Krankenkassenvorständen.

      Herr Prof. Karl “Rote Fliege” Lauterbauch (SPD), der expertigste Gesundheitswesen-Experte der Welt – dem seit einem Jahrzeht schon das “Apotheken-Fremdbesitzverbot” ein Dorn im Auge ist – sitz im Vorstand der Rhön-Kliniken. (Wer will da wohl Geld mit Arzneimitteln verdienen? Ach nein, es geht ja nur um das Patientenwohl!)

      Deutsche Apotheken und Gesetzliche Krankenversicherungen haben ungefähr die gleiche Angestelltenzahl. Trotzdem kostete die Selbstverwaltung der Krankenkassen jedes Jahr ungefähr das 2-3fache wie die Ausgaben für die Arzneimitteldistribution (also nicht die Gesamt-AM-Ausgaben, sondern “nur” dass, was “in den Apotheken hängen bleibt”). Dabei vermute ich, dass diese Zahl nicht bereinigt ist vom Apothekenrabatt und von den Retaxationsdiebstahl. Tendenz der AM-Distributionskosten: seit 10 Jahren sinkend. Tendenz der Selbstverwaltungsausgaben: seit 10 Jahren steigend!

      Die Krankenkassen, die am lautesten jammern, haben erstaunlicher Weise Geld für Späße wie Fernsehwerbung in ÖR- und auch Privatprogrammen; aber kein Geld dafür, dass die Apotheke vor Ort multimorbieden Versichertn qualitativ hochwertige Inkontinenzprodukte liefern darf. Da staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich (leider nicht).

      Eine Kasse hat den Vogel abgeschossen: Da darf die Apotheke keine Inhalationsgeräte (so Vernebler und Zubehör) mehr beliefern, da das jetzt ein Versender deutschlandweit innerhalb weniger Tage (!) übernimmt. Aber die Apotheke vor Ort darf dann in “besonderen Notfällen” einen Vernebler ausleihen (max. 2 Tage) für wenige € (ich glaube, 2,50€ sind drin). Dafür darf die Apotheke dann das Gerät reinigen, und das (nicht wiederverwendbare) Inhalationsset (Kosten ca. 35€) ist natürlich damit auch abgegolten. Na herzlichen Dank!

      Die Kassen verwenden übrigends immer Zahlen aus den Jahren, die ihnen gerade in den Kram passen. Aktuell werden immer noch die Zahlen von 2008 vorgeschoben, mit denen man für die Jahre 2010/2011/2012 ein MINUS von 10Millarden(!)€ pro Jahr vorhersagte. Dass die Kassen jeweils mehrere Millarden € PLUS in diesen Jahren erwirtschaftet haben, kann man sich gar nicht entsinnen bei solchen Gesprächen. Herrlich auch immer, was die Apotheken so mit der Erfüllung der (streng geheimen) Rabattverträge rausholen: den Apotheken gegenüber heißt dass dann: “700.000€ für alle KKen aufs Jahr. Das ist viel zu wenig!” Im Kasseninternen Leistungsbericht sind das dann schon mal lockere “1,2Millarden €, die die Industrie auf Grund der Rabattverträge zurückgezahlt hat.” Ah ja, 4(!) Kommastellen Unterschied. Herrlich, diese Welt.

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