Ich habe schon alle genommen !

Frau Leery, die Frau, die nicht gerne ihre Medikamente nimmt (ihr erinnert Euch vielleicht noch an den Fax vom engagierten Arzt?) bekommt inzwischen nicht nur bei uns das Dosett (mit den Blutdruck- und Herzmedikamenten), sondern auch monatliche Spritzen beim Arzt gegen ihre Psychose … die wohl das Hauptproblem ist, was ihr Misstrauen gegen Medizinalpersonal und Medikamente (?) angeht.

Das geht wieder ein paar Monate ganz gut, dann …

Nachdem sie jeweils am Freitag ihre Medikamente im Dosett bekommt – kommt sie an einem Montag morgen zurück und verkündet (freudig?), dass sie schon alle Medikamente im Dosett genommen habe.

Mehr ist allerdings aus ihr nicht herauszubekommen – und sie geht wieder … zurück lässt sie meine Apotheker-Kollegin, sie sich grad echt hilflos fühlt … und ein leeres Dosett.

Die Apothekerin ruft erst mal ihren Arzt im Spital an, um ihm zu sagen, was los ist. Der ist gleicher Meinung wie sie: wenn die Frau wirklich die ganzen Tabletten geschluckt hätte, würde sie wohl nicht mehr so herumlaufen … das gäbe einen seeeehr niedrigen Blutdruck*. Also ist es wahrscheinlich nur eine Methode, Aufmerksamkeit zu holen. Zur Sicherheit verspricht er aber ihr anzurufen und gegebenenfalls die Sanität zu schicken.

Nun, Aufmerksamkeit hat sie jetzt, denn nach dem Telefon muss Frau Leery ihre Medikamente nicht mehr nur wöchentlich, sondern täglich abholen kommen.

Wenn sie’s denn macht.

 

  • Empfehlenswert finde ich hier warten nicht. Nach der Ankündigung, hätte ich ihr wohl gleich jemanden vorbei geschickt, aber … ich war ja nicht in der Situation. Und sie kam danach wieder, also hat sie die Tabletten wohl wirklich nicht alle aufs Mal genommen.

Thailändische Pillen

„Was ist das?“ fragt mich der jüngere Mann und legt mir diese zwei Plastikbeutelchen auf den Tisch.

thaipills

 

„Ich habe das in Thailand bekommen. Ich glaube das eine ist zum schlafen, das andere weiss ich nicht mehr.“

Ja – so bekommt man in Thailand seine Tabletten. Wenn man Glück hat ist noch ein Blister drum, ansonsten: lose im Plastiktütchen. Packungsbeilage? Fehlanzeige. Das Maximum ist noch, dass man mit Kugelschreiber drauf geschrieben hat, wie es heisst und angekreuzt, wann man es zu nehmen hat.

Internet (speziell pharmavista.net) sei Dank habe ich es dann herausgefunden:

Das links ist Lorazepam (Temesta) – das erwähnte Schlafmittel. Hierzulande fällt das unter das Betäubungsmittelgesetz.

Das rechts ist Dichlotride (Hydrochlorthiazide) – das nimmt man gegen Ödeme und Bluthochdruck. Rezeptpflichtig.

Keine Ahnung, ob der junge Mann dafür drüben beim Arzt war – jedenfalls hat er darauf verzichtet, die Medikamente wieder mitzunehmen. Er geht lieber hier zum Arzt.

Compliance-Hilfe und Unterstützung aus der Apotheke

Unter Compliance versteht man das richtige „befolgen“ der Therapie – also zum Beispiel, die verschriebenen Medikamente richtig anzuwenden / einzunehmen. Heute sprechen wir zwar lieber von Adhärenz … aber eigentlich bedeutet es dasselbe.

Ich bringe hier mal ein  (klassisches) Beispiel, wie die Apotheke das beim Patienten unterstützen kann.

Das Spital faxt ein Rezept für einen Patienten:

  • Diovan 80 mg 1-0-0
  • Symfona 2-0-2
  • Amlodipin 10mg 1-0-0
  • Zeller Schlaf 0-0-0-2
  • Zolpidem 0-0-0-1/2
  • Wellbutrin 150mg 0-0-2
  • BelocZok 50 1-0-0
  • Metfin 1-1-1
  • Dosette

Das Dosett ist ein Wochendosiersystem – ein Mittel, womit man seine Tabletten vorbereiten kann. Damit hat man die bessere Übersicht … was sicher keine schlechte Idee ist, bei der Menge Tabletten. Die Dosierungen stehen hier dahinter: die Zahlen bedeuten, wieviel man „morgens-mittags-abends-vor dem Schlafen“ nehmen soll.

Er nimmt – nach dem Rezept so viele Tabletten/Kapseln:

  • Morgens 6
  • Mittags 1
  • Abends 5
  • Vor dem Schlafen 2 ½

= Total 14 ½ Tabletten pro Tag

!

Das Dosett ist sicher eine Hilfe für den nach dem Spitalaufenthalt häufig etwas überforderten Patienten – und in der Apotheke kann ich ihn noch mehr unterstützen, indem ich ihm anbiete, dass ich das Dosett wöchentlich für ihn richte. Ab 3 Medikamenten in der Woche regelmässig zu nehmen, übernimmt die Kosten dafür sogar die Krankenkasse.

Aber … Bevor ich da anfange das rauszusuchen und abzufüllen … da kann man doch noch etwas vereinfachen?

Aus Diovan 80 und Amlodipin 10 mache das Kombinationspräparat Exforge 10/80 – spare 1 Tablette

Aus Symfona mache Symfona forte 1-0-1, spare je 1 Kapsel morgens und 1 abends

Aus Zeller Schlaf mache Redormin 500 – das ist dasselbe, aber geht dann auch über die Grundversicherung und 1 Tablette der 500 entspricht 2 Tabletten zu 250mg – noch eine Tablette gespart.

Aus Wellbutrin 150 mache Wellbutrin 300 – 0-0-1, abends je 1 Tablette gespart

Aus BelocZok mache MetoZerok – das Generikum. Spart zwar keine Tablette, aber etwas Geld.

Jetzt sieht der Medikamentenplan so aus:

  • Exforge 10/80 1-0-0
  • Symfona forte 1-0-1
  • Redormin 500 0-0-0-1
  • Zolpidem 0-0-0-1/2
  • Wellbutrin 300 0-0-1
  • Meto Zerok 50 1-0-0
  • Metfin 1-1-1

Ergebnis:

  • Morgens 4 Tabletten
  • Mittags 1
  • Abends 3
  • Vor dem Schlafen 1 ½

= Total 9 ½ Tabletten pro Tag – immer noch genug, aber überschaubarer.

 

Aber bevor ich das mache, frage ich erst beim Arzt an, ob das aus irgendeinem Grund nicht geht – respektive, ich informiere ihn mit der ‚Bitte um Rückruf, falls nicht‘ und dann frage ich noch den Patienten, denn der muss auch informiert sein.

Von beiden habe ich das Okay dafür bekommen. :-)

 

Noch nicht

Patientin in der Apotheke: „Ich habe meinen Arzt gestern Abend angerufen und auf den Anrufbeantworter geredet (also nach 5 Uhr) und er hat nicht zurückgerufen (jetzt ist es 8.15 Uhr morgens), können Sie schauen, ob er ein Rezept hierhergefaxt hat?“

Feldversuche …

Die Patientin (eine Stammkundin, eine ältere Dame), bringt mir ein Blister* von Voltaren retard 100: „Ich hätte gerne wieder eine Packung von denen.“

Ich gehe in ihr Computer-Dossier. Ich finde nichts. Seltsam. Ein eindeutig rezeptpflichtiges Medikament und ich hätte bei ihr schwören können, dass sie sonst alles von uns bezieht.

Pharmama: „Haben Sie das schon einmal von uns bekommen?“

Patientin: „Nein.“ 

Pharmama: „Wo haben Sie das das letzte Mal her?“ 

Patientin: „Meine Nachbarin hat das vom Arzt als Muster bekommen und ich habe von ihr ein paar bekommen. Die wirken gut gegen Schmerzen.“

Ich schaue ein bisschen entsetzt, denn die Frau bekommt unter anderem Blutverdünner und Blutdrucktabletten … und wenn sie das einfach so nimmt, ohne … ich mache den Mund auf um etwas dazu zu sagen, aber die Patientin kommt mir zuvor:

Patientin: „Brauche ich jetzt dafür ein Rezept, damit sie mir das geben können? Meine Nachbarin hat das ja auch ohne Rezept bekommen …“

Ja. Direkt vom Arzt, Wahrscheinlich zum ausprobieren, ob das geht bei ihr. Und nicht um Frei-Feldversuche an der Nachbarschaft durchzuführen. Also: ja, zum Arzt.

 

*Blister = die Alu-innenverpackung, wo die Tabletten eingeschweisst sind.

elektrische Schläge

Das war der Ausdruck, den eine unserer Patientinnen benutzte für ein … immer wieder auftretendes Problem: „Ich habe immer wieder so seltsame elektrische Schläge“. Offenbar eine unangenehme, fast schon schmerzhafte, plötzlich auftretende körperliche Empfindung.

Ich hatte (zum Glück) Zeit und habe sie länger ausgefragt, wann und wie diese elektrischen Schläge dann auftreten und was sie für Medikamente nimmt etc.

Herausgekommen ist dann das:

Sie nimmt Antidepressiva (Paroxetin)- und sie ist unter regelmässiger Arztkontrolle. Dummerweise passiert es regelmässig, dass die Antidepressiva vor dem Termin beim Arzt ausgehen … und anstatt dass sie bei uns in der Apotheke oder beim Arzt mehr verlangt, damit es reicht … nimmt sie dann einfach keine mehr, bis sie wieder ein Rezept dafür hat.

Das plötzliche Absetzen aber macht diese Nebenwirkungen. Antidepressiva sind ganz schlecht, wenn man abrupt damit aufhört.

Ich habe ihr dann erklärt, dass es Möglich sein sollte, die Packungsgrösse oder die Menge so zu wählen, dass es reicht – oder dass der Arzt ihr ein Dauerrezept verschreibt … und dass sie in einem solchen Fall auch bei uns vorbeikommen darf und wir schauen wegen dem Medikament und dem Rezept.

Und für die Zukunft: Auch Antidepressiva sollten (sehr) langsam ausgeschlichen werden – eben um derartiges zu vermeiden.