No,no, no: Noch kein Notstand

Ich bin seit ein paar Tagen wieder zurück in der Schweiz – und der Virus hat uns empfangen. Von Juniors Schule ein Infoblatt, dass die Schule stattfindet, mit speziellen Verhaltensregeln (kein Kontaktsport, gestaffelte Pausen, Händewaschlektion), dass aber Leute, die in Italien in den Ferien waren (oder anderen Hochrisikogebieten wie China, Taiwan etc.) zu Hause bleiben müssen: 14 Tage lang. Da Thailand nicht auf der Liste ist, ging Junior also.

Der Rückflug war übrigens ausgesprochen ruhig. Nicht nur, dass das Flugzeug nicht voll war (ungewöhnlich), kaum einer hat gehustet oder geniest oder sich geschneuzt. Entweder waren alle erstaunlich gesund, oder es hat sich keiner getraut. Weder bei der Ausreise in Thailand noch bei der Einreise in der Schweiz wurden irgendwelche Fragen gestellt oder Tests (auch kein Fiebermessen) gemacht. Dafür empfängt uns am Flugplatz das neuste Infoplakat des BAG:

Montag stieg ich in der Apotheke in den „neuen Alltag“ ein. Von Panik würde ich hier nicht sprechen. Aber der Mehraufwand den das Virus uns (jetzt schon) in der Apotheke beschert ist nicht zu übersehen. Die Fragen nach Masken sind Dank Schild („Keine Masken mehr“) auf weniger als 10 pro Tag heruntergegangen, dafür haben wir viele mit Nachfragen nach Händedesinfektionsmittel. Die Markenartikel (Sterillium und Co.) sind aus und wir bekommen auch in absehbarer Zeit keine mehr. Selbst hergestelltes Desinfektionsmittel ist auch aus – und Alkohol zum herstellen ist keines lieferbar. Von Zeit zu Zeit bekommen wir wieder etwas in Grossgebinden, das wir dann in Fläschchen abfüllen. Aktuell sind uns aber auch die Fläschchen am ausgehen. Angebote betreffend Masken und auch Grossgebinde Desinfektionsmittel gibt es immer wieder, aber … puh. Die Preise, die manche dafür wollen! Und andere bieten ihr Produkt als „hochwirksam gegen Viren“ an – und wenn man nachschaut, wurde das nie getestet und der Hersteller selber behauptet das auch nicht.

Wir haben also immer wieder Desinfektionsmittel, aber empfehlen den Leuten Händewaschen – und geben aktuell nur wenige Fläschchen pro Einkäufer heraus. Andere brauchen / wollen das auch. Man sollte auch daran denken, dass es für den Schutz optimalerweise nicht nur den eigenen Einsatz braucht, sondern auch den der Umgebung. Und wenn man alles Desinfektionsmittel selber aufkauft (oder die Seife – mein Mann stand im Supermarkt vor einem leeren Regal), dann ist das auch … suboptimal.

Dann gibt es Leute, die Masken und Desinfektionsmittel wirklich brauchen für die Arbeit (im Spital, Pflegeheim, Zahnärzte) und denen gehen die Sachen so langsam auch aus. Ein Arzt aus einem anderen Kanton hat mir gemeldet, dass sie pro Praxis vom Gesundheitsamt 5 (!) FFP3 Masken geschickt bekommen haben. Die werden aktuell wie der Schatz der Nibelungen gehütet. Bei uns sieht es ähnlich aus. Wir haben für die Mitarbeiter ein Pandemie Set. Das wird aber noch nicht geöffnet. Die Schweiz hat mehr Material bestellt (amüsanterweise aus China) – das hängt jetzt in Deutschland und Frankreich fest, die einen Exportstopp dafür veranlasst haben. Ein weiteres Zeichen unserer Abhängigkeit vom Ausland (und NEIN, ich bin nicht für einen EU Beitritt).

Die nicht lieferbaren Medikamente sonst haben noch nicht merklich zugenommen – aber da sind wir ja schon vor Beginn der Corona-Geschichte nicht wirklich glücklich mit der aktuellen Situation gewesen. Es gibt auch hier Leute, die deshalb Hamsterkäufe tätigen wollen, aber da wir nicht mehr als Mengen für 3 Monate aufs Mal abgeben sollen (schon vorher) ziehen wir das jetzt einfach etwas strenger durch.

Aktuell ist es bezüglich Erkältungen aber recht ruhig in der Apotheke – offensichtlich hält sich die Bevölkerung daran, bei Erkältungssymptomen spezifisch: Fieber UND Atemwegsbeschwerden zu Hause zu bleiben. Manche schicken Verwandte in die Apotheke. Viele verweisen wir dann an die Ärzte: „Bitte rufen Sie ihrem Hausarzt an.“ Der kann auch am Telefon schon einiges triagieren – Fast lustig: jetzt machen sie wohl alle Telemedizin. Unser Telefon läutet genauso unablässig. Bestellungen, Nachfragen, etc. – macht auch Sinn, wenn das dann den Aufenthalt der Leute in der Apotheke (Risikozone) verkürzt. Trotzdem haben wir zusätzliche Schutzmassnahmen ergriffen. Ausser regelmässigem Händewaschen und -desinfizieren, desinfizieren wir die Oberflächen, erledigen mehr im Backoffice, schränken Dienstleistungen die nahen Kontakt erfordern auf ein Minimum ein (respektive tragen Masken dabei). Und seit gestern gibt es auch bei uns Plexiglasscheiben vor der Kasse. Ein (nicht ganz kompletter) Spritzerschutz, besser aber als mit Maske zu arbeiten – das wirkt schon arg abschreckend.

Seit gestern Abend gilt der neue Coronavirus oder COVID-19 offiziell als Pandemie. Das war zu erwarten – was mich fast etwas enttäuscht ist, dass sie dafür noch keinen Trivialnamen haben. Sowas wie die Vogelgrippe oder die Schweinegrippe. Da keine „Grippe“ hätte ich erwartet, dass das Ding etwas wie Schlangenseuche oder Fledermausirgendwas genannt wird, aber vielleicht ist es ganz gut dass das nicht passiert ist – die Tiere können ja nichts dafür.

Es wird weitere Massnahmen geben. Wir teilen unser Personal in Risikogruppen ein. Als Gesundheitspersonal „dürfen“ wir nicht einfach der Arbeit fern bleiben – Soviel zur Frage, ob wir die Apotheke bei einem COVID-19 Fall ganz schliessen müssen. Das wird nicht passieren. Seit heute wissen wir auch, was da zu tun ist:

Gesundheitsfachpersonen mit Patientenkontakt, die privat oder beruflich ungeschützt Kontakt mit einem bestätigten COVID19-Fall hatten, arbeiten weiter, tragen ständig eine chirurgische Maske und achten auf eine einwandfreie Händehygiene. Sie überwachen ihren Gesundheitszustand; beim Auftreten von Symptomen lassen sie sich testen und bleiben der Arbeit fern.

Risikopatienten unter dem eigenen Personal (über 65, respektive mit chronischen Erkrankungen) sollen mehr im Backoffice arbeiten und sich vorne schützen. Wenn wir wegen Ausfällen die Öffnungszeiten verkürzen müssen, muss das dem Kantonsapotheker gemeldet werden. Ansonsten gilt: „The Show must go on„.

Pandemie – Panik – Plague Inc

In meinem Büro in der Apotheke habe ich einen Ordner. Aktuell steht er ganz weit unten und hinten, denn seit 2009 habe ich den nicht mehr gebraucht. Auf dem Ordner steht „Pandemie“ und er stammt noch aus der Zeit als die Schweinegrippe aufkam und die Behörden angefangen haben Pläne und Vorgehensweisen zu entwickeln, damit im Fall der Fälle nicht grad alles zusammenbricht und die Versorgung der Bevölkerung (in unserem Fall mit Medikamenten) möglichst sichergestellt bleibt.

Die Schweinegrippe H1N1 hat sich dann (zum Glück) als nicht so gravierend herausgestellt, wie anhand erster Zahlen angenommen wurde. Siehe auch mein Blogpost damals: „Das Grippchen“. Aber immerhin hat es dazu geführt, dass sich viele Menschen Gedanken gemacht haben, wie man denn in so einem Fall einer Pandemie vorgehen soll, was es für Vorräte braucht, was es für Massnahmen braucht, an was man vielleicht denken sollte – und das teils in Vorgaben festgehalten haben.

Ich habe den Ordner gestern rausgenommen und mal wieder angesehen. Keine Panik: Es ist noch nicht soweit, dass hier praktisch der „Notstand“ ausgerufen wird, wie damals. Und heute sind sie vielleicht noch etwas schneller darin, derartig neue Krankheitsfälle zu verfolgen, analysieren und prognostizieren … wobei es meines Wissens immer noch kein weltweites System zur Erkennung der Entstehung von Pandemien gibt, aber dafür haben wir heute wohl die Presse und das Internet. Aber erste Anzeichen bemerke ich jetzt schon in der Apotheke. Bei Gesichtsmasken zum Beispiel steigt die Nachfrage grad an. Die brauche ich sonst nie – tatsächlich habe ich inzwischen sogar die meisten die wir bei der Schweinegrippe-Pandemie fürs Personal an Lager halten mussten entsorgt (auch die haben ein Ablaufdatum), genau wie der Rest des „Pandemie-Personal-Pakets“ – mit Paracetamol, Ibuprofen, Nasenspray, Händedesinfektionsmittel …

Es ist vielleicht etwas früh für den Ordner und seinen Inhalt, aber ich beobachte (wie viele andere) die Entwicklung des chinesischen „neuen Coronavirus“ – und er scheint (leider) viel „Potential“ zu haben. Junior spielt schon länger auf dem iPhone gelegentlich das Spiel Plague inc., dessen Ziel es ist als Pathogen die Menscheit zu eliminieren. Der neue Coronavirus hat dafür zu früh angefangen tödlich zu sein – das erhöht die Gegenmassnahmen der Staaten und beschleunigt die Entwicklung eines Heilstoffes – aber auf der anderen Seite haben wir den Ausbruch in einer der bevölkerungsreichsten Gegenden der Welt, Übertragung von Tieren (Schlangen, Fledermäusen?) und via Mensch zu Mensch, eine hohe Ansteckungsrate (1 Patient steckte 15 Mitarbeiter eines Spitals an), das Virus ist neu und wir haben keine bis wenig Mittel dagegen (vielleicht hilft das Mittel, das sie gegen SARS haben etwas?) und wir haben aus der betroffenen Region (China) aktuell eine sehr hohe Motilität: viele Leute besuchen wegen Ferien und dem chinesischen Neujahrsfest (das heute startet) Verwandte in anderen Ländern. Dabei reisen sie mit dem Flugzeug – schnell, viele Leute auf engem Ort, super Ansteckungsmöglichkeiten – so dass es nicht wundert, dass wir erste Fälle nicht nur in Asien, sondern auch Europa und Amerika haben.

Auf der anderen Seite haben wir die Gegenmassnahmen, wo China wirklich sehr rasch reagiert hat – man denke daran, dass erste Fälle vielleicht Anfang Dezember 19 aufgetreten sind und wir jetzt Januar 20 haben. Sie haben nicht nur erkannt, dass da etwas neues ist, sondern die wahrscheinliche Ursprungsregion eruiert (ein Lebensmittelmarkt mit lebenden Tieren), herausgefunden um was es sich handelt (Coronavirus), wo dieser Virus eventuell sein natürliches Reservoir hat (Schlangen?, Fledermäuse?) – sie haben auch Massnahmen ergriffen die weitere Ausbreitung einzudämmen, indem sie die Mobilität der Bevölkerung (teils massiv) einschränken. Aus der 11 Millionen-Stadt Wuhan, wo das Virus zuerst auftrat, kommt man wohl aktuell kaum mehr raus und inzwischen riegeln sie weitere umliegende Städte ab. Feste zum chinesischen Neujahr werden gestrichen um Grossansammlungen von Menschen zu verhindern. An Flughäfen im Ausland finden Kontrollen bei der Einreise statt – Fiebermessen hauptsächlich. Erhöhte Körpertemperatur sieht man mit den geeigneten Methoden schon von weitem.

Es ist auch noch unklar, wie schlimm der neue Coronavirus wirklich ist. Er macht eine Lungenetzündung und Grippeartige Symptome. Bisher (Stand Samstag 25.1.2020) liegt die Zahl der Infizierten bei 1280 (das sind die nachgewiesenen Fälle – es dürften noch einige mehr sein). 41 davon sind gestorben. Im Vergleich dazu die Vogelgrippe SARS von 2002: Bei der Sars-Pandemie waren 2002/03 von China ausgehend weltweit rund 8000 Personen an der Lungeninfektion erkrankt. Knapp 800 starben. Und die normale Grippe: davon sind jährlich über 10% – 20% der Bevölkerung weltweit betroffen und es sterben abertausende an den Komplikationen. Dafür haben wir eine Impfung, die mehr genutzt werden könnte, aber die Influenza gilt im Auge der Öffentlichkeit als relativ „unspektakulär“.

Übrigens: der H1N1 Virus der Schweinegrippe um den 2009 derselbe Aufruhr herrschte wie heute um den Coronavirus ist heute Bestandteil der Grippeimpfungen, da er seitdem ebenso regelmässig auftritt.

Ich warte noch etwas mit dem Ordner. Aber die Masken stocke ich vielleicht trotzdem wieder auf.

Wacky Warning Labels

Vielleicht passend zum Post „auf dem Weg zur korrekten Dosierungsanweisung

Warnhinweis auf einer normalen Papiermaske

so einer: (seit der Schweinegrippe-hysterie haben einige von Euch die wohl auch zu Hause)

Überraschung! Die Maske liefert keinen Sauerstoff!

Gefunden auf Wacky Warning Labels  – einer Seite, die im Klage-freudigen Amerika versucht etwas mehr Vernunft in das Rechtwesen zu bringen:

“Absurd and silly labels surround us in everyday places – because America has a lawsuit-happy culture that must be changed!”

Die Firmen, die solche Warnhinweise auf ihre Produkte drucken, versuchen damit eventuelle Rechtsstreitereien zu verhindern. Und derartiges findet sich auch immer mehr auf unseren Produktepackungen.

Danke an den Monsterdoc: der chefarzt ist ja der Chef der Papiermasken – und musste darum für ein Demobild herhalten :-)

Maskiertes

Kundin: „Ich hätte gerne eine Maske.“

Drogistin (schon auf dem Weg in die Kosmetikabteilung): „Von welcher Linie darf es denn sein?“

Kundin: Grosses Fragezeichen im Gesicht, dann sieht sie, wo sie hinlaufen: „Oh. Ich meinte einen Mundschutz …“.

Das war noch ganz am Anfang von dem Schweinegrippe-Medienrummel.

Inzwischen haben wir uns schon so an die Anfragen gewöhnt, dass wir es andersrum missverstehen.

So wie am Freitag – ich beim Kontrollieren der Bestellungen: „Da ist eine Maske von Börlind nicht lieferbar.“

Pharmaassistentin: „Börlind macht Masken???“

Ich (brauche einen Moment, bis ich das verstehe): „Nicht die Art!“

Ein paar Leute machen auch aus dem Maske-tragen das Beste:

weitere Beispiele findet man hier.

Ich persönlich bin ja schon froh, dass sich die Schweizer Behörden trotz Pandemie-Warnstufe 5 dagegen entschieden haben, uns in der Apotheke nur noch mit Maske bedienen zu lassen. Das wäre dann wirklich Panikmache. Stell Dir vor, wie das aussieht, wenn Du in eine Apotheke gehst und das ganze Bedienpersonal läuft mit Masken (und Schutzbrillen) herum!

Fertig Panik!

Heute gehört:

Kundin: „Muss ich die Maske denn zuhause auch tragen?“

Die Kundin lebt alleine und wollte unbedingt Masken haben zur Sicherheit.

Ja, wir haben wieder welche. Nein, auch wenn die WHO Stufe 5 des Pandemieplans ausgerufen hat, ist das kein Grund jetzt gleich nur noch mit Maske das Haus zu verlassen – und Zuhause muss man sie ganz sicher nicht anziehen.

Ich sage: Genug der Panikmache!