Die problematische, äh natürlich problemlösende Apothekerin … (2)

Rezept 2 war auch vom Spital, andere Abteilung und lustigerweise diesmal nicht der Arzt, sondern die Patienten nicht ursprünglich aus der Schweiz … weshalb es wohl schon dort Kommunikationsprobleme gab.

Erst mal zum Rezept:

1 OP Nexium 40mg S: 2-0-0 für 2 Wochen, dann 1-0-0 für 2 Wochen

1 OP Bepanthen Lösung

5ml + 5ml NaCl 0.9% zur inhalation 2 x täglich

Die ersten Diskussionen gab’s beim Nexium, wo der Patient trotz meiner Erklärungen, dass es da ein wirklich identisches (!) Mittel zum fast halben Preis gibt auf dem Original bestand.

Dann frage ich nach einem Blick auf die Anwendung bei der Bepanthen Lösung nach, ob er denn ein Inhalationsgerät habe. Hat er nicht.

Pharmama: „Dann müssen Sie eines mieten, anders können sie das nicht so anwenden, wie der Arzt das aufgeschrieben hat.“

Mann: „Er hat gesagt, ich könne mir das einfach in Mund sprühen.“

Pharmama: „Nicht ganz. Das Bepanthen ist kein Spray, dann steht hier auch mischen mit Salzlösung und inhalieren, dafür brauchen Sie ein Gerät.“

Mann: „Rufe Sie für mich bei Arzt an, dass er dafür ein Rezept schickt.“

Hmmpf. Ins Spital, schon wieder (und das Rezept war diesmal vom Vortag).

Pharmama: „Ich kanns versuchen.“

Und das tu ich. 3 x … und es geht nicht mal jemand ans Telefon.

Also versuche ich eine andere Strategie … ich hab’ da nämlich eine Vermutung…

Ich packe mir ein Inhalationsgerät (Typ kleiner Koffer-grösse) und nehme das mit dem Mietformular nach vorne.

Pharmama: „Ich erreiche den Arzt nicht. Sie können das später selber noch versuchen, ich zeige Ihnen jetzt aber erst Mal, wie das aussieht. Das ist das Gerät. Das ist das Verbrauchsmaterial, das man dazu braucht. Das Depot für das Gerät kostet 100 Franken. Das ist der Mietvertrag. Hier kommen die beiden Lösungen rein, dann müssen sie …“

Der Patient fängt schon an abzuwinken – praktisch von dem Moment an, wo ich gesagt habe „kostet“ …

Mann: „Das ja sehr kompliziert, das wusste ich nicht, der Arzt hat gesagt nur Mund sprühen … Was soll ich denn jetzt machen?“

Pharmama: „Also … für was brauchen Sie das denn?“

Mann: „Ich habe so einen trockenen Hals.“

Pharmama: „Nichts weiter? Schleim auf der Lunge, Mühe beim Atmen?“

Mann: „Nein, nichts.“

Pharmama: „Und wann gehen sie wieder zum Arzt?“

Mann: „Ich habe am Dienstag (das ist in 3 Tagen) noch einen Termin beim Hausarzt.“

Pharmama: „Okay. Dann … würde ich ihnen vorschlagen, dass Sie das Bepanthen nehmen und damit gurgeln bis dahin. Und dass Sie dann ihren Hausarzt fragen, ob Sie wirklich ein Inhalationsgerät brauchen.“

Damit war er dann zufrieden und ging. Ohne Inhalationsgerät. Inkomplette Rezepte sind nervig – grad bei dem bin ich aufmerksam und frage inzwischen nach, wenn da drauf steht „inhalieren“ ob ein Gerät vorhanden ist. Das ist nämlich heute bei weitem nicht mehr so oft der Fall. Und wenn das über die Krankenkasse laufen soll, dann muss das Gerät (oder die Miete) auch auf dem Rezept stehen. Hinter so etwas her zu rennen finde ich mehr als lästig … vor allem, wenn sich dann herausstellt, dass das gar nicht nötig ist. In dem Fall auch, in dem man einen Teil des Aufwandes an den Patienten zurück-delegiert :-)

Die problematische, äh natürlich problemlösende Apothekerin …

Irgendwie hatten die Ärzte heute ein Problem, naja, vielleicht habe ich es ihnen dann gemacht, falls sie vorher noch keines hatten.

Auf dem Rezept vom Spital, das eine Frau gebracht hat fehlen sämtliche Angaben zum Patienten. Laut Auskunft ist das für ihren 12 jährigen Sohn. Damit stimmt die Dosierung der Schmerzmittel darauf nicht ganz überein.

Ponstan 500 mg  S: 1-1-1 (wären etwas hoch)

Dafalgan 1g S: 1-1-1 (hoch, aber gerade an der Grenze)

Also muss ich sowieso anrufen. Ins Spital – was immer toll ist, weil … ja, das dauert, bis man da mal am richtigen Ort und bei der richtigen Person ist. Zumindest war das Rezept vom selben Tag, was die Chancen ziemlich erhöht, dass die richtige (am besten gleich die Verschreibende) Person auch wirklich da ist.

Der Arzt war dann auch super freundlich, hat sich ob des fehlenden Namens aber etwas erstaunt gezeigt „Da hätte noch eine Etikette mit der Info drauf sollen“ (No shit, sherlok) und hat sich überzeugen lassen, die Dosierung auf 250mg 1-1-1 anzupassen.

Er meinte nur verteidigend: „Aber ich habe extra im Kompendium nachgeschaut!“ (das ist bei uns das Arzneibuch)

Ja, da steht folgendes drin: (und zwar sowohl bei den Tabletten als auch Kapseln und Suspension):

Dosierung; Mit dem Essen.

>14 J.: 3×tgl. 1 Tabl. oder 2 Kaps., max. 2 g tgl.
12–14 J.: 3×tgl. 1 Kaps. oder 25 ml.
9–12 J.: 2(–3)×tgl. 1 Kaps. oder 3×tgl. 20 ml.
6–9 J.: 3×tgl. 15 ml.

Das Problem dabei ist, dass es Tabletten gibt zu 500mg und Kapseln zu 250mg. Und dass die Dosierungsanweisung das etwas ungenau schreibt, wenn man das nicht weiss. Und als ausländischer Arzt, nach den ich ihn mit seinem Akzent eingeordnet habe, wusste er das offenbar nicht.

Kein Riesen-Problem … solange wir Apotheker da sind und das merken.

Rezept 2 war auch vom Spital, aber einer anderen Abteilung und ein anderer Arzt … das bringe ich morgen.

Diesmal nicht

Vorausschickend: Nach Jahren der Pille-danach-Beratung in der Apotheke hat sich bei mir doch eine gewisse Sicherheit eingestellt. Wirklich oft kommt es nicht vor, dass ich die Pille danach mal nicht abgeben kann. Aber gelegentlich gibt es so einen Fall, bei dem man sich einfach nicht wohl fühlt, wo es grenzwertig ist. Im Endeffekt möchte ich aber bei einer Abgabe sicher sein, dass das dem Patienten nicht mehr schadet als eine Nicht-Abgabe. Und hier war ich … unsicher:

Frau in der Apotheke: „Ich habe eine Frage wegen der Pille danach.“

Ich nehme die Frau direkt mit in den Beratungsraum.

Frau: „Also … ich sag’s wie’s ist … ich glaube nicht, dass ich schwanger bin und … ich … will auch nicht schwanger sein, aber mein Freund will … jedenfalls hatten wir … er hat seinen Penis in mich gesteckt, aber … er ist nicht gekommen. Da kann ich doch nicht schwanger sein.“

Pharmama: „Sie nehmen nicht die Pille?“

Frau: „Ich habe, bis vor etwa einem Monat die Cerazette genommen. Dann musste ich abbrechen, weil ich sie nicht vertragen habe.“

Pharmama: „Und sie haben kein Kondom benutzt oder eine andere Verhütungsmethode?“

Frau: „Nein, mein Freund will nicht.“

Pharmama: „Wie lange ist es her seit ihrer letzten Periode?“

Frau: „2, fast 3 Wochen.“

Pharmama: „Dann kann es trotzdem sein, dass sie schwanger werden. Es gibt da auch ohne direkten Samenerguss noch so Sachen wie die Lusttröpfchen … dann sind sie genau in der gefährlichsten Zeit …“

Frau: „Oh.“

Pharmama: „Soll ich mit ihnen eine richtige Pille danach-Beratung durchführen?

Frau: „Ah – ja. Deshalb bin ich hier.“

Ich gehe mit ihr die Fragen durch.

„Wie lange ist es her, seit dem ungeschützten Geschlechtsverkehr?“

Frau: „Umm … das war 2 mal am Mittwoch und einmal am Dienstag abend.“

Oh. Es ist jetzt Freitag abend.

Ich rechne nach. Ich muss vom am längsten zurückliegenden Zeitpunkt ausgehen und komme damit auf etwas über 70 Stunden.

Ich erkläre der Frau die Problematik: die Wirksamkeit der Pille danach (in unserem Fall Norlevo) nimmt ab, je länger man mit der Einnahme nach dem Akt wartet. Nach 72 Stunden wird es gar nicht mehr empfohlen, da die Wirkung dann zu gering und die Risiken die Vorteile überwiegen.

Frau: „Aber  … ich denke, das Problem war vor allem der Mittwoch.“

Hmmm.

Ich behalte das im Hinterkopf und mache erst mal weiter.

Als nächstes frage ich nach aktuellen Erkrankungen (keine) und andere eingenommene Medikamente (nur Nahrungsergänzungsmittel und keine, die hier Wechselwirkungen machen) und nach Allergien.

Frau: „Nickel und Cerazette.“

Pharmama: „Cerazette? Was genau haben sie da bekommen?“

Sie hat ja gesagt, sie hat es nicht vertragen, aber …

Frau: „Oh – einen übel beissenden Hautausschlag.“

Tatsächlich, sie ist allergisch gegen etwas im Cerazette.

Frau: „Ich habe am Donnerstag wieder angefangen Cerazette zu nehmen … und auch wieder den Hautausschlag bekommen.“

Was die Allergie dann auch bestätigt. Wiederauftreten bei Exposition.

Pharmama: „Nehmen sie die Cerazette nicht mehr. Das kann eigentlich nur schlimmer werden und es bringt auch nichts das jetzt noch zu nehmen zum Verhüten – das braucht mindestens 7 Tage, bis es wirkt.“ (Und wenn sie wirklich schwanger ist, ist das auch nicht gut …)

Jetzt habe ich ein Problem. Sie ist also allergisch gegen Desorgestrel (wahrscheinlich). Und sie will von mir Levonorgestrel – ein anderes Progestagen. Vermutlich, nein sehr wahrscheinlich ginge es – von Allergien oder gar Kreuzallergien gegen Hormonpräparate habe ich noch nicht viel gehört, aber ich will das eigentlich nicht riskieren. Das und die knapp an der Abgabegrenze liegende Zeit …

Pharmama: „Nein. Entschuldigen Sie, aber damit muss ich sie zu einem Frauenarzt weiter schicken. Ich kann das so nicht abgeben, aber der Arzt kann das abklären und ihnen entweder die andere Pille danach, die EllaOne die man bis 5 Tage nachher noch geben kann verschreiben, oder eine Kupferspirale einsetzen.“

Frau: „Oh – aber, was mache ich denn jetzt?“

Pharmama: „Es ist Freitag abend, gehen sie im Spital in die Frauenabteilung, die haben auch einen Notfall, wo sie gleich gehen können.“

Frau: „Aber … das geht nicht, sonst merkt mein Freund das … und der will ja, dass ich schwanger werde. Darum komme ich ja zu ihnen!  Können sie mir das nicht einfach geben?“

Pharmama: „Nein. Ich darf das unter bestimmten Voraussetzungen abgeben. Bei ihnen haben wir 2 Punkte, die nicht ganz gegeben sind – und ich fühle mich dabei nicht wohl. Deshalb muss ich sie weiter schicken.“

Frau: „Ich denke, ich bin schon nicht schwanger …“ meint sie unsicher.

Pharmama: „Ich hoffe es, aber … sie könnten es sein. Ich würde gehen, sie haben auch noch fast 2 Tage Zeit dafür. Und sie sollten das unbedingt mit ihrem Freund ausdiskutieren.“

Ich kenne meine Grenzen. Es ist immer ein Abwägen zwischen Nutzen und Risiko … und bei dem hier waren grad 2 Sachen nicht ganz koscher … plus mein Bauchgefühl, das mir dabei fast Bauchschmerzen machte. Sie schien zwar einigermassen überzeugt, dass sie nicht schwanger sein will … hat aber trotzdem 3 Tage gewartet, bis sie damit in der Apotheke aufschlägt? Da bin ich doch froh, dass ich sie noch an eine kompetente Stelle weiterschicken kann.

Wer jetzt denkt, die Frau war sehr jung und unerfahren – jung war sie nicht mehr. Über 35. Unerfahren …. ja. Irgendwie.

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Ein Lebensende

Der Lehrling kommt von der Auslieferung für ein Dosett zurück mit der Nachricht, dass Herr Karoli* – der ältere Mann, der das Dosett hätte bekommen sollen- die Tür nicht aufgemacht hat.

Oh oh. – der Mann geht selber kaum noch aus dem Haus, er ist gesundheitlich nicht mehr sehr gut dran, wie ich aus den bisherigen Anrufen mit ihm und dem Inhalt des Dosettes, das er einmal wöchentlich von uns bekommt entnehmen konnte. Er hat die Spitex (Haushilfe), die täglich für ihn sorgt, seit seine Frau gestorben ist … aber aus den wenigen direkten Anrufen, die ich mit ihm hatte, konnte ich entnehmen, dass sein Lebenswille seit dem Tod der Frau stark abgenommen hat.

Alles nicht so gut – Im Verlauf des Tages versuche ich mehrmals ihn anzurufen und als das nicht klappt, frage ich bei der Spitex nach, ob die etwas wissen.

„Oh“ sagt die Frau von der Spitex „Herr Karoli? Der ist vor 4 Tagen verstorben. Da müssen sie kein Dosett mehr bringen.“

Ich bin etwas geschockt – tatsächlich schaffe ich es nur noch „Uh – Danke vielmals für die Mitteilung“ zu murmeln um dann aufzuhängen und mich in mein Büro zurückzuziehen.

Das muss ich erst einmal verdauen.

Es sterben zwar immer wieder auch von unseren Patienten, aber irgendwie ist das auch immer wieder ein Schock. Manchmal kleiner, manchmal grösser. Bei dem hier definitiv grösser.

Und das obwohl ich ihn nicht mal so gut kannte. Vor dem Tod seiner Frau habe ich ihn gelegentlich (so einmal im Monat) in der Apotheke gesehen – da war er noch vital und immer sehr höflich, sogar freundlich zu uns. Gebraucht hat er nicht viel … oder vielleicht hat er es von woanders bekommen. Danach hat die Spitex uns die Aufgabe für seine Rezepte übertragen und dass wir wöchentlich das Dosett richten sollen. Als wir das und den Lieferdienst dafür eingerichtet haben, hatte ich gelegentlich telefonischen Kontakt mit ihm. Das war nur ein paar Wochen vorher – seitdem lief das mit dem Dosett.

Liegt es daran, dass ich mehr Kontakt mit ihm hatte als vielleicht mit anderen Patienten? Oder weil er wirklich ein freundlicher Mensch war, dem man ein anderes Ende gewünscht hätte? Er wollte ja eigentlich gehen … ich find’s nur traurig, dass er so gar niemanden hatte, der sich sonst kümmerte. Oder bin ich emotional aufgewunden, weil mir die Spitex, die seine Umstände kannte und die das mit dem Dosett liefern etcetera wusste, mir das so nonchalant (und erst nach Nachfrage!) am Telefon mitteilt? Hätten die mehr machen sollen? Hätten wir mehr machen sollen oder können?

Das muss ich jetzt erst mal verdauen. Und dann die ganzen Sachen von seinem Dosett entsorgen. Entschuldigt, wenn ich den Rest des Tages etwas abwesend wirke.

*wie immer alle Namen geändert

Ja … wie jetzt?

Beim Aufnehmen einer Bestellung für die Patientin.

Pharmama: „Wir können ihnen anrufen, wenn etwas mit der Bestellung ist …“

Patientin: „Ich bekomme nie Telefonanrufe von der Apotheke.“

Pharmama: „Könnte ich ihre Telefonnummer haben?“

Patientin: „Nein, die gebe ich nicht gerne heraus.“

Pharmama: „Okay … das bestellte wird in etwa 3 Tagen hier sein.“

Patientin: „Könnten sie mir nicht anrufen, wenn es da ist?“