Lyrica und Generika und ein akutes Problem

Was passiert eigentlich, wenn …? Eine Frage an die Mitleser, die bei einer Krankenkasse arbeiten, oder Einsicht haben, wie es dort läuft.

Ich bin bei uns in der Apotheke sehr … auf die Wirtschaftlichkeit bedacht – nicht nur für die Apotheke selber, sondern auch für das Gesundheitssystem. Das macht Sinn. Bei der Zulassung der Medikamente wird auf „Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit“ geschaut. Im Vertrag mit den Krankenkassen (LOA) steht etwas von Wirtschaftlich optimale Wahl der an die Dosierungsvorschriften angepassten Auswahl“. Ich gebe mir selber viel Mühe und halte meine Mitarbeiterinnen und Kolleginnen dazu an, Generika wo möglich aktiv anzubieten. Speziell bei den Rezepten, wenn Originalpräparate verschrieben werden, die immer noch sehr teuer sind, und wo ein Wechsel problemlos möglich wäre.

Es ist teils etwas frustrierend zu sehen, wenn Patienten auf solche Vorschläge nicht eingehen, vor allem, wenn es sich dabei um genau dasselbe Präparat handelt, das von der Pharmafirma einfach anders verpackt wurde … aber auch sonst. Wir versuchen es, wir wählen das passende Medikament aus – mit dem Einverständnis des Patienten.

Momentan werden wir durch die Firma Pfizer stark ausgebremst. Deren Medikament (und „Bestseller“) Lyrica hat nämlich neu den Patentschutz verloren. Es gibt jetzt Generika, die momentan etwa halb soviel kosten … im Dezember kommt dann auch Lyrica zumindest etwas mit dem Preis herunter, damit der Selbstbehalt für das Original nicht 20% beträgt – eine Preisdifferenz wird es trotzdem noch sein, dass es sich lohnt, das zu ersetzen.

Gestern hat meine Pharmaassistentin Donna eine Patientin davon überzeugen können, dass sie das Generikum nimmt, das wir zu dem Zeitpunkt noch bestellen mussten. Und mir ist das dann heute beim Bestelleingang aufgefallen … Ich kann das jetzt (widerwillig) zurückschicken und muss das Original abgeben. Denn bei der Patientin darf ich das nicht ersetzen. Sagen die rechtlichen Vorschriften.

Ja – wie mir auch die Pfizer-Vertreterin letzte Woche „live“ eingebläut hat, nachdem ich die Info auch schriftlich schon bekommen habe: Lyrica (Pregabalin) hat zwar das Patent verloren … aber nur für die ursprüngliche Indikation als Antiepileptikum und bei Angststörungen. Nicht für die (neuere) Anwendung bei neuropathischen Schmerzen … dafür läuft das Patent noch einige Zeit. Und genau dafür wird das Lyrica hier wohl meist verschrieben. Auch bei der älteren Frau von Donna gestern.

So steht es auch in Pharmawiki:

Die Generika (von Pregabalin) sind nicht zur Behandlung neuropathischer Schmerzen zugelassen, weil diese Indikation noch durch ein Patent geschützt ist. Deshalb dürfen die Generika bis zum Verfall dieses Patents nicht zur Behandlung von Nervenschmerzen verschrieben oder abgegeben werden.

Ersetze ich das jetzt und die Krankenkasse merkt das, muss sie das der Patientin nicht erstatten, da das unter Off-label-use fällt für das Generikum. Im schlimmsten Fall spart die Patientin also nicht nur nichts, sie darf das ganze Medikament selber zahlen.

Jetzt … ich weiss natürlich nicht immer, für was das Lyrica verschrieben wurde, auch wenn ich es mir in einer Vielzahl der Fälle denken kann, denn der Arzt muss keine Diagnose oder Indikation auf das Rezept schreiben … und der Patient muss mir das auch nicht sagen. Dementsprechend kann das auch die Krankenkasse nicht wissen.

Bei der Anwendung als Antiepileptikum ist ein Wechsel zum Generikum im übrigen gar nicht so einfach möglich: bei denen ist man sehr vorsichtig, weil da auch geringe Unterschiede in der Bioverfügbarkeit eventuell gross genug sind, dass wieder Epileptische Anfälle zumindest möglich sind. Das will man um jeden Preis vermeiden, da man zum Beispiel nach nur einem Anfall wieder für mindestens 3 Monate das Autobilett los ist. Beim Einsatz als Schmerzmittel macht das nicht so viel aus.

Also … was mache ich? Bei einen sollte ich (aus medizinischen Gründen) nicht während der Behandlung ersetzen, beim anderen darf ich (aus patent-rechtlichen Gründen) nicht.

Die Firma drückt da bei uns natürlich, da sie noch lange möglichst viel an ihrem Mittel verdienen möchten. Aber um ehrlich zu sein, die Pfizer hat schon eine lange Geschichte was das angeht: Ich erinnere daran, dass sie auch ausdrücklich Schreiben an die Apotheken verschickt haben, dass die Sortis nicht zu teilen seien … obwohl es (abgesehen von der fehlenden Bruchrille) dafür vom galenischen Standpunkt her keinen Grund gab. Aber 100 Tabletten von den 40ern war genau gleich teuer, wie von der 20er Packung … also …. Heute können sie von den Sortis (und ihrem Autogenerikum) auch Tabletten mit Bruchrillen herstellen, genau wie die Generika.

Aber … mich interessiert es doch, wie das in der Praxis gehandhabt wird. Liebe Krankenkassen: schaut ihr da drauf? Straft ihr da Apotheken und Patienten, wenn die versuchen zu sparen? Das sollte ja eigentlich auch in eurem Interesse sein.

Oder … ja, was passiert da?

Was darf ein Medikament kosten? Die andere Seite.

Und jetzt mal andersherum:
sovaldi

Was ich da in der Hand halte ist das Medikament Sovaldi. Es sind 28 Tabletten und eine Packung kostet CHF 19’208.50.- (Stand September 2015*). In Worten: Neunzehntausend-zweihundertacht Franken und 50 Rappen.

Sovaldi ist ein neues, einzigartiges Mittel gegen Hepatitis C – das ist eine Leberentzündung, durch ein Virus verursacht, das man sich durch Sex, beim Piercen, Nadeln tauschen oder Tätowieren holt, das die Leber kaputt macht, was letztlich lebensgefährlich ist. Viele Menschen sterben daran,

Das besondere ist, dass dieses Medikament in einem Grossteil der Fälle (97 von 100) in der Lage ist, Hepatitis C zu heilen (!) – und das im Gegensatz zu bisherigen Therapien mit wenig Nebenwirkungen. Aber es kommt mit einem Preis – im wahrsten Sinne des Wortes . Die Behandlung dauert 3 Monate, also an die 80’000 Franken. Pro Patient.

In der Schweiz sind etwa 0.7 – 1% der Bevölkerung mit Hepatitis C infiziert. Das sind Tausende Patienten. Weltweit liegt die Rate bei etwa 3%. Das gehört nicht unbedingt zu den „seltenen Erkrankungen“, für die oft hohe Preise der Medikamente gerechtfertigt werden. Andererseits ist es lebensrettend und eine Behandlung von 3 Monaten reicht dafür. Die Krankenkassen bezahlen die Behandlung – aber bisher nur unter speziellen Voraussetzungen, das heisst, die Leber muss schon ziemlich geschädigt sein.

Aber ich stelle wieder die Frage: Wieviel ist dir das Medikament wert? Was hier direkt an diese Frage grenzt: Wieviel ist dir ein Menschenleben wert? … Wenn Du oder jemanden den Du kennst selber betroffen bist? Wenn es irgendeine andere Person ist?

In diesem Fall zahlst Du das in der Schweiz (oder in Deutschland) erst mal nicht selber – das übernimmt die Krankenkasse (könntest Du das ohne Versicherung zahlen???) … Aber die kann das auch nicht, wenn das zu viele in Anspruch nehmen. Das wäre ein Grund, die Prämien für alle zu erhöhen … all das Geld muss von irgendwo kommen. Die moderne Medizin kann enorm viel … und das kostet.

Was aber wäre ein guter Preis für das Medikament? – Hier auch für die Pharmafirma, die das entwickelt hat … was viel Geld kostet (ab 1,3 Milliarden Franken für die Entwicklung von einem neuen Medikament). Solange das Patent läuft hat sie Zeit sich ihr Geld wieder zurückzuholen, danach wird es mit Aufkommen der Generika-Konkurrenz schwierig. Wenn sich das nicht lohnt, dann werden auch keine neuen Medikamente entwickelt …

*Inzwischen ist der Preis schon etwas nach unten gegangen: auf CHF 16’102.50.-

Was darf ein Medikament kosten – Auflösung

Also. Nach Euren Angaben (Stand bis Mittwoch 9 Uhr) haben wir diese Verteilung: (bei Reichweitenangaben wurde der Mittelwert genommen und Angaben jeweils von X,0 bis Y,9)

dafalgan

0-1 IIII (darunter auch die, die es überflüssig finden, aus was für Gründen auch immer)

2-3 II

3-4 IIIII IIII

5-7 IIIII  IIIII  IIIII  IIIII I

8-10 IIIII  IIIII  IIII

11-15 IIIII

16-30 II

zur Auflösung: der Sirup kostet im Verkauf CHF 2.25.- (das wären momentan in Euro: 2,50). Das kann verschrieben werden und wird dann von der Krankenkasse bezahlt, man bekommt es aber (zum gleichen Preis) auch ohne Rezept. 2 Franken 25 Rappen.

Ich finde das wahnsinnig wenig. Ich finde das so wenig, dass ich mich frage, wie die Firma sich noch leisten kann das herzustellen. Die Antwort darauf ist wahrscheinlich: kann sie sich nicht. Jedenfalls nicht in Europa. Ganz sicher nicht in der Schweiz oder Deutschland. Das kommt also wohl aus Asien (China oder Indien) … und mich persönlich beunruhigt das, wenn ich von den Arbeitsbedingungen dort lese und wie die Firmen es mit dem Umweltschutz halten (was ist das?) und (immer wieder) auch wie es teils um die Qualität der Produkte dort steht.

Bei diesem Beispiel Paracetamol-Sirup höre ich natürlich: der Wirkstoff ist super-günstig! Klar. Aber es geht nicht nur um den Wirkstoff (der ganz sicher aus Asien importiert wird), es geht auch um die Galenik: den Wirkstoff in eine gut einnehmbare und haltbare flüssige Form zu bringen. Natürlich gibt es Paracetamol günstig in Tabletten und in Zäpfchen. Die sind einfacher herzustellen … wobei ich hier anmerken möchte: die Wirkung kann davon abhängen, wie die Tabletten hergestellt sind: im Film, den ich vor ein paar Tagen hochgeladen habe, habe ich sowohl Dafalgan Tabletten als auch Panadol Tabletten zerfallen lassen … und die Dafalgan haben ewig gebraucht. Bei Schmerzmitteln kann sowas relevant sein – ob man jetzt 20 Minuten auf die Wirkung wartet oder 1 Stunde. Man „muss“ natürlich keine Schmerzmittel nehmen … aber ICH bin froh, dass es die gibt. Junior wohl auch, der leidet gelegentlich auch unter Kopfschmerzen … und Zäpfchen mag er gar nicht mehr. Wer schon einmal eine Panadol Tablette einfach in Wasser suspendiert hat, weiss auch, dass die nicht gut schmeckt. Scheusslich eigentlich … und wenn einem schon fast schlecht ist wegen Kopfschmerzen ist das auch ungeschickt. Also Sirup.

Jemand fand, wenn das ein „No-Name-Produkt“ ist und kein „Brand“, dann wäre er nicht bereit so viel dafür zu zahlen. Dazu möchte ich das sagen: Das wäre mir egal. Generika sind (sollten sein) gleichwertig wie das Original. Und Paracetamol Sirup gibt es in der Schweiz gar nicht mehr als Orignalprodukt (das wäre wohl Panadol oder Tylenol) … tatsächlich gibt es das nur von Brystol-Meyers-Squibb (das Dafalgan) oder von Nutrimed (das BenURon – das 200mg/5ml enthält, also anders dosiert ist und für 100ml CHF 5.10.- kostet). 2 Sorten. Das wars.

Das ist auch so etwas, das mir Angst macht: wenn sich das für die Firma nicht mehr lohnt das herzustellen, dann kann es gut sein, dass sie das dann auch nicht mehr machen. Gut, beim Paracetamol kann man noch ein bisschen etwas über die Riesen-Menge die verkauft wird auffangen, und Ihr denkt jetzt sicher auch: „Ach was, kann nicht sein: etwas so grundsätzliches wie ein Paracetamol-Sirup kann man doch nicht einfach nicht mehr anbieten.“ Was denkt ihr bei etwas so grundsätzlichem und wichtigem wie einem Antibiotikum-Sirup? Auch nicht?

Aber genau das hatten wir schon. Beim Nopil-Sirup

nopil2

Der Sirup Nopil wurde von uns .. aus dem Markt gezogen da die vom BAG verordneten ex-factory-Preise unter den Herstellungskosten lagen …

Ja – ich habe in einem Blogpost am Rande davon berichtet (hier: by proxy). Erst ging der Bactrim Sirup ausser Handel (das „Original“), dann mit Nopil von Mepha auch noch das letzte Generikum in flüssiger Form mit dem Wirkstoff. Damals ohne Kommentar weshalb – nun ist mir das klar. Offenbar hatte das BAG ein Einsehen und der Preis dafür wurde wieder angehoben (auf wahnsinnig hohe CHF 9 -, exklusive Checks, die da noch draufkommen, da rezeptpflichtig und kassenpflichtig). Das Antibiotikum ist als Wirkstoff noch wichtig, wird aber nicht sehr häufig gebraucht, dann Preissenkung … Und weg war es. :-(

Im Spital haben sie das Problem übrigens schon länger: wenn die für ihre Patienten auf der Station nach Antibiotika suchen, die noch wirken, müssen diese heute häufiger aus dem Ausland importiert werden … weil es in der Schweiz einfach nicht mehr alle Wirkstoffe im Handel gibt! Und momentan importieren wir also sogar Nopil-Sirup, aus Deutschland, hergestellt in keine Ahnung wo …

Ein paar von Euch fanden, sie würden sowieso keinen Paracetamol-Sirup nehmen/kaufen, da der Ibuprofen-Sirup so viel besser ist. Das war auch nur ein Beispiel das ich hier bringe. Ich widerspreche nicht … ich empfehle den auch ab 6 Monaten Alter (vorher gibt’s halt nur Paracetamol), er wirkt entzündungshemmend, hat (etwas) weniger Nebenwirkungen, schmeckt besser. Und in der Schweiz gibt es genau eine (Eine!) Marke: Algifor Sirup (Bitte lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihre Apothekerin). Der kostet frei-verkäuflich etwa 12 Franken für 200ml, was ich dafür auch sehr günstig finde.

Es geht im Grunde immer darum, was etwas einem Wert ist. Mir ist ein Mittel, das mich von meiner Migräne-Attacke befreit sehr viel mehr wert als ein Kaffee. Und dabei brauche ich das noch weniger – wenn ich den Preis (kumuliert) von 1 Tasse Kaffee pro Tag vergleiche mit den vielleicht 3 Packungen Schmerzmittel pro Jahr … aber so weit denken die meisten Leute nicht.

Die Leute schreien immer wegen der Medikamentenpreise (ja, auch hier in den Kommentaren), hauptsächlich mit Argumenten wie: in XY ist es viel günstiger, da bekomme ich 20 Tabletten für unter einem Euro … Dabei vergessen sie oft was da dahintersteckt. Der Wirkstoff, die Herstellung, die Verpackung, Transport, Lagerung Verkauf durch Fachpersonal (mit Paracetamol kann man sich wunderbar umbringen, auch unbeabsichtigt, das geht schneller als man denkt … sollte das wirklich im Discounter im Regal stehen??) …. da kann man nicht mit dem Preis immer nach unten, irgendwann bringt selbst das Einkaufen des Wirkstoffes beim Billigst-Anbieter in Asien und das Auslagern aller Arbeitsschritte in den fernen Osten nicht mehr die nötige Ersparnis, dass sich der Vertrieb noch lohnt.

Und dann?

Bestellen wir dann alles im Internet oder kaufen es in den Ferien ein … und hoffen, dass es keine Fälschung ist?

Wieviel darf ein Medikament kosten?

Ich möchte gerne, dass sich jeder von Euch dieses Medikament hier ansieht und sich überlegt, was das ihm wert ist – praktisch so, wie auf einem afrikanischen Basar: Was bist Du bereit dafür zu zahlen?:
dafalgan

Vielleicht noch ein paar Informationen dazu: Das ist ein Sirup, aromatisiert, 90 ml Inhalt in einer Glasflasche, es enthält den Wirkstoff Paracetamol, den man gegen Schmerzen und Fieber einsetzt. Zur korrekten und einfachen Dosierung gibt es dazu ein Mess-löffel aus Plastik, das graduiert ist nach dem Körpergewicht des Kindes. Packungsbeilage (wie bei uns üblich) in drei Sprachen (D,F,I) gibt es dazu sowie eine farbige Umverpackung.

Ein 4-jähriges Kind lässt sich damit bei ausnützen der Maximaldosierung 3 Tage lang behandeln, wenn man weniger benötigt, entsprechend länger. Eine Erkältung (oder bei jüngeren früher eine schwierige Zahnungsphase oder bei älteren Kopfschmerzen) ist damit abgedeckt.

Also (ohne zu googeln – wieviel wäre Euch so ein Mittel wert?

(Antwort in den Kommentaren in Euro oder Franken … kommt ja jetzt fast auf das gleiche raus … ich werde dann später sagen, was es kostet.)

Amerikas „most hated man“ und wie eine Apotheke Widerstand leistet

Kennt ihr schon Amerikas meistgehasster Mann momentan? Den hier:

shkrelitwitter

Martin Shkreli heisst Amerikas momentan meistgehasster Mann (Bild von seinem Twitter account), wenn man dem Internet glauben will. Was hat er getan um zu dieser zweifelhaften Ehre zu kommen?

Nun, Shkreli ist so ziemlich all das, was man der „Big Pharma“ vorwirft. Ganz offensichtlich nicht an der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Menschen interessiert, sondern nur an seinem Gewinn. Eigentlich müsste man ihm fast dankbar sein, hat er doch einer fast gängigen Praxis ein Gesicht gegeben.

Ich habe hier auf dem Blog schon von ähnlichen Fällen berichtet. Siehe hier: Patent übernehmen und Preise erhöhen oder hier: Preisgestaltungsunterschiede

Die Kurzfassung: Man hat ein Medikament, dessen Patent verfällt, es folgen Generika und Preisverfall – irgendwann kommt es so weit, dass manche Generika wieder ausser Handel gehen, da es sich nicht mehr lohnt, das herzustellen und zu vertreiben. Und wenn es dann nur noch ein einziges Mittel davon auf dem Markt gibt … und dann geht der Preis wieder nach oben – und wie!

Martin Shkreli ist der CEO von Turing Pharmaceuticals. Einer Pharmafirma, die er selber ins Leben gerufen hat. Die Firma hat die Rechte von Daraprim erworben, einem Medikament das Pyrimethamin enthält. Den Wirkstoff gibt es schon seit 62 Jahren – er ist schon lange über das Patent heraus. Theoretisch könnte jeder ein Medikament mit diesem Wirkstoff auf den Markt bringen, aber die Situation ist heute so, dass sich das nicht lohnt.

Grund: Das Mittel wird eingesetzt zur Behandlung von Toxoplasmose, Malaria und AIDS, aber nur bei speziellen Formen. Es ist (weil es wenig Patienten dafür hat) ein sogenanntes Orphan Drug wie man die Medikamente zur Behandlung von seltenen Krankheiten nennt.

Vor der Übernahme kostete das Medikament pro Tablette 13.50$. Shrkreli erhöhte den Preis in den USA auf 750$ pro Tablette. Eine Steigerung von 5455%.

In der Schweiz gibt es Daraprim übrigens auch, der Preis ist um die 13 Franken pro Packung zu 30 Stück – in anderen Ländern mag das noch niedriger sein.

Da das Medikament das einzige mit diesem Wirkstoff auf dem Markt ist in den USA – die anderen sind mangels Rentabilität ausser Handel gegangen – und die Preise rein von den Pharmafirmen festgesetzt werden ohne dass wie bei uns zum Beispiel die Politik ein Mitspracherecht hat, bleibt den kranken (respektive den Krankenkassen, so vorhanden) also nichts anderes übrig, als den neuen horrenden Preis zu bezahlen. Zumindest bis es vielleicht eine andere Firma schafft, ihre Produktion so umzustellen, den Wirkstoff zu synthethisieren und Tabletten daraus zu pressen – und diese auch zugelassen werden. Das alles ist Zeit- und Kostenintensiv … wenn es jemand denn auf sich nimmt, und bis dahin profitiert Turing Pharmaceuticals – Kapitalismus in Reinform.

Inzwischen hat sich übrigens verschiedentlichst Widerstand geregt gegen Turing Pharmaceuticals und Shkreli –  bei der Bevölkerung und auf politischer Ebene.

Shkreli musste sogar Leute einstellen um mit dem Shitstorm, den seine Aktion da ausgelöst hat fertigzuwerden und das Ansehen der Firma wieder etwas zu festigen. Inzwischen ist er von seiner „Weil ich kann“ –Haltung zurückgekrebst und sagt, er habe das gemacht, um damit die Forschung von neuen Medikamenten gegen Toxoplasmose zu finanzieren (Beweise bitte?), dass er einen Teil vom Daraprim auch zu günstigeren Preisen abgeben würde und schliesslich, dass er mit dem Preis allgemein wieder runter gehen würde (aber nicht auf den ursprünglichen Preis) …

Von Apothekerseite wurde inzwischen eine interessante Lösung gefunden. Eine sogenannte compounding pharmacy (also eine Apotheke, die Medikamente für spezielle Bedürfnisse herstellt aus vorhandenen Medikamenten und Wirkstoffen) stellt seit Oktober für 1 Dollar pro Kapsel ein Medikament mit demselben Wirkstoff her – es enthält (da es sonst mit dem Patent von Daraprim kollidiert) zusätzlich noch ein B-Vitamin. Dafür braucht es wahrscheinlich wie bei uns ein spezielles Rezept vom Arzt – aber das zu besorgen ist einiges günstiger als das Original zu kaufen.

Medikamentenpreise – immer wieder gut für Diskussionen. Die Forschung braucht Geld, das muss wieder reinkommen, ansonsten lohnt es sich irgendwann nicht mehr an neuen Medikamenten zu forschen. Deshalb sind neue Medikamente entsprechend teuer. Aber das hier – das ist doch eine ganz andere Liga. Das ist nicht „Big Pharma“, das ist kleiner, hässlicher, gieriger Mensch, den man gar nicht an diese Stelle hätte lassen kommen, so etwas zu tun.

Das wäre fast falsch raus

rpabstand

Eigentlich schön geschrieben, aber … der Abstand …

Erklärung: Es gibt Citalopram (Seropram) und es gibt Escitalopram (Cipralex). Beides sind Mittel gegen Depressionen und Angststörungen, wobei das Escitalopram faktisch die „weiter entwickelte Form“ ist in dem Sinn, dass es nicht mehr das Racemat-Gemisch ist, sonder nur das S-Enantiomer*, das (sagt man) eigentlich für die Wirkung verantwortlich ist. Ob es auch entsprechend besser ist ist diskutabel. Teurer ist es allemal. Immer noch.

Mehr lesen darüber hier Chiralität (Rechtsdrehend, Linksdrehend, Verdrehend).