Geben Sie mir die Nadeln

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Minimalbesetzung am Samstag morgen, da mache ich so alles, was in der Apotheke anfällt. Also neben den Rezepten noch die Blutzuckermessung und die Kompressionsstrümpfe anmessen und die Wunden von Leuten versorgen und natürlich Beraten zu medizinischen Problemen. All das – aber nach 2 Stunden darf ich dann feststellen, dass ich zwar viel gemacht habe – das aber wenig in die Kasse bringt. Währenddessen hat die Drogistin eine Kosmetikberatung und macht in 10 Minuten so viel Umsatz wie ich in 2 Stunden nicht. Ich kann nicht sagen ‚gar nichts‘, denn wir verlangen etwas für das Blutzucker messen und auch für die Wundversorgung (sofern es sich nicht um einen akuten Fall handelt). Aber die Stützstrümpfe gehen über das Rezept, da bekomme ich wenig und dann war da noch die Diabetes-Beratung.

… Das war interessanterweise nicht die Person, bei der ich den Blutzucker gemessen habe, der war tatsächlich bestens. Aber als ich an den Stützstrümpfen bin kommt Sabine – „Ich habe da eine Frau, die Nadeln für den Lantus Pen will.“

„Ja – und?“

„Was soll ich ihr geben?“

„Hat sie kein Rezept oder weiss welche?“

„Nein, sie soll sie für den Mann holen.“

„Okay – das muss ich anschauen. Da muss sie jetzt halt einen Moment warten.“

Als ich ein paar Minuten später zu ihr komme, zeigt sie mir ein Blatt – aus der Beschreibung des Lantus Solostar Pen kopiert und deutet auf die Spitze: „Mein Mann braucht diese Nadeln.“

„Okay“ – „Hat er eine bestimmte Marke? Welche Länge?“

Heute sind die meisten Nadeln, die wir haben mit so ziemlich allen Pens kompatibel. Aber es gibt immer noch Präferenzen, wenn jemand mit welchen angefangen hat, bleibt er häufig auch aus Gewohnheit dabei. In der Beschreibung des Pens sind keine spezifischen angegeben.

„Ich weiss nicht. Er hat einfach keine mehr und braucht jetzt neue. Er hat mir das hier mitgegeben, damit ich ihm die richtigen bringe.“

Ich versuche ihr zu erklären, dass ich zumindest die Länge wissen sollte. Da sie da auch keine Ahnung hat, beschliesse ich ihm anzurufen.

„Pharmamas Apotheke, Pharmama, Guten Tag Herr … ihre Frau steht gerade bei mir in der Apotheke wegen den Nadeln … jetzt wissen wir aber nicht genau, welche.

„Ah, genau. Warten Sie einen Moment, ich hole die Packung …
Da ist sie ja. Also … da steht … Accu Check Guide …“

„Oh, ich dachte Sie brauchen Nadeln für den Pen, nicht die zum Messen?“

„Jaa – richtig, das ist die falsche Packung. Moment, ich hole die richtige aus dem Kühlschrank, anscheinend soll man das ja dort aufbewahren …“

(…? dazu gleich mehr)

„Da habe ich ihn. Also da steht auf der Verpackung Lantus …“

Er lässt sich nicht bremsen, also lasse ich ihn ausreden, auch wenn mir diese Info wirklich nicht mehr hilft.

Pharmama: „Ja, der Pen. Und dafür brauchen sie jetzt Nadeln?“

„Genau.“

„Welche Nadeln hatten Sie denn?“

„Na, diejenigen, die vorne auf dieses Gerät kommen.“

„Ja, schon klar. Ich meine: welche Marke? Und: welche Länge?“

„Sie sind etwa anderthalb Zentimeter hoch.“

Das … dürfte auf die Nadel samt Halterung zutreffen, hilft mir aber nicht weiter.

„Okay, haben sie denn die alte Verpackung noch, wo Sie schauen könnten, was da drauf steht?“

„Nein, ich habe heute die letzte gebraucht.“

„Oder vielleicht ein Rezept mit einer Angabe?“

„Nein, wissen Sie, die ersten Nadeln hat mir der Arzt mitgegeben und die Lantus habe ich seither von der Zur Rose Apotheke bekommen …“

Argh. Versandapotheke.

„Okay. Ich versuche herauszufinden, welche Länge sie brauchen. Wissen Sie da gibt es unterschiedliche Nadellängen, von 4 mm bis 12 mm.“

„Tut mir leid, das weiss ich nicht.“

Ich überlege. Wenn ich seiner Frau einfach irgendwelche in einer mittleren Länge verkaufe und es sind nicht die, die er bis jetzt hatte, habe ich sie spätestens Montag wieder in der Apotheke, wenn sie die geöffnete Packung umtauschen wollen. Aber ich habe von einer Firma ein paar Musterpackungen mit verschiedenen Nadellängen hier, wo je ein paar drin sind.

„Dann machen wir es vielleicht so: Ich gebe Ihrer Frau ein paar Musterpackungen mit, damit Sie etwas haben über das Wochenende und Sie klären am Montag mit dem Arzt ab, welche Nadellänge sie brauchen. Darf ich fragen, wie gross und wie schwer sie sind?“

Die Nadellänge ist für dicke Leute länger als für sehr schlanke. Er ist Normalgewichtig, also gebe ich ihr die 6mm und 8mm mit.

Aber vorher noch das:

„Und die Lantus – die müssen sie nur bis zur ersten Anwendung im Kühlschrank aufbewahren. Also: den Pen, den sie im Gebrauch haben, den sollten sie bei Raumtemperatur aufbewahren. Und natürlich die Nadeln bei jedem Mal Spritzen wechseln.“

Ich bin mir nämlich auch nicht ganz sicher, ob er das bis jetzt gemacht hat. Immerhin scheint er immer noch die erste Packung vom Arzt selber gebraucht zu haben und … nicht wirklich korrekt instruiert worden zu sein, wenn das mit dem Kühlschrank so ist.

Die Frau war damit glücklich und ist gegangen.

Auch hier: Arbeitszeit: mindestens 15 Minuten, Einnahmen: Null Franken.

Dafür: Arbeit gut gemacht, eine Lösung gefunden, Patient augerüstet über das Wochenende, instruiert – was ja alles im Endeffekt seiner Gesundheit zu gute kommt … und der Kasse keine Folgeschäden produziert.

Ob sie allerdings wiederkommen ist fraglich, da wohl der Arzt via zur Rose die neue Packung Nadeln schicken wird.

Nachtrag Montag: Sie war wieder da und hat von den 6mm bestellt. Das Rezept sollte vom Arzt gefaxt werden.

Nachtrag Mittwoch: kein Fax vom Arzt bisher … aber abgeholt wurde es.

Nachtrag 2 Wochen später: immer noch kein Rezept vom Arzt.

Leider wie erwartet.

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Ich weiss nicht, ob er das noch braucht …

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Der ältere, unrasierte Mann bringt mir ein Etui mit Blutzuckermessgerät drin in die Apotheke.

äuMa: „Das funktioniert irgendwie nicht, könnten Sie das mal anschauen?“

Pharmama: „Nun, das ist jetzt nicht eines der Geräte die wir hier haben und die ich kenne, aber anschauen kann ich das mal. Was funktioniert denn nicht?“

Ich öffne während dem mit der gebührenden Vorsicht das Etui. Blutzuckermessgeräte sind öfter mit Blutspuren versehen und dann sollte man daran denken, dass es im Etui meist auch ein Gerät mit Nadeln hat, um überhaupt an das Blut zu kommen. Häufig sind die Nadeln noch drin und genauso häufig sind sie schon gebraucht.

äuMa: „Ja, ich weiss auch nicht genau, aber es geht schon nicht, wenn man es anmacht.“

Das Etui ist aussen nicht wirklich sauber – ist das Staub? Aber innen wenigstens nicht gerade ein Blutbad. Ich nehme einen der Teststreifen und lege ihn ins Gerät, das mir prompt eine Error Anzeige ausgibt. Bedienungsanleitung ist natürlich keine mehr dabei, dass ich grad schauen könnte, was das E-irgendwas jetzt bedeutet.

Pharmama: „Also zumindest die Batterie scheint gut zu sein, aber es gibt mir eine Fehlermeldung. Mal sehen …“

äuMa: „Ja, das Gerät wurde eine Zeitlang nicht mehr beutzt, aber die Batterie geht noch …“

Ich habe eine Idee – von wegen staubig und länger nicht mehr benutzt – und richtig:

Pharmama: „Ah: die Teststreifen sind Ende letzten Jahres abgelaufen. Das dürfte der Grund sein. Mit abgelaufenen Teststreifen weigert sich das Blutzuckermessgerät zu messen.“

äuMa: „Haben Sie neue Teststreifen?“

Pharmama:  (Schau im Computer): „Ja – die habe ich auch für dieses Gerät hier. Sie kosten 40 Franken für 50 Stück.“

äuMa: „Oh, da muss ich erst meinen Freund fragen, dem gehört das Gerät. Sind Sie sicher, dass es damit dann wieder geht?“

Pharmama: „Ziemlich sicher. Aber das Gerät ist wirklich schon älter. Sie können ihren Freund auch fragen, ob er gleich ein neues will – ich kann ihm das alte Gerät gratis gegen ein neues austauschen. Da sind dann auch 10 Teststreifen mit drin. Mehr müsste er allerdings selber kaufen. Der Preis dafür ist auch derselbe: 40 Franken für 50 Stück.“

äuMa: „Ich geh’ ihn lieber fragen. Ich weiss nicht, ob er das überhaupt noch braucht.“

Pharmama: „Ja, sicher …“

Ich bin nicht ganz sicher, was das sollte. Ein Blutzuckermessgerät hat man normalerweise, wenn man Diabetes hat. Dann sollte man den Blutzucker regelmässig kontrollieren. Dass er das schon so lange nicht hat, deutet darauf hin, dass er vielleicht schon ein neues Gerät hat – hoffe ich jetzt mal. Vielleicht wollte der äuMa das auch für sich … einfach so und ohne medizinischen Hintergrund. Und dann ist natürlich jeder Franken den das kostet zu viel – In dem Fall hätte er mein Angebot aber annehmen können. Ich versteh’s nicht ganz.

 

Über Blutzucker, BZ-Geräte und Diabetespatienten (Sampler)

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Diabetes nennt man es, wenn der Blutzucker krankhaft erhöht ist. Das hat Folgen, wenn man nichts macht: der Zucker verstopft auf Dauer die kleinen Gefässe, das führt zu Nierenproblemen, zu Sehstörungen bis zum Erblinden, zu sehr schlecht heilenden Wunden (bis zum Punkt, wo man das Bein abnehmen muss, da es zu schlecht durchblutet wird) und einer Vielzahl Probleme mehr.

Erhöhter Blutzucker wird vom Körper mittels Insulin gesenkt – dessen Entdeckung ist noch spannend zu lesen.

Es gibt 2 Arten von Diabetes: Typ 1: meist schon im Jugendalter auftretend, wobei die Insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse aus unbekannten Gründen, oder weil das fehlgeleitete Körpereigene Immunsystem sie kaputt macht zu Grunde gehen; Und Typ 2: der darauf beruht, dass der Körper nicht genug Insulin produzieren kann, zum Beispiel, weil die zu regulierende Masse zu gross ist oder als Alterserscheinung. Während Typ 1 zwingend Insulin von aussen zur Behandlung benötigt, kann man bei Typ 2 neben Insulin-anregenden Medikamenten durchaus noch etwas selber machen um das zu verhindern oder zu mindern.

Aufklärung darüber was Diabetes ist und was es anrichten kann, ist enorm wichtig. Das ist nicht alles nur eine abgekarterte Sache der Pharmafirmen, wie diese Frau hier gerne gedacht hätte: Die Blutzucker-Verschwörung:  Damit zusammenhängend: Früher war alles besser? Ein Fall aus meiner Familie.

Wenigstens das: Diabetes ist nicht ansteckend.

Diabetes-Patienten müssen eine gute Übersicht und Wissen um die Krankheit, ihre Körperfunktionen und die richtige Behandlung haben. Wenn das alles stimmt, können sie damit sehr gut leben. Im Alter wird das schwieriger, da ist es manchmal gut, wenn man sich Hilfe holt. Eine Rundumversorgung durch die Familie ist dabei aber meist nicht nötig.

Auch wenn es hilft, wenn die Familie mit unterstützt, gerade bei eher unwilligen Patienten, Freundschaftsrezepte sollte man trotzdem nicht ausstellen.

Die Erstinstruktion und wie man mit Gerät, Insulinpen etc. umgeht, passiert heute häufig in spezialisierten Kliniken oder Kursen. Das hat einen Grund.  Problematisches kurz vor Ladenschluss – Ich mache wenig Erstinstruktionen und dafür brauche ich einfach mehr Zeit!

Was war da noch? Weshalb ich jemanden mit einem Blutzuckergerät direkt ins Spital verwiesen habe.

Um zu wissen, wie hoch der Blutzucker ist und (entsprechend) wieviel Insulin man geben muss, oder zum schauen, dass die Behandlung mit Medikamenten genügend anschlägt, gibt es einige  Blutzuckermessgeräte (und dazu gehörige Teststreifen) : Wer die Wahl hat.

Wir haben gelegentlich Blutzuckermessgeräte zum gratis umtauschen. Leider gibt es da Leute, die sind einfach nur gierig.

Manchmal bekommt man das auch vom Arzt – dann soll der sich aber auch drum kümmern, wenn etwas nicht stimmt: Doch kein Umtausch.

Beratung zu den Blutzuckermessgeräten kann gelegentlich direkt komödiantisch sein. Und nicht immer ist das Gerät wirklich defekt, wie behauptet wird.

Von fehlerhaften Blutzuckermessgeräten. Die schaue ich mir an, ich mache auch eine Vergleichsmessung – es könnte aber etwas kosten, vor allem, wenn es nicht von uns ist.

Blutzucker-Messgeräte-Service: oder weshalb es doch besser sein kann, wenn man sein BZ-Gerät nicht direkt von der Firma bekommt.

Wenn das Gerät die Funktion verweigert – liegt’s eventuell an den Streifen.

Der Finger-pieck zum messen des Blutzuckers ist (noch) nötig, aber vielleicht nicht immer so oft. Wenn man das macht, sollte man die Nadel regelmässig wechseln. Das ist dann weniger schmerzhaft und es verhindert Vernarbungen.

Wir helfen Diabetes-Patienten bei ihrer Behandlung, allerdings lasse ich mich ungern unter Druck setzen, vor allem wenn der Blutzucker aus eigener Unterlassung Im Moment ausser Kontrolle ist.

Bei einer Unterzuckerung gibt es bei uns Traubenzucker. Oder ein Glas Wasser mit etwas Zucker drin. Ich finde es richtig, dass man etwas macht. Nicht wie hier: hätte da der Apotheker nicht helfen müssen?

(Disclaimer: Ja, ich weiss, das ist hier nur sehr grob zusammengefasst und es gäbe darüber noch viel mehr zu schreiben und zu wissen. Ich bewundere die Patienten, die mit Diabetes leben, die sich um ihren Körper so viel mehr kümmern (müssen) als wir, bei denen das alles so wunderbar und ohne unser zutun abläuft. Das braucht Motivation und Einsatz und das täglich. Hier ein kleines Hoch auf Euch!)

Ich nehme nicht gerne Tabletten!

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Die gut angezogene, ältere Frau Noble, die mir bisher nur als Kosmetikkundin aufgefallen ist, kommt am späteren Vormittag in die Apotheke: „Messen Sie auch den Blutdruck?“

Pharmama: „Ja. Das kostet …“

Frau Noble: „Okay – Und Blutzucker?“

Pharmama: „Machen wir auch, dafür sollte man aber nüchtern sein, also über 8 Stunden nichts gegessen und …“

Frau Noble: „Ich bin nüchtern.“

Pharmama: „Gut – dann kann ich Ihnen das gleich messen?“

Frau Noble: „Ja, bitte.“

Im Beratungsraum. Ich mache erst den Blutzucker, damit sie dann für die Blutdruckmessung schon ein paar Minuten gesessen ist.

Pharmama: „Ihr Blutzucker ist 10,7 – das ist hoch, vor allem, wenn Sie wirklich nichts gegessen haben.“

Frau Noble: „Habe ich nicht.“

Pharmama: „Okay – er ist zu hoch. Da wäre es nötig etwas zu machen. Haben Sie einen Hausarzt?“

Frau Noble: „Ja, habe ich. Ich mag aber keine Medikamente nehmen.“

Pharmama: „Das wäre bei dem Blutzucker aber wichtig.“

Ich erkläre ihr was für einen Effekt ein zu hoher Blutzucker auf ihre Gesundheit hat.

Sie ist immer noch in Abwehrhaltung.

Pharmama: „Messen wir doch mal den Blutdruck.“

Der ist auf 201/90.

Pharmama:“Ihr Blutdruck ist auch viel zu hoch.“

Frau Noble: „Das sagt der Arzt auch, bei dem ich gerade war.“

… (Aha?)

„Ich habe es nur nicht geglaubt, Ich wollte mir noch eine zweite Messung einholen.“

Pharmama: „Nun – ich denke, sie können es ihm nach der Messung jetzt wirklich glauben. Ihr Blutdruck und ihr Blutzucker sind zu hoch. So hoch, dass man etwas machen muss.“

Sie will diskutieren: „Früher, da hat man das alles nicht gemessen!“

Pharmama: „Ja, das ist richtig. Man wusste früher aber auch einiges nicht, was man heute weiss – auch das Wissen in der Medizin macht Fortschritte. Man weiss heute, dass zu hoher Blutzucker und zu hoher Blutdruck sehr schädlich sind für die Gesundheit und man, wenn man das behandelt vielen Schäden vorbeugt.“

Frau Noble (abwertend): „Was kann da schon passieren?“

Pharmama: „Ehrlich? Sie bekommen eher einen Schlaganfall oder ein Herzinfarkt, wenn Sie da nichts machen.“

Frau Noble: „Aber die Messgeräte – die zeigen auch nicht immer das selbe an, das sehe ich auch an meinem. Wie genau sind die schon?“

Pharmama: „Die dürfen gewisse Abweichungen haben, aber, schauen sie – das Blutdruckmessgerät: wenn das +/- 5 mm anzeigen darf vom „richtigen Wert“ – egal, ob sie 206 oder 196 systolischen Blutdruck haben – das ist beides immer noch viel zu hoch.“

Frau Noble: „Und ich habe gelesen, dass die Pharmafirmen die Vorgaben, immer weiter nach unten anpassen, damit sie mehr Medikamente verkaufen können!“

Pharmama: „Das stimmt nur bedingt. Sehen Sie, wir wissen, dass ein hoher Blutdruck schadet und man damit früher stirbt, speziell an Schläglein und Infarkten. Also will man einen normalen Blutdruck. Was ist ein normaler Blutdruck? Für einen gesunden Menschen im mittleren Alter ist das um die 120/90. Ab wann würden sie dagen ist der Blutdruck zu hoch? 123 wohl noch nicht. 130 auch nicht 140? 150? Jetzt kommen wir in die Zone, wo es für den Körper unangenehm wird, wenn das langfristig hoch ist. Mit 200 … da sind sie weit drüber. Da müssen sie etwas machen. Wir müssen ihn nicht auf die 120 herunter bringen, aber unter 140 wäre ein erstrebenswertes Ziel – Und dafür müssen Sie Medikamente nehmen.“

Ich warte.

Sie zückt ein Rezept.

AHA!

Auf dem Rezept: Metformin Tabletten und Atorvastatin Tabletten.

Pharmama: „Oh: das ist gut! Das ist das, was sie brauchen.“

Frau Noble: „Ich nehme nicht gerne Tabletten.“

Pharmama: „Das verstehe ich. Das mache ich auch nur, wenn es nötig ist. Bei ihnen ist es nötig.“

Aber … auf dem Rezept fehlt in meinen Augen ein Blutdruckmittel.

Pharmama: „Ich finde, sie sollten unbedingt auch etwas für den Blutdruck haben.“

Frau Noble: „Steht denn da nichts auf dem Rezept?“

Pharmama: „Nein – etwas gegen den Blutzucker und ein Cholesterinsenker … wenn es okay für sie ist, würde ich gerne den Arzt anrufen und ihn fragen, ob er auch ein Blutdruckmedikament aufschreibt.“

Frau Noble: „Hmmm …. Na gut.“ willigt sie eher widerstrebend ein.

Also verlasse ich den Beratungsraum und laufe zum Telefon.

Da ruft sie mir quer durch die Apotheke hinterher: „ABER SAGEN SIE DEM ARZT NICHT, WAS SIE BEI MIR GEMESSEN HABEN!!“

Ach neee … und wie mache ich das jetzt?

Vielleicht so. Ich rufe dem Arzt an.

„Guten Tag Herr Doktor, ich habe gerade Frau Noble bei mir in der Apotheke. Sie hat mir ein Rezept gebracht für Metformin und Atorvastatin – sie hat aber auch einen hohen Blutdruck … sollte da nicht noch ein Blutdruckmedikament auf dem Rezept stehen?“

Doktor: „Oh – sie löst das Rezept tatsächlich ein? Das ist gut. Nein, ich weiss, dass sie einen zu hohen Blutdruck hat … aber Frau …. ist ziemlich incompliant ..“ (bedeutet: sie befolgt die Arztanweisungen nicht und nimmt ihre Medikamente nicht richtig)

Pharmama: „Jaaa, das habe ich gemerkt“

Doktor: “… Sie soll erst mal diese Medikamente so nehmen, wie ich es aufgeschrieben habe – und sie hat nächste Woche einen Termin, dann sehen wir weiter.“

Das ist schon mal nicht schlecht, aber mit einem Blutdruck über 200 – da mache ich noch einen Versuch:

Pharmama: „Das sage ich ihr so – aber … ihr Blutdruck IST wirklich hoch.“

(Noch deutlicher kann ich nicht werden, wenn ich ihm nicht sagen darf, dass ich ihn gemessen habe)-

Doktor: „Ja, ich weiss – aber sie hat zu Hause ein Messgerät, sie soll diese Woche noch selber messen und die Daten eintragen und mitnehmen.“

Je nun – ich hab’s wirklich versucht.

Ich gebe der Frau Noble neben den Medikamenten noch einen Blutdruckpass mit – auf dem geschrieben steht, was denn die Werte sein sollen. Erinnere sie noch einmal daran, wie wichtig es ist, die Medikamente zu nehmen (auch wenn sie das nicht gerne nimmt) und hoffe das Beste für die Zukunft.

Blutzucker-Messgeräte-Service

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Zwei Patienten, Gleiches Problem: das Blutzuckermessgerät spuckt und will nicht so messen, wie es soll. Anscheinend wird es richtig verwendet. Beides sind langjährige und erfahrene Benutzer.

Der einen Patientin besorge ich von der Firma, die die Blutzuckermessgeräte herstellt problemlos ein gratis Ersatzgerät.

Für den anderen Patienten habe ich leider nur die Nachricht von der Firma, dass er selbst mit ihnen Kontakt aufnehmen muss wegen dem Problem und dass sie dann (eventuell) ein Austauschgerät schicken.

Patientin 1 habe ich glücklich gemacht – das hätte ich gerne bei Patient 2 auch … der ist jetzt eher säuerlich auf mich, als ob ich etwas dafür könnte, dass diese Firma halt nicht den gleichen Kundenservice bietet.

Im übrigen (auch wenn das mit dem wenig zu tun hat) hat er das Blutzuckermessgerät vom Arzt direkt bekommen. Woher Patientin 1 es hat, weiss ich nicht mit Sicherheit, aber wir haben diese Geräte auch hier und das bleibt auch so – ich weiss warum.

Im übrigen (Teil 2) … Ratet mal, wer die Firma im Fall 2 war. Dieselbe, die sich im Moment so anstellt und ihren neuen Hightech-Sensor nur im Direktvertrieb auf den Markt bringen will.

Hmpf.

Blutzucker-Verschwörung

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„Könnten Sie mir den Blutzucker messen?“ fragt mich die etwas müde aussehende Frau um die 40. Es ist Nachmittag ca. 4 Uhr … natürlich in der Apotheke.

Pharmama: „Ich kann – allerdings wäre es besser, wenn Sie das entweder am Morgen früh messen kämen – bevor sie noch etwas gegessen oder getrunken haben oder 2 Stunden nach einem Essen, ansonsten kann ich da nicht wirklich eine Aussage machen.“

Frau: „Das ist kein Problem. Ich habe seit heute morgen nichts gegessen.“

Pharmama: „Es kostet … Franken.“

Frau: „Das ist okay. Beim Arzt zahle ich ja auch. Ich möchte das lieber von ihnen machen lassen, beim Arzt hatte ich so hohe Werte – dem traue ich einfach nicht, dass das stimmt.“

Ich setze sie in den Beratungsraum und bereite meine Instrumente vor: Blutzuckermessgerät, Blutzuckerteststreifen, Stechhilfe, neue Nadel. Mit dem Alkoholtupfer reinige ich den Finger und während der Alkohol verdunstet nehme ich noch einen Tupfer und ein kleines Pflaster raus. Dann schiebe ich die Nadel auf die Stechhilfe, den Teststreifen ins Messgerät …

Währendem plappert die Frau munter weiter. „Wissen Sie, ich schaue sehr, was ich esse …“

Ich nicke nur ein bisschen und mache ein unbestimmtes „Hmhmm.“ Sie ist nicht gerade dünn, eher ein bisschen mollig, aber nicht gesund aussehend mollig, eher aufgetrieben – aber das muss nichts heissen.

Frau; „…und mein Arzt, das ist so ein neuer Arzt, der alte, mit dem bin ich immer gut ausgekommen, wurde pensioniert und der neue … der will immer etwas ändern.“

Pharmama: „Nehmen Sie denn Medikamente? Speziell gegen hohen Blutzucker?“

Frau. „Ja, ich bekomme Metformin, das nehme ich auch regelmässig, darum glaube ich auch nicht, dass der Blutzucker wirklich hoch war…“

Metformin ist so die Standard-Anfangs-Therapie bei erhöhtem Blutzucker vom Typ II Diabetes. Nichts ungewöhnliches hier.

Pharmama: „Nun, dann wollen wir doch mal sehen und messen.“ sage ich und piekse sie in den Finger, halte den Streifen an den kleinen Tropfen Blut und tupfe das ab, klebe ein Pflaster drauf, während die Maschine misst.

Biep macht sie und zeigt … 20.7 mmol/l

„Holla“ sage ich „– das ist wirklich hoch.“

Zur Info: Obwohl man besser erst mal nüchtern und 2 Stunden nach dem Essen misst – laut Diabetes Weiterbildung letztes gilt alles ab 11.7 mmol/l im Plasma gemessen als Diabetes. Egal wann man misst …. und sie sagt sie habe seit über 8 Stunden nichts gegessen. Zum Vergleich: Normale Werte liegen nüchtern unter 5.

Interessant ist, dass die Frau meine Messwerte zwar nicht anzweifelt … aber sofort anfängt nach Ursachen zu suchen. Das fände ich noch verständlich, nur … die Richtung, wo sie sucht …

Frau: „Heute kann man einfach gar nichst mehr essen! Das ist doch alles vergiftet und verstrahlt. Nicht nur oben im Norden, auch bei uns. Das liegt alles an der schlechten Qualität vom Essen! Ansonsten gäbe es sowas wie Diabetes gar nicht …“

„Naja“ sage ich. „Es gibt ja zwei Arten von Diabetes und die eine kommt ganz sicher nicht vom Essen…“

Frau: „Ja, aber wie kommt das dann, das die Medikamente, die ich bekomme nicht wirken? Das ist doch alles nutzloses Zeug. Da ist wahrscheinlich gar nichts drin an Wirkstoff, das hört man doch immer in der Presse!“

Pharmama: „Das kommt vielleicht bei Arzneimittelfälschungen vor, aber bei uns hier eigentlich nicht. Ich versichere Ihnen, dass die Medikamente hier getestet und zugelassen wurde und auch das enthalten, was draufsteht.“

Frau: „Aber wie kommt es dann, dass sie nicht mehr wirken? Häh?“

Pharmama: „Das wird daran liegen, dass Diabetes eine fortschreitende Erkrankung ist. Ihr Blutzuckerspiegel wird ja kontrolliert durch Insulin. Und das wird in ihrer Bauchspeicheldrüse produziert. Beim Diabetes Typ II produziert sie einfach nicht mehr genug Insulin. Das nimmt dann über die Zeit weiter ab. Da kann es schon sein, dass die Medikamente, die man am Anfang hatte dann irgendwann nicht mehr genug sind. Von daher hat ihr Arzt Recht, wenn er das anpassen möchte. Das würde ich bei Ihnen und den Werten auch dringend empfehlen.“

Frau (abwehrend): „Ich will aber nicht Insulin spritzen müssen.“

Pharmama: „Nun ja, vielleicht geht es ja noch mit etwas anderem, das muss der Arzt anschauen. Das kommt darauf an, wie der Diabetes ist …“

Frau: „Ich glaube langsam, dass dieses Diabetes eine Erfindung der Ärzte ist und eine neuzeitliche Erscheinung. Früher gab’s das nicht …“

Autsch. Jetzt muss ich vielleicht deutlicher werden.

Pharmama: „Natürlich gab es das früher auch schon! Nur wurde es weniger häufig so früh gefunden. Und dann konnte man auch kaum etwas machen. Bei meiner Urgrossmama zum Beispiel – die hatte Diabetes … und der mussten sie beide Beine abnehmen wegen den Folgeerscheinungen. Sagen Sie mir nicht, das gab’s früher nicht.“

Ich kannte tatsächlich noch meine Urgrossmama, die lebte eine Zeitlang bei uns … da habe ich das als Kind noch (gut) mitbekommen.

Frau: „Aber das hat trotzdem mit dem Essen heutzutage zu tun, dass es das mehr gibt.“

Jaaa … vor allem gelegentlich mit dem mehr oder zuviel Essen … das mit dem ungenügenden Insulin kommt auch, wenn die Körpermasse ansteigt.

Pharmama: „Wer weiss. Jedenfalls reicht es bei ihnen nicht mehr, darauf zu achten, was sie essen um den Blutzucker in den Griff zu bekommen. Bitte machen Sie mit dem Arzt einen Termin.“

Frau: „Aber ich fühle mich gut!“

Pharmama: „Ja, das glaube ich gerne, einen hohen Blutzucker merkt man auch nicht so. Aber das macht ihnen trotzdem die Gefässe zu. Das kann überall sein und dann teils recht plötzlich. Das ist gefährlich. Gehen Sie zum Arzt. Bald!“

Frau: „Ja, ja, okay, mache ich.“

Sie zahlt, erhält ihre Werte und eine Broschüre mit und geht.

Ich hoffe sie geht zum Arzt, aber ich habe da echte Bedenken. In der kurzen Zeit, die ich sie im Beratungsraum hatte, hat sie mir diverse umm … Theorien präsentiert. Angefangen von: ‚Unser Essen ist alles nicht gut / verstrahlt / die Ursache für alle Krankheiten‘, über: ‚Medikamente enthalten teils keine Wirkstoffe‘ über ‚der Arzt will ihr nur neues verschreiben, weil er daran verdient‘, bis zu ‚Diabetes ist eine Erfindung der Ärzte‘.

Echt schwierig.

Kurz habe ich mir überlegt, ihr zu zeigen, dass mein Blutzucker (mit demselben Gerät gemessen) normal ist. Aber … ob das reichte, sie zu überzeugen? Dass ihre Werte sehr hoch sind, wusste sie ja eigentlich schon.  Dass das etwas sehr schlechtes ist wohl auch … nur verdrängt sie das lieber.

Hätte der Apotheker da nicht helfen MÜSSEN?

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Danke an die Leser, die mich auf diese Pressemitteilung aufmerksam gemacht haben:

http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/414230/apotheker-schickt-madchen-mit-zuckerschock-weg

Darin steht, wie ein 15 jähriges Mädchen mit Diabetes in einer Apotheke in Osnabrück nach Traubenzuckerbonbons fragt. Sie hat eine akute Unterzuckerung (schwitzt und zittert) und braucht das ganz dringend. Der Apotheker hat aber keine zum gratis abgeben mehr da und will keine Packung aufmachen ohne vorherige Bezahlung. Selbst auf die telefonische Intervention der Mutter nicht. Dafür schickt er das Mädchen in die Apotheke gegenüber, wo sie dann ihre Traubenzucker bekommt.

Wie stehe ich dazu?

Der Apotheker hat ganz sicher einen Fehler gemacht. Und ich bin auch sicher, dass er ihn sehr bedauert – und nicht nur wegen der schlechten Presse.

So steht dann da auch im Artikel

Ob er denn angesichts der Notlage nicht eine Packung hätte anbrechen können, geschweige denn müssen? „Hätte ich das mal gemacht“, bedauert er. „Was passiert ist, tut mir leid.“

Vielleicht war die Frage nach den Traubenzucker-Bonbons zu … offensiv. Vielleicht hat er in die Richtung schon schlechte Erfahrungen gemacht. Ziemlich sicher hatte er tatsächlich keine zum gratis abgeben an Lager. Und sehr wahrscheinlich ist ihm einfach nicht in den Sinn gekommen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt: zum Beispiel hinten ein Glas Wasser holen und etwas Zucker drin lösen – muss ja nicht Traubenzucker sein, der für den Kaffee tut’s auch. So wie Orangensaft, das man in so Situationen auch gern gibt.

Dann schickt er sie in die nächste Apotheke – die liegt (nur) knapp 20m über die Strasse. Nicht die beste, aber … auch eine Lösung.

Aber ja, ich denke er hätte selber etwas mehr machen sollen. Ansonsten fällt das wirklich schon fast unter Unterlassene Hilfeleistung. Immerhin *hat* er die Ausbildung das Problem zu erkennen und auch zu wissen, was er zu tun hat.

Ihn böse zu nennen … finde ich aber etwas übertrieben. Ich glaube nicht, dass er in böser Absicht gehandelt hat.

Im übrigen: Zuckerschock finde ich eine nicht wirklich gelungene Beschreibung für eine Hypoglykämie – eine akute Unterzuckerung. Auch wenn das umgangssprachlich ist – irgendwie suggeriert es ein zuviel an Zucker – wo doch das Problem hier ein zuwenig ist. Das kann sich auch ziemlich dramatisch äussern: von Verwirrtheit bis Verhaltensänderung (oft Aggressivität) über Koordinationsstörungen bis Kreislaufstörungen. Schwitzen und Zittern gehören auch dazu – als Bekannter ist es gut, auf derartiges zu achten, damit man schnell reagieren kann. Und lieber etwas zu früh Zucker geben als nicht. Auch wenn Diabetes eigentlich eine "Überzuckerung" ist. Das kommt halt auch vor.

Und Danke an die vielen Apotheker die nie in der Presse erwähnt werden und für die das ganz selbstverständlich ist, in so einem Fall zu helfen!

(Ja, den Fall hatten wir selber auch schon.)

Finger-pieck

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Die ältere Frau fragt mich in der Apotheke: "Was kann ich machen mit meinen Fingern? Die schmerzen ziemlich von den ganzen Fingerpiek-Tests von den Blutabnahmen für die Messung des Blutzuckers."

In ihren Unterlagen kann ich sehen, dass sie offenbar Typ 2 Diabetes hat – und kein Insulin benutzt, nur Tabletten. Also frage ich erst mal "Wie oft messen Sie denn?"

Frau: "2 x täglich."

Ich möchte ja nicht dem Arzt auf die Füsse treten, der bei ihr den Diabetes kontrolliert, aber das ist schon eher viel für ihre Situation. Also sage ich: "Ich kläre das ab mit der Praxis und rufe Sie dann zurück."

Normal ist nämlich bei einem gut eingestellten Diabetes 2 wesentlich weniger. 2 x pro Woche können reichen.

Der Arzt, dem ich das erkläre findet das auch, auch weil ihr HBA1c Spiegel regelmässig wunderbar ist – das bedeutet, sie hat keine Blutzucker-Spitzen gehabt. Der Wert misst den an Hämoglobin gebundenen Zucker im Blut – der ist dann erhöht, wenn der Blutzucker in den letzten 8 Wochen mal hoch war. Er ist sozusagen das Blutzucker-gedächtnis – und zeigt, dass sie das im Griff hat.

Also geht es bei ihr mit weniger messen.

Das sind doch gute Nachrichten für sie!