Feldversuche …

Die Patientin (eine Stammkundin, eine ältere Dame), bringt mir ein Blister* von Voltaren retard 100: „Ich hätte gerne wieder eine Packung von denen.“

Ich gehe in ihr Computer-Dossier. Ich finde nichts. Seltsam. Ein eindeutig rezeptpflichtiges Medikament und ich hätte bei ihr schwören können, dass sie sonst alles von uns bezieht.

Pharmama: „Haben Sie das schon einmal von uns bekommen?“

Patientin: „Nein.“ 

Pharmama: „Wo haben Sie das das letzte Mal her?“ 

Patientin: „Meine Nachbarin hat das vom Arzt als Muster bekommen und ich habe von ihr ein paar bekommen. Die wirken gut gegen Schmerzen.“

Ich schaue ein bisschen entsetzt, denn die Frau bekommt unter anderem Blutverdünner und Blutdrucktabletten … und wenn sie das einfach so nimmt, ohne … ich mache den Mund auf um etwas dazu zu sagen, aber die Patientin kommt mir zuvor:

Patientin: „Brauche ich jetzt dafür ein Rezept, damit sie mir das geben können? Meine Nachbarin hat das ja auch ohne Rezept bekommen …“

Ja. Direkt vom Arzt, Wahrscheinlich zum ausprobieren, ob das geht bei ihr. Und nicht um Frei-Feldversuche an der Nachbarschaft durchzuführen. Also: ja, zum Arzt.

 

*Blister = die Alu-innenverpackung, wo die Tabletten eingeschweisst sind.

elektrische Schläge

Das war der Ausdruck, den eine unserer Patientinnen benutzte für ein … immer wieder auftretendes Problem: „Ich habe immer wieder so seltsame elektrische Schläge“. Offenbar eine unangenehme, fast schon schmerzhafte, plötzlich auftretende körperliche Empfindung.

Ich hatte (zum Glück) Zeit und habe sie länger ausgefragt, wann und wie diese elektrischen Schläge dann auftreten und was sie für Medikamente nimmt etc.

Herausgekommen ist dann das:

Sie nimmt Antidepressiva (Paroxetin)- und sie ist unter regelmässiger Arztkontrolle. Dummerweise passiert es regelmässig, dass die Antidepressiva vor dem Termin beim Arzt ausgehen … und anstatt dass sie bei uns in der Apotheke oder beim Arzt mehr verlangt, damit es reicht … nimmt sie dann einfach keine mehr, bis sie wieder ein Rezept dafür hat.

Das plötzliche Absetzen aber macht diese Nebenwirkungen. Antidepressiva sind ganz schlecht, wenn man abrupt damit aufhört.

Ich habe ihr dann erklärt, dass es Möglich sein sollte, die Packungsgrösse oder die Menge so zu wählen, dass es reicht – oder dass der Arzt ihr ein Dauerrezept verschreibt … und dass sie in einem solchen Fall auch bei uns vorbeikommen darf und wir schauen wegen dem Medikament und dem Rezept.

Und für die Zukunft: Auch Antidepressiva sollten (sehr) langsam ausgeschlichen werden – eben um derartiges zu vermeiden.

Angewandte Wechselwirkung

Die ältere Kundin kommt beunruhigt mit den Ovestin Ovula zurück, die der Arzt auf dem letzten Rezept verschrieben hat.

„Ich habe die Packungsbeilage gelesen“ fängt sie an …

Oh weh. Eigentlich ist das ja etwas Gutes, zeigt es doch Eigenverantwortung … nur finde ich, sind inzwischen die Packungsbeilagen derart kompliziert (mal abgesehen von: winzig geschrieben, unübersichtlich, ein Origami-Kunstwerk), dass sie der Interpretation eines Fachmanns (oder – frau) bedürfen. So auch hier.

Frau: „Da drin steht unter Wechselwirkungen…“

Und sie holt die Packungsbeilage hervor, in der das zu lesen ist:

Gewisse Krankheiten können sich unter der HRT verschlechtern: Epilepsie,… Teilen Sie Ihrem Arzt bzw. Ihrer Ärztin mit, wenn sich etwas an Ihrem Zustand ändert während Sie Ovestin Ovula anwenden …

„Und da!:“

Anwendung anderer Arzneimittel

Andere Arzneimittel können die Wirkungen von Ovestin beeinflussen oder Ovestin kann sich auf andere Arzneimittel auswirken. Sie müssen Ihren Arzt oder Apotheker bzw. Ihre Ärztin oder Apothekerin informieren, wenn Sie andere Arzneimittel anwenden oder beabsichtigen anzuwenden, wie z.B.:

Arzneimittel gegen Epilepsie (z.B. Barbiturate, Hydantoine und Carbamazepin),

 „Ich nehme doch Tegretol, das ist doch auch ein Antiepileptikum, oder?“

Pharmama: „Ja, das ist das Carbamazepin. ABER … schauen Sie, ich habe noch ein bisschen mehr Information zu den Medikamenten in der Fachinformation dazu. Und da steht drin:“

Die meisten hier erwähnten Risiken wurden mit Präparaten zur Hormonersatztherapie festgestellt, welche auf den ganzen Körper wirken, z.B. zur Behandlung von Hitzewallungen. Das Risiko bei der Anwendung von meist lokal wirkenden Präparaten wie Ovestin Ovula bzw. für den Wirkstoff Estriol ist weniger gut bekannt. Eine sorgfältige Abwägung des Nutzens und der Risiken und eine ärztliche Überwachung vor bzw. im Laufe der Therapie sind unerlässlich.

Pharmama: „Das bedeutet, dass das Problem mit den Wechselwirkungen vor allem mit den Hormonen, die man einnimmt auftritt. Sie bekommen sie aber als Vaginalzäpfchen – da wirken sie mehr lokal … am Ort. Und dann sollten wir auch noch schauen, worum es sich bei der möglichen Wechselwirkung hier handelt. Da steht:“

Der Metabolismus der Östrogene kann erhöht sein, wenn gleichzeitig Induktoren des Cytochroms 3A4 verabreicht werden. Dies gilt beispielsweise für Antiepileptika (z.B. Hydantoine, Barbiturate, Carbamazepin) und bestimmte Antiinfektiva (z.B. Griseofulvin, Rifamycine, die antiretroviralen Wirkstoffe Nevirapine und Efavirenz).

Pharmama: „Da haben die Antiepileptika wohl einen grösseren Einfluss auf die Hormone als umgekehrt– Tegretol (Carbamazepin) ist ein Enzyminduktor … also werden die Hormone schneller abgebaut. Das ist nicht so schlimm.“

Ich konnte sie also beruhigen und ihr versichern, dass sie das Medikament anwenden kann. Sie solle es dem Arzt nur melden, falls sie doch eine Veränderung feststellen würde.

Verwirrenderweise steht in der Fachinformation dann noch dieses (das habe ich bei der Besprechung aber auf der Seite gelassen, sie war schon beunruhigt genug):

In der klinischen Praxis gibt es keine Beispiele von Interaktionen zwischen Ovestin und anderen Arzneimitteln. Obwohl nur limitierte Daten vorliegen, sind Interaktionen zwischen Ovestin und anderen Arzneimitteln möglich.

Möglich, Wahrscheinlich, Falls, Konjunktive noch und noch. Man sichert sich als Medikamentenhersteller ab gegen Wahrscheinlichkeiten. Auch kleine.

Sie verträgt die Ovestin übrigens gut.

Sich unbeliebt machen

Die Frau kommt mit Krücken in die Apotheke gehumpelt um kurz vor 12 an einem Samstag.

Auf dem Rezept Medikamente und Stützstrümpfe und Spezialpflaster- die wir bestellen müssen – immerhin können wir das noch auf heute Mittag, da wir tatsächlich noch offen haben und auch eine Bestellung machen.

Sie ist nicht zufrieden. „Sie haben so viel Kram in ihrer Apotheke (und deutet auf unsere Parfümerie und Reformabteilung) aber das was man braucht, das haben Sie nicht!“

Nein, das was Sie brauchen haben wir gerade nicht. Und nur so etwa 10’000 Artikel an Lager. Sage ich natürlich nicht so, aber: ja, sage ich.

Ich könnte ihr auch erklären, dass es nichts bringt diese Pflaster an Lager zu nehmen. Nicht nur, dass es etwa 20 verschiedene Sorten gibt, hat es natürlich immer verschiedene Grössen und … das kann ich aus Erfahrung sagen: auch wenn man etwas davon an Lager nimmt (was es nicht bringt, weil viel zu wenig gebraucht und auch teure Pflaster haben ein Ablaufdatum)- man kann sicher sein, dass es die falsche Grösse ist, wenn jemand dann doch etwas braucht.

Item.

Man beeilt sich ihr das nötige zu bestellen. Wie gesagt, es ist sehr kurz vor 12 – Bestellschluss. Man ruft sogar noch beim Grossisten an, um sicher zu sein, dass das auch noch drauf kommt.

Als die Ware am Mittag kommt, das Erschrecken: das eine Pflaster ist nicht das, was sie wollte. Ich will das jetzt nicht entschuldigen, aber … doch, ich will. Spezialpflaster bestellen ist mühsam, weil auf dem Rezept oft nicht genau beschrieben ist, was gebraucht ist und im Computer keine Bilder drin sind, wie das aussieht, so dass das oft ein besseres Raten ist. Jedenfalls ist es nicht genau das gewünschte – worauf sich die Pharmaasistentin, die das bestellt hat, und die das oft persönlich nimmt, wenn es nicht klappt, ans Telefon hängt und bei den wenigen noch offenen Apotheken nach einem Ersatz für sie sucht.

Sie findet und besorgt tatsächlich etwas – nur … ist das besorgte Pflaster etwas kürzer (ich sag ja: nie die richtige Grösse).

Die Frau kommt wieder, erfährt die schlechte Nachricht und fängt wieder an auszurufen.

Sie macht die Apotheke runter.

Sie lässt ihren Ärger an der Pharmaassistentin aus, wie unfähig sie doch sei.

Sie tut laut kund, dass wir uns nicht kümmern.

Sie meckert die Leute an, die sich bemühen eine gute Arbeit zu machen – für die Kunden.

Sie verlangt eine extra Entschuldigung von uns, einfach … deshalb.

Sie … macht sich allgemein enorm unbeliebt.

Die Stützstrümpfe auf dem Rezept sind noch ein Besorgungsartikel, werden die doch extra nach den Massen angefertigt, das heisst, das dauert länger, bis das kommt.

Die kommen die Woche darauf.

Was auch kommt ist ein Telefonanruf von ihr, man solle doch das Rezept an Apotheke AB schicken, sie ginge von jetzt an dorthin.

Ich glaube, innen drin, sind bei uns alle zufrieden damit.

liebe Patienten

Dieser liebe Patient, den man hat.

Ihr wisst schon. Die Person die so was von geduldig ist. Diese herzige ältere Frau, die heute morgen hereinkam und fragte, ob ihr Rezept schon angekommen ist – sie hat es vom Arzt faxen lassen. Es war noch nicht da.

Dann kommt sie kurz nach Mittagszeit – aber wir mussten etwas von ihrem Rezept bestellen.

Und anstatt dass sie anfängt auszurufen.

Anstatt mich zu beschuldigen, dass ich schlechte Arbeit leiste.

Sagt sie: „Es tut mir leid, dass sie so viel zu zun haben. In ihrem Alter sollte man nicht so viel Stress haben.“

Und dann geht sie raus und kommt mit einer Schachtel Pralinen wieder. Ich hatte praktisch Tränen in den Augen.

Glaubt mir, ich mach alles, damit die Frau nie mehr auf ihr Rezept warten muss.

Uroskopie

Die Frau beklagt sich, dass das Metronidazol, ein Medikament, das sie nehmen muss, ihren Urin rot färbt.

Ich beruhige sie: das ist total normal. Es ist klar, dass sie sich sorgt: das sieht Teils aus, als hätte man Blut im Urin.

Frau: „Aber … ich mache mir Gedanken, was, wenn jemand das sieht, nachdem ich die Toilette benutzt habe?“

Pharmama: „Nun, da wüsste ich etwas dagegen: Spülen.“

 

Urin ist im Normalfall blassgelb. Welche Medikamente und Nahrungsmittel einen Einfluss auf die Farbe haben können, findet sich hier: http://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Urinfarbe