Apotheken aus aller Welt, 250: Wittenberg, Deutschland

Besten Dank an Kerstin für die nächsten 2 Apotheken, die erste hier:

Ich war letzens in der Lutherstadt Wittenberg und war ganz überrascht, dass der Maler Lucas Cranach d. Ältere auch Apothekenbesitzer war (neben Maler, Grafiker, Buchhändler, Verleger, Politiker,….). Die Apotheke selber wurde von seinem Schwiegersohn betrieben und es wurden neben Arzneimitteln auch noch Farben, Papier, Wein und viele andere Dinge verkauft.

Das scheint ein richtiger Allrounder gewesen zu sein. Sich eine Apotheke zuzulegen (respektive für den Schwiegersohn) war damals wahrscheinlich eine ziemlich lohnende Entscheidung. (Heute nicht mehr so).

Kein Baby-Aspirin mehr

In die Apotheke kommt eine ältere Frau und verlangt: „Aspirin“.

Als ich ihr eine Packung Aspirin bringe, sagt sie: „Nein, nicht die 500er. Haben Sie keine Aspirin 100?“

Pharmama: „Das wäre dann Aspirin cardio – die sind rezeptpflichtig.“

Frau: „Sicher? Wieso denn das? Bisher habe ich die 100er immer ohne Rezept bekommen.“

Pharmama: „Das ist gut möglich, bis vor etwa einem halben Jahr gab es ‚Aspirin 100’ tatsächlich ohne Rezept. Die haben sie inzwischen aber aus dem Handel genommen.“

Frau: „Aber wieso?“

Pharmama: „Darf ich mal gegenfragen? Wofür nehmen Sie denn die Aspirin? Wohl kaum gegen Kopfschmerzen in der Dosierung, oder?“

Frau: „Nein, ich nehme sie für das Herz. Einmal täglich, das ist zur Vorbeugung.“

Pharmama: „Sehen Sie, das dachte ich mir. Sie nehmen das Aspirin also als Prohylaxe von Herzproblemen. Aspirin wird in der niedrigen Dosierung wegen der Blutverdünnenden Wirkung genommen. Damit ist aber nicht zu spassen. Zuviel Blutverdünnung und sie bekommen Blutungen – zum Teil auch an Orten, wo sie das nicht sehen, zum Beispiel im Magen. Darum gehört diese Art der Anwendung auch zum Arzt unter Kontrolle. Und darum ist das rezeptpflichtig.“

Frau: „Oh … daran habe ich noch nie gedacht. Aber … warum gab es dann das Baby-Aspirin?“

Pharmama: „Ehrlich … das ist mir auch nicht ganz klar. Vor allem, weil man Aspirin nicht an Babies – und auch nicht an Kinder und Jugendliche geben soll, da die Möglichkeit besteht, dass diese ein Reye Syndrom entwickeln. Das ist eine schwere Nebenwirkung -vor allem im Zusammenhang mit viralen Erkrankungen-, mit Bewusstseinsstörungen, Leberfunktionsstörungen, die lebensbedrohlich ist.“

Frau: „Aber das Aspirin 500 gibt es weiter ohne Rezept…“

Pharmama: „Ja. Das ist allerdings in der Dosierung gegen Schmerzen, bei Erwachsenen … und auch dann nur für ein paar Tage gedacht.“

Frau: „Dann geben sie mir so eine Packung. Und … ich gehe und lasse mir vom Arzt das Aspirin cardio verschreiben. Danke vielmals für die Info!“

Was mir einmal mehr zeigt, wie unbekannt selbst etwas so bekanntes wie Aspirin in der Öffentlichkeit eigentlich ist.

Medikamentenmuster, Ärztemuster

Das Thema kam im letzten Blogpost auf: Medikamentenmuster.

Was meine ich damit? So was wie die hier:

Die bekommen wir von den Vertretern mancher Pharmafirmen zum abgeben an die Kundschaft. Natürlich bekommen wir einiges mehr an Kosmetik und Körperpflege-mustern, aber es gibt sie wirklich: Medikamente in Muster-form. Oben abgebildet Muster von Medikamenten der Listen D und C. (Korrektur da: siehe Kommentare). Die Liste C darf nur in Apotheken abgegebene werden (entspricht damit wohl dem „apothekenpflichtig“ Aufdruck in Deutschland, Liste D darf in Apotheken und auch in Drogerien abgegeben werden. Darunter fallen zum Beispiel die homöopathischen Augentropfen ganz rechts.

Da das Medikamente sind, dürfen die auch nicht einfach „gestreut“ oder frei aufgelegt werden. Wir sind angehalten sie mit der nötigen Sorgfalt abzugeben – das bedeutet, wir müssen abklären, ob das Schmerzmittel (ganz rechts) sich auch mit anderen genommenen Medikamenten verträgt. Das ist ziemlich Aufwand. Trotzdem machen die Muster noch Sinn: so kann der Kunde ausprobieren, ob / wie das Medikament bei ihm wirkt, oder ob die Tablette gut schluckbar ist etc. Oder, wie der Nikotinkaugummi (Mitte) schmeckt. Ob die homöopathischen Tropfen was taugen.

Weil das aber wirkliche Medikamente sind. unterliegen die Pharmafirmen immer mehr Auflagen. Dazu gehört auch, dass in die Musterpackung seit neuerem eine Packungsbeilage gehört. Zum Glück offenbar noch nicht in allen 3 Landessprachen, wie in der offiziellen Packungsbeilage – dafür müssen sie aber vielleicht 3 Versionen davon machen: eine in deutsch, eine in französisch und eine für den italienisch-sprachigen Teil der Schweiz.

Man kann sich vorstellen, dass das immer teurer wird für die Firmen. Das ist auch einer der Gründe, warum es immer weniger Firmen gibt, die solche Muster machen. Ich in meiner Apotheke neige darum dazu solche Muster zu hamstern. Nicht alle, aber die Sachen, die wir an Lager haben. Allzu lange wird es das vielleicht auch bei uns nicht mehr geben – was ich schade finde.

Medikamentenmuster gibt es auch für Ärzte. Das sind dann allerdings meist grosse Packungen (Originalgrösse) – und auf denen steht dann „Ärztemuster„.

Auch davon gab es früher viel mehr. Von Leuten, die in Arztpraxen gearbeitet haben, weiss ich, dass es da durchaus Ärzte gab, die die Packungen (und bei den Ärzten nun in den Spitälern sind die Pharmafirmen sehr grosszügig gewesen mit der Menge) dann von diesen Ärztemuster-Klebern befreien liessen. Ab-föhnen hiess das, weil sich die Kleber mit etwas warmer Luft besser lösen. Diese Packungen wurden dann nicht nur gratis abgegeben -zum ausprobieren für den Kunden oder für Kunden, die finanziell schwach dastehen- sondern ungeniert weiterverkauft. Für etwas haben wir in der Schweiz ja die Selbstdispensation (wo die Ärzte selbst Medikamente verkaufen dürfen)!

Ich sollte vielleicht nicht ganz so laut schreien, denn solche „Ärztemuster“ lassen sich auch in der Apotheke bestellen … oder manche Pharmafirmen schicken einem das noch unaufgefordert zu. Allerdings nur bei Neueinführung eines Medikaments oder Generikums. Und nur je 1 kleine Packung davon. Wieso? …. Äh, zum anschauen, wie die Tabletten aussehen? *Hust* – Es käme natürlich niemand in der Apotheke auf die Idee, dort den Ärztemuster-Kleber abzuföhnen und die Packung an Lager zu nehmen – als „Sortiments-starter“ sozusagen …. Neeee, wirklich nicht.

Nette Sammlung!

Quelle: imgur.com

Das sind die Kugelschreiber, die ein Arzt in Amerika innert 10 Jahren von Vertretern der Pharmaindustrie bekommen hat. Kugelschreiber sind beliebte Mitbringsel – ganz offensichtlich.

Heute ist es so, dass die Vertreter den Ärzten eigentlich keine solchen Geschenke mehr machen dürfen (und die nichts mehr annehmen). Was sie noch geben dürfen ist Demo- und Anschauungsmaterial.

Auch bei uns sind die „guten Zeiten“ was Werbegeschenke angeht längst vorbei. Selbst die Muster zum abgeben an die Kunden werden inzwischen rarer – das hat einerseits mit den Beschaffungskosten zu tun, andererseits aber auch mit den gesetzlichen Vorlagen, die immer strenger werden. So brauchen selbst Muster hierzulande einen vollständigen Beipackzettel!

Gegengefragt

Mann in der Apotheke: „Ich weiss, sie sind NUR eine Apothekerin, aber kann ich ihnen eine Frage stellen?“

Pharmama: „Sind sie sicher, dass Sie das möchten? Schliesslich bin ich NUR eine Apothekerin?“

(Hmpf).

Und jetzt stellen wir den Stolz wieder beiseite und helfen, so gut wir können.

Oma im Hoch

Die benuruhigte Tochter ruft in die Apotheke an, weil sich Oma seltsam vehält. Bei einem Besuch finden sie Oma – sonst geistig und körperlich einigermassen fit, selbständig und allein lebend … anders vor als sonst.

Sie ist für ihre Verhältnisse sehr ruhig und geistig irgendwie … nicht ganz da. Sie läuft leicht schwankend, redet als ob sie Essen im Mund hätte …

Ob das an einem Medikament liegen könnte, das sie neu bekommen hat?

Oma auch rasch ans Telefon geholt – für ein paar Fragen mehr und auch um Nachzufragen, ob ich der Tochter die Info auch weitergeben darf – ja.

Woran liegts? Es war kein Schlaganfall ,wie ich erst befürchtet habe – es hat auch langsam angefangen. Wir gehen ihre neue Medikation durch und finden dabei, dass sie Fentanyl Pflaster neu verschrieben bekommen hat.

Sie hat ihre Fentanyl Pflaster, die man alle 4 Tage wechseln soll nicht gewechselt, sondern einfach ein neues daneben geklebt. Bei Pflaster 3 haben wir jetzt langsam aber sicher Überdosierungserscheinungen … Fentanyl ist ein starkes Schmerzmittel und Opiat … wahrscheinlich war sie sogar etwas „high“.